2016 Via Francigena Sud

Bilder       Etappen

Map of the route “2016 Via Francigena Sud”: 738.494 m, 10.768 m of climbing and 10.798 m of descent, elevation between -5 m and 946 m. It starts at 41.85197, 12.51423 and ends at 40.63037, 17.94995 (latitude, longitude).

Nachdem ich im letzten Jahr (2015) auf der Via Francigena nach Rom gelaufen bin, möchte ich den Weg in Richtung Jerusalem fortsetzen, von Rom bis Brindisi laufen und von dort aus nach Albanien weiterreisen. Soweit es möglich ist, werde ich der Via Francigena Sud folgen, die dem Verlauf der Via Appia angepasst ist. Ich habe die Route etwas verändert, um im Notfall öffentliche Verkehrsmittel nutzen zu können, da ich alle Unterkünfte vorgebucht habe. Am 30. April soll es losgehen…

Die Via Appia (Appische Straße) ist eine Römerstraße, deren Bau 312 v. Chr. unter dem Konsul Appius Claudius Caecus begonnen wurde. Ursprünglich führte die anfänglich noch ungepflasterte Via Appia nur über 195 Kilometer bis Capua und diente dem militärischen Nachschub gegen die Samniten. Um 190 v. Chr. wurde die Straße bis Brundisium (heute Brindisi) verlängert, das zum bedeutendsten Umschlagplatz für Waren und Sklaven aus dem Orient aufstieg. Die Via Appia wurde damit zu einer der wichtigsten Handelsstraßen Italiens oder gar des römischen Reiches. Die ursprüngliche Straße ist heute zum größten Teil überbaut und als „SS 7 Via Appia“ Teil des italienischen Straßennetzes.

30.04.2016
Rom

Da bin ich wieder, in der Stadt, auf die ich im letzten Jahr wochenlang zugelaufen bin. Als ich meinen Rucksack in Köln auf dem Flughafen aufgebe, fragt die Dame am Schalter, warum ich ihn bei einem Gewicht von 4,2 kg nicht als Handgepäck mitnehme. Aber ich habe ein Taschenmesser und eine Schere dabei, beides hätte man mir bestimmt weggenommen.   Der Flug  ist in Ordnung, aber der Flughafen in Rom (wegen des bevorstehenden Feiertags?)  total überfüllt. Zuerst muss ich eine Stunde auf das Gepäck warten, dann fast zwei Stunden, um einen Platz in einem Bus ins Zentrum zu bekommen. Damit haben sich meine Überlegungen, was ich an dem Nachmittag in Rom alles anstellen könne, weitgehend erledigt.

Meine Unterkunft ist in der Nähe des Bahnhofs Termini, es ist die gleiche wie im Vorjahr. Es reicht noch zu einem kleinen Bummel, ich esse eine Kleinigkeit in einem Schnellimbiss, das war’s dann für heute.
Morgen muss ich erst mal sehen, dass ich die Stadt so schnell wie möglich hinter mir lasse und meinen Weg finde.

01.05.2016
Rom – Castel Gandolfo

Die Gegend rund um den Bahnhof Termini in Rom ist beängstigend. Sie ist voll mit „Gestrandeten“ aus aller Welt, hauptsächlich Schwarzafrikanern. Parkanlagen und Hauseingänge dienen als Schlafplätze und man wird pausenlos angebettelt. Dieses Elend mitten in Europa zu sehen tut weh und macht nachdenklich. Der Abend ist kalt und es fängt an zu regnen.
Mein Zimmer hat Blick in den Hinterhof.  Ich blicke auch in die hellerleuchteten Räume der gegenüberliegenden Wohnungen. Eine der Wohnungen dient offensichtlich als Bordell, doch immer, wenn es interessant wird, werden die Vorhänge zugezogen. In der anderen Wohnung lebt ein muslimisches Paar mit Kind. Sie, auch in der Wohnung fast  vollverschleiert, kocht, kuschelt mit dem Kind und versorgt ein paar traurige Pflanzen auf dem Balkon. Er betet im Nebenraum, stehend, kniend, voll ausgestreckt, dass Ganze mehrmals hintereinander. Das ist sicherlich auch eine gute gymnastische Übung und erinnert mich an das Sonnengebet der Buddhisten. Später wird gegessen, aber ich sehe nur den Mann mit ein paar anderen Männern, Frau und Kind sind nicht zu sehen. Als ich am nächsten Morgen Pfeife rauchend am Fenster stehe, erscheint die Frau wieder und zu meinem Erstaunen winkt sie mir verschämt zu, verschwindet aber sofort wieder in ihrer Wohnung.

Die ganze Debatte, ob der Islam zu Deutschland und Europa gehört, ist lächerlich. Er ist schon längst da.

Nach einem, selbst für italienische Verhältnisse mickrigen Frühstück, mache ich mich am nächsten Morgen auf den Weg, wobei ich, um aus der Stadt herauszukommen, die ersten Kilometer mit dem Bus überbrücke.
Über hübsche Wege geht es in die Sommerfrische der Päpste, nach Castel Gandolfo. Sie haben schon gewusst, wo es schön ist, aber wahrscheinlich sind sie den Weg nie zu Fuß gegangen.
Seit letztem Jahr ist es möglich (durch Papst Franziskus) Castel Gandolfo von Rom mit dem Zug zu erreichen und den Papstpalast und die Gärten zu besichtigen. Für beides habe ich weder Zeit noch Lust.

Mein etwas außerhalb liegendes B&B ist nett, die Vermieterin spricht gut Englisch, sodass wir etwas plaudern können. Das Zimmer ist schön, mit einer kleinen Terrasse, aber die Temperatur dürfte jetzt (20:00 Uhr) bei 10°C liegen und natürlich ist die Heizung nicht an. Wir sind ganz schön verwöhnt, daheim.

02.05.2016
Castel Gandolfo – Velletri

Der Morgen ist sonnig, aber dann zieht es sich immer mehr zu. Ich steige (zwangsweise) noch einmal hinauf nach Castel Gandolfo, danach führt der Weg hinunter zum See, um den See herum und über teils langweilige und viel befahrene Straßen aufwärts nach Velletri.

 

Wer diesen Ort noch nicht gesehen hat, hat nichts versäumt. Der Weg, wie im letzten Jahr, die Via Francigena, ist erstaunlich gut ausgeschildert, aber leider in die falsche Richtung, in Richtung Rom. Das hilft mir überhaupt nicht weiter. Zum Glück habe ich den Verlauf auf meinem Smartphone aufgezeichnet.
Kurz nachdem ich meine Unterkunft erreiche, fängt es wolkenbruchartig an zu regnen, da habe ich noch mal Glück gehabt. Die Temperaturen lagen heute bei 13-14°, auf meinem Zimmer ist es kalt, draußen nieselt es und ich hoffe,  dass meine Wäsche irgendwie trocken wird. Das hört sich vielleicht alles ein wenig negativ an, aber mir geht es trotzdem gut, denn morgen soll die Sonne scheinen.

03.05.2016
Velletri – Cori

Das italienische Frühstück war heute etwas ganz besonderes: ein Croissant mit Schokolade, eine Schüssel Tiramisu, Weißbrot mit Wurst und Käse, dazu einen Fingerhut voll Espresso, na ja.


Dann geht es bei schönem Wanderwetter nach Cori. Ich weiß ja, dass die meisten italienischen Orte immer ganz oben liegen, aber mit Cori hat man es wirklich übertrieben. Schweißgebadet komme ich oben an. Der schöne Ausblick kann mich erst gar nicht versöhnen, doch allmählich erschließt sich mir der Reiz des Städtchens. Da gibt es noch einen gut erhaltenen Tempel aus dem ersten Jh. vor Christi und eine in die Berglandschaft hineingebaute verzwickte Altstadt von der man von einigen Stellen aus das in 25 km Entfernung liegende Mittelmeer sehen kann. Ich bin der einzige Tourist, der Ort scheint noch völlig vom Tourismus verschont zu sein.
Die einzige Unterkunft, die ich bekommen konnte, ist eine Ferienwohnung mit 2 Fernsehern, mit Küche und einer großen Grillecke. Ich werde weder kochen, noch grillen, noch fernsehen, denn das italienische Fernsehprogramm ist noch um Klassen schlechter als unseres und ausländische Programme sind nicht zu bekommen. Obwohl es heute richtig schön sonnig war, ist es jetzt gegen 20:00 Uhr schon wieder empfindlich kalt und in den Gemäuern meiner Wohnung noch kälter.

04.05.2016
Cori – Cisterna di Latina

Ich wache bei strahlendem Sonnenschein auf, frühstücke in einer kleinen Bar und dann geht es los.  Nach einer lausig kalten Nacht (6°C / ohne Heizung) merkt man, welche Kraft die Sonne hat, nach kurzer Zeit brauche ich weder Jacke noch Unterhemd.

Am Anfang geht es ausschließlich steil bergab und ich merke jetzt, wie mir die Muskeln an den Schienbeinen wehtun. Nach 6 Stunden erreiche ich über schöne Wege (über die Landstraße wäre es schneller gegangen) Cisterna di Latina. Die Besichtigung der Altstadt schenke ich mir, vielleicht schaue ich sie mir morgen noch an. Ich habe noch 3 1/2 km vor mir – die ich morgen wieder zurück laufen muss – da ich meine Unterkunft in Caserta gebucht habe. Bei einem Anruf werde ich mit einem nicht enden wollenden Schwall „Italienisch“ überschüttet und nur mühsam gelingt es mir, einen Treffpunkt und eine Uhrzeit auszumachen, aber es hat funktioniert. Später stellt sich heraus, dass die Dame am anderen Ende der Leitung Lehrerin für Politik und Geschichte ist, aber die einzige Fremdsprache, die sie kann, ist Altgriechisch. Damit kann man noch nicht mal in Griechenland etwas anfangen.  Mich erstaunt, dass auch von den jüngeren Leuten, kaum jemand Englisch spricht. So ergibt sich kaum Gelegenheit mal ein Schwätzchen zu halten.
Von meiner Altgriechin bekomme ich für kleines Geld ein schönes Appartement in einer großen Wohnblocksiedlung. Nebenan ist ein Supermarkt, vielleicht fange ich ja doch noch an zu kochen (Artischocken gibt es im Sonderangebot).
Sie erzählt mir,  dass gestern hier ein Ehepaar übernachtet hat, das auch bis Brindisi laufen wollen. Vielleicht treffe ich es ja noch. Morgen werde ich ein kleines oder, je nach Lust und Wetter, größeres Stück mit Bus oder Bahn überbrücken. Die Gesamtstrecke ist mir bei den zu überwindenden Höhenmetern zu viel.

…einige Zeit und Erfahrung später:
Ich bin zurück vom Supermarkt, der mich mit seiner Größe und seinem Frischeangebot beeindruckt hat.  Artischocken waren wirklich sehr preiswert, das Kilo für 0,89 Euro, nur weiß ich nicht mehr, wie man sie zubereitet.  Dann gab es da noch eine „Warmtheke“, mit gegrilltem Gemüse und Fleisch.  Das sah lecker aus, nur verkaufen wollte man es mir nicht.  Das sei altes Zeug von heute nachmittag, das könne man nicht mehr essen.  Also gehe ich mit einem Stück Brot, Wein und Käse zur Kasse und halte der Kassiererin einen 10 € – Schein hin. ‚Oh‘, meint sie verlegen, ‚ich bin erst seit 3 Wochen hier, Sie sind der erste, der bar bezahlen will, ich weiß gar nicht, wie das geht‘. Sie macht sich schlau, ich muss meinen Schein in einen Schlitz schieben und dann purzelt mir das Wechselgeld entgegen. Heute abend wird sie ihrem Freund erzählen, mit welchen vorsindflutartigen Menschen sie zu tun hatte.
Als ich mein Haus verließ, hatte ich mir gut gemerkt, auf welcher Etage ich war und wie die Lage der Tür bezogen auf denn Fahrstuhl war. Erfahrung macht schließlich klug.  Nur eins hatte ich nicht für nötig gehalten, mir zu merken: den richtigen Wohnblock. Ich irre durch zwei Wohnblocks und finde meine Wohnung nicht.  Hausnummern gibt’s nicht. Endlich, im dritten Block finde ich alles. Es wäre mir zu peinlich gewesen, meine ‚Altgriechin‘ anzurufen.

05.05.2016
Cisterna di Latina – Fossonova

Wie geplant fahre ich die ersten Kilometer mit dem Bus.

Es ist nicht einfach die richtige Busverbindung und die richtige Haltestelle zu finden, wenn man die Sprache nicht kann. Es bleiben noch etwa 25 km bei einer sehr hügeligen Landschaft.
Nach einer sehr kalten Nacht ist der Morgen klar und schön, aber dann zieht es sich zu und es fängt an zu regnen.
Ich schaue mir ausgiebig das riesige Kloster Fossonova, die Klosterkirche  und das angegliederte Museum an.

Klosterkirche Fossonova
Mein Hotel ist in das Klostergelände integriert. Geworben wurde mit dem guten Restaurant mit regionaler Küche, freiem WLAN und einer „Heizung“.
Das Restaurant ist geschlossen,  dass WLAN funktioniert nicht und die Heizkörper sind kalt. Bei dem Regen habe ich auch keine Lust in den nächsten Ort zu laufen.
Meine Wäsche ist noch genauso nass, wie ich sie vor zwei Stunden aufgehängt habe. Ich werde sie morgen trocken föhnen.

06.05.2016
Fossonova – Fondi

Wieder überbrücke ich ein Stück des Weges mit der Eisenbahn, anders wäre es nicht möglich. Die italienischen Eisenbahnen sollen pünktlich und preiswert sein. Der Weg verläuft am Rand einer Gebirgskette durch einen riesigen Naturpark, der u.a. für seine wilden Orchideen bekannt sein soll. Ich bin schon froh, wenn ich ein Maiglöckchen von einer Tulpe unterscheiden kann und laufe sicherlich an den Orchideen vorbei, ohne sie als solche zu erkennen. Aber es ist schön hier.
Fondi, mein Zielort, rühmt sich, schon bedeutend gewesen zu sein, als Rom noch nicht existierte.

Um in das wirklich interessante historische Zentrum zu gelangen, muss man aber erst durch einen Gürtel von Trabantensiedlungen und Gewerbegebieten. Die Altstadt lockt zu einer intensiven Besichtigung, aber was ist das gegen die Düfte die aus einer Restaurantküche strömen. Seit Tagen habe ich mich nur von Brot und Fastfood ernährt. Als ich wie von einem Magneten hineingezogen werde, fragt man mich, was ich hier um diese Zeit wolle. Es ist 17:00 Uhr, dass Mittagessen gerade vorbei und bis zum Abendessen sind es noch 4 Stunden. Ich muss schlucken …und, man lässt mich rein.
Nach einem guten Essen und einem Gläschen Wein schwebe ich geradezu zu meiner vorgebuchten Unterkunft. Eine italienische Oma öffnet die Tür, versteht kein Wort von dem was ich zu sagen versuche und schlägt sie mir vor der Nase gleich wieder zu. Kurz darauf wird sie dann aber noch einmal von ihrem Mann (?)/Sohn (??) aufgemacht, der mich in mein Reich führt. Das Zimmer ist zwar sehr groß, aber vollgestopft mit Gegenständen einer generationsübergreifenden Sammlerleidenschaft. Ich zähle 14 Telefone, 48 Spiegel, dazu Deckchen, Figuren aller Art, ausgestopfte Tiere, wahrscheinlich wird mir noch ein Schrumpfkopf begegnen.  Aber der Mann(?)/Sohn (??) ist nett.  Wir trinken im genauso vollgestopften Garten ein Bier  zusammen, eine weitergehende Verständigung ist leider nicht möglich.

07.05.2016
Fondi – Formia

Heute morgen beim Frühstück entdecken mein Vermieter und ich, dass wir uns auf spanisch ganz gut unterhalten können.

Er erzählt mir, dass er fast sein ganzes Berufsleben zur See gefahren ist, dass das aber zum Schluss keinen Spaß mehr gemacht hat,   da die Liegezeiten der Schiffe immer kürzer werden und man keine Chance mehr hat, etwas von der Welt zu sehen.
Ich entscheide mich, die Strecke bis Formia zu laufen, aber über die viel befahrene „Via Appia“ abzukürzen. Das hat eigentlich nur Nachteile. Das Laufen auf der Via Appia macht keinen Spaß und ich bin viel zu früh am Zielort. Formia liegt zwar am Meer, ist aber eine langweilige, nichtssagende Stadt. Im Hotel rät man mir, mich in den Bus zu setzen, um mir das 12 km entfernte Gaeta anzuschauen. Ich folge dem Rat und Gaeta ist richtig schön, wie aus dem Bilderbuch, mit einer großen Festung, einer in den Hang hineingebauten Altstadt, Kirchen,  Kneipen, es ist alles da, was meinen Vorstellungen einer italienischen Stadt am Meer gerecht wird.

Zurück in Formia fange ich an nach Restaurants zu suchen (bitte keine Pizza!!!!!!), aber richtige Restaurants öffnen auch hier nicht vor 20:30 Uhr.  So lange kann und will ich nicht warten.  Also gibt es wieder nur Brot, Käse und Wein aus dem Supermarkt.  Bella Italia!

08.05.2016
Formia – Baia Domizia

Ich habe die Via Francegina verlassen, da ich noch ein wenig am Meer bleiben will.
Zwischen dem Meer und den Bergen befindet sich eine bis zu 10 km breite Ebene, auf der es sich herrlich laufen lässt, endlich mal keine Berge!
Baia Domizia ist ein reiner Strandort und hat sonst nichts  zu bieten. Ich bin für ein paar Euros in einem 4*-Hotel untergebracht.

Außerhalb der Saison kann man hier schon ein Schnäppchen machen und ich muss ja nicht im Hotel essen. Das Hotel bietet eine schöne Park- und Poollandschaft, der dahinter liegende Strand ist dreckig und ungepflegt. Ich glaube nicht, dass mehr als 5 Zimmer belegt sind.
Am Nachmittag gehe ich in den Ort und treffe auf ein (mit Einheimischen) gut besuchtes Restaurant, in das es mich hinein zieht. Endlich mal keine Pizza!!!

Morgen werde ich mit dem Zug nach Neapel fahren.  Die Stadt liegt zwar auch nicht auf der Via Francegina, aber wenn ich schon mal hier bin, kann ich mir das nicht entgehen lassen.

09.05.2016
Baia Domizia – Neapel

Ich laufe bis zum 10 km entfernten Bahnhof von Sessa Aurunca, steige in den Zug nach Napoli Campi Flegrei.  Von dort soll es, so hatte ich vorher herausgefunden, mit der Metro 2 weitergehen.  Das Metro-Schild ist zu sehen, aber die Metro finde ich nicht, bis man mir erklärt, dass die „Metro“ ein Vorort-Zug von Neapel ist, der dann auch noch auf einem anderen Gleis startet als angegeben.  Wer die Lautsprecher-Durchsagen verstehen kann, hat gewisse Vorteile.
Mit Hilfe von Google-Maps finde ich mein Quartier. Das B&B wird von zwei Männern geführt.  Den einen, Max, lerne ich kennen. Er ist sehr freundlich und …stockschwul. Mir ist das ziemlich egal, trotzdem sträuben sich bei mir alle Nackenhaare. Ist es mir doch nicht egal?
Max empfiehlt mir, was ich am ersten Nachmittag unternehmen könne und ich folge seinem Rat.

Es geht an der Strandpromenade entlang, vorbei an einem uralten Fort, dann durch eine kilometerlange Einkaufsstraße, die, ich muss es zugeben, wirklich schön ist und Spaß macht.  Gekauft habe ich trotzdem nichts.  Aber ich bin total begeistert von der Atmosphäre und dem Flair der Stadt. So schön hatte ich sie mir nicht vorgestellt.
Ich war auch vorgewarnt, dass die Kellner mit größter Unverfrorenheit versuchen, die Touristen zu betrügen. So werden aus dem 12€ teuren Nudelgericht mal eben 22€ (oh, diese böse Technik), dann vergisst er, mir das Wechselgeld zurück zu geben. Er grinst breit, man kann es ja mal versuchen.
Oh Mia bella Napoli, der Vesuv ist zu sehen und 5 Kreuzfahrtschiffe liegen im Hafen, eins größer als das andere. Ich freue mich, dass ich noch einen Zusatztag für Neapel eingeplant habe und bin mir sicher, dass ich übermorgen froh sein werde, die Stadt verlassen zu können.

10.05.2016
Neapel

Die Stadt ist laut, chaotisch, hektisch und unglaublich schön und interessant (wenn man nicht hier wohnen muss).

Es gibt kilometerlange, wirklich interessante Einkaufsstraßen, darunter ist eine, in der man nur Weihnachtskrippen und geschnitzte Figuren kaufen kann.

Daneben natürlich viel Kultur, hunderte von Kirchen und Museen und tausende  Restaurants und Bars. Daneben erscheinen deutsche Großstädte wie Dörfer.

Bisher wusste ich eigentlich sehr wenig von Neapel, dass da der Vesuv herumsteht, dass die Kriminalität hoch ist… und heute habe ich es zu meiner europäischen Lieblingsstadt ernannt. Vielleicht liegt es daran, dass in der Stadt noch gewohnt und gelebt wird.
Es gäbe noch so viel zu sehen hier, jetzt bedaure ich meinen festgelegten Zeitplan. Vielleicht ein Grund wieder zu kommen?

11.05.2016
Neapel – Santa Maria Capua Vetere

Ein klein wenig muss ich meine Euphorie von gestern über die Schönheit Neapels doch dämpfen.

Die Vororte mit seinen heruntergekommenen Hochhaussiedlungen sind erschreckend. Überhaupt habe ich den Eindruck, dass der Durchschnitt der Bevölkerung wesentlich ärmer ist als bei uns. Irgendwie scheint die auch bei uns schrumpfende Mittelschicht hier einen noch kleineren Anteil zu haben. Ich habe versucht, darüber etwas herauszubekommen, aber es ist mir nicht gelungen.
Als ich heute morgen aufwache, sagt mir mein Smartphone, dass heute den ganzen Tag die Sonne scheint, doch als ich aus dem Fenster schaue, regnet es.
Ich fahre mit dem Bus zur Eisenbahnstation „Centrale“. Zu Fuß wäre ich bei dem Verkehr 3×schneller gewesen.  Mit der Eisenbahn will ich ein Stück aus der Megacity herauskommen, was ich dann noch zu Fuß erlaufe, macht auch nicht viel Spaß,   die Stadt scheint nie aufzuhören.
Santa Maria Capua Vetere wirkt auf den ersten Blick nur schrecklich, aber es hat nach dem Colosseum in Rom das zweitgrößte Amphitheater  Italiens.
Es ist verrückt, nur der oder das erste zählt, in diesem Amphitheater bin ich der einzige Gast. So geht es mir auch noch in den angeschlossenen Museen.

Italienisches Frühstück

12.05.2016

S. Maria Capua Vetere – Caserta

Die Tour ist kurz, aber es nieselt den ganzen Weg.  Es geht immer an der historischen Via Appia entlang, aber die  ist heute für Wanderer überhaupt nicht mehr lustig.

Als ich in Caserta ankomme, kommt doch noch die Sonne heraus. Ich besichtigte das ehemalige Königsschloss, dass mit seinen 1203 Zimmern etwas kleiner ist als  Versailles, dafür ist der Garten mit einer Längsachse von 3 km etwa größer.

Es hat schon immer und überall größenwahnsinnige Potentaten gegeben.
Irgendwann kommt der kleine Hunger, mich lockt ein Schild „Pizza & Fish“. Das   Fischangebot reizt mich, aber die Preise werden nicht angezeigt. Was das denn koste, frage ich.
‚Oh, ganz günstig, keine Sorge‘.
‚Wieviel? ‚ will ich wissen.
‚Oh, kann man nicht sagen, dicke Fische kosten mehr als dünne Fische‘
‚Was kostet ein mitteldicker Fisch?‘
‚Mitteldicke Fische habe ich nicht‘
‚Was kostet ein dicker Fisch?‘
‚Oh, kann man nicht sagen, kommt darauf an, welcher Fisch, ob gebraten, gedünstet, frittiert…‘
‚… also gut, ich bin bereit für einen leckeren, mitteldicken Fisch, einschließlich Wein maximal 15 € auszugeben, geht das? ‚
‚Oh, kann man nicht sagen ……das geht‘

Ich lasse mich darauf ein, esse irgendeinen Fisch, dessen Namen ich mir nicht merken konnte (mittelgroß, lecker), trinke 1/2 L Wein und einen Kaffee und bekomme eine Rechnung von 12€.
Um 17:00 stehe ich vor dem Haus, in dem mein B&B sein soll, Via G.Galilei 12, zwanzig Klingelschilder, mein B&B ist nicht dabei. Ich versuche anzurufen, die Stimme eines (italienischen) Anrufbeantworters erzählt mir etwas, was ich nicht verstehe. Dann kommt eine SMS, ich solle eine SMS zurückschreiben und sagen wer ich wäre. Ich tue das brav, dann kommt die Antwort-SMS, sie würde gleich die Tür aufdrücken, Gang links, zweite Etage rechts.
Oben angekommen, strahlt mich eine mollige Angela an (Engel habe ich mir immer anders vorgestellt). ‚Man müsse halt ein bisschen aufpassen‘ meint sie.
Mich interessiert das alles herzlich wenig, da ich dringend mal zur  Toilette muss.  Aber vorher muss ich mir noch ihre halbe Lebensgeschichte anhören, von ihrem ersten Mann, einem Sizilianer, aber nach 2 Jahren war Schluss. Von ihrem zweiten Mann, einem Franzosen..

„…ich muss mal…“

…von ihrem dritten Mann, ich hab’s vergessen, warum er es solange mit ihr ausgehalten hat.

13.05.2016 Caserta – Telese

Da die Strecke heute über 40 km wäre, fahre ich ein paar Kilometer mit der Eisenbahn.  Die
Berge links und rechts sind bedrohlich hoch und steil, aber der Weg bleibt meistens im Tal.
Telese ist ein uralter Ort, wurde aber mehrmals durch Kriege, Erdbeben und Vulkanausbrüche zerstört.  Da irgendwelche heiße Quellen aus dem Boden blubbern wurde es zur Therme erklärt.  Die Thermallandschaft ist mickrig, richtig schön ist ein durch die Vulkanausbrüche entstandener Kratersee.

Im Hotel möchte ich noch zu abend essen.  Als ich um 20:00 dort erscheine, schickt man mich wieder weg. So früh, würde man hier nie essen.  Ich versuche es noch einmal um 21:00 Uhr und als ich gegen 22:00 Uhr gehe, kommen die meisten Gäste gerade erst an.
Für die nächsten Tage ist viel Regen angesagt.

14.05.2016
Telese – Benevento

Für heute ist viel Regen angesagt (leider für die nächsten Tage auch). Da es sich um richtig dicke Gewittergüsse handelt, erscheint Laufen nicht sehr sinnvoll und da ich vorgebucht habe, kann ich das Wetter auch nicht aussitzen. Also kommt Plan B zum Einsatz, die italienische Eisenbahn.
Am Bahnhof in Celese treffe ich tatsächlich eine Gruppe von 5 italienischen Pilgern, die das gleiche Ziel haben wie ich.  Leider kann nicht einer auch nur ein wenig Englisch, so bleibt unsere Konversation sehr eingeschränkt.  Auch sie haben sich für den Zug entschieden.

Benevento ist ein mittelgroßes Städtchen mit 67000 EW. Nach der Übergabe Italiens an die Alliierten im Waffenstillstand von Cassibile am 8. September 1943 wurde Benevent von der deutschen Wehrmacht besetzt gehalten, um den Ponte Vanvitelli im Stadtzentrum und die Eisenbahnbrücke über den Fluss Calore Irpino zu kontrollieren und den Vormarsch alliierter Truppen hier aufzuhalten. Um die deutsche Besatzung zu vertreiben, wurde die Umgebung der Brücke am 11., 12. und vor allem 15. September bombardiert und dabei das mittelalterliche Stadtzentrum völlig zerstört. Die Zahl der getöteten Zivilisten wird mit 2000 angegeben. Am 2. Oktober 1943 verließen die deutschen Truppen die Stadt.

So erscheint die gesamte Stadt recht neu.  Erwähnenswert ist der Trajansbogen, erbaut 114 n. Chr. Er gilt als eines der schönsten Baudenkmäler Süditaliens.


Da die Stadt nicht viel zu bieten hat und es draußen gewittert und regnet, weiß ich so recht nicht, was ich anfangen kann. Wahrscheinlich werde ich mir ein Buch herunterladen und einen Lesenachmittag verbringen.

4 Stunden später:
Ich habe mir ein Buch herunter geladen und gelesen, aber es war eine so schmalzige Liebesgeschichte, dass sie mich auch nicht aufgeheitert hat.  Es regnet immer noch in Strömen.

20:30 Uhr
Ich habe Hunger, denn seit dem mickrigen Croissant zum Frühstück habe ich noch nichts gegessen. Der Regen hat etwas nachgelassen, sodass ich mich doch noch entschließe, mir etwas Essbares zu suchen.
Zum Glück findet sich hier ein Restaurant neben dem anderen. Die Wahl, die ich treffe, hätte besser ausfallen können, aber zumindest muss ich nicht hungrig ins Bett steigen. Es regnet…

15.05.2016
Benevento – Ariano Irpino

Der Tag beginnt mit Regen. Es hat keinen Zweck zu laufen, die italienische Eisenbahn ist dran. Der Bahnhof von Ariano Irpino liegt irgendwo in der Einsamkeit, ich stelle fest, dass der Ort etwa 6 km entfernt, 400m höher, ganz oben auf dem Berg liegt und von da aus sind es noch einmal 2 km bis zu meiner Unterkunft. Also komme ich doch noch ein wenig zum Laufen. Die Unterkunft hat eine traumhafte Lage,

wenn es nur nicht so nass und vor allem so kalt wäre. Wir befinden uns auf ca. 1000 Höhe und die Temperatur liegt nachmittags bei 6°C und natürlich sind die Räume nicht geheizt.
Ich liege eingekuschelt im Bett und höre (Internet-)Radio, denn dass italienische Fernsehen besteht nur aus Spielshows mit 80% Werbung.

Ich versuche schon seit Tagen, mir einen Pullover zu kaufen, schließlich komme ich an unglaublich vielen Geschäften mit Herren- und Sportkleidung vorbei. Da müsste doch etwas zu finden sein.  Die erste Frage, die mir immer gestellt wird: „Welche Marke soll es denn sein? Boss, Lagerfeld, Stellson…?“
Wenn ich dann sage, dass mir das ziemlich egal ist, dass ich einen Pullover möchte, der leicht ist, warm hält und vor allem nach dem Waschen schnell trocknet, werde ich immer angesehen, als käme ich von einem anderen Stern. Bisher habe ich noch nichts gefunden.

16.05.2016
Ariano Irpino – Foggia

Eigentlich wollte ich ein Stück mit dem Zug fahren.  Der Bahnhof ist aber unbesetzt und einen Fahrkartenautomaten gibt es auch nicht.
Es hängt ein Schild da, wo man Karten kaufen kann. Ich google die Adresse, sie ist 8,4 km weit entfernt. Da für den Zug Reservierungspflicht besteht, traue ich mich auch nicht, ohne Fahrkarte einzusteigen.  Bleibt der Bus. Ich hasse es, in (Süd)-Italien Bus zu fahren. Es gibt unterschiedliche, konkurrierende Gesellschaften, die Fahrpläne sind weder im Internet noch an den Haltestellen zu finden. Die Busse haben keine Schilder, wo sie hinfahren und wo die vorab zu kaufenden Tickets verkauft werden, weiß auch kaum jemand. Dazu kommt noch, dass man die Haltestellen nicht findet.  Ich habe doch in anderen Regionen nicht diese Probleme.

Es hat geklappt (nach einer Stunde Suche), aber ich war mir bis zur Ankunft nicht sicher, ob ich wirklich im richtigen Bus sitze. Ich überwinde zumindest die schlimmsten Hügel und lasse die dicken Regenwolken hinter mir.  Die letzten 15 km laufe ich bei Sonnenschein nach Foggia, auf den ersten Eindruck eine ziemlich moderne und auch wohlhabende Stadt.

17.05.2016
Foggia – Orta Nova

Der Vermieter meines wunderschönen Appartements in Foggia hatte mich stolz auf die kleine Terrasse hingewiesen, die ich gerne nutzen könne, wenn ich rauchen wollte.
Also öffne ich irgendwann die Tür, will hinaus  treten und übersehe, dass sich zwischen mir und dem Rauchgenuss noch eine Mückenschutztür befindet, die zwar dem Aufprall einer Mücke standhält, aber gegen mich war sie machtlos, verbogen und aus den Angeln gehoben.
Als ich dem Vermieter mein Missgeschick mitteile und ihm versichere, für den Schaden aufzukommen, lehnt er dies ab und meint, ich sei schon der Dritte, dem das innerhalb eines Monats passiert ist, da müsse er wohl etwas am Konzept ändern.
Foggia ist so ganz anders als die italienischen Städte, die ich bisher kennengelernt habe. Die Straßen sind breit, die Grünanlagen riesig, alles ist sehr gepflegt, es sieht aus, als wäre die ganze Stadt am Reißbrett entstanden (Gibt’s heute eigentlich noch Reißbretter? ). Aber sie ist auch gesichtslos, es bleibt nicht viel in der Erinnerung hängen.
Von Foggia wandere ich nach Orta Nova, die Gegend ist ganz flach, Landwirtschaft (u.a. Artischockenfelder), Industrie, Gewerbegebiete und Schnellstraßen sind zu bestaunen.  Also keine besonders aufregende Gegend, aber ich genieße es, endlich mal wieder in der Ebene zu wandern.
Meine Euphorie wird durch einsetzenden Regen gedämpft, sodass ich mich, als der Regen zu stark wird, in ein Restaurant rette. Es ist inzwischen 14:30 Uhr, d.h. für Süditalien beginnende Mittagszeit.
Als ich ziemlich ratlos vor der Speisekarte sitze, macht Edoardo, der Besitzer, mir den  Vorschlag, er würde etwas für mich kochen lassen, ich solle mich einfach darauf einlassen.  Edoardos Umfang lässt darauf schließen, dass er nichts mehr liebt als gutes Essen. Die gemischte Vorspeisenplatte kommt, jedes Detail wird genau beschrieben, den „Mozzarella di Buffalo“ würde seine Oma machen. Danach gibt es Pasta mit Mangold. Ich bezahle nicht viel mehr, als wenn ich woanders eine Pizza gegessen hätte.
Da es nach dem Essen noch immer stark regnet, lässt Edoardo seine anderen Gäste mal für 10 Minuten alleine und fährt mich zu meinem vorgebuchten Hotel. Als ich es ihm vergüten möchte, lehnt er empört ab und macht den Vorschlag, er könne mich ja heute abend noch mal zum Essen abholen. Das wäre nun wirklich zu viel des Guten.  Schade, dass wir es nicht auf morgen verschieben können.

Übrigens gibt es hier in der Gegend etwas, was ich noch unbedingt probieren muss:

Schafe und Ziegen aus der Umgebung liefern die Grundlage für eine ortesische Spezialität, die Turcinelli (Würste aus Innereien von Lamm und Zicklein, lokale Bezeichnung:turcinilli).

Mein Hotel in Orta Nova

…das Hotel liegt mitten im Grünen in reizvoller Umgebung.
…morgens wird ihnen ein kontinentales Frühstück serviert.


Das Frühstück (an der Theke) besteht aus einer Tasse Kaffee und einem Croissant.

18.05.2016
Orta Nova – Cerignola

Das ist heute mal ein richtig schöner Wandertag. Die Gegend ist flach, auf kleinen Landstraßen gehe ich Richtung Cerignola. Felder mit Weinreben wechseln sich mit Olivenbäumen ab, dann kommen ein paar Getreidefelder und Nektarinenplantagen. Die Nektarinen sehen zwar schon gut aus, sind aber noch steinhart.

Gegen 14:00 Uhr komme ich in Cerignola an. Um diese Zeit sind alle Geschäfte (und die Kathedrale) zu und es ist kein Mensch auf der Straße.
Nach dem Durchqueren der Stadt liegt mein Hotel an einer Ausfallstraße an einem Autobahn-/Schnellstraßen Kreuz. Entsprechend ist der Lärm von allen Seiten. Da werde ich wohl bei geschlossenem Fenster schlafen müssen.
Was mache ich sonst noch an diesem Nachmittag? Noch einmal in die Stadt laufen? Das wären zu den 28 km, die ich schon hinter mir habe, noch einmal 6 km. Dazu bin ich zu faul.
Also erst mal duschen, Wäsche waschen…
Übrigens hat es heute noch nicht geregnet.  Morgens war strahlend blauer Himmel, dann kamen ein paar Schäfchenwolken, inzwischen sind aus den Schäfchen ziemlich dicke, dunkle Schafe geworden.
Das Hotel ist auf Lkw-Fahrer eingerichtet.  Inzwischen stehen 100-150 dieser Riesen-Trucks auf dem Gelände herum und die Fahrer können hier zu Abend essen.  Das Essen ist zwar gut und preiswert, aber die Atmosphäre fürchterlich. Alle sitzen an Einzeltischen, wie in der Schule, in Reihen hintereinander, damit sie beim Essen auf den riesigen Bildschirm glotzen können.  Schlafen werden sie wohl alle in ihren Lkws. Versuche, ein Gespräch zu führen, scheitern an den Sprachkenntnissen.

19.05.2016
Cerignola – Trinitapoli

Die Luft ist  kühl, aber wenn die Sonne durchkommt, dann brennt sie erbarmungslos.

Ich wandere auf kleinen Wegen und entlang der Landstraße nach Trinitapoli (ist das nicht ein schöner Name für eine weitgehend nichtssagende Stadt?). Links und rechts Wein, Oliven, Mandeln und vor allem Nektarinen.

Die Nektarinen sind reif, prallrot und müssen gepflückt werden.  Ich weiß nicht, wie man das schaffen kann.  Kilometer um Kilometer sehe ich Plantagen mit reifen Nektarinen.  Wie lange hat man Zeit, um sie zu pflücken, zu verladen, zu versenden? Die Landwirte haben es sicher nicht einfach.
Trinitapoli hat außer seinem Dom nicht viel zu bieten.  Meine Unterkunft ist richtig schön und ich habe zum ersten Mal bei „booking.com“ die Note 10,0 vergeben. Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich denn Dom.

Ein Restaurant zu finden war dann schon etwas schwieriger, letztlich  war’s wieder eine Pizzeria, aber die Pizza war richtig gut.

20.05.2016
Trinitapoli – Barletta

Der Himmel ist blau, aber es sind starke Gewitter vorausgesagt.

Was soll ich machen? Anstelle eines Frühstücks habe ich einen Frühstücksgutschein in einem nahen Café bekommen. Für den Gutschein gibt’s das italienische Standardfrühstück, einen  Espresso und ein Croissant. Ich vertrödele etwas die Zeit, um die Entwicklung des Wetters zu beobachten. Es zieht sich allmählich zu und ich entschließe mich, mit dem Zug zu fahren.  Es stellt sich heraus, dass dies die richtige Entscheidung war, denn wenig später schüttet es wie aus Gießkannen.
In Barletta angekommen, verbringe ich erst mal eine Stunde im Bahnhof, bis der Regen etwas nachlässt.
Auf dem Weg zu meinem B&B werde ich von einem jungen Paar angesprochen, ob ich Tourist sei. Sie würden „Tourismus“ studieren, jetzt sei gerade die Phase „Stadtführungen“ dran, ob sie mir die Stadt zeigen dürften.
Ist es nicht schlimm, dass sofort alle Alarmglocken anschlagen, dass man sofort überlegt, wie und womit man reingelegt werden soll?
Sie spüren meine Zweifel, versichern mir, dass alles reell sei und sie weder Geld noch Trinkgeld nehmen dürfen.
Ich mache mit unter der Bedingung, dass ich aber zuerst das Meer sehen möchte, dem ich tagelang entgegengelaufen und gefahren bin. Mein erster Eindruck von der Adria ist allerdings mehr als enttäuschend. Nix mit blauem Himmel und Palmen:

Öffentlicher Strand

Wir machen einen Bummel durch die Altstadt. Sie zeigen mir Kirchen (die fast  alle geschlossen sind), Paläste und Festungen und geben sich wirklich viel Mühe.

Leider wird das Ganze immer von Regengüssen unterbrochen.
Sie nehmen wirklich kein Geld, lassen sich aber zumindest auf einen Kaffee einladen. Ein nettes Paar, offensichtlich frisch verliebt, wir haben noch eine nette Unterhaltung.

‚Ich möchte noch mal 20 sein…‘, nein, lieber nicht!

Um 15:00 Uhr empfiehlt mir mein Smartphone ein Fischrestaurant ganz in der Nähe. Ich gehe hin, aber als ich die Preise sehe, lasse ich es lieber.  Drei Türen weiter gibt es noch ein kleines, aber wesentlich preiswerteres Fischrestaurant.
Mein B&B liegt mitten in der Altstadt, es ist nett und sicherlich werde ich auch morgen zum Frühstück wieder einen Espresso und einen Croissant bekommen.

21.05.2016
Barletta – Giovinazzo

Ein Blick aus dem Fenster: es regnet.  Ein Blick auf die Wettervorhersage: es ist den ganzen Tag sonnig mit ein paar Wolken.

Um 08:00 Uhr gehe ich wie vereinbart in den Frühstücksraum, es ist niemand da. Noch ein Versuch um 08:15 Uhr: gähnende Leere. Als mein Rucksack gepackt ist (08:30 Uhr) klopft es, dass Frühstück sei fertig: ein Espresso, ein Croissant und ein Joghurt.
Dann bockt mein Smartphone und meint, ich soll die SIM-KARTE einlegen.  Ich schalte es ganz aus und fahre es wieder hoch, daraufhin will es eine Geheimzahl. In meinem Notizbuch stehen etliche Geheimzahlen und Zugangscodes, nur habe ich nicht dahinter geschrieben, welcher Code für was ist, sonst wären sie ja nicht mehr geheim.  Der erste Versuch (von 3) misslingt, ich bekomme heiße Ohren.  Beil zweiten Versuch klappt es, aber mir wird wieder mal bewusst, wie abhängig man sich von der Technik macht.  Ich hätte noch nicht mal gewusst in welchen Ort ich laufen muss und wie meine Unterkunft heißt.
Als ich losziehe, hat es tatsächlich aufgehört zu regnen. Der Weg führt jetzt eigentlich nur noch an der Küste entlang gen Süden. Ein bisschen romantischer hatte ich mir das schon vorgestellt.
Zwischen Barletta und dem nächsten Ort, Trani, gibt es viel Industrieansiedlungen, vor allem marmor- und granitverarbeitende Betriebe. Die Straßenränder sind übersät mit Müll, Plastik- und Glasflaschen, es ist noch schlimmer als bei uns.
Trani ist richtig nett, auf einmal tauchen auch Touristen auf und schon ist der Cappuccino doppelt so teuer wie bisher (2€ statt 1€).
Der Weg führt weiter nach Bisceglie, auch hier scheint es nett zu sein, aber ich nehme mir nicht die Zeit, mir den Ort genauer anzusehen.  25 km liegen hinter mir, den Rest bis Giovinazzo fahre ich mit der Bahn.
Meiner Unterkunft, direkt am Hafen gelegen, ist ein Restaurant angegliedert. Es ist 15:00 Uhr, für diese Gegend die richtige Zeit zum Mittagessen. Ich unterhalte mich beim Essen nett mit einem Ehepaar aus Hamburg, das hier für ein paar Tage Urlaub macht.  Bari hat den beiden gar nicht gefallen. Das ist die Stadt, die ich morgen ansteuere.

Das Essen ist lecker, es gibt rohen roten Thunfisch auf einem Gemüsebett, dazu einen Kartoffel/Apfel-Salat mit Walnüssen. Ich glaube, heute brauche ich nichts mehr essen.

Als ich mir die Landkarte ansehe, stelle ich fest, dass ich etwa auf gleicher Höhe bin wie Tirana in Albanien aber auch wie Idomeni in Griechenland, wo 1000e Flüchtlinge ausharren und auf Europa hoffen.

Wer gibt uns nur das Recht, die Grenzen dicht zu machen?

22.05.2016
Giovinazzo – Bari

Allmählich gefällt mir das System, nicht in der Unterkunft zu frühstücken, sondern ein Wertmärkchen in die Hand gedrückt zu bekommen, um damit in einem nahen Café oder einer Bar zu frühstücken. Da sitzt man, wie heute, schön in der Sonne und der Tag kann richtig gut starten.
Die Route geht anfangs überwiegend am Meer entlang.  Es ist Sonntag, da sind viele Spaziergänger, Jogger, Radler,  kleine Kinder und Hunde unterwegs.

Später hört es dann auf mit der Schönheit des Weges, zweimal endet er im Nichts, sodass ich wieder zurück laufen muss, dann geht es durch Industriebrachen, Baustellen und endlose, hässliche Vorstädte von Bari.
Nach knapp 6,5 Stunden erreiche ich mein Hotel (es müssen bis dahin schon über 30 km gewesen sein), setze meinen Rucksack ab und wandere noch in die Altstadt von Bari.
Die ist schön, aber ich bin nicht mehr aufnahmefähig.

Jetzt muss ich gleich noch mal los, da ich ausser dem morgendlichen Croissant  noch nichts im Bauch habe. Hoffentlich gibt’s etwas in der Nähe. Leider  heißt das, dass ich noch bis 20:00 Uhr warten muss.

23.05.2016
Bari – Mola di Bari

Mein Verhältnis zu Bari ist getrübt, auf der einen Seite hat es eine sehr schöne historische Altstadt, die natürlich dicht am Meer liegt, auf der anderen Seite ist die ganze Umgebung, in der der Großteil der mehr als 300.000 Einwohner wohnt, nur hässlich.  Entweder gibt es Hochhaussiedlungen oder nicht endend wollende, immer gleich aussehende Straßenzüge.

Allerdings ist Leben in diesen Straßenzügen, es gibt Cafés, Restaurants, Haute Couture, Kunst, Kitsch und Antiquitäten, Antiquariate, sowie hunderte „Tante Emma – Läden“.
Da es wenig Grünanlagen und viele Hunde gibt, die ihre Ausscheidungen irgendwo lassen müssen, ähnelt das Flanieren mehr einem Hindernislauf, es ist eklig!

Der Weg nach Mola di Bali führt meistens am Meer entlang, zum großen Teil ist die Strecke schön. Es zeigt sich keine Wolke am Himmel, d.h. es ist heiß.

Kurz vor Mola di Bari entdecke ich ein Restaurant, das mir sympathisch erscheint. Bevor ich meine Bestellung losgeworden bin, habe ich schon eine Schale mit Brot und einen Teller Bruschetta vor  mir stehen. Ich denke: ’noch ein Glas Wein dabei, dass würde mir eigentlich reichen‘, aber ich bestelle das Menü, da es mir am günstigsten erscheint.
Zuerst kommt eine Platte mit Muscheln (ich habe schon jahrelang keine größere Mengen an Muscheln gegessen, da ich das viele Eiweiß nicht vertrage und bezeichnenderweise heißen sie auch noch auf italienisch ‚cozze‘), dann kommt ein Teller mit Carpaccio und schließlich ein dritter Teller mit „Seefood“. Mein Tisch quillt über, das alles kann man nicht essen und ich wundere mich, dass man mir alle Gänge auf einmal bringt.
Aber, so macht man mir klar, dass sei noch lange nicht alles, dass seien erst die Antipasti (Vorspeisen).
Als ersten Gang bekomme ich einen Teller mit Pasta und Garnelen. Ich schaffe nur die Hälfte und werde nie erfahren, was der zweite Gang und die Nachspeise gewesen wäre. Mit Wasser, Wein und Café bezahle ich 16€.
Eine weitere Überraschung ist mein B&B  in Mola di Bari.

Es ist eine uralte Wohnung aus dem 17. Jh., unter meinem Bett ist, wie in manchen Museen, eine Glasplatte, durch die man die Ausgrabungen aus noch älterer Zeit sehen kann. Im Vorraum befindet sich ein Brunnen. Das Ganze ist sehr liebevoll eingerichtet (Hausgeist inbegriffen), für eine Nacht ein Erlebnis, aber länger möchte ich hier nicht wohnen,  dafür ist es zu dunkel. Sicher gibt es noch Geheimgänge zu der neben dem Haus liegenden Kathedrale.

Maria Rosaria ist gestorben

Drei Haustüren weiter hat Maria Rosaria gewohnt. Sie ist am 21.Mai im Alter von 72 Jahren gestorben. Ihre Tür steht weit offen. Ich beobachte zwei Männer mit Mundschutz und weißen Schutzanzügen, wie sie die Wohnung entrümpeln. Sie schauen nicht nach, was sich in den Schubladen befindet, sondern werfen alles ungeprüft auf die Ladefläche eines Kleinlasters.
Eine offensichtlich verwirrte alte Frau im rosa Bademantel und Pantoffeln pendelt irritiert zwischen Marias Haustür und der auf der gegenüberliegenden Hausecke angebrachten Todesanzeige   und ruft etwas.  Passanten übersetzen es mir. ‚Sie wollte Maria doch morgen zur Schule abholen‘.
Ein junges Paar kommt mit dem Moped angefahren. Die Helme unter dem Arm taxieren beide die freiwerdende Wohnung…

24.05.2016
Mola di Bari – Monopoli

Es fällt mir schwer, mich aus dem schönen Haus in Mola di Bari zu verabschieden, zumal ich morgens ein für hiesige Verhältnisse opulentes Frühstück bekommen habe, zum ersten mal war auch Obst dabei (ein Apfel und eine Banane).
Die Wanderung ist überwiegend schön, verlaufen kann man sich sehr wenig, man muss nur darauf achten, dass das Meer links von einem bleibt.

Zu beobachten sind kegelförmige Steinhütten, zu denen ich folgende Erklärung finde:

Trullo (italienisch), Mehrzahl Trulli, ist eine Bezeichnung für die vor allem in Apulien vorkommenden Rundhäuser, deren Steindächer sich nach oben hin in einem Kraggewölbe (sogenanntes „falsches Gewölbe“) verjüngen und mit einem symbolischen Schlussstein, dem Zippus, oft aber auch mit einer Kugel oder einem anderen Symbol, abgeschlossen werden.

Trulli sind Kraggewölbebauten aus Trockenmauerwerk und werden ohne Mörtel errichtet. Die schuppenartigen dunklen Bruchsteindächer geben dem weiß getünchten Trullo, der ursprünglich in den Feldern und nicht im Ort stand, sein charakteristisches Aussehen.

Durch ihre Bauweise aus massivem Naturstein mit sehr dicken Wänden und winzigen Fenstern bieten die Trulli einen guten Schutz gegen die anhaltende Sommerhitze in Apulien, weil sich das Innere nur langsam aufheizt. Im Winter hingegen speichert ein Trullo für lange Zeit die Wärme, die durch einen offenen Kamin erzeugt wird.

Im 17. Jahrhundert begann man diese Häuser im Auftrag des Grafen Giangirolamo II. Acquaviva d’Aragona zu bauen. Da dieser keine Steuern an die Regierung zahlen wollte, forderte er von den Bauern, ihre Häuser ohne Zement und Mörtel zu bauen, sondern nur aus Stein. So konnten sie im Falle einer königlichen Inspektion die Steinhäuser ganz einfach als Steinhaufen deklariert werden.

Nach etwa drei Stunden erreiche ich Polignano a Mare,  das muss eine sehr schöne Stadt sein.

Aber, wie das manchmal so ist, es regnet (ich kann es im Nachhinein nicht glauben, aber das obere Bild ist bei strömendem Regen aufgenommen).
In einem Café warte ich bis der Regen nachlässt, verzichte darauf, mir Polignano näher anzusehen und setze meine Wanderung Richtung Monopoli fort.
Ich wusste bisher nicht, dass es einen Ort namens Monopoli gibt, aber es gibt nur einen Bahnhof und die Parkstraße habe ich auch nicht gefunden.

Monopoli

Meine Unterkunft ist mehr als zufriedenstellend, heute wird auch meine Hose und mein Pullover durchgewaschen, sie haben es nötig.  Jetzt hoffe ich nur, dass es heute nacht nicht regnet, da ich alles zum Trocknen im Freien aufgehängt habe.
Beim Abendessen habe ich zum ersten mal den Eindruck, dass man mich über’s  Ohr gehauen hat.  Das Fischfilet wurde nach Gewicht berechnet und angeblich war  es 450 g schwer, was ich nicht glauben kann.  Aber wie will ich das beweisen, nachdem ich es aufgegessen habe.

25.05.2016
Monopoli – Santa Sabina

Das ist heute ein traumhafter Tag zum Wandern, nur blauer Himmel und Sonnenschein.Da es immer nahe am Meer entlang geht, weht ein erfrischendes Lüftchen.

Ich komme an Ausgrabungstätten vorbei, schon die Etrusker wussten offensichtlich, wo es schön ist. Die Wohnwagen- und Campingplätze, die Badestrände sind alle noch leer. Man beginnt gerade, alles herzurichten.

Für mich ist jetzt die schönste Reisezeit,  die Temperaturen sind noch zum Aushalten, alles blüht und ist grün, man findet im Restaurant immer einen Tisch und die Preise sind noch niedrig.
Beim Wandern treffe ich einen jungen Mann aus Afghanistan, der sehr gut Englisch spricht. Er wartet in Italien schon seit 9 Monaten auf seine Papiere und will dann nach Deutschland kommen. ‚Es ist Krieg in Afghanistan‘ erzählt er ‚und keiner weiß genau, wer gegen wen warum kämpft.‘ Er will seine Freunde nicht erschießen. Nach etwa einer Stunde trennen sich unsere Wege, ich wünsche ihm alles Gute und drücke ihm die Daumen, dass ihm Europa eine Chance gibt.
Die „Landschaft“ etwas abseits vom Meer besteht inzwischen nur noch aus Olivenbäumen, die teilweise hunderte von Jahren alt sein müssen. Ich erreiche meinen Zielort „Santa Sabina“.

Der Ort ist durch einen Meereseinschnitt in zwei Hälften geteilt.   In der südlichen Hälfte ist nichts los und in der nördlichen Hälfte ist gar nichts los. Mein Quartier befindet sich in der nördlichen Hälfte. Neben wenigen alten Häusern gibt es viele, scheinbar unbewohnte Neubauten. ‚Die gehören den  Tedescos‘ erklärt man mir. Damit sind nicht die Deutschen gemeint, sondern Italiener, die in Deutschland arbeiten oder gearbeitet haben und sich hier ihren Traum vom Häuschen oder von der Wohnung am Meer erfüllen. Bei manchen Häusern komme ich auch ins Träumen.
Mein Hotel hat gerade mal zwei Zimmer vermietet, eines für mich und eines für eine Dame aus Süddeutschland. Für uns zwei wird auch das Restaurant geöffnet. Sie erzählt mir beim Abendessen, dass sie gerade von einer sechswöchigen Rundreise durch Marokko zurück ist, wobei sie als Frau allein nur mit öffentlichen Verkehrsmitteln gereist ist.
Sie meint, sie hätte noch kein Land erlebt, in dem sie als Frau mit so viel Respekt und Hochachtung behandelt wurde. Allerdings sei es doch sehr anstrengend gewesen, herauszufinden, welches Verkehrsmittel wo und wann fährt, sodass sie jetzt noch ein paar Tage hier zum Verschnaufen am Meer braucht. Ihr Mann hätte keine Lust zum Reisen, dann würde sie es eben allein machen.

26.05.2015
Santa Sabina – Brindisi

Ich muss ein Stück mit dem Zug fahren,  um die Strecke zu bewältigen.

Also laufe ich erst mal zum Bahnhof (4 km), dort angekommen, gibt es weder einen Schalter, noch einen  Fahrkartenautomaten, aber ein Hinweisschild, dass man die Fahrkarten im Tabakladen im 3 km entfernten Caravigno kaufen könne.  Ein junges Mädchen erklärt mir, dass in solchen Fällen der Schaffner ein Auge zudrückt und man die Karte auch im Zug kaufen könne. Ich glaube dem Mädel (letztlich kam gar kein Schaffner und ich bin schwarz gefahren).
An  dieser Stelle muss ich mal ein Lob an die italienische Eisenbahn loswerden, sie ist pünktlich, schnell, zuverlässig und sehr preiswert. Da kann unsere Bundesbahn viel von lernen.
Im Zug unterhalte ich mich sehr nett mit dem jungen Mädchen.  Sie studiert Sprachen in Lecce, parallel Englisch, Französisch und Portugiesisch. Sie ist noch so jung, lebendig und hübsch, leider ist die Unterhaltung nur kurz, ich muss aussteigen.
Ich wandere zwischen (gefühlten) Millionen von Olivenbäumen in Richtung  Brindisi.

Brindisi war für mich immer ein Sehnsuchtsort, den ich einmal im Leben sehen wollte. So viele meiner Helden der Bücher, die ich als Junge verschlungen habe, sind über Brindisi zu den Heldentaten im Orient und Occident gezogen. Brindisi war oft der Ausgangshafen der Kreuzzüge, Brindisi ist auch der Endpunkt der Via Appia, einer Straße, deren Bau 312 v.Chr. begonnen wurde und die von Rom nach Brindisi führt(e). Heute ist sie natürlich zum Teil durch Schnellstraßen überbaut. Immerhin führte mein diesjähriger Wanderweg über weite Strecken über diese Via Appia.
Brindisi ist sehenswert und steckt soooo voller Geschichte und Geschichten.

Das Ende der Via Appia

Leider ist man nach einer langen Wanderung nur begrenzt aufnahmefähig. Ich denke, es würde sich lohnen, einmal gezielt für ein paar Tage hier hin zu reisen.

Eine gute Adresse zum Übernachten hätte ich, denn ich habe ein kleines preiswertes Appartement mitten in der Altstadt.

27.05.2016
Brindisi – Bari

Der offizielle Teil meiner Wanderung ist zu Ende. Mit dem Zug geht es zurück nach Bari. Wenn der Zug 1 1/2 Stunden durch die Landschaft braust, komme ich doch ins Staunen, dass ich  (fast) die ganze Strecke in umgekehrter Richtung gelaufen bin.
In Bari muss ich mir noch mein vorgebuchtes Ticket für die Fähre nach Durres in Albanien abholen.

Corso de Tullio 1
Porto di Bari, Area  Marisabella

Den Corso de Tullio finde ich, eine Hausnummer 1 gibt es nicht und die „Area Marisabella“, so sagt man mir, liegt etwa 4 km weit weg. Ich frage mir den Mund fusselig, 10 Leute, 10 unterschiedliche und im Endeffekt falsche Antworten. Ich rufe bei der Agentur an, dort spricht keiner Englisch. Endlich finde ich einen Hafenbeamten, der mir helfen kann.
Porto de Tullio 1 ist der Eingang des Hafens, dort muss ich einen Shuttlebus nehmen, um zur Area Marisabella zu kommen, dort bekomme ich mein Ticket und dann geht’s mit dem Bus wieder zurück.

Im Nachhinein ganz einfach, aber mich hat das Nerven und drei Stunden Zeit gekostet. Gut, dass ich zeitlich viel Puffer einkalkuliert habe.
Jetzt warte ich auf die Abfahrt des Schiffes, um 22:00 Uhr soll es losgehen.

28.05.2016
Bari – Tirana (Albanien)

Es lässt sich prima schlafen auf der Fähre. Sie ist zwar eine Stunde später gestartet, aber trotzdem am nächsten Morgen um 08:00 Uhr fahrplanmäßig in Durres.
Gestern hatte ich mich noch mit zwei Radfahrern (mein Alter) aus der Eifel unterhalten, die in Rom angefangen haben und jetzt über Albanien, Montenegro, Dalmatien nach Hause radeln wollen.
Dann war da noch die Dame (Ende 70) aus den USA, die schon seit zwei Monaten allein durch Europa tingelt, eine Fähre nach Montenegro gebucht hatte und kurz vorher erfährt, dass die Fähre nicht fährt.  Jetzt geht sie erst mal mit nach Albanien und hofft, dass sie von dort aus irgendwie weiter kommt.

Von Durres aus fahre ich mit dem Bus nach Tirana. Leider sitze ich wohl in der falschen Linie, denn die Endstation ist nicht, wie geplant, das Zentrum, sondern liegt irgendwo außerhalb.
Ich hatte mir daheim die Karte von Tirana über Google Maps auf mein Smartphone heruntergeladen, damit ich sie auch Offline nutzen kann.
Was ich nicht wusste,  dass diese Karten nach einem Monat automatisch gelöscht werden. Also stehe ich ohne Karte da und weiß nicht, wo ich bin.
Der Internetzugang soll hier für einen Tag 25 € kosten (bei beschränktem Datenvolumen), das ist mir zuviel.
Also nehme ich ein Taxi. Ich habe ungefähr im Kopf, wo das Hotel liegt, nenne dem Fahrer Name und Straße, mache ihm eine Skizze, er fährt in die richtige Richtung, findet die Straße,  biegt dann immer wieder ab, fährt im Kreis, steigt aus, fragt die Leute und findet das Hotel nicht. Mit meiner Skizze kann er nichts anfangen. Im Nachhinein wird mir klar, dass er weder lesen noch Karten lesen kann. Nach über einer Stunde steige ich entnervt aus, er jammert, dass er mehr Geld haben will, als den vorher vereinbarten Betrag.
Zu Fuß finde ich mein Hotel innerhalb von 5 Minuten. Als ich die Geschichte im Hotel erzähle, lachen sie, das sei eben Albanien.

Da ich mich seit zwei Tagen nur von Fastfood ernährt habe, will ich mir ein schönes Mittagessen gönnen, muss aber feststellen, dass es zwar viele Cafés, aber keine Restaurants gibt (das krasse Gegenteil zu Italien).


Mitten in Tirana brauche ich eine 3/4 Stunde, um ein „normales“ Restaurant zu finden. Dort esse ich dann allerdings sehr gut und preiswert.
Am Nachmittag bummele ich durch diese wuselige Innenstadt, die teils modern und europäisch wirkt und doch so ganz anders ist. Viel Armut ist zu sehen. Die Preise sind für unsere Verhältnisse niedrig, für ein Bier (0,3 L) zahle ich <0,60 €, für einen Kaffee 0,40 €.

Morgen früh fahre ich zum Flughafen,  um Gerda abzuholen. Jetzt muss ich noch die richtige Bushaltestelle finden, denn rund um den zentralen Skenderbej-Platz gibt es mehr als 200 Bushaltestellen.

Auf meinem Weg von Rom nach Brindisi bin ich, soweit es möglich war, weitgehend der Via Appia gefolgt, einer alten Römerstraße, mit deren Bau 312 v. Chr. von Appius Claudius Caecus begonnen wurde. Von Brindisi führte dieser Weg weiter in Richtung Byzanz (Istanbul), zuerst per Schiff nach Durres (heute Albanien), dann über die Via Egnatia durch das heutige Albanien, Mazedonien, Griechenland bis in die Türkei.
Ich wäre gerne noch ein Stück auf der Via Egnatia durch Albanien gelaufen, aber auch die ist heute praktisch vollständig durch Schnellstraßen überbaut und alternative Wege habe ich nicht gefunden.

Deshalb haben wir (Gerda und ich) uns entschlossen, uns einer kleinen Reisegruppe anzuschließen. Auf einer Rundreise mit dem Auto und auf einigen Wanderungen kamen wir so zumindest teilweise in Kontakt mit der Via Egnatia.

Fazit

Ich hatte einen sehr engen Zeitplan und zum ersten Mal alle Unterkünfte vorgebucht. Das hatte den großen Nachteil, dass ich, um bei schlechtem Wetter mein Ziel zu erreichen, des öfteren den Bus oder die Bahn benutzen musste.
Zu Fuß habe ich ca. 600 km zurückgelegt, teilweise auf sehr schönen Wegen, aber auch auf trostlosen Randstreifen von Schnellstraßen.
Wanderwege gibt es sicherlich schönere, aber es gibt eben nur eine Via Appia und die wollte ich kennenlernen.