2015 Via Francigena

Bilder       Etappen

Map of the route “2015 Via Francigena”: 1.021.828 m, 15.034 m of climbing and 17.476 m of descent, elevation between 3 m and 2.473 m. It starts at 45.86900, 7.17056 and ends at 41.92376, 12.45346 (latitude, longitude).

Via Francigena

Die Via Francigena ist der Weg von Canterbury nach Rom, der in den Aufzeichnungen des Erzbischofs Sigerich der Ernste von Canterbury (994) beschrieben wurde. Er reiste im Jahr 990 von Canterbury nach Rom, um vom Papst das Pallium zu erhalten, einen Wollschal als Zeichen seiner Ernennung zum Erzbischof. Die 80 Stationen seiner Reise hielt Sigerich schriftlich fest. Das Dokument wird heute in der British Library in London aufbewahrt. Der Europarat hat diesen Pilgerweg bereits 1994 zu einer Kulturstraße Europas erklärt.
Mein Plan ist, vom St. Bernhard Pass, an der Grenze der Schweiz zu Italien, nach Rom zu laufen. Das sind ca. 1000 km.

02.05.2015 Anreise

Flug von Düsseldorf nach Mailand, von dort aus mit dem Bus zum Hauptbahnhof und mit der Bahn (2 mal umsteigen) nach Aosta. Ich muss meinen ursprünglichen Plan, vom St. Bernhard Pass zu starten, aufgeben. Obwohl es heute im Aostatal 25ºC warm war, rät man mir von der Strecke ab, da die Witterungsverhältnisse noch zu unbeständig sind. Also werde ich von Aosta aus starten. Auf der Hinfahrt mit dem Zug konnte ich schon einmal die Strecke bestaunen, die ich in den nächsten Tagen zu Fuß erkunden werde. Da stehen ziemlich viele hohe Berge herum.

03.05.2015 Aosta – Nus (18,6 km)

Das Hotel (Mochettaz) in Aosta liegt direkt an der Durchgangsstraße, ist entsprechend laut und deshalb nicht zu empfehlen.
Der Start meiner diesjährigen Wanderung beginnt mit Dauerregen, sodass ich nach knapp 20 km in Nus aufhöre. Eine Unterkunft ist schnell gefunden. Die Landschaft ist schön, doch mit den ständigen Regentropfen auf der Brille etwas verschwommen.

04.05.2015 Nus – Saint Vincent (22,3 km)

Es regnet den ganzen Tag leise vor sich hin. Das ist schade, denn das Aosta-Tal ist beeindruckend. Die Burgen, Klöster und Kirchen und die an die Hänge gebauten Orte zeugen von einer langen Geschichte.
Allerdings ist die gesamte Infrastruktur allein auf Autos und andere motorisierte Fahrzeuge ausgerichtet.  Die Schnellwege befinden sich im Tal. Für Fußgänger und Wanderer gibt es keinen Platz mehr. Es gibt keine oder nur wenige vernünftige Wanderwege, für die Wanderer sind schmale, steinige und glitschige Pfade übrig geblieben, auf denen zudem viele Höhenmeter zu überwinden sind. Ziemlich erschöpft erreiche ich Saint Vincent (was nicht nur am schlechten Weg, sondern auch an meiner schlechten Kondition liegt). Die im Reiseführer angegebenen Unterkünfte existieren alle nicht mehr. Ich übernachte im Hotel Bijou, das ist die preiswerteste Möglichkeit, sprengt aber mein vorgesehenes Budget.

05.05.2015 Saint Vincent – Settimo Vittone (32 km)

Es regnet – ganz untypisch für diese Zeit, wie man mir versichert – ununterbrochen.
Ich suche meinen Weg, krabbele auf allen Vieren über glitschige Wege und Schieferplatten und gebe auf. Es ist zu gefährlich. Alternative Wege gibt es nicht. Ich gehe zurück und warte an einer Bushaltestelle auf einen Bus, der in meine vorgesehene Richtung fährt. Ein paar Haltestellen weiter steige ich in Verrés aus. Es geht ein bisschen besser und ich laufe über Pont Saint Martin mit seiner beeindruckenden Römerbrücke nach “Settimo Vittone”.
Zwischendurch immer wieder steile, glitschige Pfade, die mir keinen Spaß machen.  Ich erreiche “Settimo Vittone” tief unten im Tal, erfahre dass meine telefonisch gebuchte Unterkunft natürlich ganz oben liegt. Dort gibt es aber nichts zum Essen. Also geht es abends noch einmal nach unten, dort erfahre ich dass alle vier Restaurants entweder pleite sind oder gerade geschlossen haben. Bleibt nur der Supermarkt, der mich mit Kalorien versorgen kann. Eigentlich kann es nur besser werden…

06.05.2015 Settimo Vittone – Ivrea (12 km)

Nach einem – für italienische Verhältnisse – richtig guten Frühstück habe ich mir für heute einiges vorgenommen. Nach einigen Regentagen ist es zudem (fast) durchgehend trocken.Am späten Vormittag, nach 12 km, erreiche ich Ivrea und … bleibe in der Stadt hängen.
Ich besichtige den Dom, der auf den Überresten vorchristlicher Tempel steht, esse gut zu Mittag und schließe mich einer Reisegruppe an, die eine Sonderführung durch das “Castello” macht.  Als ich dieses Programm hinter mir habe, ist es so spät, dass an ein Weiterwandern nicht zu denken ist. Macht nichts, ich habe mir diesmal vorgenommen, kulturelle Highlights – soweit sie mich interessieren – mitzunehmen. In den letzten Jahren bin ich an so viel Interessantem  vorbei gelaufen, weil ich meinte, mein vorgesehenes Programm sonst nicht schaffen zu können. Rom wird nicht untergehen, wenn ich es nicht erreiche.
P.S.
Bisher habe ich noch nicht einen Mitpilger getroffen. Die Beschilderung des Weges ist bisher vorbildlich, doch die werden die ganzen Markierungen nicht nur wegen mir angebracht haben(?).

07.05.2015 Ivrea – Viverone (23 km)

In Ivrea gibt es eine Information für Pilger auf der Via Francigena. Das kann sicherlich nicht schaden, da mal vorbei zu gehen.  Leider spricht die nette Dame nur italienisch. Sie erzählt mir, dass im Moment noch zwei Brasilianer und ein Italiener auf dem Weg sind (die ich bisher aber noch nicht getroffen habe).
Nach einer stürmischen Nacht ist der Himmel heute wolkenlos und es wird richtig warm. Schon gegen 11 Uhr zeigt das Thermometer 28ºC. Der Weg ist leicht hügelig, aber gut zu schaffen. Ich durchwandere die uralten Städtchen ‘Palazzo Canavese’ und ‘Piverone’.
Nach ca. 23 Kilometern mache ich in Viverone Schluss, es liegt an einem wunderschönen See, dem Lago Viverone. Weit im Hintergrund sind noch die verschneiten Gebirgsmassive zu sehen. Der See ist von vielen Cafés und Restaurants umrahmt, aber die meisten sind noch geschlossen, es ist noch keine Saison.

08.05.2015 Viverone – Vercelli (40 km)

Ich weiß nicht, wie viel Kilometer ich heute gelaufen bin, es können um die vierzig sein. Die Gegend ist platt, da sammeln sich auf einmal die Kilometer, ohne dass man Schnaufen muss. Ich befinde mich in der Provinz Piemont, wo nicht nur die Kirschen (Mon Chérie) herkommen, sondern wo vor allem Reis angebaut wird. Stundenlang laufe ich an Reisfeldern entlang. Das sieht zuerst schön aus, aber wo Reis ist, da ist auch Wasser und wo Wasser (und Sonne) ist, da sind auch Mücken.
Gegen 19 Uhr gehe ich in ein Restaurant, es ist riesig, aber ich bin der einzige Gast. Die Kellnerin ist in Herne groß geworden und spricht natürlich akzentfrei deutsch. ‘Es wird noch voller’ antwortet sie auf meine Frage. Ab 10 Uhr wird es schwer werden noch einen Tisch zu bekommen, die Italiener gehen sehr spät Essen. Aber das kann ich nicht mehr kontrollieren, um 10 Uhr schlafe ich schon…

09.05.2015 Vercelli – Mortara (34 km)

Die Wanderung verläuft durch die Ausläufer der Po-Ebene (wer hat diesen Ausdruck erfunden?). Die Gegend ist flach wie ein Bügelbrett, es gibt nur Reisfelder, Mücken und Frösche. Zwischendurch ein paar langweilige Orte, wie Palestro und Robbio.
Bei Palestro wurde mal eine wichtige Schlacht geschlagen, aber wenn darauf der Stolz eines Ortes beruht(?).
In Mortara gehe ich zum Frisör. Auch wenn hier kein Mensch Englisch spricht, ich sehe nicht ganz so verschandelt aus, wie mir das in Spanien schon passiert ist.
Übrigens, die Temperatur liegt jetzt noch (20:30 Uhr) bei 27ºC.

10.05.2015 Mortara – Garlasco (24 km)

Dass die Landschaft auf Dauer besonders interessant ist kann ich nicht behaupten.  Links sind Reisfelder, rechts sind Reisfelder, dazwischen quaken die Frösche und summen die Mücken.Man versichert mir, dass hier ganz viele Pilger entlang laufen würden. Bisher habe ich noch keinen gesehen.  Und selbst der Smalltalk mit den Einheimischen ist eher bescheiden, da ich kein Italienisch und sie kein Englisch sprechen.
Mein Ziel, Garlasco, ist ein wirklich schönes Städtchen. Aber als ich ankomme, liegt die Temperatur bei 32ºC. So warm hatte ich es um diese Jahreszeit nicht erwartet.
Noch eine Episode von gestern:
Ich suche meine vorgebuchte Unterkunft. Google-Maps führt mich auf einen einsamen Pfad an einem Fluss entlang. Da kommt mir ein Junge (14?) entgegen und versucht mir klarmachen, dass ich hier nicht weiter laufen könne. “cane! mordere! Straziare!!!”
Ich verstehe so viel, dass er mich vor einem Hund warnen will. Aber ich muss hier durch, einen anderen Weg gibt es nicht. Ich gehe weiter, der Junge begleitet mich und redet auf mich ein und ich lande mitten in der Wohnwagenkolonie eines Zigeunerlagers. Ein Rudel kleiner nackter Kinder spielt mit einem fröhlichen Hund, der aber gar nicht mehr fröhlich aussieht, als er mich sieht. Ein 50 Kilo – Kampfhund kommt auf mich zugerast und nur mein 14-jähriger Begleiter kann ihn unter Einsatz seiner Körperkraft abwehren.
Die Zigeuner lachen, ich mache mir fast in die Hose, der Schreck sitzt so tief, dass ich mich zu einem Tee einladen lasse. Hinterher kraule ich dem Hund zwischen den Ohren, aber ich habe ihm nicht gesagt, wie hässlich er aussieht.
Man lädt mich ein über Nacht bei ihnen zu bleiben, aber ich traue mich nicht. Ich bin sicher, es wäre ein schöner Abend geworden.
Später habe ich noch einmal nachgeschlagen: “Straziare” bedeutet ‘zerfleischen’.

11.05.2015 Garlasco – Pavia (25, 9 km)

Die Gegend bleibt weiter eintönig. Der Pilgerweg windet sich in großen Bögen um die Verbindungsstraßen, sodass die Entfernungen oft doppelt so weit sind.  Auf den Landstraßen zu laufen ist aber wegen des hohen Verkehrsaufkommens nicht möglich. Erst kurz vor Pavia führt der Weg durch eine hübsche Auenlandschaft und bildet eine Abwechslung zu den vielen tristen Kilometern der letzten Tage.
Pavia wurde schon vor 2000 Jahren gegründet und ist eine richtig schöne, typisch italienische (oder südeuropäische) Stadt mit vielen Kirchen, Palästen, Plätzen und Arkaden. Zuerst fällt die romantische, überdachte Brücke über den Ticio auf.
Der Dom wirkt dagegen mehr als baufällig. 1989 stürzte der Turm ein und begrub 4 Menschen unter sich und es würde mich nicht wundern, wenn der Rest auch bald einbricht. Pavia ist vor allem eine Studentenstadt (mit einer der ältesten Universitäten Europas). Ganz viele junge Menschen bestimmen das Stadtbild.
Und endlich treffe ich auch auf Pilger, ein französisches Paar ist ebenfalls auf dem Weg nach Rom.   Wahrscheinlich werden wir uns morgen wieder sehen. Ich hoffe es, ich brauche mal wieder jemanden zum Reden.

12.05.2015 Pavia – Belgioioso (20 km)

Am Vormittag bummle ich noch etwas durch da wirklich schöne Pavia, ehe ich mich – es ist schon Mittag – auf den Weg mache.
Zuerst geht es durch langweilige Vorstädte, doch dann wird die Landschaft nach der Eintönigkeit der letzten Tage wirklich hübsch. Es ist leicht hügelig und der Weg führt nicht nur an Reisfeldern vorbei.
Als ich Belgioioso erreiche treffe ich auf das französische Ehepaar. Wir reden miteinander und auf einmal ist es zu spät, um noch weiter zu gehen. Eigentlich ist das egal, bringt aber meinen Plan (bei beschränkten Übernachtungsmöglichkeiten) etwas durcheinander.
Mir ist aufgefallen, dass ich auf dem ganzen Weg bisher nicht ein Windrad gesehen habe und (so gut wie) keine Solarzellen auf den Dächern. Und das, wo hier die Sonne viel häufiger scheint als bei uns. Gegen Atomenergie ist man auch, so wird der Strom einfach aus dem Ausland, hauptsächlich aus Frankreich, importiert.

13.05.2015 Belgioioso – Piacenza (40 km) / Mücken am Po

Eigentlich ist die Strecke an einem Tag gar nicht zu schaffen, aber ich habe es doch geschafft.
Damit es funktionieren kann, bin ich um 05:00 Uhr losgelaufen. Auf das italienische Frühstück, auf das ich bis 08:00 Uhr hätte warten müssen und das aus einer Tasse Kaffee und einer Brioche besteht, kann man schon mal verzichten oder im nächsten Ort nachholen.
Ich laufe über Orio Litta bis zum Po, wo Pilger mit einem (allen Pilgern) bekannten Fährmann den Fluss überqueren können. Als ich ankomme ist kein Fährmann da, man hätte am Tag vorher telefonisch Bescheid sagen müssen.
Irgendwie habe ich in solchen Situationen immer Glück. Da steht ein Mensch mit einem Sportboot, der zwar kein Englisch aber Spanisch spricht und nachdem wir eine Weile miteinander reden, sagt er ‘komm, steig ein, ich fahr dich ein Stück in deine Richtung’. Das gleiche Glück hatte ich im vorigen Jahr an irgend einem Kanal in Norddeutschland.
Er fährt mich bis zu einem Anleger kurz vor Piacenza. Was will ich mehr? Die restlichen 8 km bis zu meiner vorgebuchten Unterkunft können mich jetzt nicht mehr schrecken.
Jetzt bin ich 1 1/2 Wochen unterwegs und versuche eine erste Bilanz zu ziehen. Vom Geschichtsunterricht habe ich noch Namen wie ‘Via Roma’, ‘Via Emilia’, ‘Via Postumia’ im Kopf. Eigentlich führte die ursprüngliche ‘Via Francigena’ über diese Wege, aber inzwischen sind sie alle durch Autobahnen und Schnellstraßen überbaut und die Pilger werden auf immer neuen Feld- und gewaltigen Umwegen ins Hinterland verdrängt. Bisher hatte ich noch immer die Hoffnung, dass ab morgen alles besser wird, aber vielleicht wird es morgen ja besser. Wenn ich da an die schönen Fernwanderwege in Deutschland und Frankreich denke…
Ein paar Tage halte ich noch durch, wenn die Wege bis dahin nicht besser werden, werde ich zum ersten Mal eine solche Tour abbrechen.

14.05.2015 Piacenza -Fiorenzuola d’Arda (27 km)

Mein Reiseführer schreibt: “Machen Sie sich darauf gefasst, die nächsten 20 km einfach nur am Straßenrand geradeaus zu gehen und ohne Orientierungsschwierigkeiten Ihren Gedanken nachhängen zu können.”
Wenn der Seitenstreifen aber nur ganz schmal und die Lkw’s zu Hunderten  einem entgegendonnern, dann finde ich das gar nicht mehr lustig.
Bei einer Rast treffe ich ein finnisches Paar, das für 2 Wochen ein Teilstück der Via Francigena laufen will, bisher eine Woche unterwegs  und total enttäuscht ist.
In Fiorenzuola d’Arda erlebe ich, wie ein riesiges Shoppingcenter am Rande der Stadt die ganze Infrastruktur kaputt macht. Während in den vorherigen Städtchen es noch viele kleine Lebensmittelgeschäfte, Delikatessläden, Metzgereien u.a. gab, existieren hier im Zentrum nur noch Banken. Um ein wenig einzukaufen, muss ich in das blöde ‘Center’ laufen.
Übrigens habe ich meine Essensgewohnheiten umgestellt.  Bisher habe ich eigentlich nur abends etwas gegessen. Das ist mir einfach zu teuer hier, außer man isst eine Pizza, die ist zwar wirklich gut, aber ich mag sie auch nicht jeden Tag essen.
Mittags wird dagegen in sehr vielen Restaurants ein “Menu fisso” angeboten, da kosten 2 Gänge mit Beilagen und Getränken 10 – 12 €. Abends müsste ich für das Gleiche etwa das Dreifache bezahlen. Na bitte, da kann ich wenigstens etwas Positives berichten. Und was auch  positiv zu erwähnen ist, das ist das Wetter, seit Tagen ist es richtig sommerlich warm, d.h. nachmittags zum Laufen schon wieder zu warm (> 30ºC).

15.05.2015 Fiorenzuela d’Arda – Fidenza (23 km)

Heute bin ich mal brav dem neu ausgeschriebenen Weg gefolgt, der nicht mehr am Straßenrand verläuft, sondern weite Bögen um die Straße herum macht. So werden aus ursprünglich 10 km ganz einfach 23 km. Die Gegend selbst ist platt, man läuft zwischen Mais- und Weizenfeldern herum. Heute habe ich den ersten Deutschen Pilger getroffen. In einer kleinen Bar reden wir bei einem Cappuccino lange miteinander, laufen dann aber wieder getrennt weiter. Stefan kommt aus Krefeld. Er ist in Lausanne gestartet. Die Tour durch die Schweiz sei sehr schön gewesen, aber auch extrem teuer. Er erzählt mir, dass er immer mühsam seinen Urlaub zusammenkratzen muss, um so lange unterwegs sein zu können, sein Ziel ist auch Rom. Erst als er weg ist wird mir klar, dass dann ja gar keine Zeit für einen gemeinsamen Urlaub mit Frau und Kind mehr bleibt. Ich werde ihn sicher noch mal wieder treffen, das muss ich klären.
Denn ganzen Tag hängen dicke schwarze Wolken am Himmel und als ich gerade in Fidenza eintrudele, fängt es kräftig an zu regnen. Auch jetzt prasselt ein Gewitterguss herab.  Mal sehen, wie es morgen aussieht.

16.05.2015 Fidenza – Fornovo di Taro (29 km)

Als ich aufwache regnet es in Strömen und der Wetterbericht stellt für den ganzen Tag keine Besserung in Sicht. Ich beabsichtige, den Regentag auszusitzen, aber meine Unterkunft ist für heute bereits ausgebucht. Nicht nur meine Unterkunft ist ausgebucht, es ist in ganz Fidenza kein Bett zu bekommen. Auch meine Überlegung nach der in der Nähe liegenden Stadt Parma auszuweichen zerschlägt sich, das auch dort nichts, bzw. nur Zimmer zu völlig überhöhten Preisen zu bekommen sind.
Es muss irgendeine wichtige Veranstaltung in der Nähe sein, durch die die Zimmerpreise explodiert sind.
Als der Regen ein wenig nachlässt, hänge ich mir mein Regencape über und marschiere los. Die Gegend wird allmählich immer hügeliger, aber durch Regen und Nebel ist nicht viel von der Landschaft zu sehen.

17.05.2015 Fornova di Taro – Berceto (29 km)

Das ist heute ein richtig schöner Tag. Die Sonne scheint, ich bin endlich raus aus dieser schrecklichen Po-Ebene und ich bin mitten drin in den Bergen des Appenin. Hier blüht alles frühlingshaft, es ist anstrengend, aber wunderschön.
Eine Zeitlang laufe ich mit einem Ehepaar aus Aachen, das auch auf dem Weg nach Rom ist. Ab und zu trifft man jetzt doch auf Mitpilger und das macht auch Spaß. Es geht mir gut!

18.05.2015 Berceto – Pontremoli (32,4 km)

Ich habe ein wenig Angst vor diesem Tag, nicht so sehr von der Entfernung, sondern vor den vielen Höhenmetern, die zu überwinden sind. Es ist anstrengend, es geht so viel rauf und runter, dass ich meine Grenzen erfahre. Trotz allem, es ist wunderschön, das Wetter ist traumhaft, die Landschaft atemberaubend schön. Von dem Appenin wusste ich bisher nur, dass es ein Grenzgebirge zwischen der Po-Ebene und dem Mittelmeer ist, aber von seiner Schönheit hatte ich keine Ahnung. Andere offensichtlich auch nicht, denn es scheint touristisch weitgehend unerschlossen. Ich überquere den “Passo della Cisa”, der mit seinen 1041 m gar nicht spektakulär hoch ist, aber “zu Fuß” sieht und spürt man alles aus einer anderen Warte.


Nach fast 8 Stunden erreiche ich Pontremoli. Ich kann nur jedem, der noch einmal mit dem Auto nach Italien fährt, hier einen Zwischenstopp einzulegen. Hier fühlt man sich ins Mittelalter zurück versetzt (bis auf die Bankfilialen und den Supermarkt).

Eine Unterkunft ist bei “Franesca” in einem B&B schnell gefunden und Francesca bietet an, all meine Kleidung (so viel ist es ja nicht) mal gründlich durchzuwaschen. Ich nehme es gerne an.
Da ich den ganzen Tag noch nichts gegessen habe, suche ich abends nach einem Restaurant.  Es gibt nur eine “Trattoria”, die ich preislich nicht einordnen kann, aber nach diesem schönen Tag sollte auch noch ein gutes Essen drin sein.
Um es kurz zu machen, ich esse die empfohlenen Spezialitäten der Region, trinke den empfohlenen Wein, lasse mich zu einem Nachtisch verführen, trinke noch einen Kaffee und erhalte eine Rechnung von 15 € (Pilgervorzugspreis).
In meiner Pension sitze ich dann noch lange  zusammen mit einem englischen Paar aus Bath, das mit dem Fahrrad auf dem Weg nach Rom ist. Es ist ein richtig schöner Abend und ein solcher Tag kann viele verregnete Tage wieder mehr als ausgleichen.
Mein Quartier liegt mitten in der Altstadt und ich frage mich, wer in meinem antiken Bett wohl schon alles gezeugt und geboren wurde bzw. gestorben ist.

19.05.2015 Pontremoli – Aulla (21,5 km)

Francesca meinte gestern, sie habe mir mein Frühstück in den Kühlschrank gestellt und mit Kaffee könne ich mich am Automaten bedienen. Im Kühlschrank befindet sich ein Stück Schokoladenkuchen. Kein Wunder, dass Francesca so rund ist.

Ich starte bereits um 06:30 Uhr, denn der Tag verspricht heiß zu werden. Wieder sind viele Höhenmeter zu überwinden. Es geht durch kleine Ortschaften wie Filattiera, Miglirana, Villafranca bei Luniglana, die alle zumindest eine Bar haben, wo man mal einen Kaffee trinken kann. In einer dieser Bars treffe ich auf “Zoulu (???)”, einem Schwarzafrikaner aus dem Senegal, er erzählt mir seine Fluchtgeschichte, die sich über mehr als ein Jahr erstreckt hat. Er kann offensichtlich schon ganz gut Italienisch, aber da sein Englisch schwach ist, kann ich über seinen Aufenthaltsstatus nichts herausfinden. Es gehe ihm hier zwar nicht besonders gut, aber im Gegensatz zum Senegal habe er hier die Hoffnung nicht aufgeben müssen. Ich habe schon so viele ähnliche Geschichten gelesen oder mir Berichte im Fernsehen angesehen, aber wenn dir dann auf einmal der Mensch gegenüber steht, ist das wieder eine andere Dimension.

Touristen sieht man hier keine, obwohl die Landschaft grandios ist. Mein Ziel war eigentlich Aulla, doch ich merke, dass ich das kaum schaffen werde. Als ich dann mitten in der Einsamkeit ein Schild sehe “camera da affitare” (Zimmer zu vermieten) und man mir dann auch noch zusagt, dass ich auch hier etwas zu Essen bekomme, ist das Ende meiner heutigen Wanderung erreicht.
Abends sitze ich zusammen mit einem älteren Ehe(?)paar. Er kommt aus der Schweiz, ist aber 1960 über Australien in Kanada gelandet, ist jetzt mit dem Schiff nach Rom gefahren (Flugangst) um sich jetzt mit dem Leihwagen Italien anzusehen. Sie kommt aus Jordanien und hat gerade dort für 2 Monate Verwandte besucht. Das wäre auch ein ideales Land zum wandern, meint sie. Na ja, einige Gebiete solle man vielleicht im Moment meiden.
Für die nächsten Tage ist Regen angesagt, aber ein Wetterbericht kann sich ja auch mal irren.

20.05.2015 Aulla – Luni (25,5 Km) ich kann das Meer riechen

Der Wetterbericht in Italien hat zum Glück nicht Recht.  Es tröpfelt zwar zwischendurch ein wenig, aber insgesamt ist es der ideale Tag zum Wandern. Es geht über Aulla nach Sarzana. Zum Glück habe ich mir das Höhenprofil nicht vorher angesehen, ich glaube, dann hätte mich der Mut verlassen.
Sarzana ist ein richtig typisches italienisches, mittelalterliches Städtchen. Beeindruckend für eine Stunde, aber dann zieht es mich auch weiter. Meine Unterkunft ist etwa 4 km vom Meer entfernt, ich meine, ich könne es riechen, aber ich habe nicht mehr die Kraft dort hin zu gehen.
Der Weg führt morgen schon wieder vom Meer weg, ich werde auf jeden Fall erst mal zum Wasser gehen.

21.05.2015 Luni – Marina di Massa (12 km)

Ich habe vorläufig die “Via Francigena” verlassen, da diese durch das Landesinnere verläuft, während ich es viel schöner finde, ein wenig am Meer entlang zu laufen. Ich komme über Marina di Carrara, wo der Marmor aus Carrara in alle Welt verschifft wird nach Marina di Massa. Da die Wanderung gestern sehr lang und anstrengend war, mache ich heute schon mittags Schluss und genieße den Strand. Freie Liegestühle gibt es genug…
Es ist noch keine Saison und außerdem auch empfindlich kühl und im Landesinneren hängen dicke schwarze Wolken.Aber auch im Sommer würde ich hier bestimmt keinen Urlaub machen, es einmal zu sehen ist allerdings interessant.
Durch die Berge, die auf dem Bild im Hintergrund zu sehen sind, muss ich in den nächsten Tagen noch durch.

22.05.2015 Marina di Massa – Camaiore (28 km)

Ich denke, es ist schöner am Meer entlang zu gehen,  als der Via Francigena durchs hügelige Landesinnere zu folgen. Aber die Küstenstraße sieht für endlose Kilometer immer gleich aus. Auf der linken Seite reiht sich Hotel an Hotel, auf der rechten Seite, der Meerseite, gibt es Restaurants, die Liegestühle (in 20er Reihen) vermieten. Alle paar hundert Meter gibt es einen knapp 1-Meter breiten (Hunde-Kack)-Pfad, damit man auch ohne Eintritt das Meer bestaunen kann.
Das Wetter ist durchwachsen, es wechselt zwischen leichtem Nieselregen und trockenen Abschnitten. Ich laufe über Forte di Marmi und Marina di Pietrosanta und biege dann ins Landesinnere ab. Nach etwa 5 km treffe ich wieder auf die “Via Francigena”, die sofort jeden Hügel mitnimmt, der irgendwo in der Gegend steht.

Irgendwann gelange ich in einen Hohlweg, der nach einer weiteren halben Stunde durch einen umgeknickten Baum versperrt ist. Umkehren? Dazu bin ich schon zu weit gelaufen. Also klettern, mit Rucksack macht das besonders Spaß. Dann kommt der zweite Baum, der dritte… irgendwann geht gar nichts und ich versuche aus meinem Hohlweg heraus zu krabbeln. Es ist richtig dichtes Unterholz mit Bambushainen, die so dicht sind, das ein Durchkommen fast unmöglich ist. Als ich die Orientierung schon fast ganz verloren habe, sehe ich ein Haus. Wo Haus, da Weg, wo Weg, da Straße. Aber als ich auf das Haus zugehe, liegt dort ein ganz dicker Hund und macht mir durch Knurren und Zähnezeigen ganz unmissverständlich klar, dass dies hier sein Revier ist und ich hier nicht vorbeikomme. Ich versuche den Hund mit Müsliriegeln zu bestechen, aber die Sorte mag er wohl nicht. Umkehren ist jetzt ganz unmöglich, ich würde den Weg nie mehr finden. Also setze ich mich hin, rauche eine Pfeife und erzähl dem Hund eine Geschichte.
…Knurr rrrrr
…und noch eine  Geschichte, sie scheint ihn zu langweilen, er gähnt. Millimeter um Millimeter schiebe ich mich an dem Hund vorbei und erreiche die rettende Straße.
Meiner Unterkunft in Camaiore ist ein edles Restaurant angeschlossen, wo die Preise für ein kleines Menü bei 40 € beginnen. Als Pilger bietet man mir ein Menü für 15 € (einschließlich Wasser, Wein, Kaffee) an, das ich gerne annehme. Für morgen ist wieder Regen angesagt, aber meist war das Wetter dann doch besser als in der Ansage.

23.05.2015 Camaiore – Lucca (26 km)

Ich treffe auf eine Gruppe von 4 Franzosen, die auf der Via Francegina in vorgebuchten Etappen – mit Gepäcktransport – wandert. Eine halbe Stunde laufe ich mit ihnen, dann ziehe ich davon, sie sind mir zu langsam. Der Weg ist ausgesprochen schön, wenn auch wieder viele Höhenmeter zu überwinden sind.

Ab Mittag wird der anfangs leichte Nieselregen immer heftiger.
Wie immer stehe ich vor dem Problem, dass es die ideale Regenkleidung nicht gibt, oder ich sie noch nicht entdeckt habe.
Meinen Poncho, mit dem man aussieht wie Rübezahl, der aber eigentlich gut schützt, habe ich zuhause gelassen, da ich im freien Gelände unfähig bin, ihn allein anzuziehen.
Stattdessen habe ich es neulich mit einem leichten Plastikcape versucht. Bei Anderen sieht das immer ganz einfach aus, bei mir wölbte sich das ganze Cape bei jedem Windhauch senkrecht nach oben.
Bleibt meine gute alte Regen- und Windjacke, unter der ich aber immer teuflisch schwitze. “So etwas trägt man heute auch nicht mehr”, meinte neulich ein Verkäufer auf einer Messe. “Man trägt die Häute einzeln, also entweder eine Wind- oder eine Regenhaut oder, wenn es sein muss, beide übereinander. Und letztere sorgt durch eine spezielle Membran dafür, dass der Schweiß abgeführt, der Regen nicht hinein kann und man dadurch absolut trocken bleibt.” Als mir der Verkäufer dann den Preis von ein paar hundert Euro nannte,  nebenbei erwähnte, dass man die Jacke nach einem Jahr wegwerfen kann, da dann die Membran hinüber und das ganze sowieso nur bei Temperaturen von unter 20ºC funktioniert, habe ich meine alte Jacke behalten … und schwitze.
Völlig durchnässt komme ich in Lucca an, in der Touristeninformation vermittelt man mir ein Zimmer, das natürlich am entgegengesetzten Ende der Stadt liegt. Also durchwandere ich Lucca ohne – durch den starken Regen- wirklich etwas zu sehen. Vielleicht mache ich morgen mal einen Tag Pause und schaue mir die Stadt richtig an.

24.05.2015 Lucca

Ich entscheide mich einen Tag länger in Lucca zu bleiben, um mir die Stadt in Ruhe ansehen zu können. Die ganze Altstadt ist von einer gewaltigen Befestigungsanlage umgeben, auf der man – bei einer Breite von 15-20 m – heute herrlich Fahrradfahren und Laufen kann.

Überall sieht man Touristengruppen mit Führern herumstehen und es ist interessant, da ab und zu mal zuzuhören. Ich laufe stundenlang durch die Stadt, entdecke immer neue Plätze und Kirchen.

Bei allem Interesse, irgendwann bin ich müde und platt, da wird dann ein ganzer Tag doch sehr lang. Es ist ganz interessant, ich lese gerade noch einmal den  “Graf von Montechristo”, in dem auch vom Aufstieg und Fall einiger italienischer Familien die Rede ist, die u.a. auch aus Lucca stammen.

25.05.2015 Lucca – Altopascio (18 km)

So richtig überzeugt hat mich die “Via Francigena” bisher noch nicht. Der Weg heute war nicht schlecht, aber es war überwiegend “Aspalttreterei” durch Vororte von Lucca, durch Gewerbegebiete und durch kleine Örtchen. Dafür war das Wetter gut. Nachdem es in der Nacht noch recht kalt war (~ 8ºC), war der Himmel morgens blank geputzt und erst im Laufe des Tages zeigten sich ein paar Wolken.
Getroffen habe ich ein Ehepaar aus Leipzig. Die Beiden machen den Weg aus religiösen Gründen und da sie mich bei einem Cappuccino vor einer kleinen Bar angetroffen haben, empfanden sie das schon als recht “frevelhaft”. So etwas passt nicht zum Pilgern.
Mit einem Kanadier (er läuft, seine Frau begleitet ihn im Auto) habe ich später eine Flasche Wein leergemacht. Welchen Sinn sollten sonst die Weintrauben haben, liebe Leipziger?

26.05.2015 Altopascio – San Miniato (24, 8 km)

Der Himmel ist fast den ganzen Tag bedeckt,  was aber zum Wandern eigentlich angenehm ist.
Die Gegend ist recht flach und die Landschaft (Felder, Wälder, kleine Orte) anfangs unspektakulär. Allmählich ändert sich das Bild und es entwickelt sich die Landschaft, wie man sie von der Toscana im Kopf hat. Dabei wird es allerdings auch immer hügeliger.
Ich hatte auf Empfehlung in einem B&B – etwas abseits von San Miniato ein Zimmer gebucht. Das Haus gehört einem älteren Ehepaar.
Dazu gehört noch ein kleiner Weinberg und ein Olivenhain.
Als ich ankomme wird erst mal Kaffee gekocht und ich muss den selbstgebackenen Kuchen, sowie den selbst-gekelterten Wein probieren.
Morgens zum Frühstück geht es weiter mit der Milch von der eigenen Kuh und frischen Erdbeeren und Tomaten aus dem Garten. Das sieht alles sehr romantisch aus, aber es ist auch mit viel Arbeit verbunden.

27.05.2015 San Miniato – Gambassi Terme (24 km)

Das ist heute Toscana pur. Wenn ich auch vorher schon mal über den Weg gemeckert habe, allein für den heutigen Tag hat es sich gelohnt hier hin zu fahren. Ich bin umgeben von einem Blütenmeer, es summt und brummt, es riecht nach Blüten, Kräutern und Pilzen (ich wusste gar nicht, dass um diese Zeit auch Pilze wachsen, aber ich sehe sie und gestern waren auch “frische Pilze” auf der Speisekarte).
Getroffen habe ich insgesamt nur 5 Mitpilger, ein italienisches Paar und drei Wanderer aus Irland, die ratlos am Weg standen, weil ihnen einfach die Kräfte ausgegangen sind und sie nicht weiter wussten.
25 Kilometer sind ja eigentlich zu schaffen, aber das stetige Auf und Ab schafft und nach 20 Kilometern ging mein genussvolles Schwärmen für die Landschaft in hoffnungsvolles Stöhnen über, dass das Ziel endlich erreicht wird.

28.05.2015 Gambassi Terme – San Gimignano (15 km)

Mein gestriger Eindruck setzt sich heute fort. Die Toskana ist einfach eine der schönsten Landschaften in Europa. Warum das so ist, lässt sich kaum beschreiben. Eigentlich ist es nur ein Mittelgebirge mit ein paar schönen alten Städten.
Ich starte erst gegen 09:30 Uhr, da es erst um 08:30 Uhr Frühstück gibt und die Strecke relativ kurz ist und wandere teilweise zusammen mit Michel, einem Kandadier.
Die 15 Kilometer beinhalten  auch ca. 600 Höhenmeter, sodass man bei blauem Himmel so richtig ins Schnaufen kommt.
San Gimignano kenne ich von früher, aber es sich zu Fuß zu erarbeiten, das ist doch etwas anderes.
Die Stadt ist voller Touristen. Nachdem ich in den letzten Wochen vielleicht 10 Deutsche getroffen habe, fühlt man sich hier fast wie Zuhause.
Beim (späten) Mittagessen komme ich mit einem Ehepaar aus Brasilien ins Gespräch. Der Urgroßvater des Mannes stammte aus San Gimignano und er hat sogar heute Vormittag noch Einträge in den Kirchenbüchern gefunden. Als er mir das erzählt, fließen bei ihm vor Rührung die Tränen. Ich habe fast mit geheult.

29.05.2015 San Gimignano – Monterriggioni (22 km)

Nachtrag zu gestern: als ich meine Unterkunft aufsuchte, fragte mich mein Vermieter:“Möchten Sie ein Zimmer, von dem Sie in die Landschaft schauen können, oder lieber eines, von dem Sie die Türme von San Gimignano sehen können?” Dann entdeckte er meine Jakobsmuschel am Rucksack.
” Ah, ein Jakobswegpilger, das bin ich auch, dann gebe ich Dir unser bestes Zimmer, von dem aus kannst Du beides sehen.”
Am Morgen gehe ich erst mal gemütlich in San Gimignano frühstücken. Die Stadt, die gestern noch von Touristen überquoll, ist um diese Zeit noch menschenleer.

Noch ein Schwätzchen mit zwei Pilgerinnen aus Finnland, die ich vor ein paar Tagen mal getroffen hatte, dann geht es auf mal wieder auf eine sehr hügeliger Strecke und die Türme von San Gimignano werden immer kleiner.
Zwei Bäche müssen durchwatet werden, in einem Dorf treffe ich auf Michel, dem Kanadier von gestern und auf ein französisches Paar.
Mit Michel wandere ich zusammen nach Colle Val d’Elsa. Das Städtchen ist so schön, dass ich hier etwa zwei Stunden verbummele.

Dann gehe ich noch eine Kleinigkeit essen, da ich in dem B&B, in dem ich ein Zimmer gebucht habe und das irgendwo in der Einsamkeit liegt, nichts Essbares erwarten kann.
Inzwischen ist es 16:00 Uhr und nachdem es in den letzten Tagen noch angenehm kühl war, liegt jetzt die Temperatur bei wolkenlosem Himmel weit über 30ºC.
Die Unterkunft ist richtig schön, sodass ich die Chefin frage, ob ich auch zwei Nächte bleiben kann. Sie meint, das müsse möglich sein, erklärt mir aber eine halbe Stunde später, dass es doch nicht ginge, das ihr Mann zwischenzeitlich einer Gruppe Radfahrern zugesagt hat.
Als Ausgleich wolle sie mich aber heute Abend zum Essen einladen, in kleiner Runde. Die kleine Runde besteht aus mehr als 20 Personen, denn, was ich nicht wusste, es ist die Geburtstagsfeier der Chefin. Es gibt u.a. Bistecca alla fiorentina, das sind bis zu 1500 g schwere gegrillte Porterhouse-Steaks, die auf besondere Weise zubereitet werden.

Gegen 22 Uhr ziehe ich mich dann aber doch zurück, denn ich muss ja morgen noch laufen. Mal schauen, wie es mit der Lautstärke ist, denn die Gesellschaft feiert unter meinem Zimmer.

30.05.2015 Monteriggione – Siena (23 km)

Meine letzte Unterkunft gehört zwar zum Bezirk Montereggioni, aber zu dem eigentlichen “Ort” muss ich noch hin. Monterrigioni, eigentlich ein Dorf, liegt noch etwa 4 km entfernt, natürlich wieder auf der Bergspitze. Als ich es erreiche, ist alles noch ganz still,  doch plötzlich treffen die ersten Busgruppen ein und es verändert sich schlagartig.

Ich mache mich auf zu dem 20 km entfernten Siena. Es ist schon am frühen Morgen heiß und bei der Hitze und den Höhenmeter hält sich meine Begeisterung für die Landschaft  heute in Grenzen.
Wir waren schon zweimal in Siena, aber ich bin erneut hingerissen, für mich ist sie die schönste und typischste Stadt der Toskana (Natürlich ist auch Florenz unglaublich schön, aber diese Stadt gehört in eine andere Liga).
Ich verweile lange auf dem “Piazza il Campo”, auf dem jedes Jahr im August das berühmte Pferderennen stattfindet und auf dem wir (Gerda und ich) einmal ungewollt sündhaft teuer gegessen haben. Was soll’s, es bleibt die schöne Erinnerung.
Dieser Platz ist für mich einer der schönsten, den ich gesehen habe. Ich gehe noch zum Dom, schaue ihn mir aber nur von außen an, denn 14 € Eintritt für eine Kirche, das bin ich nicht bereit zu zahlen. Danach wandere ich noch einmal 4 Kilometer aus der Stadt heraus, denn die Preise im Zentrum sind abartig hoch.

31.05.2015 Siena – Monteroni d’Arbia (18 km)

Italienisches Frühstück
Das italienische Standardfrühstück besteht aus einem Espresso und einem Croissant, die Luxusvariante aus einem Espresso, einem Croissant und einem Joghurt und wenn es ganz edel wird, ist noch ein Stück Kuchen dabei.
Heute steht mein für morgen vorbereitetes Frühstück schon auf dem Tisch:

Die heutige Etappe ist kurz, aber ich muss auch etwas kürzer treten, da ich sonst viel zu früh in Rom bin. Also trödele ich richtig durch die Gegend, was bei dem schönen Wetter und der Landschaft auch Spaß macht.
Eine Zeitlang laufe ich mit einer jungen Frau aus Brighton, die mich mit einem solchen englischen Dialekt voll quatscht, dass ich so gut wie nichts verstehe. Unter einem Vorwand lasse ich sie allein weiterziehen. Hoffentlich treffe ich sie morgen nicht wieder, sie übernachtet im gleichen Ort wie ich.

Dann eine richtig nette Unterhaltung mit Stefano. Stefano ist Italiener und – oh Wunder – er kann Englisch. Er wohnt in Italien, arbeitet in der Schweiz bei einer Firma, die weltweit Tunnel und Staudämme baut. Er läuft nur für ein paar Tage einige Etappen und erzählt mir, dass er zuletzt im August für eine Woche gelaufen ist und in der Zeit nicht einen Pilger getroffen hat.
Ich denke, dass im Moment mit mir etwa 8-10 Pilger parallel unterwegs sind.
Ich erreiche mein Ziel am frühen Nachmittag, Stefano will noch 15 km weiter.
Monteroni d’Arbia hat zwar einen schönen Namen, aber sonst gibt es hier nichts Interessantes zu sehen.

01.06.2015 Monteroni d’Arbia – Buonconvento (16 km)

Als ich anfangen will, meinen heutigen Bericht zu schreiben, meldet sich mein Smartphone, weil es nicht mehr genug Energie hat und aufgeladen werden möchte. Ich suche das Zimmer nach einer Steckdose ab, es gibt nur eine, neben dem Klo. Also sitze ich auf der Brille (einen Deckel gibt es auch nicht) und versuche mich zu erinnern.
Zuvor muss ich aber doch noch mal eben mein Smartphone loben. Es ist ein bisschen sensibel und braucht ab und zu ein paar Streicheleinheiten. Bevor ich auf die diesjährige Wanderung ging, fing es an zu bocken, schaltete sich von selbst aus und machte nur das, was es, aber nicht was ich wollte. Nun, es ist in der Generationsfolge der “Smartphone” mit seinen 5 Jahren schon etwas betagt und zeigt einen gewissen Altersstarrsinn. Aber auf der Wanderung hat es fast immer das getan, was ich brauchte.
Obwohl ich nicht “der” Technikfreak bin, bin ich so froh, das Gerät bei mir zu haben.
Es ersetzt Wanderkarten (da ich die gesamte Route vorher aufgespielt habe), Kompass, Notizbuch, Wecker, Taschenlampe, Radio, Wörterbuch, Bücher, Fotoapparat, Filmkamera. Ich kann im Internet etwas nachschlagen, Zimmer buchen, Mails senden und empfangen, ach ja, und telefonieren ist auch möglich. Genug gelobt…
Meine Wanderung heute ist kurz, aber da es nachmittags (für mich) zu heiß wird, muss ich zusehen, dass ich mein Ziel am Mittag erreicht habe.

Im Hintergrund sehe ich ziemlich dicke Berge, und das Höhenprofil meiner Route für die nächsten Tage stimmt mich nachdenklich.

Buenconvento war schon zur Römerzeit besiedelt und im Mittelalter ein wichtiger Handelsstützpunkt. Die noch gut erhaltene Altstadt mit seinen mächtigen Stadtmauern stammt aus dem 14. Jh.
Ich gehe ins Heimatmuseum. Die Lebensumstände der Bauern, die alle als Pächter arbeiteten, waren alles andere als rosig (wie fast überall in Europa).
Pilger habe ich heute keine getroffen, dafür eine Dame aus Braunschweig, die sich beschwerte, dass es hier im Ort nur ein Schuhgeschäft gibt.  Sie sei schließlich nach Italien gereist, um Schuhe zu kaufen.

02.06.2015 Buonconvento – San Quirizo d’Orcia (22 km)

Wieder ein strahlend blauer Himmel. Der Pilgerweg führt von der Schnellstraße SR2 ab, macht riesige Umwege durchs Gebirge, um irgendwann wieder die SR2 zu kreuzen.
Dabei liegt unter dieser Schnellstraße die eigentliche, von den Römern gebaute Via Cassia. Natürlich wurde sie aus militärischen Gründen gebaut, aber auch als Handels- und Pilgerweg genutzt. Die Pilger wurden inzwischen vertrieben, für die ist kein Platz mehr im modernen Verkehr.
Da die Schnellstraße aber heute verdächtig leer ist, laufe ich ein Paar Kilometer auf  ihr. Manchmal macht es auch Spaß auf Straßen zu laufen, wenn holprige steile Schotterwege die Alternativen sind.
Wie ich erst später erfahre, ist heute ein italienischer Nationalfeiertag, das erklärt den geringen Verkehr. In Torrenieri gönne ich mir einen Cappuccino und dann geht es auf kleinen, hügeligen Landstraßen nach San Quirizo d’Orcia. Den Namen hatte ich vorher noch nie gehört, dabei ist es wieder ein so richtig schöner uralter Ort  mit Stadtmauer und intakter Altstadt.
Meine Unterkunft erreiche ich schon mittags, aber wieder ist es zu heiß, um noch weiter zu laufen. Pilger habe ich heute keine gesehen.

Die Fußspuren Gottes
Ein französischer Gelehrter durchstreifte vor Jahren die Wüste. Er nahm als Führer einen Araber mit. Sobald die Sonne sank, breitete er einen Teppich auf dem Boden aus und verrichtete sein Gebet. Der Gelehrte lächelte: ”Hast Du jemals Gott gesehen?” ”Nein.” – “Dann bist du ein Narr, wenn Du an einen Gott glaubst, den Du niemals mit Deinen Augen gesehen, mit Deinen Händen betastet und gefühlt hast.“ Der Araber antwortete nichts. Am nächsten Morgen bemerkte der Gelehrte beim Heraustreten aus dem Zelt zu seinem Führer: „Hier ist heute eine Karawane gewesen.“ Da blitzte es in den Augen des Arabers auf. „Haben Sie die Karawane gesehen?“ -„Nein.“ -„Nein? – Dann sind Sie ein Narr, wenn Sie an die Karawane glauben, die Sie weder gesehen noch gehört noch gefühlt haben.“ „Oh“, erwiderte der Gelehrte, „man sieht doch hier im Sand ringsum die Spuren.“ –In diesem Augenblick stieg die Sonne in orientalischer Pracht am Horizont empor. Mit einer leichten Handbewegung wies der Araber nach Osten: „Sehen Sie die Fußspuren Gottes?“
Eine Geschichte von Willi Hoffsümmer

03.06.2015 San Quirizo d’Orcia – Bagni San Filippo (23 km)

Ich stehe schon um 5:00 Uhr auf, verzichte aufs Frühstück, da der Tag verspricht anstrengend zu werden. Und es ist auch wieder ein traumhaft schöner Morgen.
Über das kleine Bergdorf Vignoni geht es nach Bagno Vignoni. Die Piazza delle sorgenti ist eine ganz ungewöhnliche Piazza. Anstelle eines begehbaren Platzes befindet sich hier ein rechteckiges Wasserbecken aus dem 16.Jh. Es wird mit dem heißen Quellwasser der unterirdischen Thermalquellen gespeist.
Ich frühstücke in Bagno Vignoni, inzwischen ist es nach 08:00 Uhr und die Sonne sticht schon erbarmungslos und insgesamt sind heute über 700 Höhenmeter zu bewältigen.
Für den Rest des Tages nehme ich nicht mehr allzu viel von der schönen Natur wahr und kämpfe nur noch mit mir selbst.
Irgendwo treffe ich Helen (?) , die Engländerin, die ich nicht verstehen konnte. Sie sitzt völlig kaputt und entnervt am Wegesrand.

04.06.2015 Bagni San Filippo – Centeno (26,8 km)

Der Tag beginnt so, wie der gestrige aufgehört hat, mit vielen Höhenmetern in knalliger Sonne.Zwischen meiner Unterkunft und dem Bergdorf Radicofani liegen noch einmal 400 m Höhendifferenz und auch “oben”, auf 800 m Höhe ist es nicht besonders luftig.

Ich mache eine Pause in dem schönen Ort. Der Rest Hartkäse, den ich mir noch als Proviant verwahrt hatte, hat sich in Schmelzkäse verwandelt und ist ungenießbar.  Dann geht es überwiegend nach unten. Über 10 km laufe ich dann endlich einmal auf einem Teilstück der originalen “Via Cassia”, die an dieser Stelle nicht überbaut ist. Der Weg ist und war ca. 5 m breit, sodass gerade zwei Fuhrwerke aneinander vorbei kamen.
Die letzten 5 km verlasse ich den ausgeschriebenen Weg der “Via Francegina” und laufe am Rand der Schnellstraße zu meinem Zielort Centeno. Hier habe ich ein schönes B&B gefunden. Das Laufen am Rand der Schnellstraße ist zwar nicht lustig, bringt mich aber mindestens doppelt so schnell voran.
Centeno besteht aus etwa 20 Häusern, einer Kirche, keiner Einkaufsmöglichkeit, aber einem Restaurant. Jetzt warte ich sehnsüchtig auf 19:30 Uhr, denn dann gibt es was zum Essen…

05.06.2015 Centeno – San Lorenzo Nuevo (19 km)

Um 07:00 Uhr ist der Rucksack gepackt und es geht los. Erst muss ich aber wieder an einem dicken, weißen Hund vorbei,  der mich schon gestern am Weiterlaufen hindern wollte.  Nach 5 Minuten gibt er auf.
Die Etappe ist nicht besonders aufregend und geht über einige Kilometer wieder am Rand einer Schnellstraße entlang.  Eine kurze Kaffeepause in Aquapendente. Ich sehe nicht viel von der Stadt, es ist Wochenmarkt und ich schlängele mich nur zwischen den Verkaufsständen durch.
Aber ich treffe auf eine Pilgerin, Katharina, 30, aus Hamburg. Sie ist für eine Woche unterwegs. Wir laufen gemeinsam bis San Lorenzo Nuovo, es ist 11:00 Uhr und das Thermometer zeigt 32ºC
Da die Temperatur noch weiter ansteigen wird und der folgende Weg keinen Schatten bietet, mache ich schon Schluss für heute. Katharina läuft weiter.
Den Ort habe ich schnell erkundet. Von hier aus kann man schon mein morgiges Ziel sehen,  den Lago di Bolsena, der immerhin 1 1/2 mal so groß ist wie der Chiemsee.

06.06.2015 San Lorenzo Nuevo – Bolsena (12 km)

Es wird von Tag zu Tag heißer und meine Etappen von Tag zu Tag kleiner. Wenn das so weiter geht, komme ich Weihnachten in Rom an.
Als ich gegen 11:00 Uhr nach ca. 3 Stunden Laufzeit Bolsena erreiche, ist an ein Weiterwandern nicht mehr zu denken, da die Temperatur jetzt schon über 30ºC liegt und es auf der nächsten Etappe nur bergauf geht.

Dafür aber hat Bolsena viel zu bieten, ein für mich unverbrauchter Ort, in dem die Zeit still zu stehen scheint. Ein riesiger See, eine intakte Altstadt, eine Festung, die Basilika der Hlg. Cristina (in der gleich zwei von der Kirche anerkannten Wunder dokumentiert werden), Katakomben, Ausgrabungen…
Ich treffe ein Ehepaar aus Leipzig wieder, das ich vor drei (?) Wochen mal gesprochen habe. Beide sind körperlich fertig und gestehen mir, dass sie in den letzten Tagen mehr Bus gefahren als gelaufen sind.
Bisher konnte ich ja noch widerstehen…

07.06.2015 Bolsena

Ich entscheide mich, hier einen Tag länger zu bleiben. Die Lage ist zu schön. Was macht man an einem freien Tag?  Man zieht die Wanderschuhe an und wandert ohne Rucksack los. Es gibt einen schönen Weg, der am See entlang führt. Um den See herum zu laufen, wäre allerdings zu weit.
Es ist Sonntag, da sind auch viele Einheimische unterwegs. Noch ist es sonnig und heiß, sodass der See wirklich zum Baden einlädt.

Danach geht’s noch einmal in’s Städtchen, wo seit Tagen schon die Vorbereitungen laufen, für ein kirchliches Fest, das morgen (Montag) beginnt.
Die ganze Durchgangsstraße wird auf einer Länge von über 1 km geschmückt, auf dem Boden entstehen mit Sand und Blütenblättern Muster und sakrale Motive. Hunderte von Menschen sind im Einsatz, vor allem Jugendliche.
Es kann nicht jeder drauflos malen. Die Motive, Farben und Blütenarten liegen (wahrscheinlich seit Ewigkeiten) fest. Der ganze Ort ist beteiligt. Die Kleinen sprühen die ausgelegten Blätter laufend mit Wasser ein, damit sie nicht austrocknen.
Ich frage mich, was passiert, wenn es jetzt anfängt zu regnen? Leider passiert genau dies am späten Nachmittag. Nach tagelanger brütender Hitze kommt ein richtig kräftiges Gewitter mit Sturm, Hagel und Starkregen. Ich werde mir das nachher noch mal ansehen, ob noch etwas zu retten war. Die Aktiven tun mir leid.
Nachtrag: Ich habe es mir angesehen. Das Ganze hat zwar gelitten, ist aber halbwegs wieder zu reparieren.

08.06.2015 Bolsena – Montefiascone (18 km)

Nach dem gestrigen kräftigen Gewitter hätte ich erwartet, dass es heute kühler ist, aber den Gefallen tut mir das Wetter leider nicht.Der Tag beginnt wieder mit einem strahlend blauen Himmel. Mein Ziel befindet sich an der Süd-Ost-Ecke des Sees, allerdings, wie sich das für italienische Städte gehört, ganz oben auf dem Berg. Bei mehr als 300 m über dem Wasser hat man einen schönen Blick auf den “Lago di Bolsena”.

Die Stadt wird überragt von einer riesigen Burgruine. Die Burg war immer Rückzugsgebiet der Päpste, wenn es denen in Rom zu heiß wurde. Dann gibt es den Dom Santa Margarita, er ist der drittgrößte Italiens.

Von Montefiascone sollen es noch 100 km bis nach Rom sein (in Wirklichkeit ist es, da der Weg ständig wächst, etwas mehr). Diese letzten 100 Kilometer sind das Minimum, das man laufen muss, um die Urkunde in Rom zu bekommen (…und warum laufe ich dann so weit?)

Est! Est!! Est!!!
Aus Montefiascone ist ein italienischer Weißwein aus der Provinz Viterbo in der Region Latium mit kontrollierter Herkunftsbezeichnung (DOC). Angebaut wird er in den Gemeinden Montefiascone, Bolsena, San Lorenzo Nuovo,Grotte di Castro, Gradoli, Capodimonte und Marta. Das Weinbaugebiet liegt in der Nähe des Lago di Bolsena. Insgesamt 407 Winzer bearbeiten die 416 Hektar zugelassenen Reblands und erzielen einen Ertrag von ca. 20.000 Hektoliter. Der Name heißt in der Übersetzung: „Es ist (hier)! Es ist (hier)!! Es ist (hier)!!!“ Der Überlieferung nach soll im Jahr 1111 ein deutscher Prälat namens Johannes Fugger auf seinem Weg nach Rom einen Diener vorausgeschickt und beauftragt haben, bei allen Gasthöfen mit gutem Wein das Wort „est“ an die Tür zu schreiben. Dem Diener schmeckte in Montefiascone der Wein so gut, dass er gleich dreimal „est“ anschrieb. Fugger, dessen Grabstein heute noch in der Kirche San Flaviano in Montefiascone gezeigt wird, trank sich an dem Wein zu Tode: Est est est pr(opter) nim(ium) est hic Jo(hannes) de Fu(kris) do(minus) meus mortuus est. Diese Geschichte ist allerdings historisch nicht belegt. Während einiger Jahrhunderte jedenfalls wurde noch jährlich ein Fass des Weins auf dem Grab vergossen.

09.06.2015 Montefiascone – Viterbo (19 km)

Der Abschied von Montefiascone bietet noch einmal einen schönen Blick auf den Lago di Bolsena. Der Weg führt über etliche Kilometer über die original erhaltene “Via Cassia”, was man gut an den groben Pflastersteinen erkennen kann. Zu “Römers” Zeiten soll die Oberfläche fast plan gewesen sein, heute sind die Steine zum Teil erheblich verworfen, was das Wandern erschwert. Aber es ist ein schönes Gefühl über eine Straße zu laufen, die schon seit Jahrhunderten benutzt wird, von Händlern, Mönchen, Pilgern und Betrügern.

Ich treffe auf eine italienische Pfadfindergruppe, die für zwei Wochen auf dem Weg nach Rom ist, richtig nette Jugendliche, die auch mal versuchen, ihr weniges Englisch, das die können, anzuwenden.
Dann treffe ich noch Claudia, eine Deutsche, die einen Teil des Weges als “Vortour” erkundet, da sie im Herbst eine Wandergruppe leiten will. Es werden ca. 15 Personen sein, hierfür die richtigen Etappen und Unterkünfte zu finden, wird nicht einfach sein.
Wir erreichen gemeinsam die Thermalbecken der Bacucco-Quelle. Hier sollen schon Etrusker und Römer im 58ºC warmen Wasser versucht haben, ihre Zipperlein zu heilen.

Claudia will es ausprobieren, bei mir besteht bei mehr als 30º Außentemperatur und gleißender Sonne kein Wunsch nach heißen Quellen. Adieu Claudia…
Der Weg führt kurz vor Viterbo auf eine Straße ohne Randstreifen mit mörderischem Verkehr. Es ist laut, gefährlich und stinkt nach Abgasen. Ich habe keine Lust auf “Stadt”. Die Altstadt bietet wieder das Übliche: Stadttore,  intakte Stadtmauern und hunderte verwinkelte Gässchen. Mein Bedarf ist allmählich gedeckt.

10.06.2015 Viterbo – Sutri (》32 km)

Mein Reiseführer bietet zwei Wegalternativen, den “kurzen” Weg mit 28,5 km und mehr als 500 Höhenmetern und den etwas längeren Weg mit 38,2 km und dafür etwas weniger Steigung.
Ich entscheide mich für einen dritten Weg, ich weiß nicht genau, wie viel Kilometer ich gelaufen bin, ich weiß nur, dass ich ziemlich fertig bin.

11.06.2015 Sutri – Campagnano di Roma (24, 5 km)

Blauer Himmel! Sonne!
Der Weg führt über leicht hügeliges, aber weitgehend schattenloses Gelände. Von Sutri nach Monterosi sollen es nach meinem Reiseführer 9, 8 km sein. Nach gut 2 Stunden orte ich dann mal meinen genauen Standpunkt und muss feststellen, dass ich noch nicht mal die Hälfte der Strecke geschafft habe, da die Streckenführung verändert und weit ins Innere verlegt wurde. So werden schnell aus 9,8 km 14 (?) km.
Ob diejenigen, die den Streckenverlauf festlegen, selber schon mal wandern?
Der Weg ist aber insoweit interessant, da er durch endlose Haselnuss-Plantagen verläuft.
Vorbei geht es auch an einigen privaten Besitztümern mit solch langen Zufahrten, dass das eigentliche Haus nicht mehr zu erspähen ist. Wie viel Rasen die armen Eigentümer mähen müssen!

12.06.2015 Campagnano di Roma – La Storta (25, 6 km)

Ich starte um 05:00 Uhr.  Die Luft ist noch frisch und ich kann zügig durchlaufen. In den letzten Tagen habe ich oft an meiner Kondition gezweifelt, weil ich oft nach 20 Kilometern schon völlig erschöpft war. Es liegt aber einfach an den hohen Temperaturen, die ich offensichtlich schwer verkraften kann.
Der Weg führt noch einmal an einer Wallfahrtskapelle vorbei, einige Hügel müssen erklommen und einige Bachtäler durchschritten werden, danach geht es nur noch am Rand der Schnellstraße (Via Cassia) entlang. Wenn wirklich mal ein Bürgersteig da ist, ist er mit Autos zugeparkt oder mit Müllcontainern verstellt.
Es sind noch ca. 20 Kilometer bis zum Petersplatz. Mein Reiseführer schreibt, es seien die gefährlichsten der ganzen Tour, da der Verkehr gigantisch ist und Fußgänger in diesem System nicht eingeplant sind.
So werde ich morgen mit dem Bus oder der Bahn nach Rom fahren, auch wenn ich dann kein Testimonium beanspruchen kann, da ich die letzten hundert Kilometer nicht zu Fuß gegangen bin.
Aber Rom bewirkt schon seine Wunder. Ich habe heute 3 1/2 L Wasser getrunken (… ohne einmal pinkeln zu gehen).

13.06.2015 Rom – erste Impressionen

Morgens überlege ich noch, ob ich die letzten 20 Kilometer nicht doch wandere. Es wäre zu schön zu Fuß auf dem Petersplatz anzukommen. Aber schon nach einem Kilometer gebe ich auf. Der Verkehr ist mörderisch und Fußgänger sind nicht vorgesehen. Also fahre ich mit dem Zug zum Bahnhof Termini, in dessen Nähe ich eine Unterkunft gebucht habe. Genau liegt die Unterkunft an der Piazza Vittorio Emmanuele II, das ist eine sehr schöne Ecke Roms, ich vertrödele den ganzen Nachmittag in der unmittelbaren Umgebung und gerate noch in eine Guy-Parade. Mehr zu unternehmen, dazu kann ich mich nicht mehr aufraffen. Morgen ist auch noch ein Tag.

14.06.15 Rom Petersplatz I

Der Petersplatz ist das Ziel der Pilgerreise. Ich bin um kurz vor 10:00 Uhr da, natürlich auch, um in den Petersdom zu gehen, um mir meinen letzten Stempel abzuholen.

Auf dem Petersplatz windet sich eine endlose Schlange von Menschen, die alle in den Dom wollen. Geschätzte Wartezeit 2,5 Stunden. Dann eben nicht. Um 12:00 Uhr hält der Papst -wie jeden Sonntag – eine kurze Ansprache und spricht das Angelus-Gebet. Dann will ich wenigstens das erleben. Noch zwei Stunden warten sind lang, da es keine Sitzgelegenheiten gibt. Aber die wartende, immer größer werdende  Menge, ist eine fröhliche Gesellschaft aus allen Ländern der Welt. Neben mir ein Ehepaar aus Chile, das stolz die Nationalflagge schwenkt. Der Mann,  José, erzählt mir,  dass sie jahrelang gespart haben, um diesen Moment zu erleben. Ihm kullern die Tränen und aus Sympathie muss ich mit heulen. Dann sind da noch zwei (hübsche aber krummbeinige) Koreanerinnen, die von mir wissen wollen, was hier denn überhaupt los sei.
Punkt 12:00 Uhr erscheint der Papst mit einem “Buon Giorno” an seinem Fenster und die Menge bricht in Jubel aus. Seine kurze Ansprache hält er auf Italienisch, so dass ich nicht viel verstanden habe, außer dass er besonders die Pilger begrüßt hat. Ob er mich erkannt hat, das weiß ich nicht.
Nach der Ansprache und einem kurzen Regenschauer ist die Schlange der Menschen, die in den Dom wollen, erheblich geschrumpft. Also stelle ich mich auch an, es dauert trotzdem noch mehr als eine Stunde.
Ich war schon mal im Petersdom, aber es ist auch beim zweiten Mal ein überwältigendes Erlebnis.  Meinen Stempel im Pilgerpass habe ich trotzdem nicht, denn die zuständige Stelle hat sonntags geschlossen.
Nachmittags mache ich dann noch eine lange Wanderung durch das schöne Rom, vorbei an der Engelsburg, dem Nationalmuseum, dem Kolosseum, dem Forum Romanum und “gefühlten” 500 Kirchen.

15.06.2015 Rom Petersplatz II

Noch ein Versuch, um meinen letzten Stempel zu bekommen.Um 07:00 Uhr sitze ich in der Metro, um 07:30 Uhr stehe ich auf dem Petersplatz.  Aber es gab noch mehr Menschen, die auf die Idee kamen, so früh zu starten. Die Schlange ist so kurz/lang, dass ich nur eine 3/4 Stunde brauche, um in den Dom zu kommen.
Mein Reiseführer schreibt: “Den Stempel gibt es in der Sakristei. Aber als Normalsterblicher kommt man nicht in die Sakristei. Da hilft nur Beharrlichkeit”.
Der Reiseführer hat recht, man versucht mich abzuwimmeln. Ich gehe ihnen solange auf die Nerven, bis jemand geholt wird, um mich in die Sakristei zu führen. Der Prunk ist überwältigend. Ich bin tief beeindruckt, aber auch wütend. Ist das die Kirche, die Demut und Nächstenliebe predigt?
In der Sakristei werde ich von einem Priester (?) gefragt, ob ich nur den Stempel oder das Testamonium beanspruche. Als ich ihm zu erklären versuche, dass ich die letzten 20 Kilometer mit dem Zug gefahren sei, da mir der Straßenverkehr in Rom zu gefährlich sei, schaut er mich an, als habe ich alle Todsünden der Welt auf einmal begangen. Ich bin froh, dass die Zeiten der Inquisition vorbei sind. Aber ich bekomme meinen Stempel.

Dann bummele ich den restlichen Tag noch durch diese geschichtsträchtige, schöne Stadt, durch Travestere, am Flussufer entlang, zum Circo Massimo und durch …zig kleine Gassen und Kirchen.
Und wie immer, wenn es mir irgendwo richtig gut gefällt, stelle ich mir die Frage, ob ich hier wohnen möchte.  Nein, ganz bestimmt nicht, dafür ist es zu laut, zu hektisch, zu heiß, abgasverseucht und …ich kenne hier niemand.
Morgen geht es heim. Zeit, um Bilanz zu ziehen. Das Negative hat man schnell vergessen, es bleibt die Erinnerung an eine schöne Pilgerreise, besonders im Kernstück, der Toskana. Trotzdem war es “mir” zu heiß und durch die vielen Bergetappen zu anstrengend. Vielleicht liegt es auch am Alter??? (…oder am Teer in der Lunge?)