2006 Camino Francés

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Map of the route “2006 Camino Francés”: 865.348 m, 12.828 m of climbing and 12.929 m of descent, elevation between -31 m and 1.519 m. It starts at 43.16187, -1.23887 and ends at 42.89872, -9.26315 (latitude, longitude).

 

Die Vorbereitung

Außer gelegentlichen Fahrradtouren habe ich noch nie Sport betrieben. Kann ich dann eine solche Strecke laufen? Ich wusste es nicht. Im Herbst 2005 kaufte ich mir dann schon mal ein paar Wanderschuhe und fuhr, um sie auszuprobieren, zu einem in der Nähe liegenden Wanderparkplatz. Nachdem ich vielleicht 500 m gelaufen war, sah ich auf einmal ein Muschelsymbol. Ich war auf dem Jakobsweg im Teilabschnitt „Paderborn – Köln“. Jetzt stand für mich fest, ich werde auf jeden Fall gehen. Über das Internet informierte ich mich, was man mitnehmen sollte und was man besser zu Hause lässt.

Der Rucksack und einige andere Utensilien wurden gekauft und jedes Stück mit der Küchenwaage kritisch überprüft. Mehr als 8 kg sollte das Gesamtgewicht nicht sein (es wurden schließlich 8,5 kg, dazu kam dann noch das Gewicht der Wasserflaschen und ggf. Verpflegung).

Zur Vorbereitung machte ich mit Freunden noch einige ca. 20 km lange Wanderungen ohne Rucksack und bin dann einmal alleine mit Rucksack losmarschiert. Meine Hüften machten ein wenig Probleme, aber ich war optimistisch, ich würde es schaffen. Der Frühling sollte die ideale Zeit zum Wandern sein, obwohl dann noch die Gefahr besteht, dass es in den Bergen schneit. Ich buchte die Zugfahrkarten für die Hinreise für den 27. April 2006 und einen Rückflug von Santiago für den 08. Juni 2006.

 

Donnerstag, 27. April 2006

Jetzt ist es also soweit. Der Rucksack ist nach einer Musterpackliste aus dem Internet gepackt. Nachmittags nehme ich Abschied von Gerda, es fällt mir schwer, denn so lange waren wir in unserer 40-jährigen Ehe noch nie getrennt.

Heinz bringt mich zum Bahnhof nach Dormagen. Von dort geht es nach Köln und um 18:14 Uhr nach Paris. Der Zug ist pünktlich um 22:05 Uhr in Paris-Nord. Jetzt bleibt mir eine Stunde, um mit der Metro nach Paris-Austerlitz zu fahren. Im Bahnhof von Paris-Nord verlaufe ich mich natürlich erst mal, werde jedoch von freundlichem Personal auf den richtigen Bahnsteig geleitet.

Um 23:14 Uhr geht es im Liegewagen nach Bayonne. Vor der Abteiltür lerne ich Kurt kennen, den ersten Mitpilger. Kurt mault, weil er in einer dreistöckigen Liege ganz nach oben muss, aber es gibt keine andere Möglichkeit, der Zug ist brechend voll. Die anderen Mitreisenden liegen schon und warten darauf, dass endlich das Licht ausgeschaltet wird. Eigentlich wollte ich noch etwas essen, aber im Dunklen geht das schlecht, also drehe ich mich um und bin 5 Minuten später eingeschlafen…

 

Freitag, 28. April 2006
Bayonne St.-Jean-Pied-de-Port – Orisson (9 km)

Ich werde wach, als der Zug um 06:40 Uhr in den Bahnhof von Bayonne einfährt. Es bleibt keine Zeit mehr, um sich frisch zu machen. Zusammen mit Kurt gehe ich zum Bahnhofsrestaurant. Er stellt fest, dass sein Rucksack mit über 20 kg wohl doch zu schwer ist. Mein Rucksackgewicht beträgt gerade mal 8,5 kg. Kurt muss sich noch eine Fahrkarte kaufen. Als er am Schalter ist, merkt er, dass seine Geldbörse mit Bargeld und Scheckkarten weg ist. Er rennt zurück zum Zug, aber der ist mittlerweile abgefahren. Die Bahnhofspolizei will beim nächsten Halt das Abteil durchsuchen. Sie melden sich eine Stunde später mit der Nachricht, dass sie nichts gefunden haben.

Kurt hat sein Gepäck im Bahnhofsrestaurant zurückgelassen und mich gebeten, darauf aufzupassen, während er in den Ort wollte, um die Karten sperren zu lassen und den Vorfall bei der Polizei zu melden.

Um halb Acht werden Alle unruhig und gehen zum Bahnsteig. Auf meinem Fahrschein steht eine Abfahrtszeit von 08:56 Uhr, aber die Abfahrt ist auf 08:31 Uhr vorverlegt worden.

Jetzt stehe ich da mit dem Gepäck von Kurt, der natürlich noch nicht da ist. Mit meinen kaum vorhandenen Französischkenntnissen versuche ich einer Angestellten des Bahnhofrestaurants die Situation zu erklären und sie zu bitten, ein Auge auf Kurts Gepäck zu haben. (*Ich habe Kurt fünf Wochen später hinter Santiago wiedergetroffen. Seine Börse wurde ein paar Abteile weiter gefunden, allerdings ohne Inhalt. Er hat erst mal ein paar Tage in St.-Jean-Pied-de-Port verbringen müssen, um wieder an Geld und Kreditkarten zu kommen. Sein Rucksack wog nur noch 12 kg, einen Teil des Inhalts hat er – wie so manch anderer auch – mit der Post nach Hause geschickt.) Im Zug lerne ich Thomas aus Ulm kennen, der den „Camino“ in vier Wochen schaffen will und Gabor aus Budapest, der 25 Tage angesetzt hat. Wir gehen nach der Ankunft zusammen ins Pilgerbüro von St.-Jean-Pied-de-Port, werden dort als Pilger erfasst und bekommen unseren ersten Stempel in unser „Credencial del Peregrino“, den Pilgerausweis.

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Jetzt will ich aber endlich loslaufen, kaufe nur noch ein bisschen Wasser ein und dann geht es endlich durch das Tor von St.-Jean-Pied-de-Port, den gelben Pfeilen folgend, auf den Pilgerweg. Die erste Etappe beträgt nur 9 km, aber sie ist anstrengend, denn es geht von 180 m auf eine Höhe von 800 m. Das Wetter ist gut, leicht bewölkt und die Ausblicke auf die Berge und Täler sind fantastisch. Der Ginster blüht, freilaufende Pferde grasen auf den nicht eingezäunten Wiesen. Fast hätte ich mich gleich auf dem ersten Stück verlaufen, der Blick auf die gelben Pfeile ist noch nicht geschärft. Zum Glück ruft mich Thomas, der ein paar hundert Meter hinter mir läuft, zurück. Wir gehen zusammen bis zu meiner ersten „Auberge“, trinken dort noch einen Wein, dann bricht Thomas auf, er will heute noch Roncesvalles erreichen. Ich habe ihn danach nie mehr wieder gesehen. Ich sehe mir das Nachtquartier an, ein Zimmer mit 4 Doppelbetten, gehe erst mal duschen und wasche zum ersten Mal meine Sachen aus und hänge sie auf die Leine. Um 18:30 Uhr wird zusammen gegessen, wir sind 18 Gäste, Holländer, Schweizer, Brasilianer, Franzosen, Österreicher. Ich bin der einzige Deutsche.

In Frankreich gehört in den Herbergen das Abendessen automatisch dazu. Bezahlt habe ich 28 € für die Übernachtung, Abendessen und Frühstück. In der Nacht dann Schnarchgeräusche, die mich die kommenden sechs Wochen begleiten werden.

 

Samstag, 29. April 2006
Orisson – Roncesvalles (18 km)

Um 8:00 Uhr wird gefrühstückt, ein dicker Topf Kaffee, Baguette, Marmelade. Um 09:30 Uhr geht es dann los. Es ist anfangs nebelig, doch der Nebel löst sich zögernd auf. Über mir kreisen majestätisch Gänsegeier mit einer Flügelspannweite von 2,50 m.

Der Anstieg ist anfangs sehr steil, es wird immer kälter und ich bin zufrieden, dass meine Jacke gut warm hält. Die Landschaft ist wunderschön. Ich bin froh, dass ich diese Etappe laufe. Noch vor ein paar Tagen hatte ich mich entschlossen, nach Roncesvalles mit dem Bus zu fahren, da man mich gewarnt hatte, dass die Pyrenäenüberquerung sehr anstrengend ist und man mit Schnee rechnen muss. Zum Glück habe ich mich dann doch für das Laufen entschieden. Zwischendurch treffe ich Ger und Thea aus Venlo, die auch in Orisson übernachtet haben. Ein kurzer Plausch, dann geht es weiter.

Ein Markierungsstein zeigt an, dass ich das spanische Navarra betrete. Auf Wiedersehen Frankreich. Kurz danach erreiche ich mit 1420 m die höchste Stelle des Passes. Es ist zu kalt, um irgendwo eine Pause zu machen. Dann kommt noch ein im Reiseführer empfohlener Umweg über den Ibanetapass. Hier soll im Jahr 778 das Heer Karls des Großen entlang gezogen sein und von den Basken überfallen worden sein und der Roland, der später im Rolandslied besungen wurde, hat hier seinen Heldentod erlangt. Ich stelle mir das Säbelgerassel in dieser lieblichen Landschaft vor. Vor mir, tief im Tal, das Kloster Roncesvalles (ich weiß immer noch nicht, wie man das richtig ausspricht). Hinter mir ein Spanier mit seiner 9-jährigen Tochter, die von St.-Jean-Pied-de-Port ohne Zwischenübernachtung den Weg gewandert sind. Ich schwatze ein bisschen mit ihnen, bin erstaunt, welche spanischen Vokabeln in irgendwelchen Hirnzellen schlummern und lasse dem Mädchen die Freude, mich zu überholen und vor mir in Roncesvalles einzulaufen. Für 18 km habe ich 5 Stunden gebraucht, es war aber auch ganz schön anstrengend. Die Herberge in Roncesvalles wird erst um 16:00 Uhr aufgemacht. Es herrscht jetzt schon ein großes Gedränge. Dann, um 16:00 Uhr, werden die Formalitäten erledigt, man erhält seinen Stempel, bezahlt 5 € und kann sich im Schlafsaal (120 Betten) sein Nachtlager aussuchen. Es gibt bei den Männern nur 2 Duschen vor denen man Schlange stehen muss, aber auch das funktioniert.

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Abends gehe ich zur Pilgermesse, nicht weil ich so gläubig bin, aber ich denke, dass dies irgendwie dazugehört. Es werden alle Nationen genannt, die momentan anwesend sind (ca. 30-40). Als ich den Pilgersegen erhalte, lässt es mich doch nicht kalt. In einem Gasthaus esse ich das angebotene Pilgermenü (8 € / Makkaroni, Forelle mit Pommes Frites, Yoghurt, Rotwein und Brot). Wie ich später erfahren habe, ist die Zusammenstellung des Menüs seit Jahren unverändert. Warum soll man es auch ändern, wenn jeden Abend andere Gäste da sind. Ich rede ein bisschen mit einem spanischen Paar und einem Kolumbianer. Dann sind da noch drei Franzosen, aber aufgrund meiner mangelnden Französischkenntnisse ist eine Unterhaltung nicht möglich, schade. Ich schreibe eine lange Mail, doch als ich sie abschicken will, hat sich mein Mailserver inzwischen abgeschaltet. Noch ein Versuch, diesmal in Kurzform. Um 20:30 Uhr gehe ich ins Bett. Der Tag zieht an mir vorbei, er war anstrengend, aber traumhaft schön. Ich höre es irgendwo schnarchen und dann bin ich selber schnell eingeschlafen, ich glaube es war noch keine 21:00 Uhr…

 

Sonntag, 30. April 2006
Roncesvalles – Zubiri (23 km)

Um 06:00 Uhr wird geweckt. Als ich wach werde, stehen schon viele Pilger mit gepacktem Rucksack und warten, dass die Tür geöffnet wird, damit sie endlich loswandern können.

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Nach kurzer Katzenwäsche – es gibt nur zwei Waschbecken – geht es los. Es ist frostig, auf den Wiesen ist Raureif. Die Hände sind so kalt, dass ich sie in die Taschen stecke und meine Stöcke unter den Arm klemme. Ich beneide alle, die Handschuhe, Mütze und Schal mitgenommen haben. Aber es ist strahlend blauer Himmel, so allmählich verschwindet der Morgennebel. Nach ca. einer Stunde dann die erste Bar. Vor der Bar stehen bestimmt schon 10 Rucksäcke. Ein Café con leche (Milchkaffee), ein Bocadillo (ein ca. 40 cm langes, belegtes Stangenweißbrot), himmlisch.

An den Pasos de Roldán komme ich vorbei, langgestreckten Felsen, deren Länge dem Schrittmaß von Roland entsprechen soll. Mir wird klar, dass es sich um den gleichen Ritter Roland handelt, der mit Hildegund am Rhein gelebt hat und nach dem der Rolandsbogen und das Rolandseck benannt sind. Wie klein Europa ist und wie gemeinsam unsere Geschichte.

Es geht über den Erropass (801 m), es ist eine anstrengende, aber bezaubernd schöne Wanderung.

Gegen 12:30 Uhr bin ich schon in Zubiri, dem Ziel meiner heutigen Wanderung.

 

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Ich gehe über die „Puente de la rabia“, die Tollwutbrücke. Früher wurden hier tollwütige Tiere dreimal unter der Brücke durchgeführt, um sie von ihrer Tollwut zu heilen. Direkt hinter der Brücke liegt die (private) Herberge, die im Reiseführer empfohlen wurde, leider ist sie schon belegt, also weiter zur öffentlichen Herberge, eine alte Dorfschule. Diese Herberge wird im Reiseführer als die schlechteste des „Camino“ beschrieben. Es ist eng und die sanitären Einrichtungen sind nicht gerade einladend. Um 13:30 Uhr ist die Herberge bereits voll belegt. Ankommende Pilger werden weggeschickt. Später wird noch eine Turnhalle mit Bettgestellen (ohne Matratze) geöffnet. Was mag hier erst im Sommer los sein, wenn die Zahl der Pilger 3-5-mal so groß sein soll?

(*Nachtrag: der Ansturm auf die Herbergen hing mit dem 1. Mai und einem anderen spanischen Feiertag zusammen, den viele Spanier zu einem Kurzurlaub nutzten, später war es eigentlich unproblematisch, einen Schlafplatz zu bekommen.)

Jetzt ist es 14:00 Uhr. Es ist heiß. Ich sitze hier – nachdem ich geduscht und meine Wäsche gewaschen habe – in Shorts und kurzem Hemd und frage mich, wieso ich heute Morgen gefroren habe. Zusammen mit einem Paar aus Neuseeland und einem Pilger aus Kanada wird die spanische Weinwirtschaft angekurbelt. Gabor aus Ungarn ist auch da. Die Internationalität der Wanderer macht wirklich Spaß und ich bin froh, dass zumindest meine Englischkenntnisse für solche Gespräche reichen.

Dann schaue ich mir den „Ort“ an, aber da ist nicht viel Ort. An der „Puente de la Rabia“ pausieren gerade Maria und Helmut aus Wien, die ich in Orisson kennen gelernt habe, ein kleiner Plausch, sie wollen aber noch weiterwandern. In einer Gaststätte treffe ich Ger und Thea aus Venlo wieder. Wir reden ein Stündchen und essen anschließend zusammen ein Pilgermenü (10,50 €).

Nachts geht wieder das Geschnarche los, ich versuche meinen Ohrstöpseln klarzumachen, welche Funktion sie eigentlich haben sollen und schlafe darüber ein…

 

Montag, 01. Mai 2006
Zubiri – Pamplona ( ca. 22 km)

Gegen 06:45 Uhr werde ich wach, Geraschel, Schein von Taschenlampen, Gehuste, allgemeiner Aufbruch. An Waschen, Rasieren und alles, was man sonst morgens noch so gerne erledigt, ist nicht zu denken, denn es gibt nur ein Waschbecken und eine Toilette für ca. 60 Personen. Also bin ich um 07:00 Uhr schon startklar. Das gleiche Bild wie gestern, anfangs ist es sehr kalt, aber wieder ein traumhaft sonniger Tag.

Zuerst geht es an einer Mondlandschaft vorbei, eine hässliche Industriebrache einer Magnesitfabrik. Von Rekultivierungsmaßnahmen wie in unseren Braunkohlegebieten hat man hier wohl noch nichts gehört. Es sind Wunden, die man hier in die Natur gerissen hat und die sich nicht von alleine schließen können. Dann, nach einer Stunde, endlich wieder Natur, wunderschöne Wanderwege entlang eines Flusses (Arga).

Ich esse die Reste meines Bocadillos von gestern und trinke in einer Bar einen Kaffee.

Schon kurz nach 12:00 Uhr erreiche ich die mittelalterliche Magdalena-Brücke und das „Refugio Paderborn“, eine von einem deutschen „Hospitalero“ geleitete Herberge. Der Hospitalero Hermann sitzt auf der Bank vor der Tür, er drückt mir erst mal einen Saft in die Hand. In der Herberge wird noch geputzt.

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Hermann stammt aus Ostdeutschland, ist den Camino mehrmals gelaufen und erläutert, dass ihm der Weg und die Menschen auf dem Weg so viel gegeben haben, dass er so voller Dankbarkeit ist, dass er nun etwas zurückgeben will. So hat er sich entschlossen – ehrenamtlich – diese Herberge zu führen, in Verbindung mit dem „Freundeskreis der Jakobusbrüder Paderborn“.

Er erzählt, wie er das heruntergekommene Haus, das in sehr schöner Lage direkt am Fluss Arga liegt, übernommen und restauriert hat, welche Probleme mit Behörden und fehlendem Geld existieren. Im Internet hat er eine Seite, auf der die Herbergen des Caminos beschrieben werden. Er überhäuft mich mit Tipps, wo man hin gehen soll und muss und wo besser nicht. Leider konnte ich nicht alles behalten.

Neben Hermann existieren noch zwei Frauen, die jeweils für ein bis zwei Monate – natürlich auch ehrenamtlich – mithelfen. Mir wird angeboten, meine Wäsche zu waschen und zu trocknen, was ich auch gerne annehme.

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Am Nachmittag gehe ich dann in die 20 Minuten entfernte Altstadt von Pamplona. Es gibt Orte, die sind einem direkt sympathisch oder auch nicht. Pamplona mochte ich sofort. Neben einer riesigen Festungsanlage existiert eine gemütliche Altstadt, in der es vor Leben nur so quirlt. Ich will nach Hause telefonieren, kapiere das System nicht, verschwende 3 Euro und bekomme doch keine Verbindung.

In einer Tapasbar gönne ich mir zwei Gläser Rotwein und ein paar fischige Kleinigkeiten. Neben mir steht ein Spanier mit dem ich über die Probleme der Welt philosophiere, als dann das Gespräch in Richtung „Deutsche Bundesliga“ und WM übergeht, gehe ich lieber.

Ich spaziere durch die Stadt, mache viele Fotos, die ich zum großen Teil später durch ein Missgeschick alle wieder lösche.

Am Abend esse ich das Pilgermenü, zusammen mit Ger und Thea, sowie Marlene und Rudolf aus Boppard in einer Art Sportzentrum.

Dann gehe ich noch einmal allein in die Altstadt von Pamplona, trinke einen letzten Rotwein und genieße die Atmosphäre der Stadt.

 

 

 

Dienstag, 02. Mai 2006
Pamplona – Obanos über Eunate (25,7 km)

Aus einer größeren Stadt herauszulaufen macht keinen Spaß. Um 7:30 Uhr bin ich gestartet, es ist fast 09:00 Uhr als ich Pamplona dann endlich hinter mir habe. Die Temperaturen sind schon morgens so hoch, dass ich keine Jacke brauche. Es geht durch Korn- und Rapsfelder.

Durch roten Mohn, blaue Kornblumen, gelben Ginster und einen strahlend blauen Himmel ergibt sich eine Symphonie von Farben. Danach kommt ein steiniger, steiler, anstrengender Weg auf die Passhöhe des Puerto del Perdón, wo ein Windpark mit 40 gewaltigen Windrädern steht und die Landschaft verschandelt.

Daneben die Skulpturen einer Pilgergruppe aus rostigem Blech. Ich entschließe mich, sie schön zu finden. Noch schöner aber finde ich den Blick von oben auf die Weiten und die Felder von Navarra.

Der Abstieg ist extrem steil. Neben mir hüpft eine spanische Gruppe von Kindern und Jugendlichen in atemberaubendem Tempo den Berg hinunter. Ein Betreuer erklärt mir, dass es sich um Problemkinder aus sozial schwierigen Verhältnissen handelt, die über drei Wochen eine Teiletappe des Caminos machen (allerdings nur mit leichtem Gepäck).

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Ich nehme den empfohlenen Umweg zu der kleinen, geheimnisvollen, romanischen Kirche Santa María de Eunate. Das oktogonale Gebäude ist umgeben von einer ebenfalls achteckigen Bogengalerie. Kunsthistoriker vermuten, dass Santa María de Eunate Ende des 12. Jh. erbaut wurde. Über die Bauherren gibt es Spekulationen. Es wird vermutet, dass Templer die Kapelle nach dem Vorbild des Heiligen Grabs in Jerusalem errichteten und später der Johanniter Orden die Kirche mitsamt einer Pilgerherberge übernahm. Manche sprechen auch davon, dass dieses Kirchlein den Jakobspilgern als Friedhofskapelle diente. Auch gibt es Spekulationen, dass Fundamente der Kirche noch aus vorchristlicher Zeit stammen.

Die Kirche liegt zwar nicht mehr in der in den Büchern beschriebenen Einsamkeit, aber ich kann mich ihrer Mystik nicht entziehen. Erstaunlicherweise bin ich fast der einzige Besucher. Wo sind eigentlich die anderen Pilger? Ich bleibe fast eine Stunde, dann kommt noch ein Besucher, ein Geistlicher aus den Südstaaten der USA, der nur nach Spanien geflogen ist, um sich diese Kirche anzusehen.

Der Reiseführer schreibt, dass im benachbarten Dienstgebäude ein Ehepaar wohnt, das sich um die Kirche kümmert und „für Notfälle“ auch Unterkunft gewährt. Später erfahre ich von einer Mitpilgerin, dass sie auch ohne Not dort übernachtet hat, an einer kleinen Messe in der Kirche teilgenommen hat, von dem Ehepaar rührend betreut wurde und dass dies eine der größten Erlebnisse ihrer Reise war. Schade, das hätte ich auch gern erlebt.

So wandere ich weiter nach Obanos und quartiere mich in einer privaten, sehr guten Herberge (mit Waschmaschine und Trockner) ein.

Nach dem Duschen und Wäschewaschen wird ein kleiner Rundgang durch den Ort gemacht. Aber neben ein paar Geschäften und einer Kirche gibt es hier nicht viel. Vor der Kirche sitzt eine Gruppe Brasilianerinnen (Pilger), die gerade ihre Blasen behandeln. Ich kaufe eine Telefonkarte, sie funktioniert nicht und als ich sie im Geschäft reklamieren will, hat der Laden zu.

Marlene und Rudolf sind auch wieder da. Es ist früher Abend, die Einheimischen treffen sich zum Plausch, die Kinder spielen, die Kirchenglocke lädt zur Messe ein.

Ich warte, bis es endlich 20:00 Uhr wird, dann gibt’s das Pilgermenü.

Beim Einschlafen versuche ich zusammenzuzählen wie viel Kilometer ich bisher gelaufen bin. Es müssten knapp 100 km sein, doch beim Zählen schlafe ich ein…

 

Mittwoch, 03. Mai 2006
Obanos – Estella (24 km)

Um 07:30 Uhr starte ich in Richtung Puente la Reina. Dies soll einer der bekanntesten Orte des Jakobsweges sein. Aber als ich um kurz nach 08:00 Uhr ankomme, schläft der Ort noch. Städte sind weitgehend uninteressant, wenn (außer ein paar Pilgern) keine Menschen auf der Straße sind und die Geschäfte noch geschlossen sind. Ich sehe mir die berühmte Brücke von allen Seiten an. Die Architektur und die sich daraus ergebende Spiegelung im Wasser sind beeindruckend. Die Brücke wurde im Auftrag der Königin von Navarra im 11. Jh. erbaut, um den Pilgern die Querung des Arga zu erleichtern. Vorher waren sie auf Fährleute angewiesen, die sie ganz schön ausgenommen haben sollen.

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Einige Kilometer hinter Puente la Reina kommt eine Steigung, vor der im Reiseführer gewarnt wird. Etwa 1,2 km geht es auf einem Lehmweg steil bergauf. Zum Glück ist es trocken, aber bei Regen muss dieser Weg die Hölle sein, da man dann bis zu den Knien im Matsch versinkt.

Es ist heiß, anstrengend, aber schon zu schaffen. Danach lande ich auf einer Straßengroßbaustelle. Zum Glück sind genügend gelbe Pfeile da, um mir die Richtung zu zeigen, aber es macht keinen Spaß.

Ich weiß nicht, warum hier in Nordspanien so viele neue Straßen gebaut werden. Mitunter muss man an den Straßenrändern entlang laufen und es kommt vielleicht alle viertel Stunde mal ein Fahrzeug. Wahrscheinlich sind hier EU-Gelder locker gemacht worden, die völlig unnötig die schöne Landschaft verschandeln und woanders fehlen. Ich frage mich, warum ich eigentlich nur Fotos mache, die die schönen Seiten des Weges zeigen, es gibt auch genug Hässliches. Der restliche Weg ist hart, lehmig, steinig oder „asphaltig“. Die Füße tun weh, ich habe heute keine Lust mehr.

Um 14:30 Uhr erreiche ich Estella. „Estella die Schöne“ schreibt der Reiseführer. Die Herberge ist die schlechteste, die ich bisher kennen gelernt habe. Sie hat 130 Betten und es ist so eng, dass ich nicht weiß, wohin ich meinen Rucksack stellen soll. Die Stadt mag ich auch nicht, aber vielleicht hätte ich sie unter anderen Umständen schön gefunden.

In der Herberge treffe ich Ger und Thea wieder. Sie sitzen gerade vor dem Rechner. Ich schreibe meine E-Mails in einer Bar mit Internet-Anschluss, stelle aber später fest, dass sie nie angekommen sind.

Insgesamt: kein glücklicher Tag!

 

Donnerstag, 04. Mai 2006
Estella – Kloster Irache – Villamayor de Monjardin – Los Arcos – Torres del Rio (30 km)

Es gibt schon um 06:30 Uhr Frühstück, natürlich das typisch spanische: Kaffee, Zwieback und Marmelade. Der Himmel ist teilweise bedeckt, die Landschaft wird flacher, neben den Getreidefeldern tauchen die ersten Weinstöcke auf. Ich überlege, ob ich schon mal Wein aus Navarra getrunken habe. Schon um 07:00 Uhr bin ich am Kloster Irache mit seinem berühmten Weinbrunnen. Das Kloster kann man um diese Zeit nicht besichtigen, aber der Weinbrunnen ist auf.

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Also wird am frühen Morgen – es dämmert noch – eine Weinprobe gemacht. Ich leere eine meiner drei Wasserflaschen, die ich immer mit mir rumschleppe, und ersetze das Wasser durch Wein. Es geht weiter nach Villamayor de Monjardin, dort will ich eigentlich nach 12,5 km noch einmal vernünftig frühstücken, aber es hat noch alles geschlossen. Also geht es weiter nach Los Arcos. Zwischendurch mache ich am Wegesrand Pause, esse ein Baguette von vorgestern mit einem Stück Käse und meinem Wein, lecker. Dann gibt es als Nachtisch noch eine Apfelsine. Ich habe mir gestern 4 dicke Apfelsinen gekauft und dabei nicht bedacht, wie schwer sie sind und dass ich sie ja ständig schleppen muss.

Eigentlich sollte Los Arcos (22 km) mein Ziel sein, aber es ist noch früh, das Laufen macht Spaß und ich gehe weiter bis Torres des Rio. Natürlich liegt der Ort wieder ganz oben. Neben der öffentlichen Herberge wird eine private empfohlen, Casa Mari, die ich ansteuere.

Casa Mari ist wirklich schön, ich dusche, wasche meine Wäsche und sitze auf einer Terrasse mit schönem Ausblick auf die Landschaft und rede mit einer Gruppe aus Brasilien (in Portugiesisch/Spanisch/Englisch).

Dann lerne ich Rosi kennen, Rosi ist Hartz-IV-Empfängerin aus Weimar, ihr Mann auch. Rosi ist nicht gerade unsympathisch, aber auch nicht besonders attraktiv. Zuletzt hat sie vom Arbeitsamt eine Fortbildungsmaßnahme als Ayurveda-Beraterin bezahlt bekommen. Natürlich hat sie auch damit keinen Job gefunden. Jetzt hat sie dicke Blasen an den Füßen und befindet sich schon seit zwei Tagen in der Herberge, da sie eine „Auszeit“ nehmen muss.

Ich will in der öffentlichen Herberge das angebotene Pilgermenü einnehmen, aber dort wird in zwei Schichten gegessen. Die erste Schicht ist voll und die zweite ist mir zu spät.

Also esse ich – zusammen mit Rosi auf der Terrasse – Wein, Brot, Käse und … eine Apfelsine.

 

Freitag, 05. Mai 2006
Logroño – Ventosa (20 km)

Rosi hinkt durch ihre „Auszeit“ in Torres del Rio ihrem Zeitplan hinterher und will deshalb ein Stück des Weges mit dem Bus fahren. Auch ich habe keine Lust durch eine große Stadt wie Logroño zu laufen, die kulturell nichts zu bieten haben soll. Deshalb wandern wir erst ein Stück zusammen, nehmen dann den Bus nach Logroño und von dort aus einen anderen Bus nach Ventosa, das kurz hinter Logroño liegt. Das, was wir vom Bus aus gesehen haben, lässt uns nicht trauern, den Weg nicht zu Fuß gemacht zu haben, eine ziemlich triste Städtelandschaft.

In Ventosa trennen wir uns wieder. Ich stelle fest, dass ich meinen geliebten (Aldi-)Hut in der letzten Herberge liegen gelassen habe. Ich frage eine Spanierin, wo man Hüte kaufen kann, sie führt mich zu einem kleinen Textilladen, in dem ich mir eine halbe Stunde ein Verkaufsgespräch zwischen einer „Miss-Molly-Spanierin“ und der Verkäuferin anhören muss, welcher BH in welcher Farbe für Miss-Molly am besten geeignet sei. Das einzige, was die Verkäuferin mir zu bieten hat, ist eine schreckliche blau-violette Kappe mit dem Aufdruck „Kevin“. Aber die Sonne ist so heiß, dass ich sie nehme, komme mir aber mit der Kappe ziemlich blöd vor.

Zum Mittagessen kaufe ich einen Korb Erdbeeren für 1 €, kleinere Einheiten waren nicht zu bekommen. Die Erdbeeren sind sehr lecker, aber die Menge nicht zu schaffen. Also verschenke ich den Rest.

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Auf dem Weg nach Ventosa gehe ich zu einem im Reiseführer empfohlenen Friedhof. Die Portale stammen noch von einem ehemaligen Pilgerhospital aus dem 12. Jh.. Die Kapitelle zeigen Pilger, die essen, trinken und sich waschen. Irgendwie fühle ich mich diesen Pilgern, die vor 800 oder 900 Jahren hier vorbeigezogen sind, verbunden. Manchmal frage ich mich, ob sie mir von oben zugucken. Der Friedhof ist ruhig und schön. Als ich wieder vom Hauptportal auf die Straße gehe, treffe ich Maria und Helmut. Sie fragen, ob ich auf dem Friedhof übernachtet habe. Gemeinsam gehen wir noch einmal hinein. Sie sind froh, dass ich sie darauf aufmerksam gemacht habe, denn sie wären vorbeigelaufen. An wie vielen Orten mag ich schon vorbeigelaufen sein, die so viel zu bieten haben? Wir trennen uns wieder. Am Himmel zeigen sich dicke schwarze Wolken. In Ventosa will ich in einer Bar eigentlich nur etwas trinken und erreiche die Pilgerherberge „Albuerge San Saturnio“. Vor der Herberge wartet eine Gruppe von Pilgern. Ich komme mit zwei Däninnen ins Gespräch, Doris und Berit, beide schon über 60. Doris ist eigentlich Deutsche, aber sie hat es irgendwann mal nach Dänemark verschlagen. (Später erzählt mir Peter, ein Österreicher, dass Doris für ihn die „schönste Frau des Caminos“ sei.)

Ich beschließe, dass ich heute genug gewandert bin (12 km) und hole mir in der Herberge meinen Stempel. Ich will den Herbergsvater fragen, warum er mit chinesischen(?) Schriftzeichen unterschreibt, vergesse es aber wieder.

Dann das Übliche, Duschen, Waschen, Wäscheaufhängen. Ich gehe zu der oberhalb der Herberge gelegenen, uralten Kirche, die natürlich wieder verschlossen ist. Auf einer Bank sitzt ein alter Mann mit seinem Hund, ich setze mich zu ihm, komme aber mit seinem Dialekt nicht zurecht, ein Gespräch ist nicht möglich, schade. So lächeln wir uns an, ich gehe durch den kleinen Ort, es fängt an zu regnen. Gut, dass ich meine Wanderung heute so früh abgebrochen habe.

Abends bekommen wir unser Pilgermenü in einer Gaststätte, es ist eine nette Runde, die Däninnen, ein Schotte, eine Irin, eine Mexikanerin, ein Pilger aus Ontario und …Rosi ist auch eingetroffen.

 

Samstag, 06. Mai 2006
Ventosa – Santo Domingo de la Calzada (33 km)

In dieser Herberge gilt die Spielregel, dass keiner vor dem offiziellen Wecken aufstehen darf. Um 06:30 Uhr wird mit Bach-Musik geweckt, sie ist so schön, dass ich gar keine Lust habe aufzustehen.

Draußen regnet es leicht, also schnüre ich die Regenhülle um den Rucksack und los geht’s. Es wird ein Wechsel von schwachem Regen, starkem Regen und Sonnenschein, d.h. Regenponcho an, Regenponcho aus. Mein Poncho ist ziemlich groß und lässt sich über den Rucksack ziehen, aber allein schaffe ich das nicht und brauche jedes Mal Hilfe.

Bei dem Gewurstel, den Poncho allein anzuziehen, verliere ich den zugehörigen Packbeutel, den aber jemand findet und in der nächsten Herberge bekomme ich ihn zurück.

Die Wanderung im Regen macht eigentlich Spaß. Der Regen ist warm, ich komme mir vor wie unter der Dusche. Ich frage mich, warum ich zu Hause nie auf die Idee kommen würde, im Regen zu wandern.

Die Landschaft ist nur leicht hügelig, Getreide- und Weinfelder, Hecken, Nachtigallengesang (wann habe ich das letzte Mal Nachtigallen gehört?). Durch den Regen sind die Gerüche sehr intensiv, nach Erde, nach Blumen … Ich bin völlig eins mit der Natur, singe, kämpfe mit den Tränen.

In einer Bar mache ich Rast, einige andere Pilger sind schon da, jeder braucht drei Stühle, um die nassen Regenponchos abzulegen. Dann habe ich wieder Probleme, meinen Poncho anzuziehen. Die Bedienung hilft mir.

Es regnet immer noch, die nassen Hosenbeine kleben. Andere waren so clever, die Hosenbeine vorher abzuzippen. Der Weg ist lehmig, klebrig und ich habe dicke Klumpen an den Schuhen und habe das Gefühl, ich wandere auf Stelzen.

In Santo Domingo de la Calzada gehe ich in die erste Herberge, sie ist uralt. Die Übernachtung ist frei, aber es wird eine Spende erwartet, ich spende 5 €. In dem Schlafraum ist es so eng, dass das gesamte Gepäck auf den Betten liegt. Ich weiß nicht, wohin mit meinen nassen Klamotten und beschließe, nachdem ich auch noch höre, dass die Duschen kalt sind, mir ein anderes Quartier zu suchen. Das ist jedoch gar nicht so einfach. Einige Hotels, bei denen ich anfrage, sind belegt. Ich frage einen Einheimischen, der führt mich zum „Restaurant Rio“, dort werden auch Zimmer vermietet. Für

20 € bekomme ich ein einfaches Zimmer (Toilette/Dusche auf dem Gang). Aber ich bin froh, denn hier kann ich mich wenigstens duschen und meine Sachen reinigen. Die Wäscheleine, die ich mitgenommen habe, wird quer durchs Zimmer gespannt.

Die Stadt ist sehr schön, sie wurde 1044 gegründet (aus dieser Zeit stammt wahrscheinlich die Herberge) und war früher mal Bischofssitz. Der Besuch der Kathedrale ist mit der Besichtigung eines Museums gekoppelt, für das ich aber keine Zeit mehr habe. Aber da kurz darauf eine Messe beginnt, habe ich doch noch die Möglichkeit, mir die Kathedrale kostenlos anzusehen. Darin befindet sich u.a. ein gotischer Käfig mit zwei lebenden Hühnern. Dies hängt mit der Legende vom Hühnerwunder zusammen.

Ich esse für 8 € mein Pilgermenü, einschließlich einer Flasche Wein. Das Essen ist gut, aber ich bin allein, das macht weniger Spaß.

 

Sonntag, 07. Mai 2006
Santo Domingo de la Calzada – Granon – Redecilla del Camino – Viloria (12 km)

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Santo Domingo de la Calzada ist für folgende Legende berühmt: Ein Ehepaar war mit seinem Sohn auf Pilgerfahrt nach Santiago und übernachtete in einem Wirtshaus in Santo Domingo. Die Wirtstochter verliebte sich in den Sohn, aber der wollte nichts von ihr wissen und zog am nächsten Tag mit seinen Eltern weiter. Das beleidigte Mädchen hatte aber einen silbernen Becher in das Gepäck des Jungen gesteckt und zeigte ihn des Diebstahls an. Der Becher wurde entdeckt und der Junge zum Tod durch Erhängen verurteilt. Als die Eltern nach Vollstreckung der Todesstrafe noch einmal zu dem Baum gingen, an dem ihr Sohn hing, stellten sie überrascht fest, dass der Junge lebend am Galgen hing, denn Santo Domingo stützte ihn an den Beinen. Das Ehepaar begab sich also zum Richter, um ihm von dem Wunder zu berichten, das ja die Unschuld ihres Sohnes bewies. Der Richter saß gerade am Mittagstisch und sagte, dass der Junge so lebendig sei wie die zwei Hühnchen, die er gerade verspeisen wollte. Daraufhin flogen die beiden Tiere davon.
Seitdem werden in der Kathedrale von Santo Domingo in einem Käfig ein weißer Hahn und eine weiße Henne gehalten, die wöchentlich ausgewechselt werden.

 

Bevor ich die Stadt verlasse, schaue ich mir noch die Störche auf dem Glockenturm an. Die Landschaft ist recht eben, aber im Hintergrund sind schon wieder Berge zu sehen. Der Boden ist hart und mein Kreuz tut weh, vielleicht muss ich den Rucksack anders einstellen. Bisher habe ich Glück gehabt, keine Blasen an den Füßen, keine geschwollenen Beine, wie andere Pilger, aber jetzt komme ich nach dem Sitzen nicht mehr hoch, ohne mich aufzustützen. Ich mache heute schon nach 12 km Schluss in einem Nest mit dem klangvollen Namen „Viloria de la Rioja“, ein paar zum Teil verlassene Häuser, kein Geschäft, keine Bar, nichts. Die Herberge wird von einem brasilianischen Paar, Acacio und Orietta geführt. Ich bin der erste Gast, unterhalte mich längere Zeit mit Acacio, er erzählt mir, dass sie schon seit ein paar Jahren diese Herberge führen. Alles läuft auf der Basis von freiwilligen Spenden. Kurze Zeit später trudelt auch Rosi ein. Der Nachmittag ist lang, draußen ist es trotz strahlend blauem Himmel ziemlich kühl und windig.

Nach einem Mittagsschlaf gehe ich in den gemütlichen Aufenthaltsraum. Quer durch den Raum ist eine Hängematte gespannt und es gibt ziemlich viele Bücher und Bildbände. Ich lese einige Zeit lyrische Gedichte auf Portugiesisch und bin erstaunt, wie viel ich verstehe.

Abends wird gemeinsam ein Abendessen gezaubert.

Wir sitzen alle an einem Tisch, drei (verknöcherte) Schwedinnen, ein 18-jähriger brasilianischer Sunnyboy, der in Los Angeles wohnt, ein Spanier, ein Portugiese, ein Israeli, eine Deutsche, ich und natürlich Acacio und Orietta. Vor dem Essen bittet Acacio, dass sich jeder kurz vorstellt und ggf. erzählt, warum er den Weg macht. Die Meisten können die Frage nicht so einfach beantworten, da die Gründe vielschichtig sind. Der Spanier erzählt, dass er ein Gelöbnis abgelegt hat, dass, wenn er seine Krebskrankheit überwindet, er nach Santiago pilgern will. Jetzt sei er auf dem Weg.

Dann wird gemeinsam gegessen, Rotwein getrunken, erzählt und gesungen. Es war ein wunderschöner Abend, den ich nicht vergessen werde.

 

Montag, 8. Mai 2006
Viloria – San Juan de Ortega (32 km)

Es ist eiskalt und windig. Hätte ich doch nur Handschuhe dabei. Es wird wieder sehr gebirgig, auf den Höhen liegt Schnee. Aber die Landschaft ist wunderschön und das Wandern macht Spaß. Auf dem Weg muss ich noch über die Hospiteleros von gestern nachdenken, die wirklich ein ganz einfaches Leben führen. Jeden Abend so viele internationale Gäste haben und mit ihnen gemeinsam den Abend zu verbringen, das muss schon schön sein. Acacio und Orietta haben eine Fürsorge und Gastlichkeit ausgestrahlt, die beeindruckend sind. Beim Abschied lagen wir uns alle in den Armen.

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Nach einer Passüberquerung komme ich abends in San Juan de Ortega an. Das ist ein uraltes Kloster, teilweise noch aus dem 12. Jh.. Die Schlafräume kommen mir allerdings noch älter vor. Alles ist dunkel, eiskalt, kein warmes Wasser, aber ich hatte über dieses Kloster vorher so viel gelesen, dass ich unbedingt hier bleiben will. Der Pfarrer hält abends die Messe und teilt danach seine berühmte Knoblauchsuppe aus (alles auf Spendenbasis). Anschließend kümmert er sich um die seelischen und körperlichen Probleme der Pilger und verpflastert auch Füße.

Doch da gibt es ein Problem. Ich habe einen Bärenhunger, doch der Termin für das Pilgermenü in einer kleinen angeschlossenen Bar und der für die Messe ist für beide 20:00 Uhr. Im Kampf zwischen Hunger und Balsam für die Seele siegen die Primärbedürfnisse.

Die Spiritualität des Ortes ist beeindruckend, seine primitiven Unterkünfte auch, aber ich bin trotzdem geblieben, habe mich erstmals nicht geduscht und bin mit Pullover und allem was ich anhatte und mit den Zähnen klappernd in den Schlafsack gekrabbelt und habe mich bemüht, das Bettzeug (wahrscheinlich auch aus dem 12. Jh., mit Flecken aus den folgenden Jahrhunderten) nicht zu berühren.

 

Dienstag, 09. Mai 2006
San Juan de Ortega – Burgos (ca. 30 km)

Um 06:00 Uhr morgens steige ich aus dem Schlafsack, reibe mit eiskaltem Wasser ein bisschen die Sandkörnchen aus den Augen und starte. Ich fühle mich klebrig und hungrig, außerdem ist es kalt(!!!). Im Reiseführer stand, dass es morgens zumindest Milchkaffee gibt. Aber vorher muss man in der kalten Kirche noch eine Messe über sich ergehen lassen.

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Schon um 07:00 Uhr erreiche ich Atapuerca, berühmt als die Heimat der ersten Europäer. In der Nähe liegen Höhlen, in denen Knochen und Reste 800.000 Jahre alter menschlicher Zivilisation gefunden wurden. Aber es ist noch alles geschlossen und ich will nicht bis zu den Öffnungszeiten warten. Schade, aber alles geht nicht. Nach 2 Stunden Wanderung finde ich eine Bar und siehe da, es gibt Café con leche, Croissants mit Schokolade und frisch gepressten Orangensaft. Wie gut kann ein Frühstück schmecken. Die Temperatur steigt allmählich, die Wanderung ist traumhaft schön. Der Camino ist so angelegt, dass kein Berg, kein Hügel und kein Ort ausgelassen werden, es ist ganz schön anstrengend. Es gibt zwei Wegalternativen nach Burgos, doch durch Baustellen ist die Beschilderung schlecht und ich verpasse mal wieder den empfohlenen schöneren Weg. Es kommen die ersten Vororte von Burgos, es ist heiß und staubig und ich laufe nur noch durch hässliche Gewerbe- und Industriegebiete. Für die restlichen 5 km in die Innenstadt nehme ich den Bus.

 

 

 

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Burgos möchte ich mir genauer ansehen, also quartiere ich mich für zwei Tage in einem zentral gelegenen Hotel ein. Nach dem Duschen schlendere ich durch die Stadt. Sie ist schön, aber hier scheint Wüstenklima zu herrschen, morgens eiskalt und jetzt (nachmittags) so heiß, dass man es in der Sonne nicht aushält. Ich besichtige die Kathedrale aus dem 13. bis 15. Jh. und erfahre, dass hier teilweise die gleichen Bausmeister und Bildhauer tätig waren wie im Kölner Dom.

Im Kreuzgang verbringe ich ca. eine Stunde, er ist kühl und ruhig und er hat für mich eine Atmosphäre mit magischer Anziehungskraft. Wie viele Mönchsfüße mögen hier langgelaufen sein, um die Bodenkacheln so auszutreten? Die Sonne scheint durch die bunten Glasfenster und bildet zarte Lichtreflexe auf dem Boden. In einer stillen Ecke des Kreuzganges sitzen Doris und Berit.

Wir gehen zusammen einen Rotwein trinken. Die Stadt ist schon etwas teurer. Bisher bin ich mit ca. 20 Euro pro Tag (einschließlich Übernachtung) ausgekommen. Gestern Abend habe ich noch für 4,50 € (einschließlich einer Flasche Rotwein) im Kloster lecker gegessen. Heute werde ich wohl nicht unter 20 € für mein Pilgermenü davonkommen.

(*Nachtrag, es waren 35 € für einen gemischten Salat, etwas gebratene Blutwurst und eine Flasche Wein. Auf „dem Land“ kostet die Flasche bei gleicher Qualität vielleicht 2,00 €) Gegen 22:00 Uhr gehe ich schlafen.

 

 

Burgos / Kloster Miraflores (25 km)

Es ist mein freier Tag. Um 05:30 Uhr werde ich im Hotel wach. Was soll ich so früh? Frühstück gibt es erst um 08:00 Uhr, also drehe ich mich um und schlafe weiter.

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Heute möchte ich mir das Kloster Miraflores ansehen. Nach dem Frühstück gehe ich los, ein wunderschöner Weg durch Parkanlagen am Fluss Arlanzon entlang. Ich gehe praktisch den Weg zurück, den ich gestern verpasst habe. Das Kloster liegt einsam, ich bin der einzige Besucher und der Mann an der Kasse freut sich, ein Schwätzchen zu halten. Er lässt mich umsonst hinein. Leider ist durch Umbaumaßnahmen nur die Hälfte der Klosterkirche zu sehen. Es ist ganz still, nur eine Putzfrau klappert respektlos mit ihrem Eimer. Hinter der Kirche schließt sich ein riesiges, mit einer hohen Mauer umgebenes Gelände an, das man nicht besichtigen kann. Ich spähe durch eine Pforte, ein Mönch kommt, auf mein „Buenas Dias“ antwortet er nur mit einem Kopfnicken, öffnet die Pforte und deutet mir an, dass ich zumindest mal einen Blick in die Gärten werfen kann. Ich sehe gepflegte Gemüsegärten, aber ich kann nicht erkennen, was sich dahinter anschließt. Im Reiseführer habe ich gelesen, dass die Mönche so gut wie nicht reden dürfen, also verabschieden wir uns schweigend, mit Kopfnicken. Anschließend umwandere ich einmal das Klostergelände, das hauptsächlich von Wald umgeben ist. Die Mauer ist so hoch, dass ich nirgendwo in den Garten spähen kann.

Am Fluss entlang geht es wieder zurück, ich schlendere über einen Gemüsemarkt und gehe in eine Café-Bar, bin der einzige Besucher, aber um 13:30 Uhr wird sie plötzlich überschwemmt von Gästen, ich vermute Büroangestellten, die hier ihre Mittagspause machen. Am frühen Nachmittag bin ich zurück im Zentrum von Burgos, ich treffe Gabor aus Ungarn (wir treffen uns fast an jedem Ort). Gabor, groß mit schwarzem Lockenkopf, hat wohl magische Anziehungskräfte auf Frauen. Ich sehe ihn jedes Mal mit einem anderen Mädel. Diesmal ist es Jeanne aus Frankreich. Wir trinken zusammen einen Kaffee. Die Stadt ist um diese Zeit ausgestorben.

Nach einem Mittagsschlaf suche ich einen Supermarkt, um mich für das Abendessen selbst zu versorgen. Ich kaufe Wein, Wurst und Käse. Als ich nach Brot frage, schaut man mich verstört an. Brot gibt es doch immer erst ab 20:00 Uhr zu kaufen! Um 21:00 Uhr gehe ich schlafen und freue mich schon darauf, morgen weiterzuwandern.

 

Das Kartäuserkloster von Miraflores ist eines der vier noch aktiven Klöster dieses Ordens in Spanien. Die Mönche führen ein sehr zurückgezogenes Leben, das nur dem Gebet und der Aufrechterhaltung des Klosterbetriebs gewidmet ist (Gartenarbeit, Schneidern und andere Handwerke). Ihr Leben ist von Einsamkeit und Stille geprägt. Sie dürfen nur an Sonn- und Feiertagen zwei Stunden lang reden sowie am Montag vier Stunden lang, wenn sie außerhalb des Klosters gemeinsam spazieren gehen. Ansonsten dürfen sie nur sprechen, wenn es für ihre Arbeit unerlässlich ist.
Am ungewöhnlichsten aber mutet ihr Stundenplan an: Gegen 20:00 Uhr gehen sie zu Bett und stehen um 23:30 Uhr auf, um religiöse Dienste zu versehen, und erst gegen 03:00 Uhr gehen sie wieder zu Bett. Um 6:45 Uhr stehen die Mönche wieder auf, um den Tag mit einer Messe zu beginnen, und so wird der Tag zwischen Arbeit und Gebet fortgesetzt. Außer sonntags werden die Mahlzeiten alleine eingenommen.

 

Donnerstag, 11. Mai 2006
Burgos – San Bol (25 km)

Ich warte bis 08:15 Uhr, um im Hotel ein Frühstück zu bekommen. Für 6,50 € ist es äußerst mager. Das hätte ich in jeder Bar billiger bekommen. Es ist wieder ein schöner, sonniger Tag, morgens allerdings sehr kalt. Wir befinden uns immerhin noch auf einer Höhe von ca. 1000 m. Um aus Burgos herauszukommen, benötige ich ca. 1,5 Stunden. Auf dem Weg treffe ich Heike und Bernd aus der Schweiz. Wir waren schon zusammen in der ersten Herberge in Frankreich, haben uns immer mal wieder zwischendurch gesehen, aber außer „Buen Camino“, „Hola“, „Hallo“, „Buenas Dias“, eben den üblichen Begrüßungsfloskeln, die man unterwegs austauscht, noch nie miteinander gesprochen. Wir laufen ca. zwei Stunden miteinander. Sie sind beide um die Dreißig und stehen beide davor, sich – unabhängig voneinander – selbständig zu machen. Davor wollen sie sich eben ihren Traum vom Camino erfüllen. Heike ist studierte Apothekerin und Psychologin (komische Mischung) und will heilberuflerisch beratend tätig sein. Er ist Rechtsanwalt und will seine eigene Kanzlei aufmachen, er denkt vom Staat genügend Aufträge zu bekommen (Schwerpunkt Projektmanagement bei der Einführung neuer Gesetze in der Schweiz).
Wir treffen zusammen in Tardojos ein. Das ist ein hübsches Städtchen und vor der Bar sitzen wieder viele bekannte Gesichter (… die beiden Däninnen, Gabor mit einer neuen Freundin, ein französisches Ehepaar, das ich laufend treffe, aber da es an gegenseitigen Sprachkenntnissen mangelt, ist eine Unterhaltung nie möglich). Zwei Finninnen bitten mich auf ihre Rucksäcke aufzupassen, währen sie eine Kirche besichtigen wollen. Als sie nach 45 Minuten immer noch nicht auftauchen, marschiere ich los und lasse die Rucksäcke unbeaufsichtigt an einem Brunnen stehen. Hier wird nicht geklaut!

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Dann treffe ich in Hornillas del Camino ein, treffe wieder mein französisches Ehepaar und wir trinken zusammen ein Bier. Ich habe noch keine Lust mit der Wandrerei aufzuhören, also geht es weiter durch die Einsamkeit. Die Gegend ist flach, der Weg schnurgerade, ich sehe keinen Menschen und habe das Gefühl, allein auf der Welt zu sein.

Dann sehe ich ein Hinweisschild: „Refugio San Bol / mit Schwimmbad und Sauna“. Hätte ich vorher die Beschreibung im Reiseführer gelesen, wäre ich nie hingegangen, aber ich falle glücklicherweise auf das verlockende Angebot rein. Das Refugio liegt in einem einsamen Tal in einem kleinen Wäldchen. Es ist ohne Strom und Fließwasser und ohne Toilette. Das „Schwimmbad“ ist ein Bassin, das aus einer eiskalten Quelle gespeist wird. Es herrscht ein bisschen „Flower-Power-Atmosphäre“, aber es ist wunderschön hier. Die Herberge mit ihren 10 Betten wird freiwillig von ein paar Studenten geführt, die sich ein „Aus-Semester“ genommen haben. Obst und Gemüse wird selbst angebaut und sie versuchen soweit wie möglich autark zu leben. In einer Hängematte im Wäldchen schlafe ich nachmittags bei leiser Meditationsmusik ein.

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Am Abend wird von den jungen Leuten hervorragend gekocht und ich esse zum ersten Mal Brennnesseln als Gemüse, daneben viele andere Gemüsearten, in der Suppe und auf einer Art Pizza. Anschließend wird erzählt, gesungen und Musik gemacht. Die herumstehenden Wasserpfeifen kommen nicht zum Einsatz.

Um 22:00 Uhr ziehe ich mich todmüde zurück und schlafe unter den Klängen von Gitarre und Querflöte ein. Irgendwann in der Nacht muss ich, da es keine Toilette gibt, mal ins Freie und dann sehe ich ihn, den Himmelspfad, die Milchstraße ist in ihrer vollen Schönheit ganz klar zu sehen. Ich bin so fasziniert, dass ich meinen Schlafsack und die Isomatte hole, den Sternenhimmel, den Sternenweg bestaune und im Freien erneut darüber einschlafe.

 

 

 

Freitag, 12. Mai 2006
San-Bol – Itero de la Vega (26 km)

Um 07:00 Uhr werde ich wach, die Hälfte der Pilger ist schon auf der Piste. Nach einer Katzenwäsche an der kalten Quelle und einem Kaffee starte ich auch.

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Es ist ein Bilderbuchmorgen, die Vögel zwitschern, piepsen und tirilieren, viele Lerchen und Greifvögel sind zu sehen. So viel Gesang habe ich schon lange nicht gehört und mir wird erneut klar, wie entwöhnt ich der Natur bin. Es ist wieder einer der Momente in dem ich eins bin mit der Welt. Über Hontanas erreiche ich nach ca. 15 km Castrojeriz. In einer Bar trinke ich einen Kaffee und esse ein „Bocadillo con Jamon“.

Ein deutsches Paar kommt angeradelt, wir reden eine halbe Stunde miteinander. Sie erzählen, dass sie im vorigen Jahr die Strecke „zu Fuß“ gemacht haben und in diesem Jahr das Fahrrad gewählt haben. Im Nachhinein bedauern sie das Fahrradfahren jetzt, da die Strecke teilweise viel Konzentration erfordert und sie den Kopf nicht so frei haben wie beim Laufen. Es ist Mittag, die Luft wabert vor Hitze, meine Wandergeschwindigkeit nimmt merklich ab. Der Weg führt zu einer Brücke, die einen Fluss überquert, in dem es ohrenbetäubend quakt. Danach schließt sich ein bedrohlicher Aufstieg auf einen Berg an. Ich beschließe noch eine Pause zu machen, setze mich an den Fluss und schaue mir die „Froschsuppe“ an. Offensichtlich haben die Frösche gerade einen Wettkampf im Weitspringen. Leider reicht der Telebereich meines Fotoapparates nicht, um vernünftige Bilder zu machen. Ab und zu schiele ich auf den Berg, den ich noch erklimmen muss, er wird nicht kleiner. Ich esse noch eine Apfelsine, dadurch wird zwar der Rucksack leichter, aber mein Gesamtgewicht bleibt das Gleiche. Es hilft nichts, zwei Kilometer geht es steil bergauf auf einen Tafelberg. Oben angekommen bin ich völlig ausgepowert. Meine zwei Däninnen sitzen oben, eine der beiden hat blutige Füße und humpelt, die andere hat Durchfall.

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Vor mir erstreckt sich nach einem kurzen, steilen Abstieg ein unendlich weites Tal. Wie viel Hunderttausend Pilger mögen schon hier oben gestanden haben? Diese Landschaft ist seit tausenden von Jahren unverändert. Die nächsten Kilometer werden zur absoluten Qual, der Weg ist steinig, hart und es ist unerträglich heiß.

Am Wegesrand treffe ich Rosi, die vor einer kuppelförmigen Steinhütte sitzt. Sie kämpft mit sich, dort allein zu übernachten, da sie keine Lust mehr hat weiterzugehen. Rosi ist auf der linken Seite sonnenverbrannt. Das ist ein typisches Pilgerphänomen, der linke, einseitige Sonnenbrand, da der Weg überwiegend genau von Ost nach West verläuft. Mir fällt ein, dass ich meine Sonnencreme noch originalverpackt im Rucksack habe, wahrscheinlich werde ich sie unversehrt einmal quer durch Spanien tragen.

Wir erreichen zusammen San Nicolas. In der Kirche San Nicolas befindet sich eine hübsche Herberge des Malteser-Ordens. Dort soll es Abendessen und Frühstück geben und nach altem Pilgerbrauch wird den Pilgern vor dem Abendessen ein Fuß gewaschen. Ich überlege, wie ich den anderen Fuß sauber bekommen soll, doch das Problem löst sich von allein, die Herberge ist voll.

Also gehen wir noch mal zwei Kilometer weiter in den nächsten Ort, Itero de la Vega, dort gibt es eine Herberge, d.h. eigentlich ein Hotel, das aber auch 4- und 8-Bett-Zimmer anbietet. Ich wähle für 4 € ein Bett im 8-Bett-Zimmer, dusche mich, wasche meine Wäsche und trinke zusammen mit Gabor und seiner neuen Freundin, diesmal einer Pilgerin aus Polen, ein großes Bier.

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Nach dem obligaten Nachmittagsschlaf geht’s eine Runde durch den einsamen Ort, doch dort gibt es tatsächlich ein funktionierendes Telefon, einen Mini-Supermarkt(12 m²) und natürlich eine Kirche mit Storchennest, viele Katzen und schlafende Hunde. Abends esse ich zusammen mit drei Schwestern aus der Schweiz und einem älteren Paar aus Australien. Sie heißen Kevin und Gillian und wollen nach dem Jakobsweg noch eine Europareise antreten, wir tauschen die Adressen, sie wollen sich melden, wenn sie in Deutschland sind. Ich bin gespannt.

 

 

 

 

 

Samstag, 13. Mai 2006
Itero de la Vega – Carrion de los Condes (34 km)

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Um 07:30 Uhr wandere ich frohgemut los. Noch ist es kühl und das Wandern macht Spaß. In einer Bar trinke ich einen Kaffee zusammen mit Peter und Toni, beide aus Österreich. Die beiden haben sich erst auf dem Camino kennen gelernt. Peter wandert auch zu Hause viel und treibt Sport, für Toni ist Wandern Neuland. Peter ist in Somport gestartet. Jetzt laufen die beiden schon ein paar hundert Kilometer gemeinsam, da sie etwa das gleiche Tempo haben, aber wie sie sagen, beträgt der Abstand zwischen ihnen oft 100 m und mehr, also laufen sie letztlich doch alleine. Wir haben uns schon mehrmals getroffen, aber mit ihrer Geschwindigkeit kann ich auf Dauer nicht mithalten. Die Gegend wird platt wie ein Bügelbrett, manchmal habe ich das Gefühl auf einem Laufband zu laufen, die Landschaft ändert sich nicht. Ich frage mich, wie dann die gefürchtete Meseta aussehen muss und erfahre erst später, dass ich mich schon mitten in der Meseta befinde. Dann führt der Weg an einem Kanal vorbei, einmal eine Meisterbauleistung für die Schifffahrt, heute spielt er für die Bewässerung der Felder eine große Rolle. Froschgequake, das Pfeifen von Wasservögeln, das Hämmern von Spechten, das Klappern der Störche und der Ruf des Kuckucks sind stundenlang meine Begleitmusik.

 

 

 

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In Frómista mache ich Mittagspause auf einer Bank (Bocadillo, Apfelsine …) und sehe mir anschließend die Kirche San Martin aus dem 11.Jh. an, eine der ersten romanischen Kirchen Spaniens. In der Kirche verweile ich ca. eine Stunde, nicht nur, weil sie architektonisch so harmonisch und schön ist, sondern auch, weil sie Kühle bietet. Von Frómista sind es noch einmal 14 km nach Villacázar de Sirga, meinem heutigen Ziel, die Landschaft ändert sich kaum. Als ich den Ort erreiche, finde ich keinen Hinweis zur Herberge, Peter und Toni laufen auch herum und suchen eine Privatunterkunft.

Der Ort wird mir unsympathisch und ich gehe noch einmal drei Kilometer weiter. Diese drei Kilometer werden zur Qual, weil sich irgendein Nerv in der linken Pobacke beschwert, dass der Rucksack den ganzen Tag darauf drückt.

In einem Hostal finde ich ein Bett in einem 4-Bett-Zimmer, zusammen mit einem deutsch/französischen Paar. Auf dem 4. Bett liegt in voller Wandermontur (einschließlich Wanderstock) Ashley, eine ca. 30-jährige stramme US-Amerikanerin, die so kaputt war, dass sie sich nach dem Wandern nur noch aufs Bett werfen konnte. Ich werde sie erst später kennen lernen, sie ist der fröhlichste Mensch, der mir je begegnet ist und kann mit ihrem Lachen Fußballstadien füllen.

Am Abend gehe ich durch den Ort (Die Länge dieser „Spaziergänge“ müsste man auch noch zur Gesamtkilometerzahl hinzuzählen). Es gibt gerade eine Landwirtschaftsaustellung mit Folklore, Zuchtbullen, landwirtschaftlichen Maschinen und Erzeugnissen.

Ich nasche mich durch einige Stände mit Kostproben von Schinken, Wein und Käse, beschließe aber, noch „richtig“ essen zu gehen. In einer von meinem Hostal empfohlenen Gaststätte sitzen schon ein paar Pilger, sie raten mir ab, hier zu essen, es wäre das Schlechteste, was sie bisher für ihr Geld bekommen hätten. So gehe ich zur Konkurrenz und bekomme für 7 € ein ausgezeichnetes Menü einschließlich Wein, Kaffee und einem vom Wirt selbst gebrannten Trester.

 

Sonntag, 14. Mai 2006
Carrión de los Condes – Calzadilla de la Cueza – Ledigos – Terradillos de los Templarios (26,5 km)

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Um 07:00 Uhr starte ich, die ersten paar Kilometer sind noch einigermaßen angenehm, doch dann wird es heiß. Die Entfernung von Carrión de los Condes nach Calzadilla de la Cueza beträgt 17 km, ohne Schatten, ohne Unterbrechung, es sind die längsten 17 km meines Lebens. Die Landschaft ist platt wie in Holland, der Weg schnurgerade und extrem steinig, so, als ob man durch ein trockenes Flussbett läuft und dadurch anstrengend. Mein Po-Nerv rebelliert. Ich motiviere mich selbst,

 

– um 08:00 Uhr bekommst du die erste Apfelsine,

– um 09:00 Uhr die zweite,

– um 10:00 Uhr gibt es eine Pfeife…

 

Am Wegesrand sitzt heulend eine Mitpilgerin und will weder vor noch zurück. Gabor überholt mich, ihm scheint das Ganze gar nichts auszumachen; er hat zwei Rucksäcke auf der Schulter, um jemand zu entlasten. Aber irgendwann ist auch dieser Weg zu Ende. Ich habe für die 17 km vier Stunden und 2 Liter Wasser gebraucht.

Um 11:00 Uhr erreiche ich eine Bar, trinke einen Kaffee und esse eine Tortilla. Ein Brasilianer am Nebentisch bekommt einen Kreislaufkollaps und übergibt sich. Nach dem Kaffee geht es mir wieder besser und ich wandere noch mal 9,5 km bis Terradillos de los Templarios.

„Terradillos de los Templarios“, was für ein herrlicher Name und was für ein trauriges Nest. Es besteht aus ein paar halbzerfallenen Häusern und einer Kirche. Die Herberge ist schön. Ich teile mir mit David, einem Australier, der auch die US-Staatsangehörigkeit hat, einen Waschgang in der Waschmaschine. Nachdem er das gewaschene Wäschepaket in die Hand gedrückt bekommen hat, fehlt mir eine Socke. Die ist in der Maschine geblieben und wird gerade noch einmal gewaschen. Ich versuche der Hospitalera, die die Waschmaschine betreut, den Sachverhalt klar zu machen, aber sie versteht mich nicht. Der Waschvorgang ist beendet, ich versuche in den Sachen „meine Socke“ zu retten. Es befinden sich fünf „Falke-Wandersocken“ in dem Wäscheberg, eine davon muss meine sein. Sie versteht mich immer noch nicht. Ich hole den Eigentümer des Wäschebergs, er ist Franzose, versteht mich auch nicht. Ich zähle die Socken, zähle die Beine … da geht ihr endlich ein Licht auf.

Auf die gerettete Socke teile ich mir mit David eine Flasche Wein. Wir sitzen in dem Garten der Herberge und die Welt, die heute Morgen noch so schlimm aussah, ist wieder in Ordnung. Ich denke, dass man die Momente des Glücksgefühls, wie ich sie ja nun auch schon zur Genüge hatte, nicht hätte, wenn es nicht auch Momente gibt, die man nicht so schön findet.

Heute habe ich die Hälfte des Weges hinter mir.

 

Montag, 15. Mai 2006
Terradillos de los Templarios – Sahagun – Abzweig Calzado del Coto – Nebenroute Calzadilla de los Hermanillos (24,5 km)

Nach dem ich gestern den „Durchhänger“ hatte, geht es mir heute wieder richtig gut. Um 7:15 Uhr frühstücke ich (was man in Spanien halt so Frühstück nennt: einen Muffin und einen Kaffee, aber zumindest der Milchkaffee ist unheimlich lecker).

Das Wetter ist wieder fantastisch. Die Luft ist zwar immer noch relativ kühl, immerhin befinden wir uns noch auf einer Höhe von 800 m, aber schon nach einem Kilometer ziehe ich die Jacke aus und wandere in Shorts und T-Shirt weiter. Es läuft gut, ich habe immer noch keine Blasen an den Füssen, das Kreuz tut nur noch ein bisschen weh und dem Ponerv habe ich gedroht, jetzt zuckt er nur noch ab und zu.

Die Landschaft wird wieder netter und hügeliger, die Dörfer sind erschreckend ausgestorben. Ich komme mir immer vor wie John Wayne, wenn ich durch ein Dorf marschiere. Kleine Bauernhöfe wie bei uns gibt es in dieser Region nicht. Ich durchquere Sahagun, dies scheint ein landwirtschaftlicher zentraler Stützpunkt zu sein, denn ich sehe riesige Landmaschinen und Getreidesilos.

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Zum Glück gehe ich auf der empfohlenen Nebenroute, die zwar etwas weiter ist (was soll’s), dafür aber landschaftlich sehr schön und fast menschenleer. Mittags probiere ich die sich selbst aufblasende Isomatte noch einmal aus. Irgendwie kennt sie aber den Trick immer noch nicht, wie man sich selbst aufbläst, aber auch das ist nicht weiter tragisch. Unter einem Baum schlafe ich fest ein. Ich werde wach, als mir Ashley fragend zuruft, ob ich denn auch gut schlafe und dann erdröhnt wieder ihr Lachen, dass die Erde bebt. Mit Ashley gehe ich zusammen zum nächsten Ort, in dem es eine Herberge gibt. Sie ist sehr einfach, aber es gibt warmes Wasser und sogar (kostenlosen) Internetzugang. Es ist mitunter einfacher einen Internetzugang zu finden als ein Telefon.

In dem Ort, der natürlich auch wieder gespenstisch leer ist (5 alte Männer, 7 Hunde, 3 Katzen, 1 Storch mit Jungen), gibt es aber tatsächlich noch ein Restaurant, in dem ich eben ein Bier trinke und dabei vom Wirt mit Tapas (allerlei spanischen Leckereien) gefüttert werde.

Dann setze ich mich zu William, einem Pilger aus dem Norden von London. William ist vielleicht 25 Jahre alt, von Kopf bis Fuß tätowiert, hat eine Batterie von leeren Bierflaschen (je 0,2 L) vor sich stehen und feiert für sich die Halbzeit des Caminos. Komisch, zu Hause würde ich mich nie zu einem solchen „Typen“ setzen, aber siehe da, William ist außerordentlich sympathisch. Wir werden uns noch häufiger begegnen.

Eine wesentliche Besonderheit des Caminos ist die Kommunikation untereinander. Fast jeder geht auf den anderen zu, Schranken verschwinden, Schranken zwischen Jung und Alt, zwischen Nationalitäten, Hautfarben, Tätowierten und Untätowierten…

Um 08:00 Uhr gibt es endlich Abendessen (Katalanische Knoblauchsuppe, Kaninchen, Nachtisch, Wein, Kaffee und Schnaps für
7,50 €), das ich zusammen mit einem Österreicher, einem Holländer und einem Südafrikaner einnehme. Wir sprechen über die Lage in Südafrika. Was den Südafrikaner am meisten am Camino verblüfft, ist die Sicherheit, mit der man sich hier bewegen kann. Die Türen der Herbergen sind immer unverschlossen, die Rucksäcke unbewacht. Fälle von Diebstahl oder Kriminalität sind (uns) nicht bekannt. Es ist ein netter Abend und wir leeren noch so manches Glas.

Dann kommt noch ein dicker Spanier aus Bilbao. Wir wechseln ein paar unverbindliche Worte und er bezieht in meiner Schlafkabine das Bett neben mir. Dies macht mir Sorge, bisher hatte ich sie allein und er sieht so aus, als könne er fürchterlich schnarchen…

 

Dienstag, 16. Mai 2006
Calzadillas de los Hermanillos – El Burgo Ranero – Reliegos – Mansilla de las Mulas (30 km) … der Rest nach Leon mit dem Bus

Meine Angst vor dem Schnarcher bewahrheitet sich mehr als ich glauben kann. Er hat kaum die Augen zugemacht, da fängt er an zu schnauben, zu beben, zu stöhnen und ohrenbetäubend zu schnarchen. Ich stoße ihn an, er schreit kurz auf und das Ganze geht von vorne los. Ich hole meine Ohrstöpsel raus. Solange ich mit den Fingern an den Ohren Druck auf die Stöpsel ausübe, dämpfen sie um einige Dezibel, aber wer kann schon so schlafen.

00:10 Uhr: Ich schiebe die Ohrstöpsel bis kurz vor das Gehirn.
00:30 Uhr: Es ist unmöglich, bei diesem Getöse zu schlafen, also stehe ich auf, packe meinen Rucksack und wandere los.

(* Später höre ich, dass der Spanier inzwischen auf dem halben Camino bekannt ist und dass die Pilger oft fluchtartig die Herberge verlassen, wenn er ankommt)

Ich habe vor, „meinen Baum“ vom letzten Mittag wieder aufzusuchen und die Nacht im Freien zu verbringen. Leider verfehle ich den Weg in der Dunkelheit und merke, dass keine gelben Pfeile und Markierungen mehr zu finden sind. Irgendwann erreiche ich eine Straßenkreuzung mit einer Beschilderung und finde zwar halbwegs die Orientierung, aber noch nicht den Camino wieder. Ich gelange nach „El Burgo Ranero“ (inzwischen ist es 02:00 Uhr). Eine Bar und eine Diskothek sind noch auf, doch ich traue mich nicht die Halb- und Volltrunkenen nach dem Weg zu fragen. Ich brauche eine weitere Stunde, um endlich wieder auf dem Camino zu sein. An einem Wanderrastplatz mache ich eine kurze Pause. Als ich überlege, ob ich nicht hier meinen Schlafsack herausholen soll, fängt es an zu regnen.

Jedes Gefühl für Zeit und Entfernungen geht mir in der Dunkelheit verloren. Zum Glück lässt der Regen wieder nach. Gegen 07:30 Uhr morgens erreiche ich die Busstation von Mansilla de Mulas, trinke einen Kaffee und fahre die restlichen 10 Kilometer mit dem Bus nach Leon.

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Zum Trost leiste ich mir für zwei Tage ein 3-Sterne-Hotel, La Posada Regina. Ich steige in die Badewanne, lasse mich aufweichen und schlafe darin ein. Ertrinken kann man darin nicht, dafür sind die spanischen (Sitz-)Badewannen zu kurz. Die gotische Kathedrale von Leon beeindruckt mich. Sie ist aus dem 13./14. Jh. und hat 200 Fenster mit 1800 qm Glas, trotz der dicken Säulen wirkt das Gebäude filigran. Ich finde sie noch schöner als die Kathedrale von Santiago.

Ich streife durch die Altstadt, treffe einige Mitpilger wieder (auch Gabor mit neuer Freundin), dann versuche ich zwei Stunden lang im Hotel zu schlafen, aber direkt vor meinem Fenster spielt ein Akkordeonspieler, dessen Repertoire nur fünf Lieder umfasst. Nach kurzer Zeit bin ich sie wirklich leid.

Also noch ein bisschen Kultur, ich sehe mir die Basilika San Isidoro an, sie ist von außen sehr beeindruckend, von innen zu dunkel.

Um 09:00 Uhr gehe ich schlafen, der Akkordeonspieler ist immer noch da, aber ich bin todmüde.

 

 

 

 

Mittwoch, 17. Mai 2006
Leon

Um 08:00 Uhr stehe ich auf. Das Frühstücksbuffet ist eine Enttäuschung. Warum bin ich schon wieder darauf reingefallen? Wir sind doch in Spanien.

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Um 09:00 Uhr ist die Stadt noch tot, sie erwacht erst nach 11:00 Uhr zu Leben. Ich gehe noch einmal in die Kathedrale und diesmal habe ich sie fast ganz für mich alleine. Ein altes Mütterlein sitzt in der Ecke. Der Lichteinfall ist anders als gestern Abend und die Wirkung des Lichtes ändert den Gesamteindruck. Ich bin fasziniert und meditiere vor mich hin. Als der erste Touristenbus ausgeladen wird ist es mit der Ruhe vorbei und ich gehe. Dem Jakobsweg folgend gehe ich noch einmal nach San Isidoro, diesmal ins Pantheon der Könige und ins Museum von San Isodoro. Im Pantheon sind erstaunlich gut erhaltene Fresken aus dem 11./12. Jh. zu sehen, die eigentlich nicht fotografiert werden dürfen.

Durch das Museum wird man in Kleingruppen durchgeschoben. Ich träume davon, hier einmal über Nacht eingeschlossen zu werden und in den vielen mittelalterlichen Büchern blättern zu können.
Nach einer Kaffeepause beschließe ich noch zum Kloster San Marcos zu laufen. Das ehemalige Kloster dient heute als Parador. Als Pilger bekommt man zwar einen Rabatt von 35%, das wären dann nur noch 140 € für eine Übernachtung, dafür kann ich noch 28mal in einer Pilgerherberge schlafen. Der Gebäudekomplex ist beeindruckend, ich gehe hinein und schon wieder nimmt mich ein Kreuzgang ganz gefangen. Schade, dass ich alleine bin, ab und zu braucht man jemanden, um seine Gefühle mitteilen zu können.

Die Restaurantkosten in Leon sind hoch, also beschließe ich, mich selbst zu versorgen, kaufe Brot, Käse, Wein, Yoghurt, Orangen und 2,5 kg Erdbeeren (es gibt einfach keine kleineren Einheiten). Als ich nachmittags etwas im Hotel schlafen will, ist mein Akkordeonspieler wieder aktiv. Wie viel könnte ich ihm bieten, damit er woanders hin zieht? Ich gehe runter und sehe, dass er blind ist, na ja… Irgendwann am späten Abend hört er auf. Doch dann ist gerade ein Fußballspiel (Barcelona gegen FC Arsenal) zu Ende, die Spanier gewinnen und dies wird die ganze Nacht mit Böllerschüssen und Gehupe gefeiert. An Schlafen ist nicht zu denken.

 

Donnerstag, 18. Mai 2006
Leon – Virgen del Camino – San Martin del Camino (26 km)

Spiritualität des Weges?

 

Um 07:00 Uhr wandere ich mit einer Apfelsine und ganz vielen Erdbeeren im Bauch los. Zum ersten Mal ist die Beschilderung schlecht. Es regnet anfangs, aber es wird wieder ein schöner, sonniger, wenn auch etwas kühlerer Tag. Die Berge von Leon, teilweise schneebedeckt, die schon tagelang von weitem zu sehen waren, kommen näher. Bei Virgen del Camino verpasse ich leider den Abzweig zu einer landschaftlich schönen und ruhigen Strecke, die zwar etwas länger ist, aber das hätte ich gerne in Kauf genommen. So führt der Weg parallel zu einer stark befahrenen Bundesstraße, bei der man von der Spiritualität des Weges wirklich nichts erfahren kann. Kurz vor 12:00 Uhr (26 km in 5 Stunden, einschließlich einer kurzen Kaffeepause) treffe ich in San Martin del Camino ein. Es ist zwar eigentlich noch zu früh, um Schluss zu machen, aber die Möglichkeit hier ein Einzelzimmer für 6 € zu bekommen, reizt mich. Ich bleibe, endlich mal wieder ausschlafen!!! Eine amerikanische Studentengruppe, der ich schon häufiger begegnet bin, ist auch schon eingetroffen.

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Nach dem üblichen Ritual, Duschen, Wäsche waschen und aufhängen gehe ich in den Ort, kaufe in einem Tante-Emma-Laden ein und treffe Gil, eine Kanadierin, die vor einer Bar steht, die voll von Männern ist. Sie traut sich nicht hinein. Ich lade sie ein, mit mir gemeinsam einen Kaffee zu trinken. Sie bleibt die einzige Frau unter ca. 50 Männern. Gil ist 61, ihr Mann konnte aus gesundheitlichen Gründen nicht mitkommen. Abends gibt es für 8 € ein Pilgermenü, sehr leckere Hausmannskost, 4 Gänge, Kaffee und Schnaps. Unsere Runde besteht aus Gil, einem französischen Ehepaar, einem Schwarzen aus Südafrika und mir. Es ist ein netter Abend. Ich gehe um 21:30 Uhr ins Bett und schlafe hervorragend.

 

 

Freitag, 19.Mai 2006
San Martin del Camino – Hospital de Órbigo – Santibánes de Valdeiglesias – Astorga (26 km)

07:00 Uhr. Es ist ein sonniger Tag, aber es ist windig und kühl. Ich laufe zwar in Shorts, habe aber den ganzen Tag meine Windjacke an. Nachdem ich gestern nur an Bundesstraßen langgegangen bin, freue ich mich, heute wieder durch die Natur gehen zu können.

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Eine uralte Römerbrücke führt über den Fluss Órbigo in den Ort Hospital de Órbigo. Wieder denke ich an die Millionen Menschen, die schon über die Brücke gegangen sind, Pilger, Bauern, Soldaten. Ich habe das Gefühl, all diese Menschen zu spüren…

Bei einem Frühstück in Hospital de Órbigo rede ich mit Lauren und Brandon, Mutter (ca. 50) und Sohn (ca. 30) aus den USA, die ich später noch häufig treffen werde. In Santiago angekommen, wird der Sohn, der zu Hause eine Bar betreibt, zurückfliegen. Die Mutter will noch allein eine Europareise anschließen.

Der Weg ist äußerst steinig und anstrengend. Von einer Bergkuppe habe ich einen Blick auf Astorga. Dahinter liegen wieder Berge, teilweise ist Schnee zu sehen. Vom ersten Blick auf Astorga dauert es noch mehr als eine Stunde bis ich das Zentrum erreiche. Auf der Suche nach der Pilgerherberge treffe ich auf Peter und Toni, die gerdade bei einer Flasche Rotwein sitzen. Sie zeigen mir den Weg zur Herberge, ich checke schnell ein und gehe mit ihnen gemeinsam im Hotel Gaudi zum Mittagessen. Das Hotel Gaudi wurde von dem Vater des Architekten Gaudi gegründet. Es ist ein Nobelhotel mit angeschlossenem Nobelrestaurant, das aber aus mir unbekannten Gründen auch ein Pilgermenü für 12 € anbietet. Das Menü ist absolute Spitzenklasse und wenn man bedenkt, dass auch der Wein und Kaffee inklusive ist, ist dies für diesen Preis eigentlich gar nicht zu machen. Da ich mich noch nicht mal geduscht habe, fühle ich mich in diesem Ambiente zwar etwas unwohl, aber lecker ist es trotzdem.

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Vor der Kathedrale sitzen die amerikanischen Studenten. Ich rede ein wenig mit ihnen. Die Kathedrale ist geschlossen (… abends übrigens auch, ich habe sie gar nicht von innen gesehen). Nachdem ich mich geduscht und umgezogen habe, wandere ich durch die Stadt. Sie gefällt mir, obwohl Toni später behauptet, es wäre die schrecklichste Stadt des Caminos. Aber er hatte an diesem Tag mit einem dicken Bein und entsprechenden Schmerzen zu kämpfen, so dass er nicht sehr empfänglich für die Schönheiten der Stadt war.

Die Architektur des Gaudi-Palastes in Astorga bewundere ich nur von außen. Es ist ein von Gaudi entworfenes Bischofshaus, das direkt neben der Kathedrale steht. Innen ist heute ein Museum untergebracht. Dann setze ich mich am späten Nachmittag an einen großen Platz. Die Stadt ist zum Leben erwacht, Kinder spielen und die „Großen“ schwatzen miteinander.

Die Herberge ist sehr schön, es gibt genügend Sanitärräume und Möglichkeiten, die Wäsche zu trocknen. Der Hospitalero ist ein ca. 30 Jahre alter Deutscher. Er erzählt mir, dass er den Camino im Winter gemacht habe, bei Schnee und Kälte. Die Herbergen seien fast alle ungeheizt gewesen und er habe morgens immer in nasse Schuhe steigen müssen. Als er noch 50 € in der Tasche hatte, kam das Angebot, als Hospitalero in der Herberge zu arbeiten. Er hat sofort zugeschlagen. Ich muss sagen, dass dies eine der besten Herbergen war, die ich kennen gelernt habe.

Den Abend überlebe ich mit Brot, Wein, Käse und Apfelsinen. Es wird noch ein bisschen geschwatzt, aber um 21:30 Uhr liege ich im Bett.

 

Samstag, 20. Mai 2006
Astorga – Murias de Rechivaldo -Santa Catalina de Somoza – Rabanal de Camino – Foncebadón – El Acebo (40 km)

Um 07:00 Uhr starte ich und lasse Astorga schnell hinter mir. Es sind viele dunkle Wolken am Himmel und es ist kühl. Die Landschaft wird hügelig, die Felder sind karg, von aufgeschichteten Felssteinen umgeben. Schon um 11:00 Uhr treffe ich in dem 22 km entfernten Rabanal de Camino ein. Der Ort sieht ziemlich trostlos aus, eigentlich so, wie ich ihn mir aus Beschreibungen vorgestellt habe, wenige halb zerfallene Häuser, ein paar alte Frauen und Hunde. Das trübe Wetter passt auch dazu. Neu hinzugekommen sind gegenüber früheren Beschreibungen eben nur die Pilgerherbergen und die Bars.

In einer Bar treffe ich einen Teil der amerikanischen Studenten, die sich hier im Ort schon einquartiert haben. Sie erzählen mir, dass sie Geschichte und Literatur studieren, von Paulo Coelho hatten sie aber noch nie gehört. Das kann ich nicht verstehen, da für mich gerade sein Buch über den Jakobsweg für den jetzigen Pilgerboom erheblich mitverantwortlich ist. Der Anteil an brasilianischen Pilgern ist auffällig hoch.

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Ich laufe also weiter nach Foncebadón, den von Coelho beschriebenen Ort, wo er die unheimlichen Begegnungen mit den Hunden hatte. Der Ort, in dem im 10. Jh. sogar mal ein Kirchenkonzil stattfand, ist noch immer halb zerfallen, aber im Jahr 2000 wurde die Wiederbelebung des Ortes beschlossen, es existiert ein kleines Hotel mit einer Bar und die restaurierte Kirche des Ortes dient zur Hälfte als Pilgerherberge. Hunde gibt es zwar, sogar ziemlich große, aber sie liegen friedlich auf dem Weg und schlafen.

Ich will in Foncebadón bleiben, ich habe so viel über den Ort gelesen, aber die Herberge in der Kirche macht erst in ein paar Stunden auf.

 

 

 

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Mit Jochen, einem deutschen Pilger, beschließe ich weiter zu laufen. Es geht stetig bergan bis wir das „Cruz de Ferro“ erreichen, einer der markantesten Punkte des Jakobsweges. Das Kreuz befindet sich auf dem 1504 m hoch gelegenen Pass und nach tausendjähriger Tradition legt jeder Pilger einen mitgebrachten Stein ab. Es ist unangenehm windig und wir haben leichten Schneeregen, so dass ich den Moment, den ich mir vorher sehr erhebend vorgestellt hatte, nicht genießen kann. Nach weiteren 2,5 km erreichen wir das verlassene Dorf Manjarin. Hermann, der deutsche Hospitalero von Pamplona hatte mir geraten, hier zu übernachten, um Tomás kennen zu lernen.

Tomás wollte 1993 nach Santiago, blieb aber in der Einsamkeit von Manjarin hängen, um – in der Tradition der Tempelritter – hier in einer Herberge für die Pilger zu sorgen. Wir werden von einem Deutschen empfangen, der zeigt uns das Matratzenlager unter dem Dach und lädt uns zum Mittagessen ein. Tomás sitzt schon an der Stirnseite des Tisches, eingehüllt in eine schmuddelige Decke.

Das Essen ist OK, eine Gemüsesuppe, Brot und Wein. Aber alles ist schmuddelig. Einige große Hunde, die überall herumlaufen, haben überall Haare und Geruchsspuren hinterlassen.

Nach dem Essen lässt uns Tomás nicht beim Spülen helfen, das sieht er als seine Aufgabe an. Ich bin müde, denn ich habe schon 28 km hinter mir, gehe zu meiner Matratze und … es pfeift durch das Dach und regnet rein. Also stehe ich wieder auf und überlege, wie ich dem Ganzen entkommen kann.

Auf der Straße treffe ich ein englischsprachiges Paar, Vater und Tochter. Der Vater ist alt, fährt seine Etappen mit dem Auto und sammelt dann immer wieder seine Tochter ein, die ohne Rucksack zu Fuß unterwegs ist.

Dies ist meine Chance. Da ich zu müde bin, um noch weiterzulaufen, frage ich den Vater, ob er mich bis in den nächsten Ort mitnehmen kann. Er erklärt sich sofort einverstanden. Ich bitte ihn, einen Moment zu warten, bis ich meinen Rucksack gepackt habe. Während ich dem Deutschen, der uns empfangen hat, klarmache, dass ich weiter will und ihm einen Schein für das Mittagessen in die Hand drücke, winke ich dem wartenden Vater zu. Leider interpretiert er es als Zeichen, dass ich doch nicht mitfahren will und fährt davon. Also bleibt mir nichts anderes übrig, als den Rucksack aufzusetzen und noch mal 12 km bis zum nächsten Ort in Angriff zu nehmen.

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Zur Belohnung verzieht sich der Regen, die Sonne kommt heraus, es wird noch eine sehr schöne, wenn auch sehr anstrengende Wanderung, da noch ein Pass zu überqueren ist. Die „Tochter“ läuft vor mir her, doch da sie ohne Gepäck läuft, habe ich keine Chance sie einzuholen. Um 18:00 Uhr erreiche ich El Acebo, ich treffe Vater und Tochter wieder, das Missverständnis wird aufgeklärt und dem Vater ist es sehr peinlich. Er will mich zu einem Wein einladen, aber ich muss ablehnen, da ich erst mal eine Unterkunft finden muss. Die dortige Herberge ist schön, ich treffe drei Frauen aus dem Rheinland. Sie erzählen mir, dass sie in Astorga gestartet und seit drei Tagen auf dem Weg sind (das ist die Strecke, die ich heute an einem Tag gemacht habe). Nur eine der Drei hat einen Fotoapparat dabei und der ist gerade kaputt gegangen. Ich verspreche, Ihnen eine Kopie meiner Fotos zuzuschicken. Nach dem Abendessen falle ich ziemlich schnell ins Bett.

 

 

Sonntag, 21. Mai 2006
El Acebo – Molinaseca – Ponferrada (16,5 km)

Wie üblich starte ich um 07:00 Uhr ohne Frühstück, die Nacht war kalt, wir befinden uns noch auf einer Höhe von 1500 m und die Herberge war natürlich nicht geheizt.

Auch der Morgen ist kalt, aber es ist wunderschön zu Laufen. Um 09:00 Uhr erreiche ich über eine alte Römerbrücke Molinaseca. Die Sonne hat jetzt schon so viel Kraft, dass ich vor einer Bar sitze und schnurre. Eine Pilgerin erzählt mir, dass sie hier im Ort schon seit einer Woche festsitzt, beide Beine sind von der Wandrerei dick angeschwollen. Ihre Freundin, der es ähnlich ging, sei bereits nach Hause gefahren.

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Die Bergwelt ist faszinierend. Es folgt ein langer Abstieg nach Ponferrada (543 m). Störche kreisen über der Stadt. Schon um 11:30 Uhr stehe ich vor der Herberge, die aber erst um 14:00 Uhr aufmacht. Nach dem Gewaltmarsch von gestern will ich heute aber nicht weiterwandern, ich bin meinen Zielen sowieso weit voraus.

Den Rucksack lasse ich – unbeaufsichtigt – vor der Herberge stehen und laufe in die Stadt.

Ich sehe mir die Templerburg (Castillo de los Templarios) in Ponferrada an, die im 12./13. Jahrhundert erbaut wurde und auch zum Schutz der Jakobspilger diente. Sie wurde gebaut, als die Templer auf dem Höhepunkt ihrer Macht waren. Welche Ausmaße muss das Pilgerwesen um diese Zeit gehabt haben! Die Anlage ist riesig groß, von gewaltigen Mauern umgeben, die Innenräume sind allerdings weitgehend zerstört und werden zurzeit teilweise restauriert. Irgendwann höre ich ein dröhnendes Lachen, Ashley taucht auf und wir trinken zusammen einen Wein.

 

 

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Kurz vor 14:00 Uhr gehe ich zurück zur Herberge, dort hat sich schon eine lange Schlange von Pilgern gebildet, die hier übernachten wollen. Das Einchecken dauert lange, da der „deutsche“ Hospitalero es wohl auch als seine Aufgabe ansieht, mit jedem Ankömmling ein Schwätzchen zu halten. Aber die Herberge ist sehr schön und hat alles, was man benötigt. Meine zwei Österreicher, Peter und Toni, sind auch wieder da. Wir laufen gemeinsam noch ein bisschen durch die Stadt und gehen (schlecht) essen.

 

Montag, 22. Mai 2006
Ponferrada – Villafranca del Bierzo – Pereje (29,5 km)

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Der Morgen beginnt mit großen, dunklen Wolken und es fängt an zu regnen. Aber dann entwickelt sich das Wetter doch wieder in die andere Richtung, das Blau des Himmels überwiegt. Die Landschaft ist gebirgig und ich bleibe immer wieder stehen, um die Weitblicke zu genießen. Viele Eichen und Nussbäume sind zu sehen. Hier ist Kirschen- und Rosenzeit. Ich klaue einige Kirschen frisch vom Baum. Sie sind klein, haben aber ein leckeres Aroma. Es geht mir richtig gut, das Wandern macht Spaß, keine Blasen, keine nervenden Nerven und die Landschaft ist wunderschön. Ich erreiche Villafranca del Bierzo. Früher bekamen Pilger, die den Weg bis hier hin geschafft hatten, aber aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr weiter gehen konnten, hier in der Kirche die Generalabsolution. Am Wegesrand sitzt Laureen und behandelt die Blasen an ihren Füßen. Ich helfe ihr dabei, steche eine dicke Blase auf und ziehe mehrmals einen Wollfaden durch, um sie auszutrocknen. Dann kommen noch ein Desinfektionsmittel und ein Blasenpflaster drauf.

Von Villafranca del Bierzo nach Pereje geht es hauptsächlich an einer ruhigen Bundesstraße entlang. Meine beiden Österreicher sind auch in Pereje gelandet, daneben Gabor (diesmal ohne Freundin), Gil, die Kanadierin, Ashley und noch einige andere bekannte Gesichter. Pereje besteht nur aus ein paar Häusern, der Herberge und einer Gaststätte.

Als ich dort einen Wein trinke und anschließend gehen will, regnet es in Strömen. Die Wirtin leiht mir einen Schirm, den ich abends beim Pilgermenü wieder zurückgebe. Rundum ein schöner Tag.

 

Dienstag, 23. Mai 2006
Pereje – Vega de Valcarce – Ruitelán – La Faba – O Cebreiro (24 km)

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In der Nacht habe ich wunderbar geschlafen, keiner hat geschnarcht. Morgens vermisse ich mein Portemonnaie, aber es war nur aus der Hose gerutscht und lag unter dem Bett. Ich glaube der Verlust des Geldes hätte mich weniger geschmerzt als das verlorene Vertrauen zu den Mitpilgern. Zum Frühstück esse ich 1 kg Kirschen und eine Apfelsine. Mein Heißhunger auf saftiges Obst ist beeindruckend.

Die ersten 12 km führen an der Straße entlang, sie sind nervig, die Füße tun weh und ich habe keine Lust mehr. Dann aber biegt der Weg von der Straße ab und es geht bergauf von ca. 500 m auf 1300 m, es wird merklich kühler und ich bin nassgeschwitzt. Der Weg geht durch die Berge, er ist anstrengend aber wunderschön. Die Landschaft erinnert mich an Österreich oder die Schweiz. Zwischendurch treffe ich auf Wanderer einer belgischen Wandergruppe, die mit dem Bus unterwegs sind. Sie picken sich die schönsten Etappen des Caminos heraus und wandern mit leichtem Gepäck.

 

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Um 13:45 Uhr erreiche ich die Grenze nach Galicien. Nach einer Statistik gehört Galicien zu den regenreichsten Gebieten Europas, aber dadurch ist es hier auch sehr grün. Entgegen allen Statistiken werde ich auch in den verbleibenden Tagen keinen Regentropfen sehen. Mitten auf dem Weg sitzt mit verschränkten Beinen und versteinertem Gesicht ein Mädchen der amerikanischen Studentengruppe. Auf die Frage, ob ich ihr helfen kann, lacht sie. Nein, sie mache nur gerade ihre täglichen Yoga-Übungen.

Kurz darauf erreiche ich O Cebreiro. Hier befanden sich früher wichtige Pilgerhospitäler. Das Dorf ist bekannt für seine pallozas, runde Häuser mit Strohdach, die auf eine alte keltische Bautradition zurückgehen.

 

 

 

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Dorf wird von Touristenbussen angefahren und überschwemmt. Während ich die Kirche besichtige, erlebe ich nacheinander eine Gruppe von

Heute beschließe ich mein Pilgermenü mittags zu essen. Es gibt einen gemischten Salat mit Thunfisch, gegrillte Sardinen mit Salzkartoffeln, Nachtisch, Wein, Kaffee und Grappa für 8,50 €.

Nach einem zweistündigen Nachmittags-schläfchen ist das Dorf leer, alle Touristenbusse sind verschwunden. Ich genieße die Aussicht in die Weite der Landschaft und lerne einen jungen Koreaner kennen, dessen Namen ich mir nicht merken kann, ich glaube er hieß Seo.

Seo und ich trinken eine Flasche Rotwein, er wohnt irgendwo nördlich von Seoul und studiert Theaterwissenschaften. Danach habe ich Seo nie mehr wieder gesehen, er war nach zwei Glas Wein so daneben, dass er am nächsten Tag wohl eine Wanderpause machen musste. Die amerikanische Studentengruppe aus Illionois ist auch wieder da. Sie wird begleitet von zwei Lehrkräften, einer Frau, die ebenfalls läuft und einem Mann in einem Begleitfahrzeug. Besonders beeindruckend ist für mich ein 2-Zentner-Mädchen aus der Gruppe, das fürchterlich viel Blasen an den Füßen hat, aber völlig tapfer und wohlgelaunt den Weg mitmacht, auch wenn es immer drei Stunden nach den anderen eintrifft. Zwei Mädels der Gruppe liegen bei mir im Schlafraum. Die Herberge sollte nach Reiseführer nicht besonders gut sein, aber sie ist fantastisch ausgerüstet, hat genügend Dusch- und Sanitärräume und jeder hat genügend Platz. Also nicht alles glauben, was in den Reiseführern steht!

In der Nacht ist es wieder so kalt, dass ich mir im Schlafsack den Pullover überziehe.

 

Mittwoch, 24. Mai 2006
O Cebreiro – Hospital da Condesa – Triacastela (22 km)

Um 06:30 Uhr mache ich mich auf den Weg, es ist anfangs wieder sehr kalt und ich benutze mein zweites Paar Wollsocken als Handschuhe, doch als die Sonne herauskommt, kann man schon wieder im T-Shirt weiterlaufen.

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Es ist erneut ein Tag mit vielen Bergetappen. Über die Passhöhe von San Roque (1270 m) geht es zum 5,5 km entfernten Hospital da Condesa, dann über den Pass Alto do Polo (1337 m). Das Ziel Triacastela liegt dann nur noch auf einer Höhe von 665 m.

Während der ganzen Wanderung bin ich umgeben von der amerikanischen Studenten-gruppe, die das gleiche Ziel hat. Das Wetter ist einfach perfekt.

In Triacastela gehe ich in eine private Herberge. Die Hospitalera bietet mir an, meine Wäsche zu waschen und zu trocknen. Ich denke, dass meinen Sachen eine gründliche Reinigung mal gut tun würde und gebe – bis auf eine Unterhose – alles ab, was ich habe. Der Wasch- und Trockenvorgang dauert über zwei Stunden. In dieser Zeit liege ich mit meiner verbliebenen Unterhose im Schlafsack und friere. Anschließend begebe ich mich auf einen Spaziergang durch das Dorf. Es ist nett und ich treffe viele bekannte Gesichter wieder, u.a. Heike und Bernd aus der Schweiz, den tätowierten William, Brandon und Lauren aus den USA, Gabor aus Ungarn. Mit der fröhlichen Ashley aus den USA trinke ich einen Wein und lasse mich von ihrem Lachen anstecken.

Auf meinem Zimmer der Herberge sind zwei Japanerinnen. Ich esse mit ihnen zusammen ein Pilgermenü, will wissen, was sie in Japan so tun, wie sie die Zeit aufbringen, einige Wochen auf dem Pilgerweg zu verbringen, aber außer viel Gekicher ist nicht viel aus ihnen herauszuholen. Sie meinten, sie würden gar nicht arbeiten, kicher, kicher …

Ich bitte sie, für unseren japanischen Freund Takao eine Botschaft auf Japanisch zu schreiben. Sie tun es, kichernd. Ich weiss nicht, ob sie das geschrieben haben, worum ich sie gebeten habe. Danach nutze ich noch die Möglichkeit E-Mails zu schreiben und gehe früh schlafen.

 

Donnerstag, 25. Mai 2006
Triacastela – Calvor – Sarria – Barbadelo – Morgade (31,5 km)

Die ganze Nacht habe ich prima durchgeschlafen, keiner hat geschnarcht. Ich werde um 07:00 Uhr wach und staune, denn es war noch niemand weg, alle schlafen noch. Das hat es eigentlich noch nie gegeben, denn normalerweise machen sich die Ersten um 05:00 Uhr fertig.Um 08:30 Uhr ziehe ich los, der Himmel ist blau, die Landschaft gebirgig und ich komme mal wieder tüchtig ins Schnaufen. Aber es macht Spaß. Nach 14 km erreiche ich Calvor und frühstücke erstmal.

Ich treffe Gil aus Kanada, Berit und Doris aus Dänemark, einen Teil der Studentengruppe aus den USA und sehe noch ein paar andere bekannte Gesichter. Mittags bin ich in Sarria, das ist eine mittelgroße Stadt, aber ich habe keine Lust, sie mir näher anzusehen. Der Jakobsweg führt sowieso hindurch und das Zentrum liegt – wie immer – natürlich auf einer Bergkuppe. Im Stadtzentrum gönne ich mir ein Bier, unterhalte mich mit einem deutschen Radfahrer, etwa mein Alter, der vor Selbstgefälligkeit nur so trieft und mit seiner Radlerhose wie ein Hahn daherstolziert. Ich suche schnell das Weite.

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In einem kleinen Dorf frage ich eine ältere Spanierin, ob es hier eine Bar gibt, sie verneint, bietet mir aber an, einen Kaffee zu machen. Ich bin neugierig und nehme das Angebot gerne an. Sie führt mich in die Küche ihres Hauses. Dann die üblichen Fragen: Woher kommen Sie? Wo sind Sie gestartet? Sind Sie allein? Warum machen Sie den Weg? Bis auf die letzte Frage ist ja alles einfach zu beantworten, sowohl thematisch als auch sprachlich. Sie will mir noch etwas zu essen machen, aber ich lehne ab, bedanke mich und mache mich auf den Weg. „Buen Camino“ schallt es hinter mir her.
Mein Ziel war eigentlich Ferreiros, aber als ich durch Barbadelo komme, gibt es dort eine Bar, die auch noch Zimmer anbietet. Also bleibe ich. Ich habe die Wahl zwischen einem Doppelzimmer für 26 € zur Alleinbenutzung und einem Bett im Vierbettzimmer für 6 €. Natürlich gebe ich der preiswerten Alternative den Vorrang und siehe da, letztendlich bin ich allein im Vierbettzimmer.

Am späten Nachmittag sitze ich auf der Terrasse des Hauses in der Sonne mit herrlichem Blick in die Bergwelt. Es ist noch ein französisches Ehepaar da, aber Franzosen können selten eine andere Sprache und so ist eine Konversation nicht möglich. Das Abendessen, ein Pilgermenü für 7 € ist nicht umwerfend, aber OK.

Durch Hitze und das viele Schwitzen habe ich einige wundgescheuerte Stellen in den unteren Körperpartien, die ich mit meiner Fußcreme und dem Labellostift behandle. Heute bin ich an einem Kilometerstein vorbeigekommen, der anzeigt, dass es noch 100 km bis Santiago sind.

In 4-5 Tagen müsste ich das Ziel erreichen. Eigentlich ist jeder, mit dem ich darüber spreche, traurig, dass schon so bald alles vorbei sein soll.

 

Freitag, 26. Mai 2006
Morgade – Ferreiros – Portomarin – Gonzar – Hospital de la Cruz – Airexe (32 km)

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Heute Morgen wurde ich von einem Käuzchen geweckt, das in einem Baum vor meinem Zimmerfenster saß. Als ich um 07:30 Uhr loslaufe, löst sich der Morgennebel nur zögernd auf. Ich wandere durch Ferreiros und komme zu einer Talsperre des Min~o und über eine Brücke zu dem neuen Ort Portomarin. Das alte Portomarin wurde beim Bau der Talsperre überflutet, nur die Kirche wurde Stein für Stein abgetragen und originalgetreu an höherer Stelle wieder aufgebaut. Der Weg führt durch den oben gelegenen Ort (die Kirche ist natürlich zu), geht wieder runter zum Stausee und über eine zweite Brücke fast an den Ausgangspunkt zurück. Den restlichen Tag wird es heiß, ich wandere durch viele kleine, oft nur aus drei oder vier Häusern oder Gehöften bestehenden Dörfern.

Auffällig in Galicien sind die vielen Horreos (Speicher), in denen die Menschen früher ihre Vorräte aufbewahrten, teilweise tun sie das auch noch heute. Diese Speicher sind auf Stelzen gebaut, um die Vorräte vor Ratten und Mäusen zu schützen. Viele sind uralt und teils schön restauriert.

In Hospital de la Cruz mache ich Mittagspause, esse einen Salatteller, zusammen mit Heike und Bernd aus der Schweiz, die auch gerade eingetroffen sind.

Ich treffe in Airexe ein und beschließe, dass 32 km genug sind, die Herberge ist ordentlich. Nicole, eine hübsche junge Frau aus Klagenfurt/Kärnten lädt mich zu einem Bier ein, ich sage nicht nein. Sie erzählt, dass sie mit einer Freundin in St-Jean-Pied-de-Port gestartet ist und eigentlich nur ein paar Tage mitlaufen wollte, da sie nicht wusste, wie viel sie schafft. Inzwischen hat die Freundin schlapp gemacht und ist nach Hause gefahren, aber sie hat jetzt vor, bis Santiago durchzulaufen. Sie arbeitet bei „Haider“ in einer Behörde und konnte sich telefonisch den Urlaub verlängern lassen.

Das Abendessen ist gut. Noch 75 km bis Santiago…

 

Samstag, 27. Mai 2006
Airexe – Palas de Rei – Casanova – Melide – Ribadiso (35,0 km)

Mit sieben – nicht schnarchenden Frauen – habe ich auf einem Zimmer geschlafen. Gegen 07:00 Uhr werde ich wach und starte um 07:30 Uhr. Anfangs ist es wieder nebelig, aber gegen 09:00 Uhr kommt die Sonne durch.

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Die schönen Eichenwälder werden verdrängt durch Eukalyptus. Die Bäume sind schlank und besitzen eine silbergraue Laubkrone. Ich hasse die Eukalyptuswälder. Da die Blätter sehr lange Zeit benötigen, um zu verrotten, lagern sie sich Schicht für Schicht ab und ersticken alles andere Leben. Es kommt mir vor, als gäbe es gar kein Leben im Wald, keine Vögel, nichts, nur Trockenheit und Staub. Ich meine durch Geisterwälder zu laufen. Den typischen Eukalyptusgeruch nehme ich auch nicht wahr, vielleicht bin ich zur falschen Jahreszeit hier. Die Umweltschäden durch die sehr viel Wasser verbrauchenden Bäume sollen enorm sein, aber es wird noch weiter aufgeforstet, wahrscheinlich lässt sich mit dem Holz viel Geld verdienen. Es sind heute viele Bergetappen zu bewältigen. Nach drei Stunden dann wieder das obligate Frühstück, Café con leche, Bocadillo, was gibt es Besseres?

Über eine Brücke erreiche ich das alte Dorf Furelos. Ein Pfarrer lockt mich in „seine“ Kirche und macht mich u.a auf ein Kruzifix aufmerksam, bei dem Christus dargestellt ist, die linke Hand ans Kreuz genagelt, die rechte nach unten gestreckt, um den Pilgern die Hand zu reichen, um sie sicher nach Santiago de Compostela zu geleiten.

Es wird zunehmend heißer. An einem Fluss treffe ich auf eine Gruppe Australier, wir planschen ein wenig mit den Füßen darin herum, mehr ist nicht möglich, denn das Wasser ist eiskalt. Allmählich wird das Laufen bei den hohen Temperaturen zur Quälerei. Gegen 16:00 Uhr erreiche ich mühsam Ribadiso.

Die Herberge liegt idyllisch, einsam an einem Fluss. Peter und Toni sind auch da, sie versuchen mich zu überreden noch mit nach Arzúa zu laufen (3,5 km), um dort zu essen, aber ich habe keine Kraft mehr. Ein 14-Monate altes Kind kommt auf noch unsicheren Beinen auf mich zu, breitet die Arme aus und landet in meinen Armen. Es gehört zu einem neuseeländischen Paar, das zusammen mit dem Kind den Camino macht und auch gerade in der Herberge eingetroffen ist. Er trägt beim Wandern in einer Spezialkonstruktion das Kind auf dem Rücken, sie das gesamte Gepäck einschließlich Zelt. Dem Kind scheint es nicht zu schaden, es scheint glücklich und vertrauensselig.

Mit einem Sauerländer, der stur beim „Sie“ bleibt, obwohl das „Du“ auf dem Jakobsweg üblich ist, esse ich in einer Bar das Pilgermenü und gehe zeitig schlafen.

Nach den inzwischen alle 0,5 km auftauchenden, verwitterten Kilometersteinen sind es noch 35 km bis Santiago, nach Reiseführer noch 45 km. Letzterer hat wohl Recht, denn die Kilometersteine beziehen sich auf eine uralte Route des Caminos, die aufgrund von Baumaßnahmen mehrmals verändert wurde.

 

Sonntag, 28. Mai 2006
Ribadiso – Arzúa – Santa Irene – Abzweig Pedrouzo – Monte do Gozo (40 km)

Um 06:30 Uhr starte ich. Wie in den letzten Tagen ist es am Morgen noch leicht nebelig, aber dann klart es auf und wird heiß. Ich laufe viele Hügel rauf und wieder runter, irgendwie habe ich heute nicht die richtige Lust, aber ich laufe weiter. Ich erreiche Pedrouzo, entschließe mich aber noch 16,8 km weiter nach Monte do Gozo weiterzugehen. Das war sicher ein Fehler, denn ich unterschätze die Wirkung der Hitze auf meine Kräfte. Es geht durch hässliche Eukalyptuswälder am Flughafen von Santiago de Compostela vorbei.

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Ein Markierungsstein zeigt an, dass ich das Stadtgebiet von Santiago erreicht habe. Dann noch einige Kilometer staubige Straße und ich erreiche Monte do Gozo. Das ist ein wahnsinnig großer Pilger-/Hotelkomplex, wohl mal für irgendeinen Papstbesuch gebaut, mit über 3000 Betten, von denen vielleicht 50 belegt sind. Monte do Gozo heisst „Berg der Freude“ und der Name soll das Glücksgefühl der Pilger widerspiegeln, wenn sie Santiago von oben sehen. Ich spüre kein Glücksgefühl, bin nur kaputt und ausgelaugt und Santiago von oben kann ich auch nicht sehen. Vielleicht hätte man dazu noch weiter nach oben krabbeln müssen, wozu ich absolut keine Lust mehr hatte.

 

Mit meinen zwei Österreichern trinke ich ein paar Gläser Wein und abends esse ich im Self-Service der Anlage in ungemütlicher Mensa-Atmosphäre.

 

… noch 5 km

 

 

 

Montag, 29.Mai 2006
Monte do Gozo – Santiago de Compostela (5 km)

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„Ich bin da“, ich kann es kaum glauben. Ich stehe vor der Kathedrale. Heute Morgen bin ich die letzten 5 km von Monte do Gozo bis zur Kathedrale gelaufen. Irgendwie hatte ich die Vorstellung, dass es da eine Prachtstraße gibt, immer die Kathedrale vor Augen, aber nichts, ich lief durch hässliche Industriegebiete und musste Schnellstraßen queren. Ich habe mir meine Urkunde im Pilgerbüro abgeholt, ein Hotel gesucht und stehe jetzt hier, um zur Pilgermesse zu gehen.
In der Messe singt eine Nonne mit einer so klaren, reinen Stimme, dass ich Gänsehaut bekomme. Anschließend begrüßen verschiedene Geistliche aus unterschiedlichen Ländern die Pilger in der jeweiligen Sprache. Die Predigt dagegen ist für mich ein Schlag in die Magengrube. Da stehen Pilger aus allen Ländern der Welt, nicht nur Christen, sondern Islamisten, Hinduisten, Buddhisten friedlich vereint beieinander und der Priester macht in seiner Predigt klar (mein Spanisch ist zwar nicht gut, aber die Botschaft habe ich schon verstanden), dass allein die katholische Lehre die richtige ist und wie verdammenswert alle anderen Religionen sind. Ich schäme mich vor allen Pilgern anderen Glaubens und hoffe, dass sie nichts verstanden haben. Das alles zerreißt mich, ich fange an zu heulen.

Vor der Kathedrale treffe ich Doris und Berit aus Dänemark, wir umarmen uns, aber ich habe immer noch einen solchen Kloß im Hals, dass ich nichts sagen kann.

Die Straßen sind voll mit Touristen, Wallfahrern, Urlaubern und Pilgern. Ich streife noch ein bisschen ziellos durch die Stadt, trinke einen Kaffee, schreibe ein paar E-Mails und beschließe direkt morgen wieder weiterzulaufen, ich will raus hier, ich werde noch nach Finisterre laufen. Vielleicht finde ich dort Antworten auf viele bisher ungestellte Fragen. Ich treffe Maria und Helmut aus Wien, auch wir liegen uns in den Armen. Ich hätte nicht geglaubt, sie noch einmal wieder zu sehen. Wir trinken einen Wein miteinander, ein letztes „Buen Camino“. Jetzt werde ich sie wohl wirklich nie mehr wieder sehen. Man kann nicht mit jedem Pilger die Adressen tauschen. Es wird viel Abschied genommen auf dem Camino.

Als ich noch einmal zur Kathedrale gehe, treffe ich einen Mexikaner wieder, dem ich schon mehrmals auf dem Weg begegnet bin. Er lacht und weint gleichzeitig. „Ich bin jetzt alle meine Sünden los“, macht er mir klar. Erst denke ich, er macht einen Scherz, aber er meint es todernst.

Die tiefe Gläubigkeit vieler Wallfahrer der Kathedrale beeindruckt und irritiert mich. Sie stehen geduldig in langen Schlangen, um nach alter Tradition die Hand in die Vertiefung einer Säule zu legen, voller Inbrunst und Andacht.

Dann das „Hospital de los Reyes Católicos“, ehemals Pilgerherberge, Hospital, jetzt ein 5-Sterne-Parador, in dem ein Zimmer mittlerweile 400 € kostet. Hier war ich vor ein paar Jahren mit Gerda, Käthe und Günter. Ein Prachtbau, in dem wir übernachtet und gut gegessen haben. „Der Camino ist nicht das richtige Leben“, das ist ein Standardspruch auf dem Weg. Wo ist das „richtige“ Leben, damals, jetzt? Ich weiß es nicht. Ich beschließe, ihnen eine Postkarte zu schicken. Als ich lese, was ich geschrieben habe, möchte ich die Karten am liebsten zerreißen, es sind höfliche, nette Floskeln, die nicht aussagen, was ich im Moment wirklich empfinde. Ich schicke sie trotzdem ab.

 

Dienstag, 30. Mai 2006
Santiago de Compostela – Negreira (22 km)

Es ist schwierig aus Santiago herauszufinden. Die Beschilderung mit den gelben Pfeilen funktioniert auf einmal nicht mehr. Es gelingt mir nur mit den detaillierten Anweisungen meines gelben Reiseführers (Outdoor, der Weg ist das Ziel). Jetzt bin ich über 800 km gelaufen, um Santiago de Compostela zu erreichen und so froh, es wieder verlassen zu können. Mein Reiseführer hat Recht, nicht Santiago, sondern der Weg ist das Ziel. Bisher hieß es immer, noch 725 km, 432 km, 132 km, 17 km … bis Santiago. Jetzt liegt Santiago hinter mir. Wieder freie Natur, ich atme auf.

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Der Weg führt über Ponte Marceira mit seiner wunderschönen, historischen Brücke. Ich treffe auf ein französisches Paar, dem ich schon x-mal begegnet bin. Die Beiden haben eine Art Schubkarre, auf der sie ihr Gepäck und ihr Zelt befördern. Nachdem wir schon so oft „Bon jour“, „Buen Camino“ oder „Hola“ gewechselt haben, reden wir heute das erste Mal miteinander. Aber sie sind nicht sehr gesprächig, vielleicht bin ich für sie auch nicht der richtige Gesprächspartner, ein letztes „Buen Camino“ und ich sehe sie nie mehr. Ein deutsches Ehepaar spricht mich an. Sie machen Urlaub hier und wollen mal einen „richtigen“ Pilger interviewen. Wir reden eine halbe Stunde miteinander, das Gespräch ist flach, ich ziehe weiter. Zum ersten Mal verlaufe ich mich richtig auf dem Camino. Ich hatte ein Hinweisschild auf eine Bar gesehen, folge dem Schild und nicht mehr dem gelben Pfeilen. Die Bar ist geschlossen, aber ich behalte die Richtung bei. Nach einer Stunde hält ein Autofahrer und macht mir klar, dass ich schon lange nicht mehr auf dem Camino sei. Also wandere ich mindestens eine Stunde zurück, über die „Bar“ hinaus und treffe meine gelben Pfeile wieder. Zwei Radfahrer sitzen am Wegesrand und frühstücken. Da ich Hunger bis unter die Arme habe, scheue ich mich nicht, sie um ein Stück Brot zu bitten. Sie geben es mir bereitwillig und fordern mich auf, mit ihnen Pause zu machen. Meine Antwort, dass ich mich verlaufen habe und meine Zeit wieder einholen muss, ist ausgesprochen blöde. „Zeit kann man nicht einholen“ sagt einer der beiden. Ich gehe weiter und denke darüber nach, natürlich hat er Recht. Zeit kann man nicht einholen. Mir fällt ein Spruch von John Steinbeck ein: „Man verliert die meiste Zeit damit, dass man Zeit gewinnen will“. In der nächsten Bar treffe ich beide wieder. Ich entschuldige mich für mein Verhalten und lade sie zu einem Kaffee ein.

Ein paar Kilometer weiter überholt mich Kurt, der Kurt, dem sie im Zug von Paris nach Bayonne das Portemonnaie geklaut haben und dessen Gepäck ich in Bayonne zurückgelassen habe. Wir tauschen aus, warum, wann und wie alles passiert ist, dann rauscht Kurt in einem atemberaubenden Tempo davon.

Ich habe zunehmend mit meinem linken Bein Probleme. Es ist dick angeschwollen und tut weh. Für eine Strecke von 20 km habe ich ca. 6 Stunden gebraucht. Ich denke, eine Pause von ein bis zwei Tagen ist angebracht.

In Negreira ist eine schöne Herberge. Ich ergattere den letzten offiziellen Platz. Dann trifft völlig erschöpft Hanuka ein, eine Japanerin. Ich kämpfe mit der Hospitalera, Hanuka noch irgendwo unterzubringen. Es funktioniert, Hanuka erhält eine Not-Matratze im Fenstersims und ist dankbar, dass sie nicht weiterlaufen muss. Wir reden über die kulturellen Unterschiede zwischen Japan und Deutschland, dabei schläft sie ungeniert knieend ein.

Peter aus dem Gespann Peter/Toni ist auch da. Toni ist von Santiago aus bereits zurückgeflogen. Mit Peter leere ich noch eine Flasche Rotwein und vertilge den Rest eines Bocadillos, das ich am Vortag gekauft hatte. In einer Apotheke kaufe ich eine Tube Voltaren. Vielleicht hilft das meinem Bein.

 

Mittwoch, 31. Mai
2006 – Donnerstag, 01. Juni 2006 Muxia

Das Bein ist noch weiter angeschwollen. Ein großer Teil der Pilger hatte auf dem Weg ähnliche Probleme und musste zwischendurch pausieren. Zumindest hat das Bein solange gewartet, bis wir Santiago erreicht haben. Es hilft nichts, ich muss eine Pause einlegen. In der Herberge kann ich nicht bleiben, das geht nur nach Vorlage eines ärztlichen Attestes. Ich beschließe mit dem Bus nach Fisterra zu fahren, das ist der Ort, an dem das Kap Finisterre liegt.

Ein Einheimischer, den ich nach dem Weg frage, führt mich zum Busbahnhof. Es gibt gar keine direkte Verbindung von Negreira nach Fisterra, also fahre ich nach Muxia, um von dort aus Fisterra zu erreichen. Muxia liegt am Meer (an der „Costa da morte“) und ist inzwischen auch ein Pilgerziel.

Der Legende nach unterstützte Maria die Missionstätigkeit des älteren Jakobus, indem sie Nordspanien/Muxia auf einem „steinernen Schiff“ anlief. Das dazugehörige „Segel aus Stein“ ist vor und unterhalb des Hauptportals einer auf einer Felszunge gelegenen Kirche zu sehen. Direkt daneben ein „Kriechstein“: zwängt man sich 9 Mal unter ihm hindurch, so soll das Glück, Fruchtbarkeit und Gesundheit bewirken.

Warum soll ich nicht einfach hier bleiben? Ich suche mir ein Zimmer (20 €/Nacht) und verbringe zwei Tage hier. Es ist ein Fischerort, mit EU-Geldern aufgepeppt, aber nur wenige Touristen und Pilger verlaufen sich hier her. In den Bars/Restaurants bin ich oft der einzige Besucher.

Meine Zimmerwirtin empfiehlt mir, die uralte Kirche auf der Felszunge anzusehen. Die ist aber nur offen, wenn eine Messe ist. Ich gehe hin, die Kirche ist zwar alt, aber sie beeindruckt mich nicht. In der Messe sind nur alte, schwarz gekleidete Frauen. Als die Wechselgebete kein Ende nehmen, schleiche ich mich wieder raus.

Am Donnerstag gehe ich zum „Gesundheitscenter“, um mal einen Arzt zu fragen, ob ich nicht doch weiter laufen kann. An der Rezeption gibt es einen deutschsprachigen Mitarbeiter, der mich an ca. 50 wartenden Spaniern vorbeischleust. Es ist mir den wartenden Patienten gegenüber zwar peinlich, aber ich bin ihm trotzdem dankbar. Der dicke spanische Arzt kann nur Spanisch, also versuche ich ihm mein Problem klarzumachen. Er wirft noch nicht mal einen Blick auf das Bein und interessiert sich nur für meine Krankenkassenkarte. Er kann irgendeine Nummer nicht finden, die für die Abrechnung erforderlich ist. Ich frage, ob ich mit dem Bein weiterlaufen kann. Die Antwort ist ein striktes „No“. Ich nehme ihm meine Karte aus der Hand und gehe.

 

Freitag 02.Juni 2006 – Mittwoch 07. Juni 2006 Fisterra / Kap Finisterre

Am Freitag fahre ich mit dem Autobus nach Cée, einem Ort am Pilgerweg Santiago – Kap Finisterre. Als ich in Cée aussteige, stelle ich fest, dass ich den Ort nicht mag. Also nehme ich gleich den Anschlussbus nach Fisterra.

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So verbringe ich die restlichen Tage in Fisterra mit dem vorgelagerten Kap Finisterre. Der Ort selber ist nichtssagend, aber die ihn umgebenden Berge und Strände sind sehr schön. Bei meinen langen Spaziergängen wird mir klar, dass ich nicht auf dem Camino, sondern erst hier die Ruhe finde, zu mir selbst zu kommen. Das Kap Finisterre ist für mich der eigentliche Höhepunkt des Caminos. So geht es wohl vielen anderen Pilgern auch. Hier, am „Ende der Welt“ ankommen, liegen sie sich in den Armen und die meisten können ihre Tränen nicht zurückhalten. Traditionsgemäß werden am Kap die Sachen verbrannt, die verschlissen sind und die man nicht mehr benötigt. Einige „zerlatschte“ Wanderschuhe stehen auf den Felsen.

Bei einem Spaziergang spricht mich ein Einheimischer in bestem Deutsch an. Er ist in Dortmund aufgewachsen, wo seine Eltern noch immer wohnen, aber er wollte zurück nach Fisterra. Ich lade ihn zu einem Bier ein und er erzählt, dass er davon lebt, abends für ein paar Stunden mit seinem Boot aufs Meer zu fahren und zu angeln. Was er an Fischen übrig habe, gäbe er Freunden und er bekommt dafür Brot und Gemüse. Er schien mit sich und der Welt zufrieden zu sein. Kaum zu glauben, dass eine solche Lebensart im heutigen Europa noch möglich ist.

Fast jeden Abend packe ich meinen Rucksack, aber diesmal mit Brot, Käse und Wein. Dann geht es noch einmal 45 Minuten bergauf von Fisterra zum Kap Finisterre, ich treffe mich dort mit anderen Pilgern, um den spektakulären Sonnenuntergang zu erleben, und er erscheint wieder, der Himmelspfad, die Milchstraße in ihrer funkelnden Schönheit.

Nach und nach treffen in den Tagen viele mir bekannte Gesichter ein, die ich auf dem langen Weg überholt hatte. Die meisten haben das letzte Stück Santiago – Fisterra mit dem Bus zurückgelegt. Nach einhelliger Meinung war nach Santiago die Luft einfach raus.

Ich freue mich, Gillian und Kevin aus Australien wieder zu sehen. Sie versichern mir, sich zu melden, wenn sie in Deutschland sind (*Nachtrag: eine Woche später treffen wir uns zufällig in Budapest wieder). Peter aus Österreich taucht auf. Wir wandern noch einmal einen halben Tag miteinander. Dann ein „Hola“ von der hübschen Nicole aus Kärnten. Bei einem Wein erzählt sie mir, dass sie während des Caminos mit einem Mitpilger aus Holland angebandelt hat, der vom Alter her ihr Vater sein könnte. Sie hat einen Freund zu Hause und steckt jetzt in der Zwickmühle. Die Kanadierin Gil taucht auf, das nette französische Ehepaar, mit dem ich mich nie unterhalten konnte und auch der tätowierte William. Mit dem „Sauerländer“ trinke ich am Kap einen Kaffee, er „siezt“ mich immer noch.

An der Bushalte wartet Hanuka aus Japan auf den Rückbus nach Santiago. Sie ist einige der Wenigen, die auch das letzte Stück Santiago-Finisterre gelaufen sind. Sie umarmt mich (für eine Japanerin sehr ungewöhnlich), dann muss sie in den Bus steigen und ist weg.

Am letzten Tag treffe ich noch Ger und Thea aus Venlo und Marlene und Rudolf. Noch ein großes „Hallo“ und ein gemeinsamer Kaffee.

Dann lerne ich noch die „Wilde Christina“ kennen, so hat sie Peter immer bezeichnet. Bisher waren wir uns noch nie begegnet. Wir sitzen in einer Strandbar. Christina wohnt in Bochum, sie erzählt mir von ihren erwachsenen Kindern, von den Problemen, die der Sohn als „ewiger Student“ bereitet, von einem Mann erzählt sie nichts. Ein polnisches Paar gesellt sich zu uns. Sie vereinbaren, den letzten Abend mit einem Picknick am Strand zu beschließen. Ich klinke mich aus, ich will den letzten Abend alleine sein.

Am späten Nachmittag entleert sich noch eine Möwe direkt über mir. Mir war unbekannt, dass eine einzelne Möwe so viel auf einmal ausscheiden kann und war von oben bis unten bekleckert. Die Umstehenden finden das außerordentlich amüsant. Zwei einheimische Frauen kommen, um mich anzufassen. Das bringe ihnen Glück, meinen sie. Ich fühle mich weniger glücklich und gehe noch einmal zum Duschen.

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Mein Entschluss, am letzten Abend noch einmal richtig lecker essen zu gehen, wird zur Pleite. Ich gehe um 19:30 Uhr zu dem Restaurant, das ich mir ausgesucht habe und das wohl das Lieblingsrestaurant der Einheimischen ist. Köche und Personal sitzen auf einer Bank vor dem Haus, reden, lachen und trinken; vor 21.00 Uhr machen sie nie auf. Immerhin bekomme ich ein Bier. Um 21:30 Uhr tut sich immer noch nichts. Nein, machen sie mir klar, vor 22:00 Uhr gibt es auf keinen Fall was zu essen. Mein Hunger ist zu groß, um noch länger warten zu können. Ich gehe in ein anderes Restaurant, esse nicht besonders gut und als ich gegen 22:45 Uhr am ersten Restaurant noch einmal vorbeikomme, trudeln gerade die ersten (spanischen) Gäste ein.
Im Dunklen wandere ich noch einmal allein den Weg zum Kap hinauf, die Milchstraße leuchtet über mir und ich nehme für mich Abschied vom Camino. Seit Tagen freue ich mich schon darauf, nach Hause zu fahren.

 

 

 

Donnerstag 08. Juni 2006
Heimreise

Der Linienbus von Fisterra nach Santiago geht schon um 07:45 Uhr. Zum Glück hat schon eine Bar auf, so dass ich vorher noch frühstücken kann. Christina, die den gleichen Rückflug wie ich hat, trudelt auch ein. Wir fahren gemeinsam die zweieinhalb Stunden bis zum Busbahnhof nach Santiago. Eigentlich wäre noch genug Zeit, um noch einmal nach Santiago hineinzugehen, aber mich zieht im Moment nichts hin. Also steigen wir um in den Bus zum Flughafen und vertrödeln ein paar Stunden bei Kaffee, Rotwein und Bocadillos. Marlene und Rudolf, sowie Thea und Ger warten auch am Flughafen.

Das Flugzeug hebt pünktlich ab und ist schon eine halbe Stunde vor der angegebenen Zeit in Frankfurt-Hahn. Gerda erwartet mich, und mit ihr stehen dort Hans, Martin, Reinhard und Toni mit einem mit Jakobsmuscheln verzierten Willkommens-Plakat. Ich bin zurück im „wirklichen Leben“.

 

 

Fazit

So schwierig es ist, die Gründe zu nennen, warum ich mich zu dieser Reise entschlossen habe, so schwierig ist es auch ein einfaches Fazit zu ziehen. Dass sich der Weg gelohnt hat und ein unvergessliches Erlebnis bleibt, steht außer Frage.

 

  • Ich habe den Weg geschafft, darüber bin ich froh. Ich habe meine Leistungsfähigkeit, aber auch meine Grenzen kennen gelernt und dabei 6 kg abgespeckt.
  • Das „Erlebnis Natur“ war faszinierend, sowohl die Bergwelt, als auch die Meseta, wenngleich Spanien natürlich auch ein Industriestaat ist, mit Autobahnen, Fabriken und Städten, denen man nicht entgehen kann.
  • Eine weitere Erfahrung war, zu sehen, mit wie Wenig man auf einer solchen Reise auskommt; es geht auch ohne Handy.
  • Die Kirchen, Klöster, historischen Brücken und andere Bauwerke sind beeindruckend und nicht nur ein Teil spanischer, sondern europäischer Geschichte und des Christentums. Damit sind sie auch ein spürbarer, lebendiger Teil unserer Geschichte und unserer eigenen Wurzeln.
  • Ich habe mich wohl und geborgen gefühlt bei dem Gedanken, dass ich einen Weg gehe, den vor mir schon so viele Menschen über Jahrhunderte gegangen sind und den nach mir noch viele Menschen gehen werden.
  • Das Beeindruckendste aber, und darüber hatte ich vorher nicht nachgedacht, war die Begegnung mit den Menschen, den Einheimischen, den Hospitaleros und den Pilgern. Obwohl ich meist gewollt und bewusst allein gewandert bin, habe ich in den sechs Wochen so viele Menschen kennen gelernt, wie es sonst nie in vergleichbarer Zeit möglich ist. Wir sind aufeinander zugegangen, Schranken waren aufgehoben. Staatsangehörigkeit, Religion, Hautfarbe, Alter, alles schien auf einmal keine Rolle mehr zu spielen. Waren die Pilger die gleichen Menschen, denen ich zu Hause begegne? War ich noch der gleiche Mensch? Nur weil wir das gleiche Ziel hatten, den gleichen Weg gingen?

 

Michael Kasper schreibt in einer Einleitung zu seinem Reiseführer „Outdoor, der Weg ist das Ziel“, dass das entscheidenste Erlebnis die Wiederentdeckung der Nächstenliebe ist. Genauso habe ich empfunden. Und so bin ich auch Gott näher gekommen, meiner Vorstellung von Gott.