2014 Deutschland Nord-Süd

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Map of the route “2014 Deutschland Nord-Süd”: 1.227.319 m, 21.434 m of climbing and 21.104 m of descent, elevation between -3 m and 867 m. It starts at 54.83511, 9.37403 and ends at 47.67177, 9.21307 (latitude, longitude).

Vorwort

In diesem Jahr möchte ich auf verschiedenen Jakobswegen Deutschland von Nord nach Süd durchqueren. Ich beginne auf der Via Jutlandica, die von Skandinavien kommend über Flensburg nach Lübeck führt. In Lübeck treffe ich auf die Via Scandinavica, ein Pilgerweg, der nach Göttingen verläuft. Von Göttingen aus führt ein Weg nach Eisenach. Dort treffe ich auf ein Teilstück der Via Regia nach Vacha. Von Vacha aus geht es auf einem Jakobsweg über Fulda, Würzburg und Rothenburg nach Ulm. Ulm liegt auf einem Weg, der von Tschechien kommend zum Bodensee führt. Das werden insgesamt ca. 1400 km sein.

22. April 2014

Dänische Grenze – Flensburg (8 km)

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In diesem Jahr bin ich auf den ersten Etappen zusammen mit unserem Freund Hans auf dem Weg. Wir erreichen mit dem Auto die dänische Grenze bei Flensburg Kupfermühle am frühen Nachmittag, laufen noch ca. 8 km bis Flensburg. Hier ist es zwar wesentlich kühler als im Rheinland, aber wir haben ein wenig Sonnenschein und zum Laufen ist es einfach ideal. Im Flensburger Touristenbüro erhalte ich meinen ersten Stempel für meinen Pilgerpass. Noch ein kleiner Stadtrundgang durch die durchaus sehenswerte Stadt, dann geht es mit dem Bus zurück zur Grenze und mit dem Auto zu unserer Unterkunft in Tarp.

23. April 2014

Flensburg – Tarp (25 km)

Wir haben für 3 Tage eine Ferienwohnung in Tarp. Das ist eine völlig neue Situation für mich, da ich sonst an dem Ort, den ich erreiche, ein Quartier suche und am nächsten Tag von dort aus weiterlaufe. Aber für einen begrenzten Zeitraum geht es auch so. Wir fahren mit dem Zug nach Flensburg und laufen von dort aus nach Tarp. Das Wetter ist trüb, anfangs ein paar Regentropfen, aber dann bleibt es für den Rest des Tages trocken. Der Weg ist ausgesprochen schön, die Landschaft hügeliger als ich erwartet habe. Hier beginnt der Frühling gerade erst, die Natur ist um Wochen gegenüber dem Rheinland zurück.

In Tarp angekommen, nutzen wir die Möglichkeit für ein leckeres Abendessen, jetzt noch ein Schlückchen Rotwein und dann geht es ab ins Bett.

24. April 2014

Tarp – Schleswig (32 km)

Um 09:00 Uhr starten wir von Tarp nach Schleswig. Da wir etwas abseits der Pilgerroute wohnen, brauchen wir ca. 2 Stunden bis wir sie in Sieverstedt wieder erreicht haben.

Der Himmel ist grau und es ist eiskalt, ich denke die Temperatur bleibt den ganzen Tag im einstelligen Bereich. Zum Wandern ist es trotzdem schön, zumindest bleibt es, entgegen der Wettervorhersage, den ganzen Tag trocken.

Ich merke, dass ich mich in den letzten Monaten zu wenig bewegt habe, denn die letzten Kilometer fallen mir schon ganz schön schwer. Wir erreichen Schloss Gottorf, dass ich vor Jahrzehnten mal besichtigt habe.

Von Ferne grüßt der Dom, aber meine Kondition reicht für einen Abstecher nicht mehr aus. Mit der Bahn sind wir in 15 Minuten wieder in Tarp. Als wir nach dem Abendessen noch ein Schlückchen Rotwein auf der Terrasse (bei ca. 7ºC , wandern härtet ab) zu uns nehmen, kommt der Nachbar noch zu einem Schwätzchen vorbei und spendiert einen leckeren Whisky, ich habe schon lange nicht mehr so gut geschlafen…

25. April 2014

Schleswig – Kosel (23 km)

Hans verlässt mich heute, die restlichen 1350 km werde ich dann wohl allein wandern. Wir fahren noch zusammen nach Schleswig, um uns den Dom anzusehen, aber der ist noch geschlossen. Dann muss er eben ohne uns auskommen. Einen Pilgerstempel bekomme ich auch nicht, da das Touristenbüro noch zu ist.

Ade Hans, Ade Schleswig!

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Der Weg ist ausgesprochen schön und verläuft in langen Teilstücken an der Schlei entlang. Mit der Fähre erreiche ich das andere Ufer und schlage mich durch zu meinem vorgebuchten Zimmer (Haus am Bültsee), etwas abseits von Kosel. Das Zimmer ist riesig, die Vermieter sehr nett, aber das nächste Restaurant ist 3 km entfernt, zum Glück habe ich noch ein Brot von heute Morgen im Rucksack, das muss reichen. Übrigens war heute den ganzen Tag Bilderbuchwetter, blauer Himmel und Sonnenschein, mittags war es schon fast zu warm.

26. April 2014

Kosel – Revensdorf (bei Gettorf) 30 km

Nach einem guten Frühstück starte ich gegen 09:00 Uhr Richtung Eckernförde. Wieder macht der Weg eine große Schleife an einem See entlang, aber es macht natürlich mehr Spaß als die vielbefahrene Landstraße. Sehenswert ist die Nikolaikirche, obwohl ich auch hier keinen Stempel für meinen Pass bekomme. Noch sehenswerter ist eine Fischbude auf dem Wochenmarkt.

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Hier gibt es viele kleine Fischleckereien und trotz des guten Frühstücks kann (und will) ich nicht nein sagen und gönne mir einen Teller mit gemischten Häppchen. Die Verkäuferin sieht, dass ich Pilger bin und spendiert mir noch eine köstliche Fischsuppe mit Garnelen und gerösteten Muscheln. Das Rezept wollte sie mir aber nicht verraten. Es war sooo lecker, schade dass Du nicht mehr dabei warst, Hans.

Ich schlendere noch ein wenig durch die hübsche Innenstadt, dann führt der Weg weiter an der Ostsee entlang. Zuerst geht es über die Kurpromenade, später über kleine Pfade durch hügelige Waldgebiete. Irgendwo verlaufe ich mich natürlich wieder, die Beschilderung ist schlecht bzw. nicht vorhanden. Mein Navi hilft mir heraus aus dem Waldgebiet. Über kleine Dörfer, Acker- und Waldgebiete erreiche ich meine vorgebuchte (private) Unterkunft. Frau Simdon, selbst Pilgerin, hat ein großes Haus und bietet Pilgern die Übernachtung an. Außerdem will sie etwas zum Essen machen, was ich gerne annehme. Leider liegt die (sehr schöne) Unterkunft 3 km abseits des Weges.

27. April 2014

Revensdorf-Kiel (25 km)

Bisher habe ich Glück mit dem Wetter, auch heute ist es nur sonnig, mitunter ist es schon zu warm, aber manchmal weht auch ein frischer Wind.

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Der Weg führt vorbei an blühenden Obstbäumen, hin zum Nord-Ostsee-Kanal, dann über ca. 8 km nur am Kanal entlang. Ich mache noch einen Abstecher zum Hafen von Kiel-Holtenau, das hatte man mir dringend empfohlen. Es ist hübsch dort, ich esse mein Fischbrötchen, dann geht es mit der Fähre über den Kanal und weiter über langweilige Straßen Richtung Kiel-Zentrum. Als ich mich zur Touristeninformation durchfrage (die natürlich sonntags geschlossen hat) werde ich gefragt, was ich denn in Kiel wolle, außer der “Kieler Woche” gäbe es doch hier nichts Interessantes. Den Eindruck kann ich bisher nur bestätigen.

Eigentlich wollte ich im Nonnenkloster schlafen, aber die Nonnen haben auf meine E-Mail-Anfrage nicht reagiert. Also suche ich mir ein kleines preiswertes Hotel. Das ‘Basic Hotel Ostseehalle’ ist OK.

28. April 2014

Kiel – Plön (32 km)

Der Weg aus Kiel heraus ist zumindest anfangs hässlich. So richtig schön wird es ab Preez, eine Bilderbuchlandschaft mit reetdachgedeckten Häusern, kleinen schnuckeligen Dörfern und Seen, das alles bei strahlend blauem Himmel.

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Aber die Landschaft ist wesentlich hügeliger als ich gedacht habe. Da auch die Sonne sehr intensiv ist, komme ich ziemlich geschafft in Plön an. Das Schönste an Plön ist seine Umgebung, im Ort selber scheinen sich viele Sanatorien und Altenheime angesiedelt zu haben. Meine vorgebuchte Pension liegt natürlich wieder ganz außerhalb auf einem Hügel.

Wie es Morgen weitergeht, weiß ich noch nicht. Es ist mir noch nicht gelungen, zwischen Plön und Lübeck eine Unterkunft zu finden.

29. April 2014

Plön – Sarau (bei Arensbök) 25km

Morgens gehe ich noch einmal mein Verzeichnis der Unterkünfte durch und nach einigem Telefonieren habe ich Glück.

In Sarau, ca. 6 km vor Arensbök bietet Frau Horstmann Pilgern eine Unterkunft an. Die Stimme am Telefon ist sympathisch und sie sagt mir, dass sie auch etwas zu Essen für mich habe.

Der Weg führt zwischen den Seen der Holsteinischen Seenplatte entlang. Überall ist der Frühling in voller Blüte und auf den Wiesen und über mir schnattern Tausende von Wildgänsen. Ich weiß nicht, ob die alle hier wohnen oder auf der Durchreise sind, vielleicht beides.

Auch heute ist es sonnig und warm, von mir aus kann es so bleiben. Wie jedes Jahr fehlt mir am Anfang noch die nötige Kondition, aber ich hoffe, dass das noch besser wird. Da die Etappe nicht zu lang und die Steigungen moderat sind, lasse ich mir viel Zeit und genieße einige Pausen. Zwischendurch ein Milchkaffee, der leider 3x so teuer ist wie in Spanien. Als ich in Sarau ankomme ist niemand anwesend. Ich warte auf der Terrasse, später haben wir, mit Frau Horstmann und Sohn eine nette Unterhaltung bei Kaffee und Kuchen.

Abends esse ich gemeinsam mit dem Sohn, einem netten jungen Mann, der gerade mitten im Abitur steckt.

30. April 2014

Sarau – Lübeck (30 km)

Wir sitzen noch lange gemeinsam beim Frühstück und reden über Gott und die Welt. Es ist schon 10:00 Uhr, ehe ich mich langsam auf den Weg mache.

Die ersten Kilometer sind schön und gehen hauptsächlich durch Waldgebiete, die nächsten 20 km führen nur am Rand einer Bundesstraße entlang, das hätte man sich schenken können.

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In Lübeck vermittelt mir die Touristeninformation ein Hotelzimmer (Hotel am Mühlenteich). Das ist ein wirklich nettes Hotel. Ich habe einen kleinen Balkon und blicke von dort aus auf den Teich.

Trotz müder Beine mache ich mich doch noch einmal auf den Weg, um die Stadt zu erkunden. Ich gehe in den Dom, durch die Altstadtgässchen, die Zeit reicht nicht aus. Man hatte mir empfohlen, unbedingt an einer Stadtführung teilzunehmen. Auch das klappt nicht. Das ist doch ein guter Grund noch einmal wiederzukommen.

01. Mai 2014

Lübeck – Ratzeburg (~ 34 km)

Meine Befürchtungen, dass der Weg aus der Stadt wieder nur durch Industrie- und Gewerbegebiete geht, haben sich nicht bewahrheitet.

In ganz kurzer Zeit erreiche ich den Elbe-Lübeck-Kanal und der Weg führt über Kilometer am Rand dieses Kanals entlang. Allerdings ist heute nicht nur schönes Wetter sondern auch noch der 1. Mai, sodass Hunderte von Radfahrern unterwegs sind, mit denen ich den Weg teilen muss. Nach etwa 2 Stunden schreien meine Füße und meine (Raucher-) Lunge immer nach einer Pause, aber alle Bänke sind mit Radfahrern belegt. Warum müssen die eigentlich sitzen, wenn sie Pause machen? Die sitzen doch sowieso die ganze Zeit.

Auf der nächsten Bank sitzt eine einzelne Frau. Als ich gerade überlege mich zu ihr zu setzen, spricht sie mich mit honigsüßer Quietschstimme an. “Na, junger Mann, wollen sie nicht auch mal eine Pause einlegen?” Ich will neben keiner Quietschstimme Pause machen, murmele eine Entschuldigung und pilgere weiter. Dann, endlich eine leere Bank. Kaum sitze ich, kommt Quietschstimme angeradelt, setzt sich dreist neben mich, registriert meinen Pfeifenqualm und hält mir einen (quietschigen) Vortrag über die Schädlichkeit des Rauchens. Genervt stehe ich auf und wandere grußlos davon. Später überholt sie mich noch einmal mit dem Fahrrad und wirft mir einen vernichtenden Blick zu.

Irgendwo wird der 1. Mai mit Festzelt, Musik, Bier und Würstchen gefeiert. Das passt ins Konzept. Meine am Rucksack befestigte Jakobsmuschel gibt immer Anlass für einen kleinen Plausch. Meist höre ich Äußerungen wie “Seit Jahren wollen wir schon mal einen Jakobsweg laufen, aber…”

Irgendwann führt der Weg weg vom Kanal und nach weiteren 10 Kilometern erreiche ich Ratzeburg. Wider Erwarten hat die Touristeninformation geöffnet und kann mir bei der Suche nach einer Unterkunft helfen, denn in den Hotels im Zentrum kostet das Einzelzimmer mehr als 100 €. Allerdings liegt das Privatzimmer, das erheblich preiswerter ist, noch einmal ca. 3 Kilometer entfernt. Und das, wo ich schon mehr als 30 Kilometer hinter mir habe. Dafür ist das Zimmer sehr schön.

Übrigens hat es heute einen fast dramatischen Temperatursturz gegeben. Während ich mittags noch in der Sonne geschnurrt habe, liegt die Temperatur jetzt am Abend bei 3º C.

02. Mai 2014

Ratzeburg – Lauenburg (36 km)

Beim Frühstück sitze ich noch lange mit dem Vermieter meines Zimmers zusammen. Es geht ihm wie vielen. Er hat einst ein riesiges Haus gebaut, das war einmal voller Leben, mit Eltern und Kindern, aber jetzt sind alle Kinder aus dem Haus und nun ist es still. Über Feriengäste versucht er, ein bisschen Leben ins Haus zurückzuholen. Ratzeburg lag, das war mir nicht bewusst, an der Grenze zur DDR. Die Ostseite des Ratzeburger Sees war teilweise schon DDR-Gebiet. Er erzählt Geschichten aus dieser Zeit und ich starte erst nach 09:00 Uhr.

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Ich bin abseits des Jakobsweges und wandere über den Radweg einer Bundesstraße nach Mölln. Das ist wirklich ein nettes Städtchen, der Ort des Till Eulenspiegel, umgeben von mehreren Seen. Aus der Kirche kommt gerade ein Brautpaar, das sich mit einem Pilger fotografieren lassen will. Ich trinke ein Glas Sekt mit und pilgere leicht beschwingt weiter. Den Jakobsweg vergesse ich für heute, da er einen unnötig großen Bogen macht. Als ich am Lübeck-Elbe-Kanal an einer Schleuse zusehe, fragt mich der Eigner eines kleinen Motorbootes, ob ich ein Stück mit wolle. Da er in meine Richtung fährt, sage ich nicht Nein. Verträgt sich das mit meiner Pilger-Ehre? Die Pilger des Mittelalters hätten sicher auch nicht abgelehnt.

Später erreiche ich Büchen, mein eigentliches Ziel für heute, aber der Ort scheint nur aus Aldi, Lidl und Netto zu bestehen. Also packe ich noch einmal 16 km drauf und wandere durch bis Lauenburg. Lauenburg ist ein hübsches Städtchen an der Elbe. Das letzte Hochwasser muss die Stadt besonders stark getroffen haben. Ich hatte versucht, in der Jugendherberge unterzukommen, aber es war alles ausgebucht. Jetzt habe ich ein kleines uraltes Hotel und blicke von dem (morschen) Balkon direkt auf die Elbe, schön…

03. Mai 2014

Lauenburg – Lüneburg (30 km)

In der Nacht hatte es gefroren und entsprechend warm ziehe ich mich zum Start der heutigen Etappe an. Doch der Himmel ist blau und wolkenlos (zumindest anfangs) und die Sonne hat im Mai doch schon eine gewaltige Kraft, sodass ich nach kurzer Zeit im Hemd weiter laufe.

Da ich das Schiffshebewerk Lüneburg besichtigen möchte, nehme ich nicht den Jakobsweg, sondern wandere am Elbe-Seitenkanal entlang. Das ist allerdings ziemlich langweilig, aber das Schiffshebewerk entschädigt. Es wurde als das größte Hebewerk der Welt gebaut. Ich mache eine Führung mit, leider reicht meine Zeit nicht aus, um sich einmal hoch oder runter heben zu lassen, schade…

Später verlaufe ich mich noch, da ich einen Hinweis “Lütjenburg” als Lüneburg gelesen habe, d.h. 2 Kilometer in die falsche Richtung und 2 Kilometer wieder zurück, grrr…

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Lüneburg ist sehenswert, so viel alte Bausubstanz und soooo viel Besucher, dass ich Mühe habe, ein Zimmer zu bekommen. Es ist das teuerste und schlechteste meiner bisherigen Tour. Gegen Abend wird es wieder richtig kalt, aber nach Wetterbericht soll es Anfang nächster Woche wieder wärmer werden.

Ansonsten geht es mir gut. Mein Knie, mit dem ich anfangs Probleme hatte, hat aufgegeben zu mucken und mit meinen Hüften wird es von Tag zu Tag besser. Das Laufen scheint wirklich eine gute Therapie zu sein.

Da ich in der Heide bin, hier ein Gedicht von Hermann Löns, das mir heute durch den Kopf ging:

Frühling

Hoch oben von dem Eichenast
Eine bunte Meise läutet
Ein frohes Lied, ein helles Lied,
Ich weiß auch, was es bedeutet.

Es schmilzt der Schnee,
es kommt das Gras,
Die Blumen werden blühen,
Es wird die ganze weite Welt
In Frühlingsfarben glühen.

Die Meise läutet den Frühling ein,
Ich hab es schon lange vernommen,
Er ist zu mir bei Eis und Schnee
Mit Singen und Klingen gekommen.

04. Mai 2014

Lüneburg – Bad Bevesen (30 km)

Nach dem Frühstück gehe ich noch einmal ins Zentrum von Lüneburg, zur Kirche St. Johannis, um mir meinen Stempel zu holen. Der Pfarrer ist ganz erstaunt, dass seine Kirche ein markanter Punkt des Jakobsweges sein soll. Wenn er nicht meinen Rucksack die nächsten 20 km tragen müsse, wäre er aber bereit, mir einen Stempel zu geben.

Dann geht es los auf die Piste. Es ist kühl, grau und nieselt vor sich hin, was aber der Freude am Wandern keinen Abbruch tut. Ich hätte die Möglichkeit eine kurze Variante entlang des Elbe-Seitenkanals zu wählen, aber das habe ich gestern gehabt und es ist einfach nur langweilig. So folge ich heute der Ausschilderung des Jakobsweges. Zuerst geht es durch eine wunderschöne Buchen-Auenlandschaft, später durch Kiefernwälder mit recht sandigem Boden. Die Gegend ist zwar nicht gebirgig, aber der Weg lässt keine Erhebung und keine Senke aus. Ein kurzer Stopp in Bienenbüttel, dann geht es immer am Ufer der Ilmenau nach Bad Bevensen. Das ist ein typischer Kurort mit Kurpark, Cafés und Geschäften, die all den Schnickschnack verkaufen, die der Mensch nicht braucht.

05. Mai 2014

Bad Bevesen – Suderburg Böddenstedt (30 km)

Heute starte ich ohne Frühstück, aber nach etwa 5 km kommt die erste Bäckerei. Allerdings ist die Verkäuferin zu doof, mir einen Milchkaffee zu machen.

Heute folge ich nicht dem Jakobsweg, da ich mir gerne Uelzen anschauen möchte. Zuerst führt der (Rad-)weg immer am Ufer der Ilmenau entlang. Durch die Windungen des Flusses sind das zwar etliche Zusatzkilometer, aber es ist schön. Dann biegt der Weg plötzlich ab zum Ufer des Elbe-Seiten-kanal, da wird es wieder langweilig.

Der Besuch von Uelzen lohnt sich nicht besonders, vielleicht bin ich auch nicht in den richtigen Ecken. Von Uelzen geht es dann über kleine Landstraßen nach Böddenstedt zum Landgasthof Puck. Der Besitzer ist ein Ur-Schwabe, der den Gasthof vor zwei Jahren übernommen hat. Ob er hier überleben kann? Ich würde es ihm gönnen, glaube aber nicht daran.

06. Mai 2014

Böddenstedt – Eschede (31 km)

Ein schöner Tag zum Wandern, es ist bedeckt, trocken und bei 11-13ºC kann ich gut ohne Jacke laufen. Nach etwa zwei Stunden mache ich meine erste Pause in Hösseringen. Das ist ein hübscher kleiner Ort in der Nähe eines Museumsdorfes. Hier gibt es noch einen schönen “Tante-Emma-Laden” mit angegliedertem Café.

Ich unterhalte mich mit einem Einheimischen, ob ich besser die Strecke A oder B nach Eschede nehme.

“Nehmen Sie A, da sind Sie im Nu da, ich brauche vielleicht 15 Minuten, …ähhh mit dem Auto, das sind höchstens 25 km”

Der Mann ist wohl noch nie zu Fuß gegangen, 25 km bedeuten für mich ca. 6 Stunden Fußmarsch.

Am Ortsende von Hösseringen gabelt sich der Weg. In beiden Richtungen gibt es Hinweisschilder für Fahrradfahrer:

◄ Unterfüß 9, 5 km       Unterfüß 11, 5 km ►

Darunter ein handgeschriebener Hinweiszettel:

“Nehmen Sie den längeren Weg, denn der ist in Wirklichkeit 2,5 km kürzer als der angegebene kürzere Weg, aber auch noch 1,5 km länger als der angegebene längere Weg”

Wie lang ist der kürzeste Weg?

Der Weg ist in der Tat lang, zumal der Untergrund sehr sandig und steinig ist. Ich erreiche Unterfüß und schließlich Eschede. Von Eschede weiß ich nur, dass es 1989 (?) ein schweres ICE-Unglück gegeben hat. Nachdem was ich bisher von der Stadt gesehen habe, braucht man auch nicht mehr zu wissen. Meine vorgebuchte Unterkunft (B&B) ist spartanisch, aber OK. Jetzt hoffe ich nur, dass ich irgendwo etwas finde, wo es etwas zum Essen gibt.

07. Mai 2014

Eschede – Celle (32 km)

Das Wetter ist grau und windig. Entlang des Jakobsweges wären es mehr als 32 km, am Seitenstreifen der Landstraße entlang muss es wesentlich weniger sein.

Da ich auch noch ein wenig Zeit haben möchte, um mir Celle anzusehen, entscheide ich mich für die kürzere Variante. Leider endet der Fahrrad- und Fußgängerweg am Rande der Straße abrupt nach etwa 10 km. Über kleine Dörfer erreiche ich Celle. Im Zentrum der Altstadt angekommen, wird mir klar, dass mein vorgebuchtes Hotel noch einmal 3 km abseits liegt, d.h. 3 km ins Hotel, Rucksack abstellen, 3 km zurück, einen ca. 4 Kilometer Rundgang durch die Stadt und 3 km zurück zum Hotel. Da kommt einiges zusammen.

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Die Stadt ist wirklich sehenswert, ein Schloss, das ich mir nicht von innen angesehen habe, der Schlosspark und dann die Altstadt mit so vielen wunderschönen alten Fachwerkhäusern (>400), wie ich es bisher noch nie gesehen habe. In der Stadtkirche St. Marien hole ich mir meinen Stempel. Am späten Nachmittag beginnt es kräftig zu regnen und es wird kalt.

08. Mai 2014

Celle – Hannover (43 km)

Ich weiß nicht, welcher Teufel mich heute geritten hat, die gesamte Strecke von Celle bis Hannover durchzulaufen.

Eigentlich sprach nichts dafür, das Wetter ist grau, windig, kühl und ab und zu regnet es. Die Landschaft ist relativ eintönig, Felder, Wiesen und ab und zu kleine Wäldchen.

Jetzt, wo ich die Lüneburger Heide hinter mir habe, frage ich mich sowieso “Wo war eigentlich die Heide? ” Ich habe Felder und Wälder gesehen, aber keine typische Heidelandschaft, wie ich die von Fotos kenne. War ich mit meiner Meditation beim Gehen so tief versunken, dass ich sie nicht gesehen habe? Ich glaube es nicht, obwohl ich manchmal beim Laufen so tief abschalten kann, dass ich mich beim “Wiederzumirkommen” oft frage, wo denn die letzte Stunde oder die letzten Kilometer geblieben sind.
Meine letzten Kilometer bis zu meinem Hotel in Hannover hatten mit Meditation nichts zu tun, sondern waren eigentlich nur eine Quälerei. Von Hannover habe ich bis jetzt noch nichts gesehen, denn nach dem Ankommen hieß es Duschen, Wäsche waschen, Essen …und jetzt gehe ich schlafen.
Es ist zwar kein Advent, aber ich habe heute mit einem Förster geplaudert und musste die ganze Zeit in mich hineingrinsen, da ich an das Gedicht von Loriot dachte.

ADVENT

Es blaut die Nacht, die Sternlein blinken,
Schneefloecklein leis herniedersinken.
Auf Edeltaennleins gruenem Wipfel
haeuft sich ein kleiner weisser Zipfel.

Und dort vom Fenster her durchbricht
den dunklen Tann ein warmes Licht.
Im Forsthaus kniet bei Kerzenschimmer
die Foersterin im Herrenzimmer.

In dieser wunderschoenen Nacht
hat sie den Foerster umgebracht.
Er war ihr bei des Heimes Pflege
seit langer Zeit schon im Wege.

So kam sie mit sich ueberein:
am Niklasabend muss es sein.
Und als das Rehlein ging zur Ruh’,
das Haeslein tat die Augen zu,
erlegte sie direkt von vorn
den Gatten ueber Kimme und Korn.

Vom Knall geweckt ruempft nur der Hase
zwei-, drei-, viermal die Schnuppernase
und ruhet weiter suess im Dunkeln,
derweil die Sternlein traulich funkeln.

Und in der guten Stube drinnen
da laeuft des Foersters Blut von hinnen.
Nun muss die Foersterin sich eilen,
den Gatten sauber zu zerteilen.

Schnell hat sie ihn bis auf die Knochen
nach Waidmanns Sitte aufgebrochen.
Voll Sorgfalt legt sie Glied auf Glied
(was der Gemahl bisher vermied)-,

behaelt ein Teil Filet zurueck
als festtaegliches Bratenstueck
und packt zum Schluss, es geht auf vier
die Reste in Geschenkpapier.

Da toent’s von fern wie Silberschellen,
im Dorfe hoert man Hunde bellen.
Wer ist’s, der in so tiefer Nacht
im Schnee noch seine Runden macht ?

Knecht Ruprecht kommt mit goldenem Schlitten
auf einem Hirsch herangeritten !
“He, gute Frau, habt ihr noch Sachen,
die armen Menschen Freude machen ?”

Des Foersters Haus ist tief verschneit,
doch seine Frau steht schon bereit:
“Die sechs Pakete, heil’ger Mann,
‘s ist alles, was ich geben kann.”

Die Silberschellen klingen leise,
Knecht Ruprecht macht sich auf die Reise.
Im Foerstershaus die Kerze brennt,
ein Sternlein blinkt – es ist Advent.

aus: LORIOTs HEILE WELT, Diogenes

09. Mai 2014

Hannover – Hildesheim (37 km)

Bevor ich Richtung Hildesheim starte, muss ich zumindest einen kleinen Rundgang durch die City von Hannover machen, wie immer habe ich zu wenig Zeit.

Viel alte Bausubstanz scheint es nicht zu geben, das Zentrum von Hannover scheint im Krieg total zerstört worden zu sein. Das, was ich an Neuem sehe, ist großzügig angelegt und architektonisch beeindruckend. Die Zeit ist aber zu knapp, um mir ein Urteil zu erlauben. Bisher kenne ich Hannover nur von Messebesuchen, aber da lernt man auch nichts von der Stadt kennen.

Ich verlasse die Stadt, in dem ich an dem schönen Maschsee entlang laufe, allerdings fehlt die Atmosphäre, da es grau, feucht und windig ist. Später geht es immer in gewundenen Pfaden an dem Ufer der Leine und anderen kleinen Flüsschen entlang. Das sind schöne Wege, aber sie sind matschig, es muss letzte Nacht viel geregnet haben. Nach etwa 3 Stunden merke ich, dass ich auf diesen Wegen viel zu langsam vorankomme, ständig muss ich riesigen Pfützen ausweichen. Also wechsle ich auf den Randstreifen der Landstraße.

Mein vorgebuchtes Hotel erreiche ich gegen 18:30 Uhr, d.h., dass ich, abgesehen von zwei kurzen Pausen, fast 10 Stunden auf den Beinen war. Das Hotel liegt ganz abseits der Stadt, die innerstädtischen waren belegt oder zu teuer, mitten in einem Gewerbegebiet. Das nächste Restaurant ist 2 Kilometer entfernt, aber es nutzt nichts, ich habe Hunger. Auf dem Weg ins Restaurant überrascht mich ein Regenguss (mit Sturm).

So werde ich am Abend noch einmal richtig nass. Das Restaurant ist gut, aber es dauert alles sehr lange. Bis ich wieder im Hotel bin ist es 21:00 Uhr, ich habe noch nicht geduscht und noch keine Wäsche gewaschen. Vielleicht lege ich Morgen einfach mal einen Tag Pause ein, denn von Hildesheim kenne ich bisher nur “mein Gewerbegebiet”. Da gibt es sicher noch mehr zu sehen.

Ansonsten geht es mir gut, nach mehr als zwei Wochen Laufen merke ich, dass meine Kondition besser wird und die Zipperlein immer weniger werden.

10. Mai 2014

Hildesheim – Diekholzen (12 km)

Der Inhaber des Hotels im Gewerbegebiet hat noch nie davon gehört, dass es in Deutschland auch Jakobswege gibt …und dass Menschen freiwillig so weit laufen, das kann er gar nicht glauben. Er bietet an, mich in die Innenstadt von Hildesheim zu fahren und als ich auch das dankend ablehne, versteht er die Welt nicht mehr.

Heute will ich mal etwas kürzertreten. Nach den anstrengenden Touren der letzten Tage brauche ich eine Verschnaufpause. Also werde ich mir Hildesheim ansehen und mir dann eine Unterkunft suchen.

Auf den ersten Blick ist Hildesheim enttäuschend, aber immerhin, es gibt einen originalgetreu rekonstruierten Marktplatz mit dem im Original erhaltenen Rathaus(1268).

In der Nähe gibt es auch noch ein Fachwerk-Viertel, das ich auslasse. Einen Blick werfe ich in die St.-Andreas-Kirche mit dem höchsten Kirchturm Niedersachsens. Der Dom gehört zum UNESCO Weltkulturerbe, leider ist er wegen Sanierungsarbeiten geschlossen. Zu sehen ist aber der sagenumwobene 1000-jährige Rosenstock an der Domapsis.

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Die Fußgängermeile sieht aus wie jede Fußgängermeile. Nachdem ich meinen Jakobsweg gefunden habe, wandere ich noch ca. 8 km weiter und suche mir ein Quartier in Diekholzen. Nachmittags soll es sowieso regnen.

11. Mai 2014

Diekholzen – Lamspringe (26 km)

Da der Jakobsweg hauptsächlich über Wald- und Wiesenwege verläuft und diese im Moment zu verschlammt sind, versuche ich am Rand von kleinen Straßen meinen Weg zu finden. Mein nächstes Ziel ist das Örtchen Sibesse. An der Straße steht ein Schild: 6 km. Bei einem von der Straße abzweigenden Fahrradweg soll die Entfernung 6,5 km betragen. Ich entscheide mich für den ungefährlicheren Fahrradweg. Wie sich herausstellt führt dieser erst mal steil bergauf auf den “Hausberg” und später über matschige Waldwege wieder zurück zur Straße. Die Straße wäre lieblich im Tal verlaufen. So brauche ich für die ersten 6, 5 Kilometer mehr als 2 Stunden.

Die zweite Panne passiert, als ein kleiner Weg plötzlich vor der Trasse eines Hochgeschwindigkeitszuges endet. Zwar sehe ich, dass der Weg auf der anderen Seite weitergeht, aber ich traue mich nicht, über die Gleisanlagen zu laufen. Also heißt es auch hier: zurück und einen anderen Weg suchen. Inzwischen wird das Wetter immer ungemütlicher, es stürmt so stark, dass nicht nur den Kühen die Euter waagerecht stehen, auch für mich wird es immer schwerer gegen den Sturm anzukämpfen und die Regenschauer scheinen waagerecht von vorn zu kommen. Mein ursprüngliches Ziel, Bad Gandersheim, kann ich bei diesem Wetter nicht erreichen. Also wähle ich “Lamspringe” als Alternative. Von diesem Ort hatte ich noch nie gehört, aber es ist eine gute Wahl. Es ist ein Ort am Harzrand mit geschichtlicher Tradition. Bereits 847 wurde hier ein erstes Kloster gegründet. Der jetzige Klosterkomplex mit der imposanten Klosterkirche mit gewaltiger barocker Innenausstattung wurde 1643 von englischen Benediktinermönchen erbaut. (War da nicht was in “Säulen der Erde”?). Ich treffe auf einen älteren Herrn, der sich freut, mir das alles zeigen zu können und der sich noch mehr freut, als ich ihn danach zum Kaffee einlade. Wir haben ein nettes Gespräch und er empfiehlt mir eine Unterkunft. Kaum habe ich mein Zimmer bezogen, hört es auf zu regnen und zu stürmen, der Himmel reißt auf, die Sonne scheint.

Trotz des Wetters, es hätte schlimmer kommen können, es war ein schöner Wandertag.

12. Mai 2014

Lamspringe – Northeim (33 km)

Die Temperatur liegt bei 8ºC, es nieselt und es weht ein scharfer, böiger Wind. Da ich sonst nichts vorhabe, manche ich mich trotzdem auf den Weg. Die Bushaltestelle versucht mich zu bezirzen: “Der nächste Bus nach Northeim kommt gleich und bringt dich für ein paar Euro ganz schnell ans Ziel.”  Wer bin ich, dass ich mich von einer Bushaltestelle bequatschen lasse?

Meine Tapferkeit wird belohnt, der Regen lässt nach und die Temperatur steigt auf 10ºC.

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Zwischen Lamspringe und Bad Gandersheim ist auf einer ehemaligen Bahnstrecke über ca. 13 Kilometer ein “Skulpturenweg” entstanden. Die aufgestellten Skulpturen zeitgenössischer Künstler sind Teil eines auf mehrere Jahre ausgelegten Projekts. Auch wenn ich nicht vor jedem Kunstwerk vor Andacht erstarre, mir gefällt der Gedanke und der Weg. Zudem gibt es Tausende von (echten) Schnecken zu bewundern, solche ohne und andere mit Haus. Wieso haben eigentlich ausgerechnet Schnecken die Evolution erfolgreich überlebt? Von den Nacktschnecken weiß ich, dass sie kaum Fressfeinde haben, sie schmecken wohl nicht sehr gut. Aber die mit den Häuschen? Wenn man sie anstößt, ziehen sie zwar blitzschnell ihre Fühler ein, aber es guckt noch so viel “Fleischiges” aus dem Häuschen heraus, das jemand, dem es schmeckt, doch leichte Beute haben müsste; …und dass Schnecken sich im Übermaß vermehren, kann ich mir bei dem Schneckentempo auch nicht vorstellen. Während ich über Schnecken nachdenke, erreiche ich fast unbemerkt Bad Gandersheim. Ein paar Fachwerkhäuser, 20 Kliniken, eine geschlossene Kirche, mehr habe ich von diesem Ort nicht gespeichert.

Über hügelige nasse Wege geht es nach Northeim. Der Ort hat eine vom Krieg unversehrte Altstadt mit Fachwerkhäusern aus dem 15.-20. Jhd. Diese scheinen zugleich Fluch und Segen zu sein. Einerseits stehen sie unter Denkmalschutz, zum anderen verhindern sie auch eine Weiterentwicklung der Stadt. Außerdem gibt es ein paar schlimme Bausünden aus den 60er oder 70er Jahren. So richtig warm werden kann ich mit Northeim nicht, vielleicht liegt es auch am Wetter, denn soeben hat es wieder angefangen zu regnen.

13. Mai 2014

Northeim – Göttingen (25 km)

Es hat in der Nacht soviel geregnet, dass der Jakobsweg unpassierbar ist, sodass ich versuche, mich über kleine Landstraßen zu bewegen, immer in der Hoffnung, dass ein separater Rad-/Fußweg existiert. Das funktioniert nicht immer.

Am Anfang nieselt es nur fein vor sich hin und ich bin optimistisch, dass es bald trocken werden würde, aber genau das Gegenteil tritt ein. Immer wieder prasseln heftige Regengüsse nieder. Manchmal kann ich mich unterstellen, mitunter erwischt es mich auf freier Flur und ich werde pitschnass. Dazu ist es noch unangenehm kalt.

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Um 15:00 Uhr erreiche ich zähneklappernd die Tourist-Information von Göttingen, um mir schnell ein Zimmer zu besorgen, damit ich mich unter die heiße Dusche stellen kann. Im Zentrum ist nichts frei. Man reserviert mir ein Zimmer in einem Vorort, den ich vor einer Stunde passiert habe.

Bevor ich mit dem Bus dorthin zurückfahre, mache ich einen kleinen Rundgang durch die Innenstadt und begegne prompt – im Jacobiviertel – einer Figur des hl. Jakob.

Ansonsten auch hier ein Wechsel von Platzregen und Sonnenschein. Morgen werde ich noch einmal einen Anlauf machen, mir die Stadt anzusehen …und übermorgen soll das Wetter besser werden, Halleluja!

14. Mai 2014

Göttingen – Groß Schneen (13 km)

Aufgrund des Wetters und der Tatsache, dass es hier nur sehr wenig freie Unterkünfte gibt, habe ich mich für diese kurze Etappe entschieden. Das war gut so, denn auch auf diesem kurzen Stück bin ich mehrmals durch wolkenbruchartige Niederschläge nass geworden. Groß Schneen liegt kurz vor Friedland, im äußersten Zipfel von Niedersachsen bzw. im Dreiländereck Niedersachsen-Hessen-Thüringen. Friedland war lange Zeit Grenzdurchgangslager. Es kann sein, dass auch meine Mutter mit uns Kindern über Friedland in den Westen gekommen ist. Es gäbe noch so viel, was ich meine Eltern hätte fragen wollen, irgendwann ist es zu spät.

Ich bin in diesem Blog noch gar keinen Ringelnatz losgeworden:

Genau besehn

Wenn man das zierlichste Näschen
Von seiner liebsten Braut
Durch ein Vergrößerungsgläschen
Näher beschaut,
Dann zeigen sich haarige Berge,
Daß einem graut.

15. Mai 2014

Groß Schneen – Bad Sooden Allendorf (26 km)

Ab heute kann ich es bestätigen: der Harz ist ein Mittelgebirge, er ist wesentlich hügeliger als der linke Niederrhein, infolgedessen ist es auch anstrengender, dort zu wandern.

Seit Langem der erste vollständig trockene Tag. Zwar ist der Himmel meist mit dunklen Wolken bedeckt, aber er hält sich auch bedeckt. Ich starte in Niedersachsen, bin plötzlich – ohne dass ich es merke – in Thüringen und wechsle dann wieder in den Westen, nach Hessen.

Irgendwo stehe ich vor der Alternative: entweder 10 km Asphalt treten oder 6 km durch den Wald. Der Waldweg erscheint erstrebenswerter. Der Weg führt – ich ahnte es fast – natürlich über eine Bergkuppe. Das ist zwar anstrengend aber nicht tragisch. Unerfreulich ist der Abstieg, da die Wege total verschlammt sind. Warum habe ich gestern noch meine Hose gewaschen? Ich brauche so lange für die paar Kilometer, aber das kann niemand vorher wissen.

In einem kleinen Dorf mache ich auf einer Bank Rast, als mich ein Mann vom gegenüberliegenden Haus anspricht, ob ich ein Bier möchte. Ein Bier nicht, aber wenn er einen Kaffee hätte, das wäre schön. Er bittet mich in sein Haus, aber so verschlammt wie ich bin, kann ich ihm das nicht zumuten. So gehen wir in seine Laube und er erzählt mir von seinem Leben. Aber das wäre jetzt eine andere Geschichte…

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Bad Sooden ist ein richtig hübsches Kurstädtchen. Bloß warum laufen hier soviel alte und kranke Leute herum?

Mit meinem Zimmer habe ich heute das große Los gezogen, die Sonne kommt heraus, was will ich mehr?

16. Mai 2014

Bad Sooden Allendorf – Altenburschla (30 km)

Weiß jemand wo Altenburschla liegt? Nein? Das ist ganz einfach, nämlich ca. 1 Kilometer nördlich von Großburschla.

Das ist ein idealer Tag heute zum Wandern. Die Luft ist noch kühl, aber die Sonne scheint. Zum ersten Mal ziehe ich mit kurzer (3/4 lang) Hose los. Zuerst folge ich dem Jakobsweg, er führt stundenlang an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze entlang.

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Dies ist heute ein Naturreservat und die Botaniker jubeln vor Begeisterung, was da alles so wächst. Aber ich bin kein Botaniker, für mich sind das alles nur unterschiedliche hübsche bunte Blümchen. Da steige ich lieber hinab ins Tal und folge dem Werra-Radweg. Als der Fluss und der Weg eine besonders große Schleife machen, will ich die Strecke geradlinig abkürzen. Doch mein Weg schraubt sich hinauf in den Wald und endet in einer endlosen Schlammwüste. Ich kehre um und bin nach einer Stunde wieder dort, wo meine innere Stimme mir gute Ratschläge eingeflüstert hat.

Nach 8 Stunden Wanderzeit erreiche ich Altenburschla, das direkt an der ehemaligen Grenze liegt – getrennt durch die Werra. Als ich ein Bier trinke erzählt mir die Bedienung, dass sie ihrer Oma über die Werra oft zugewinkt hat, aber kennengelernt hat sie sie nie.

17. Mai 2014

Altenburschla – Creuzburg (22 km)

Heute ist ein besonderer Tag. Wenn meine Berechnungen stimmen, müsste ich die Hälfte meiner geplanten Wanderung hinter mir haben.

Dann noch eine Besonderheit: heute kreuzen sich bei Creuzburg (darum heißt der Ort wohl auch so) meine diesjährige Nord-Süd-Querung mit der letztjährigen Ost-West-Querung von Deutschland. Das ist ein Grund zum Anstoßen.

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Der Tag heute war schön, das Wetter ideal zum Laufen und ich habe heute den ersten “Mitwanderer” getroffen. Auf dem Camino Francés waren dafür 0, 3 Sekunden erforderlich, hier waren es 3 1/2 Wochen. Thomas ist 30 und hatte sich die Strecke Lüneburg – Eisenach vorgenommen. Jetzt fehlen ihm noch 12 Kilometer. Schade, dass wir uns nicht früher getroffen haben, für ihn ist die Pilgerei morgen vorbei.

In Creuzberg habe ich endlich mal wieder eine private, sehr schöne und auch noch preiswerte Unterkunft gefunden und für morgen, in Oberellen wurde mir das Pilgerzimmer zugesagt, was immer das auch sein mag, ich lasse mich überraschen…

18. Mai 2014

Creuzburg – Oberellen (25 km)

Der Weg führt eigentlich über Eisenach. Da ich Eisenach erst im letzten Jahr durchquert habe und auch mehrmals auf der Wartburg war, suche ich mir meine eigene Strecke.

 

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Ein wenig laufe ich auf dem Elisabethpfad, dann nach Westen eine Zeitlang der Werra entlang, um schließlich bei Lauchröden wieder nach Süden abzubiegen. Lauchröden lag unmittelbar an der deutsch-deutschen Grenze und konnte auch für DDR-Bürger nur mit einem vorher zu beantragenden Passierschein betreten werden.

Oberellen kann zwar auf eine 1000-jährige Geschichte verweisen, aber es ist trotzdem ein trauriges nichtssagendes Nest. Die beiden noch vor kurzem existierenden Gaststätten sind geschlossen und das “Schloss” ist nur ein größeres Fachwerkhaus.

Immerhin wollen mir die Vermieter meines Pilgerzimmers etwas zum Essen machen und ich habe freie Auswahl zwischen Erbsensuppe mit oder ohne Würstchen.

Übrigens war es heute wesentlich wärmer als in den letzten Tagen, aber doch fast den ganzen Tag bedeckt und jetzt – gegen Abend – regnet es leicht vor sich hin.

19. Mai 2014

Oberellen – Vacha (33 km)

Die Wege sind so nass und verschlammt, dass meine Schuhe von innen und außen nass sind. Da der Jakobsweg auch die nächsten 20 km durch ähnliches Gelände gehen soll, beschließe ich über Straßen und Wege, die außerhalb des Waldes liegen, mein Ziel zu erreichen. Das bedeutet aber einen Umweg von ca. 8 Kilometern.

Da auch noch extrem viel Höhenmeter zu überwinden sind und die Temperatur die 30ºC überschritten hat, bin ich ziemlich am Ende meiner Kraftreserven.

Die Strecke selber ist interessant, besonders der letzte Teil führt stetig an der thüringisch-hessischen Grenze entlang und Hinweistafeln schildern die Situation vor der Wende.

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Ich erreiche die Werra-Brücke von Vacha, die ebenfalls die Grenze bildete und jetzt “Brücke der Deutschen Einheit” heißt. Die Altstadt von Vacha ist zum Teil sehenswert und auch historisch interessant, aber auch hier stelle ich – wie bei ganz vielen anderen Orten – fest, dass die Innenstädte immer mehr veröden. Kneipen, Restaurants und Hotels sterben, die kleinen Geschäfte müssen schließen, der Leerstand ist erschreckend.

20. Mai 2014

Vacha – Hünfeld – Fulda (36 km)

Da es heute sehr warm werden soll, starte ich früher als gewöhnlich. Der Thüringer Wald liegt hinter mir und ich bin jetzt im Biosphärenreservat Rhön, das länderübergreifend mit seiner Fläche in Thüringen, Hessen und Bayern liegt. Es ist ein Schutzgebiet mit nur 4% Siedlungs- und Gewerbefläche. Nach 4 km erreiche ich den kleinen Ort Sünna, wie immer schaue ich kurz in die Kirche (wenn sie denn offen ist).

Zufällig erwischt mich der junge Pfarrer, er erzählt mir von der Kirche und seinen Schätzen. Wir trinken im Pfarrhaus einen Kaffee. Es ist wirklich interessant, aber ich muss weiter, wenn auch mit schlechtem Gewissen, wir hätten uns noch lange nett unterhalten können.

Ganz in der Nähe von Sünna befindet sich ein nachgebautes Keltendorf, die Kelten haben hier etwa 600 v. Chr. gelebt. Noch einmal 5 km Umweg? Ich verzichte darauf, schade.

Der Jakobsweg will mich noch über drei 450 – 470 m hohe Berge führen. Bei einer Basishöhe von 200 m hieße das zusätzlich 3 x 250m Anstieg, ich lasse die Berge aus und suche mir einen weniger anstrengenden und kürzeren Weg.

Auf dem Weg Richtung Geisa fällt ein riesiger 300 m hoher weißer Berg auf. Schnee und Eis können es bei diesen Temperaturen nicht sein. Es handelt sich um die Abraumhalde eines Kalibergwerks, von den Einheimischen als Kalimanjaro bezeichnet.

Den Ort Geisa schaue ich mir nicht näher an, obwohl es auch hier ein sehenswertes Schloss geben soll.

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Einen Umweg kann ich mir dann aber doch nicht verkneifen, das ist die Gedenkstätte “Point Alpha”, ein ehemaliger Beobachtungsposten der US-Armee mit original rekonstruierten Grenzanlagen.

Ziemlich müde und kaputt, aber auch voll von Eindrücken, erreiche ich Hünfeld, um zu erfahren, dass es hier im Ort keine freie Unterkunft gibt. Ich setze mich in den Zug und fahre nach Fulda. In der Tourist-Information meint man, es wären nur noch teure Hotels (EZ 160 €) frei. Immerhin gibt man mir ein Verzeichnis von Privatvermietern mit und nach drei Anrufen habe ich ein Zimmer für 20 €. Was ich Morgen mache, weiß ich noch nicht. Zurück nach Hünfeld? Fulda anschauen? Im Moment lockt nur das Bett…

21. Mai 2014

Fulda – Büchenberg (23 km)

Am Morgen sitze ich mit zwei Herren beim Frühstück, beide mit offensichtlich interessanten Berufen. Der eine arbeitet fürs Fernsehen. Mit einem kleinen Team werden aktuelle Reportagen gedreht und geschnitten. ‘Das macht Spaß’, sagt er ‘aber manchmal ist es sehr frustrierend, wenn der eigene Beitrag gar nicht gesendet wird, weil wichtigere Dinge dazwischen kommen, oder er wird so gekürzt, dass er kaum noch erkennbar ist’.

Der andere Herr ist Museumsgestalter und Tierpräparator. Im Moment ist er gerade dabei in Fulda einen Museumsbereich zu gestalten, in den es um das (Über-) Leben bestimmter Wildtiere geht.

Ich finde beide Tätigkeiten spannend, wobei die des Museumsgestalters sicher nachhaltiger ist (denn welcher Fernsehbeitrag wird schon mehrmals gesendet?)

Der Fernsehmensch beneidet mich als Rentner, den Museumsmenschen graust es, wenn er an die Rente denkt …und ich packe meinen Rucksack, bin zwar froh über meine Freiheit, die ich habe, beneide aber beide ein wenig um ihre Tätigkeiten.

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Mit diesen Gedanken im Kopf wandere ich noch einmal in die Altstadt von Fulda. Dort, wo gestern Abend noch der Bär los war, ist gähnende Leere, nur die Bäcker haben schon auf.

Dafür habe ich den Dom ganz für mich allein. Er wird für mich als eine der schönsten und harmonischsten Barockkirchen im Gedächtnis bleiben. Den hl. Bonifatius habe ich natürlich auch besucht. Das Schloss kann ich mir nur von außen anschauen, denn es wird erst zwei Stunden später geöffnet. Dafür rauche ich im Schlosspark meine erste Pfeife, ehe ich mich wieder auf die Wanderschaft mache. Fulda hat so viele Grünflächen, dass ich nur über schöne Parklandschaften die Stadt verlasse.

In dem Naturschutzgebiet Rhön fällt auf, dass es wenig landwirtschaftlich genutzte Flächen gibt, dafür aber großflächige wilde Wiesen, in denen es blüht, summt, quakt und zwitschert. Büchenberg, der Ort, wo ich übernachte, liegt auf einer unbewaldeten Bergkuppe, sodass sich fantastische Ausblicke von hier oben bieten.

22. Mai 2014

Büchenberg – Oberweißenbrunn (23 km)

Wäre ich heute dem Jakobsweg gefolgt, dann hätte ich mehr als 700 Höhenmeter erklimmen müssen. Bei der Hitze war mir das einfach zu viel. So bin ich nicht quer durch die Berge, sondern hauptsächlich entlang der Fulda bis Gersfeld und hatte dann von dort nur einen Aufstieg von ca. 350 m, das hat auch gereicht.

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Bis zum Kloster Kreuzberg und dem Kreuzberg-Gipfel (928 m) hat es heute nicht mehr gereicht. Dieser Kreuzberg-Gipfel ist das meistbesuchte Ziel in der bayrischen Rhön (ich bin in Bayern angekommen). Dann werde ich mal morgen gut frühstücken und die restlichen 300 Höhenmeter erklimmen.

23. Mai 2014

Oberweißenbrunn – Bad Kissingen (32 km)

Es gibt Tage, die sind außerordentlich kontrastreich, heute war ein solcher. “Der Kreuzberg ist ein Muss” sagt meine Zimmerwirtin, “…und wenn man ein wenig trainiert ist, ist man in einer Stunde oben. Der Blick ist so fantastisch, das können Sie sich nicht entgehen lassen.”

Also mache ich mich auf den Weg. Offensichtlich bin ich immer noch weit entfernt davon, gut trainiert zu sein. Ich brauche wesentlich mehr als eine Stunde (wie viel verrate ich nicht). Als ich keuchend oben ankomme, stehe ich im Nebel und sehe gar nichts. Außerdem ist es so kalt, dass ich mal wieder mein zweites Paar Socken als Handschuhe missbrauche. Ich danke meiner Wirtin für den guten Tipp und setze meine Wanderung fort. Ab jetzt geht es unentwegt bergab und es regnet auch unentwegt. Gestern noch habe ich über die Hitze gestöhnt, heute ist es nass und kalt (< 10ºC).

Kurz vor meinem Ziel, Bad Kissingen, reißt der Himmel auf, die Sonne kommt und es wird warm. Das Mädel in der Tourist-Information sieht zwar verdammt gut aus, aber das ist leider auch alles. Sie vermag mir kein halbwegs bezahlbares Zimmer zu vermitteln.

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So gehe ich einen Kaffee trinken und google nach einer Unterkunft, da stoße ich auf ein Angebot einer Seniorenresidenz (passt doch!), die freie Besucherzimmer vermietet und das zu einem Preis, der unter dem eines Einzelzimmers in einer Jugendherberge liegt. Entfernung 2,2 km. “Lächerlich”, denke ich, nicht wissend, dass es (gefühlte) 2,2 km senkrecht nach oben sind. Dafür ist das Zimmer das schönste, das ich bisher auf meiner Wanderung hatte. Jetzt sitze ich auf meinem Balkon (auf dem ich ungestraft rauchen darf) und habe einen wunderschönen Blick in die Landschaft und könnte (will aber nicht) das Schwimmbad benutzen. Vorhin war ich noch einmal kurz im Städtchen, denn als Kurgast darf ich umsonst Autobus fahren. Bad Kissingen ist … na, so ähnlich wie alle größeren Kurorte. Was nutzen einem alten Menschen die schönen hohen Berge, auf die ich schaue.

Ok, noch einen Ringelnatz:

Arm Kräutchen

Ein Sauerampfer auf dem Damm
Stand zwischen Bahngeleisen,
Machte vor jedem D-Zug stramm,
Sah viele Menschen reisen.

Und stand verstaubt und schluckte Qualm
Schwindsüchtig und verloren,
Ein armes Kraut, ein schwacher Halm,
Mit Augen, Herz und Ohren.

Sah Züge schwinden, Züge nahn.
Der arme Sauerampfer
Sah Eisenbahn um Eisenbahn
Sah niemals einen Dampfer.

24. Mai 2014

Bad Kissingen – Poppenhausen (22 km)

Einfach ein schöner Tag zum Wandern. Nach einem guten Frühstück in meiner Seniorenresidenz wandere ich noch einmal hinab nach Bad Kissingen, es ist wirklich ein sehr mondänes Bad. Aber irgendwie ist das nicht meine Welt. Also geht’s ziemlich bald weiter. Zuerst werden zwei Berge erklommen, dann erwischt mich ein Gewitterschauer, aber danach ist es ein herrlicher Sommertag.

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In einer “Heckenwirtschaft” plaudere ich lange mit einem Rad fahrenden Ehepaar. Die Beiden warten sehnsüchtig auf die Rente, um dann Europa mit dem Fahrrad zu erobern.

Poppenhausen ist ein kleines Dorf, aber mit einer Jakobuskirche. Im “Goldenen Stern” habe ich ein sehr einfaches, preiswertes Zimmer, aber das Essen ist unglaublich gut.

25. Mai 2014

Poppenhausen – Werneck-Zeuzleben (26 km)

Zurzeit bin ich etwas abseits des Jakobsweges, da sonst keine Unterkunft zu finden war. Es ist wieder ein schöner sommerlicher Tag. Die Gegend ist leicht hügelig und heute habe ich die ersten reifen Kirschen gepflückt (Mundraub).

Der erste Ort, den ich durchwandere ist Euerbach, ein Dorf mit 3000 Einwohnern und drei (!) Kirchen, einer evangelischen, einer alten katholischen und einer ganz modernen katholischen. Der Turm der alten katholischen St.-Damiankirche von 1251 ist das älteste Gebäude Euerbachs inmitten einer teilweise erhaltenen, malerischen Gadenanlage einer Kirchenburg (Gaden = kleine Häuschen, die zum Schutz an eine Mauer angebaut und den Bauern zur Verfügung gestellt wurden).

Eine ähnliche, sehr schöne Gadenanlage gibt es im nächsten Ort, Geldersheim. Das Innere dieser Kirche, der Pfarrkirche St. Nikolaus ist pompös barock ausgestattet. Dann schließlich Zeuzleben, ein kleines Dorf mit einer riesigen barocken Kirche. Welche Macht die Kirche hier hatte (oder noch hat?).

26. Mai 2014

Werneck-Zeuzleben – Würzburg – Randersacker (38 km)

Als ich die Augen aufklappe höre ich draußen ein Rauschen, es regnet. Ich überlege, ob ich genügend Luft habe, um einen Regentag auszusitzen, aber Zeuzleben, ein mickriges kleines Dorf, ist wirklich nicht der Platz dafür.

Also mache ich mich – soweit es geht – wetterfest und marschiere los. Zum Glück lässt der Regen nach, die Temperaturen sind angenehm, aber die Landschaft ist einfach nur platt und langweilig. Als ich nach Stunden Würzburg erreiche, schaut sogar mal kurz die Sonne hervor.

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Würzburg ist wirklich schön. Ich besuche den Dom, aber da wir im Herbst sowieso diese Stadt auf unserem Programm haben und die Hotelpreise astronomisch sind, laufe ich noch ein Stück am Main entlang bis nach Randersacker. Da ist ein wirklich hübsches Weinstädtchen mit bezahlbaren Quartieren.

In meinem Hotel ist eine lustige Truppe abgestiegen. Es sind alles ehemalige Abteilungsleiter von Karstadt – mit Partnern – die sich einmal im Jahr treffen. Ich gehe gemeinsam mit ihnen essen und wir haben einen netten Abend, aber es regnet schon wieder. Zum ersten mal habe ich Sorge, dass meine Wäsche nicht trocken wird…

27. Mai 2014

Randersacker – Gaukönigshofen (24 km)

Es regnet leicht vor sich hin, aber der Weg ist wunderschön.

Der Wetterbericht hatte eine Regenwahrscheinlichkeit von 90 % vorausgesagt. Was heißt das eigentlich? Dass es mit 90% Wahrscheinlichkeit irgendwann einmal regnet und wenn auch nur für 2 Sekunden? Oder das wahrscheinlich 90% des Tages verregnet sind? Ich vermute das Erste, aber dann ist die Aussagekraft auch nicht hoch.

Wenn ich zu Hause bin, muss ich unbedingt meine Kenntnisse der Wahrscheinlichkeitsrechnung mal wieder auffrischen. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass es heute überhaupt regnet, wenn die Wahrscheinlichkeit morgens 90% und nachmittags 50% beträgt?

Wahrscheinlich bin ich heute zu blöd das zu berechnen und zu erfassen.

Der Weg ist wunderschön, immer am Main entlang. Nette Orte, noch nettere Biergärten, die aber dienstags morgens alle geschlossen haben. Trotzdem würde ich mir wünschen, dass der Main in den Bodensee mündet. Tut er aber einfach nicht!

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Der Weg führt ungefähr 3 km vor Ochsenfurt weg vom Main, d.h., wenn ich Ochsenfurt sehen will, muss ich auch die 3 km wieder zurück. Ich tu’s trotzdem und der Ort ist auch richtig schön. Nachdem ich die 3 km zurückgelaufen bin, finde ich den Einstieg nicht, um nach Tückelhausen zu kommen. Ich frage eine junge Frau. Sie kann zwar nicht sehr gut deutsch, aber sie meint, sie müsse auch dort hin und nachdem wir 45 Minuten nett miteinander geplaudert haben, bin ich erneut …in Ochsenfurt.

Noch einmal den gleichen Weg zurückgehen mag ich nicht und beschließe Tückelhausen diagonal anzugehen. Das war meine schlechteste Idee des Tages. Ich lande im Wald auf vermatschten engen Pfaden, hangele mich zwischen nassen Brennnesseln hindurch und mache in Summe einen Umweg von 2 Stunden. Zumindest finde ich eine gute Unterkunft und ein vernünftiges Abendessen.

28. Mai 2014

Gaukönigshofen – Uffenheim (27 km)

Beim Frühstück esse ich normalerweise ein Brötchen und ein zweites nehme ich als Marschverpflegung mit.

Doch der Chef des Hauses setzt sich zu mir, um ein wenig zu plaudern, da ist das mit der Marschverpflegung nicht möglich.

Die Sonne lässt sich den ganzen Tag nicht sehen und es nieselt leise vor sich hin. Die Gegend ist leicht hügelig und der Weg verläuft meist auf Wirtschaftswegen zwischen den Feldern, alles recht unspektakulär.

Einziger Höhepunkt des Tages: ich treffe tatsächlich eine Pilgergruppe, die für ein paar Tage von Würzburg nach Rothenburg ob der Tauber läuft.

Für einige Zeit schließe ich mich ihnen an. Das schöne einer solchen geführten Wanderung ist natürlich, dass die Leiterin der Gruppe auf viele Dinge hinweisen kann, an denen ich achtlos vorbeilaufe. Das Gepäck wird transportiert, Hotels und Mahlzeiten sind vorgebucht. Für ein paar Tage mag das OK sein, aber ich merke schon nach einer Stunde, dass mir die Gruppe zu langsam ist und ziehe irgendwann davon.

In Uffenheim habe ich gleich im ersten Gasthof, in dem ich nach einem Zimmer Frage, Glück. Da hat gerade ein Gast abgesagt, sodass für mich ein Zimmer frei ist. Außerdem erfahre ich, dass sich die Pilgergruppe auch hier angemeldet hat.

Uffenheim ist eine Kleinstadt mit rund 6.200 Einwohnern, mit Stadtmauern und Tortürmen. Leider ist alles grau und nass und hinterlässt nicht die Wirkung, die die Stadt vielleicht verdient hätte.

Da fällt mir noch ein: am Schwarzen Brett einer evangelischen Kirche fand ich folgende Geschichte:

Ein Besucher sah mit Erstaunen, dass der Rabbi in einem Zimmer mit nur einem Tisch, einem Stuhl, einem Bett und ein paar wenigen Büchern lebte.„Rabbi, wo sind Ihre Möbel?“, fragte der Besucher.“Wo sind Ihre?“, erwiderte der Rabbi.“Meine? Aber ich bin nur zu Besuch hier. Ich bin auf der Durchreise“, entgegnete der Besucher.“Genau wie ich“, sagte der Rabbi.

29. Mai 2014

Uffenheim – Rothenburg ob der Tauber (28 km)

Am Morgen frühstücke ich noch gemeinsam mit der Pilgergruppe. Die geht heute eine kürzere Etappe, sodass wir uns nicht mehr über den Weg laufen werden. Die Seniorin der Gruppe ist 80 (!). Sie hat zwar, wie sie erzählt, ihre Probleme, aber sie schafft es noch. Das macht Hoffnung.

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Der Tag ist grau und es nieselt ständig vor sich hin. Als ich Rothenburg erreiche, fängt es richtig stark an zu regnen. Na, besser als umgekehrt.

Aufgrund des Wetters mache ich nur eine kleine Runde durch Rothenburg. Wir waren vor Jahren mal hier und ich habe vergessen, wie sehenswert die Stadt ist – trotz des Touristenrummels.

Zum Schluss noch eine Geschichte, die mir neulich wieder begegnet ist:

Mittagessen mit Gott

Es war einmal ein kleiner Junge, der unbedingt Gott treffen wollte. Also packte er sich einen Rucksack voll mit einigen Coladosen und mehreren Schokoladenriegeln und machte sich auf die Reise. Er lief eine ganze Weile und kam in einen kleinen Park. Dort sah er eine alte Frau, die auf einer Bank saß und den Tauben zuschaute, die vor ihr nach Futter auf dem Boden suchten. Der kleine Junge setzte sich zu der Frau auf die Bank und öffnete seinen Rucksack. Er wollte sich gerade eine Cola herausholen, als er den hungrigen Blick der alten Frau sah. Also griff er zu einem Schokoriegel und reichte ihn der Frau. Dankbar nahm sie die Süßigkeit und lächelte ihn an. Und es war ein wundervolles Lächeln! Der kleine Junge wollte dieses Lächeln noch einmal sehen und bot ihr auch eine Cola an. Und sie nahm die Cola und lächelte wieder – noch strahlender als zuvor. Der kleine Junge war selig. Die beiden saßen den ganzen Nachmittag lang auf der Bank im Park, aßen Schokoriegel und tranken Cola – aber sprachen kein Wort. Als es dunkel wurde, spürte der Junge, wie müde er war und er beschloss, zurück nach Hause zu gehen. Nach einigen Schritten hielt er inne und drehte sich um. Er ging zurück zu der Frau und umarmte sie. Die alte Frau schenkte ihm dafür ihr allerschönstes Lächeln. Zu Hause sah seine Mutter die Freude auf seinem Gesicht und fragte: »Was hast du denn heute Schönes gemacht, dass du so fröhlich aussiehst?« Und der kleine Junge antwortete: »Ich habe mit Gott zu Mittag gegessen – und sie hat ein wundervolles Lächeln!« Auch die alte Frau war nach Hause gegangen, wo ihr Sohn schon auf sie wartete. Auch er fragte sie, warum sie so fröhlich aussah. Und sie antwortete: »Ich habe mit Gott zu Mittag gegessen – und er ist viel jünger, als ich gedacht habe.«

*** PAUSE ***

Wie angekündigt, mache ich ein paar Tage Pause von meiner Pilgerreise.

 

 

04. Juni 2014

Rothenburg ob der Tauber – Bettenfeld (8km)

Nach meiner “Auszeit” fahre ich mit dem Zug zurück nach Rothenburg. Es ist schon Nachmittag, als ich dort ankomme und ich schaffe es gerade noch, die 8 Kilometer bis Bettenfeld zu laufen. Kurz vor meinem Ziel erwischt mich dann noch ein Gewitterschauer, sodass ich mein Ziel pudelnass erreiche. Dafür habe ich im “Grünen Baum” ein schönes Zimmer und ein hervorragendes preiswertes Abendessen. Den Gasthof kann man nur weiter empfehlen.

05. Juni 2014

Bettenfeld – Crailsheim (37 km)

Eine lange Etappe liegt heute vor mir, deshalb starte ich auch schon gegen 07:00 Uhr.

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Noch ist die angekündigte große Hitze nicht angekommen, am Himmel ziehen dicke schwarze Wolken durch, aber es bleibt trocken. Die Gegend ist leicht hügelig, Feld- und Waldwege wechseln sich ab und das Laufen macht Spaß.

Ein paar kleine Dörfer kreuzen meinen Weg, aber es gibt keine Möglichkeit irgendwo einzukehren. Nach 9 Stunden Wandern erreiche ich Crailsheim, drehe eine kurze Runde durch den Ort (der nicht besonders aufregend ist) und trinke einen Kaffee. Eine Dame, die schon dreimal den Camino Francés gelaufen ist, spricht mich an und möchte mal wieder einen Pilger umarmen. Na bitte, wenn es ihr Spaß macht einen verschwitzten, staubigen Mann in den Arm zu nehmen. Ich lasse es geschehen.

Der Name meines vorgebuchten Hotels (Hotel zur Eisenbahn) hätte mich vorwarnen müssen. Das Hotel liegt nicht nur direkt an einer Eisenbahnstrecke, sondern auch noch an einer lauten Durchgangsstraße. Der Teppichboden ist verdreckt und die Größe entspricht wahrscheinlich der der Zelle von Uli Hoeneß. Man kann nicht immer Glück haben…

Glück gehabt habe ich mit meinen neuen Schuhen, die ich mir kaufen musste, nachdem ich mich von meinen alten Ausgetretenen tränenreich verabschiedet habe. Bis auf ein paar kleine Druckstellen habe ich die erste lange Strecke gut hinter mich gebracht.

06. Juni 2014

Crailsheim – Mainkling (20 km)

Nach den 37 Kilometern, die ich gestern gelaufen bin, sollten doch die 20 Kilometer heute “Peanuts” sein – denke ich. Aber falsch gedacht. Ich quäle mich den ganzen Tag und mache mehr Pausen, als dass ich laufe.

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Wahrscheinlich steckt mir die lange Strecke von gestern doch noch in den Knochen, dazu kommt, dass es heute richtig hochsommerlich warm ist. Außerdem ist die Strecke auch ganz schon hügelig, aber sie ist wunderschön. Beim Abendessen sitze ich mit einem Ehepaar zusammen, bei dem “er” vor drei Jahren den Camino Francés gelaufen ist. Na, worüber unterhält man sich dann wohl?

Für morgen sind Temperaturen von über 30ºC angesagt, ich habe mich um 06:30 Uhr zum Frühstück angemeldet.

07. Juni 2014

Mainkling – Pommertsweiler (24 km)

Ich frühstücke bereits um 06:30 Uhr, da es heute sehr heiß werden soll. Mit der Menge Wurst und Käse, die ich hier zum Frühstück vorgesetzt bekomme, reichen wir zu Hause zu zweit drei Tage, und mehr als ein Brötchen kann ich als Marschverpflegung auch nicht mitnehmen. Es ist ein herrlicher Sommertag.

Die Gegend gehört zur “Schwäbischen Alb”, der Weg lässt – wie üblich – keinen Hügel aus. Die Dörfer am Wegesrand machen alle einen sehr gepflegten Eindruck und wenn die Menschen hier auch noch Deutsch reden könnten, das wäre perfekt.

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Vor der Jakobuskirche auf dem Hohenberg treffe ich tatsächlich auf ein Ehepaar mit Rucksack, an dem eine Muschel hängt. Die Beiden sind gestern gestartet und wollen für 10 Tage in Richtung Bodensee laufen. Allerdings hat die Frau schon heute wunde Schultern von ihrem Rucksack, der wohl offensichtlich falsch eingestellt ist.

Bei einer Rast am See geht mir ein Gedicht von Schiller (Wilhelm Tell?) nicht aus dem Kopf:

Es lächelt der See,
er ladet zum Bade,
Der Knabe schlief ein am grünen Gestade,
Da hört er ein Klingen,
Wie Flöten so süß,
Wie Stimmen der Engel
Im Paradies.

Und wie er erwachet in seliger Lust,
Da spülen die Wasser ihm um die Brust,
Und es ruft aus den Tiefen:
Lieb Knabe, bist mein!
Ich locke den Schläfer,
Ich zieh ihn herein.

…an dem See bin ich tatsächlich eingeschlafen, aber mit Nixen war nix.

Gegen 15:00 Uhr erreiche ich den “Landgasthof Albblick” in Pommertsweiler, stürze ein Weizenbier hinunter, habe ein richtig schönes Zimmer mit Balkon (auf dem ich rauchen darf), meine Wäsche ist gewaschen und war fast schneller trocken, als ich sie aufhängen kann. Das Abendessen kann kommen…

08. Juni 2014

Pommertsweiler – Böbingen a. d. Rems (29 km)

Um auf den Jakobsweg zu gelangen, müsste ich von meiner Unterkunft wieder drei Kilometer zurücklaufen. Das widerstrebt mir, deshalb versuche ich es auf anderen Wegen. Das ist nicht immer eine gute Idee. Auf meinem NAVI war nicht erkennbar, dass es sich dabei teilweise um extrem steile Waldwege handelt, dass die Wege immer schmaler werden und die Brennnesseln mir bis zu den Ohren reichen. Ich kämpfe mich bis zur Landstraße durch, aber ohne Schatten auf Asphalt zu laufen, macht bei Temperaturen von über 30ºC auch nicht viel Spaß.

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Bei Heuchlingen stoße ich wieder auf meinen Weg. Vor einer Kirche steht eine Bank und auf dem Tisch ist die Muschel eingebrannt. Das ist eine Einladung, um eine Pause zu machen – denke ich. Der Pfarrer zieht gerade mit seinen Messdienern (alles Mädchen) in die Kirche zum Pfingstgottesdienst. Ich grüße freundlich, er hat nur einen verächtlichen Blick für mich übrig. Es trifft mich nicht tief. Ein wenig lausche ich dem Singsang der Liturgie und frage mich, warum der Ort “Heuchlingen” heißt. Kurz vor Böblingen a. d. Rems ging der Limes entlang, es gibt einen Limes-Wanderweg und einige Überreste sind noch zu erkennen bzw. wurden rekonstruiert. Die Menschheit hat nicht dazugelernt, ob Limes, Chinesische Mauer, Berliner Mauer, auf Dauer hat das alles nichts genutzt.

Böbingen a. d. Rems liegt in einem Kessel. Als ich meine Unterkunft, die auf einem Hügel liegt, erreiche, zeigt das Thermometer 34ºC an. Ich habe keine Lust mehr in den Kessel hinabzusteigen, um mir das Städtchen anzusehen. Vielleicht morgen?

Ein Taschenkrebs und ein Känguruh

Ein Taschenkrebs und ein Känguruh,
Die wollten sich ehelichen.
Das Standesamt gab es nicht zu,
Weil beide einander nicht glichen.

Da riefen sie zornig:
“Verflucht und verdammt
Sei dieser Bürokratismus!”
Und hingen sich auf vor dem Standesamt
An einem Türmechanismus

Ringelnatz

09. Juni 2014

Böbingen a. d. Rems – Böhmenkirch (32 km)

Beim Frühstück sitze ich mit einem “Wochenendwanderer” zusammen, der sich perfekt hier auskennt und jeden Schleichweg kennt. Wir starten gemeinsam. Auf der Fitnessskala liegt er bei 9,9/10 und ich bei gefühlten 0,1. Bisher liegen der Main-Donau-Bodensee-Weg und der Jakobsweg immer parallel, leider nur bisher. Als ich nach drei Stunden gemeinsamer Wanderung endlich mal auf meinem Navi vergleichen will, wo wir eigentlich sind, stelle ich fest, dass wir zwar viele Höhenmeter erklommen haben, aber völlig abseits von meinem Weg sind. Nach 7 Stunden erreichen wir Heidenheim a. d. Brenz (bei 36º C). Mein Zimmer habe ich aber in Böhmenkirch gebucht. Von hier aus kommst du bequem weiter, meint er und verabschiedet sich.

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Und…, tatsächlich es gibt einen Bus (feiertags), der nach Böhmenkirch fährt, um 16:30 Uhr, aber auch nur den einen. Ich erwische ihn gerade noch. Ich weiß nicht, was ich gemacht hätte, wenn ich 5 Minuten später gewesen wäre. Es bringt nichts, darüber nachzudenken…

10. Juni 2014

Böhmenkirch – Lonsee (34 km)

Der Gasthof in Böhmenkirch erwies sich als Reinfall. Essen musste ich einhändig, weil ich die zweite Hand brauchte, um die Fliegen abzuwehren. Die Nacht habe ich damit verbracht, Mücken zu erschlagen. Doch mit jeder erschlagenen Mücke schienen mindestens zwei neue aufzutauchen. Ich weiß nicht, wo sie herkamen. Als ich doch einmal kurz eingenickt war, sah ich hinterher aus wie ein Streuselkuchen.

So mache ich mich morgens ziemlich unausgeschlafen (und verbeult) auf den Weg. Das Thermometer zeigt um 08:30 Uhr bereits 32ºC an. Die Berge sind zwar nicht mehr ganz so hoch wie gestern, aber es gibt genug Bachtäler und Senken, wo es auf der einen Seite abwärts und auf der anderen Seite wieder steil aufwärts geht. Ab und zu muss ich zwar stehenbleiben, um zu verschnaufen, aber Spaß macht es trotzdem. Da ich die restlichen Unterkünfte alle vorgebucht habe, kann man die Wanderung sehr entspannt angehen und Pausen machen, soviel man möchte. Einkehrmöglichkeiten gibt es auf der ganzen Strecke nicht.

Mein Ziel, Lonsee, entpuppt sich als unattraktives “Kaff” und mein Traum von einem leckeren Weizenbier zerrinnt sehr schnell. Mein “Gasthof mit Zimmern” hat die Bewirtschaftung des Gasthofes aufgegeben. Man kann noch nichtmal ein Getränk kaufen. Im Ort gibt es theoretisch sechs (!) weitere Einkehrmöglichkeiten, aber alle haben dienstags geschlossen, machen gerade Urlaub oder haben ihren Laden auf unbestimmte Zeit geschlossen. Ein Geschäft gibt es auch nicht. Im nächsten Ort, 3 Kilometer entfernt, da soll es einen Supermarkt geben. Was bleibt mir übrig? Ich habe Hunger und Durst. Also noch einmal drei Kilometer hin und drei Kilometer zurück.

Als ich am Supermarkt eintreffe, sitzen dort 4 Jakobspilger, die sich im nächsten Ort einquartiert haben, aber dort ist die Situation auch nicht besser. Die Vier, alle berufstätig, sind für 8 Tage auf einer Teiletappe. Vielleicht sehen wir uns morgen wieder.

Kurz nachdem ich mein Zimmer (Bruchbude wäre die richtigere Bezeichnung) wieder erreiche, fängt es draußen wolkenbruchartig an zu regnen und zu hageln. Zumindest kühlt es sich dabei ein wenig ab. Aber die Wassermassen sind so gigantisch, dass so manche Wege morgen unpassierbar sein werden. Aber morgen ist ein neuer Tag…

11. Juni 2014

Lonsee – Ulm – Temmenhausen (14 km)

Als ich die Augen aufklappe höre ich den Regen rauschen, aber nach dem (mickrigen) Frühstück ist der Himmel blau, es hat sich etwas abgekühlt und es ist herrlich zum Laufen.

Meine restlichen Unterkünfte hatte ich aufgrund der schwierigen Übernachtungssituation alle vorgebucht. Vorbuchen ist doof. Ich stehe um 10:30 Uhr vor meinem Gasthof, der erst um 16:30 öffnet. Was fange ich in einem Dorf mit 20 Häusern an? Ich beschließe mit dem Bus nach Ulm zu fahren und die Stadtbesichtigung, die für morgen eingeplant war, vorzuziehen.

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Zuvor trifft aber noch meine Pilgergruppe von gestern ein und wir reden noch ein Stündchen miteinander. Ulm ist schön, wir waren zwar vor Jahren (im Regen) schon einmal hier, aber die Erinnerungen lassen mich im Stich. Nach einem ausführlichen Stadtrundgang und einem Weizenbier geht es mit dem Bus wieder zurück nach Temmenhausen. Morgen werde ich die Strecke noch einmal mit den Füßen erforschen.

Mein “Gasthof am Berg” ist richtig schön, nach den letzten zwei Nächten wurde es auch mal wieder Zeit. Sie bieten sogar ein Pilgermenü und ein Pilgerbier an, leider alles ein wenig teurer als in Spanien, doch ich genieße es.

Der Schneider von Ulm (Ulm 1592)

„Bischof, ich kann fliegen“,
Sagte der Schneider zum Bischof.
„Pass auf, wie ich’s mach’!“
Und er stieg mit so ‘nen Dingen,
Die aussahn wie Schwingen
Auf das große, große Kirchendach.

Der Bischof ging weiter.
„Das sind so lauter Lügen,
Der Mensch ist kein Vogel,
Es wird nie ein Mensch fliegen“,
Sagte der Bischof vom Schneider.
„Der Schneider ist verschieden“,

Sagten die Leute dem Bischof.
„Es war eine Hatz.
Seine Flügel sind zerspellet
Und er lag zerschellet
Auf dem harten, harten Kirchenplatz.”
„Die Glocken sollen läuten,

Es waren nichts als Lügen,
Der Mensch ist kein Vogel,
Es wird nie ein Mensch fliegen“,
Sagte der Bischof den Leuten.

Berthold Brecht

12. Juni 2014

Temmenhausen – Grimmelfingen (27 km)

27 Kilometer sind locker zu schaffen – denke ich, doch am Ende des Tages bin ich total ausgelaugt. Am Morgen lande ich erst mal auf eine riesigen Baustelle.

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Hier wird nicht nur die Autobahn verbreitert, sondern auch noch eine neue Trasse für die Bundesbahn gelegt. Irgendwie hängt das mit dem Bau des neuen Stuttgarter Bahnhofs zusammen.

Gestern las ich im Hotel den Bericht einer Pilgerin, die bei Sauwetter in diesem Baustellengebiet herumgeirrt ist und nicht mehr heraus fand. Die Bauarbeiter sprachen entweder kein Deutsch oder konnten ihr auch nicht weiter helfen. Am späten Nachmittag hat sie die Polizei anrufen und um Hilfe gebeten. Die hat ihr geholfen und sie zu dem Hotel zurückgefahren, von dem sie morgens gestartet war.

Ich habe ein wenig mehr Glück und finde heraus. Ein paar Kilometer weiter wird es dann richtig schön. Der Wanderweg führt kurvenreich durch das romantische Kiesental. Laub- und Nadelbäume, Felszacken, Wacholderheide und Wiesen im Talboden bestimmen das Landschaftsbild. Es handelt sich um ein Trockental, in dem heute kein Bach mehr fließt.

Als ich irgendwann mal wieder (zum 100sten mal) den Jakobsweg verloren habe, beschließe ich, mich auf eigene Faust durchzuschlagen, doch plötzlich hat die viel befahrene Bundesstraße keinen Randstreifen mehr, ich lande in einem Gewerbegebiet und habe danach soviel Hügel zu erklimmen und Täler zu durchschreiten, dass ich (s.o.) danach völlig k.o. bin.

Im “Gasthof zum Hirsch” bekomme ich zwar meine Zimmerschlüssel, aber nichts zum Trinken, da er erst um 18:00 öffnet.

In Grimmelfingen, einen Vorort von Ulm, gibt es “nichts” , kein Café, keine Kneipe, kein Geschäft. Dafür hat das Haus einen schönen Biergarten, auf dem allerdings das Chaos ausbricht, als abends ein Gewitter aufzieht.

13. Juni 2014

Grimmelfingen – Oberdischingen (14 km)

Heute ist nur eine kleine Etappe eingeplant, da ich mich mittags mit Gerda treffen will, die sich heute Morgen um 06:00 von Dormagen mit dem Auto auf den Weg gemacht hat. Die Route führt über Erbach, einem hübschen Städtchen. Kurz bevor es zu einem auf dem Hügel liegenden Schloss und der dazugehörigen Kirche geht entdecke ich folgendes Schild

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Da der Anstieg ganz schön schweißtreibend ist, wird für einige die Wahl nicht schwerfallen.

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Für eine Besichtigung des Erbacher Schlosses fehlt mir die Zeit, aber in die Barockkirche St. Martin muss ich doch noch kurz hineinschauen. Im Inneren findet man wertvolle Gemälde und Deckenfresken.

In Oberdischingen stand einmal ein Schloss, das aber bereits 1807 abgebrannt ist. Doch noch immer macht der Ort mit seinen schmucken Häuserzeilen den Eindruck einer kleinen Residenz (allerdings gibt es noch nicht mal die Möglichkeit einen Kaffee zu trinken).

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Gegen 12:00 Uhr trifft Gerda ein. Wir fahren gemeinsam nach Tettnang, wo der Verein “Kinderhilfe Birma”, www.kin-bir.de , eine Versammlung hat, die wir gerne gemeinsam besuchen wollen. Morgen wird mich Gerda nach Oberdischingen zurückfahren, damit ich die Wanderung fortsetzen kann und mich auf dem Rest des Weges – bis zum Bodensee – mit dem Auto begleiten.

14. Juni 2014

Oberdischingen – Laupertshausen (23 km)

Unser Treffen in Tettnang wird noch um ein Weißwurstfrühstück bei einer Familie der Mitglieder des Vereins verlängert.

Vorher machen wir noch einen kleinen Spaziergang durch Tettnang, einem kleinen gemütlichen, sehenswerten Städtchen. Beim “Frühstück” haben wir noch einige gute Gespräche mit Mitgliedern des Vereins, Freunden und Sponsoren, natürlich auch mit Eric, Zoe und… wir freuen uns auf ein Wiedersehen im Januar 2015 in Yenangyaung/Myanmar.

Da ich heute zumindest noch ein paar Kilometer Laufen will, verabschieden wir uns (wirklich schweren Herzens) nach ca. 1 1/2 Stunden und Gerda fährt mich mit dem Auto zurück in Richtung Oberdischingen, wo ich meine Wanderung unterbrochen habe.

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Wieder auf dem Weg: das Wetter ist gut, am Himmel stehen zwar dicke schwarze Gewitterwolken, aber bis auf ein paar vereinzelte Tropfen bleibt das Wetter gut.

Ich passiere die von außen schlicht wirkenden Kirchen von Schemmerberg, Äpfingen und Laupertshausen, die einen im Inneren mit ihrer barocken Pracht erschlagen. Auf einer Tafel sehe ich ein Hinweisschild:

Jakobspilger, bald bist Du am Ziel, nur noch 2105 km bis Santiago de Compostella.

Gerda holt mich in Laupertshausen ab und wir übernachten in Biberach.

15. Juni 2014

Laupertshausen – Steinhausen (21 km)

Es ist wieder ein schöner, sonniger Tag; nicht mehr ganz so warm wie in den letzten Tagen. Zum Laufen ist das ideal. Gerda bringt mich zu meinem Startpunkt, d.h. zu dem Ort, an dem ich gestern aufgehört habe. Wir verabreden, uns in Biberach zu treffen. Nach etwa zwei Stunden erreiche ich den Ort, versuche Gerda anzurufen:

“Der Teilnehmer ist im Moment nicht erreichbar. Bitte hinterlassen Sie eine Nachricht.”

In der Innenstadt ist noch viel mittelalterliche Architektur erhalten geblieben. Herzstück ist der Marktplatz mit vielen Gebäuden aus dem 15. und 16. Jh. Die beeindruckende Stadtkirche St. Martin wird bis heute von beiden Konfessionen gemeinsam genutzt. Mehrmals versuche ich Gerda anrufen, erhalte aber immer die gleiche Mitteilung. Wie sich später herausstellt wartet sie ein paar Meter weiter auf mich und sitzt offensichtlich in einem Telefon-Empfangsloch.

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Als ich Biberach schon zwei Kilometer hinter mir habe, klappt die Verbindung. Wir verabreden uns in Steinhausen zu treffen, dem Ziel meiner heutigen Wanderung. Steinhausen ist weithin bekannt durch seine spätbarocke Wallfahrtskirche, die als die schönste Dorfkirche der Welt gilt.

Als ich Steinhausen erreiche, rufe ich Gerda an.

“Hallo, ich bin in Steinhausen und stehe vor der Kirche”

“Ich bin auch in Steinhausen und stehe vor der Kirche. Wahrscheinlich bist Du auf der anderen Seite. Warte, ich komme herum”

Gerda kommt nicht. Nach einigen Telefonanrufen (die Verbindung ist schlecht und bricht immer wieder zusammen) des Rätsels Lösung: es gibt hier zwei Steinhausen, die beide auch noch eine Wallfahrtskirche haben und eine halbe Autostunde voneinander entfernt liegen.

16. Juni 2014

Steinhausen – Bad Waldsee (24 km)

In Steinhausen schaue ich mir gemeinsam mit Gerda noch einmal die Wallfahrtskirche St. Peter und Paul an. Sie gilt als die schönste Dorfkirche der Welt.

Von dort aus starte ich meine heutige Wanderung. Das Wetter ist ideal, sonnig mit ein paar Wolken, aber es ist nicht zu heiß.

Das nächste Barockkirchlein ist die St. Georgskirche in Winterstettenstadt. Der Weg führt über schöne Wald- und Wiesenwege, teilweise mit anstrengenden Steigungen, aber ich genieße es.

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Gegen 15:00 Uhr treffe ich in Bad Waldsee ein, wo ich mich mit Gerda verabredet habe. Wir bummeln ein wenig durch die Stadt mit alten Fachwerkhäusern, einem prächtigen Rathaus und natürlich wieder einer gewaltigen Barockkirche (Stiftskirche St. Peter).

Noch ein Rundgang um den Stadtsee, dann machen wir uns auf zu unserem Domizil, das wir uns für die letzten Tage ausgesucht haben, eine Ferienwohnung in Schlier Albisreute auf einem Bauernhof. Kurz nachdem wir eingetrudelt sind trifft auch unser Freund Hans ein. Er ist mit mir die ersten drei Tage meiner diesjährigen Wanderung in Schleswig-Holstein gelaufen und wir möchten auch die letzten vier Tage noch gemeinsam laufen.

Wir gehen in Schlier gemeinsam essen (sehr gut) und sehen noch die letzten Minuten des Fußballpiels Deutschland-Portugal (4:0).

17. Juni 2014

Bad Waldsee – Ravensburg (24 km)

Wir, Gerda, Hans und ich, fahren gemeinsam nach Bad Waldsee und machen noch einen kleinen Rundgang durch das Städtchen.

Dann ziehen Hans und ich los. Es ist wieder ein schöner Tag zum Wandern. In Gwigg besuchen wir die historische Kapelle “St. Georg”.

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Dann geht es weiter über Wald-und Wiesenwege über die Löffelmühle nach Weingarten. Wahrzeichen von Weingarten ist die Basilika St. Martin, einst als Klosterkirche der Abtei erbaut. Sie ist die größte Barockkirche Deutschlands und besitzt im Inneren eine wertvolle Orgel aus dem 18. Jh. Weingarten ist mit Ravensburg zusammengewachsen. Nach ein paar Kilometern stehen wir im Zentrum der Altstadt von Ravensburg. Ravensburg ist das Zentrum Oberschwabens.

Wieder lassen sich zahlreiche Patrizierhäuser bewundern, aber mittlerweile ist man schon so übersättigt, dass man sie nicht mehr richtig zu würdigen weiß.

18. Juni 2014

Ravensburg – Unterteuringen (24 km)

Die Strecke von Ravensburg bis Meckenbeuren läuft Gerda mit (15, 5 km). Von dort aus fährt sie mit dem Zug zurück, während Hans und ich bis Unterteuringen durchlaufen. Das Wetter ist herrlich, Sonne, ein Paar Wölkchen und Temperaturen um die 25ºC.

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Wir laufen hauptsächlich durch leicht hügelige Wälder und Obstanbaugebiete der Bodenseeregion. Nach einer Unterhaltung über die Bauernkriege singt Hans ein Lied:

Die Glocken stürmten vom Bernwardsturm
Der Regen durchrauschte die Straßen.
Und durch die Glocken und durch den Sturm
Gellte des Urhorns blasen.

Das Büffelhorn, das so lang geruht,
Veit Stoßperg nahm´s aus der Lade.
Das alte Horn, es brüllte nach Blut
Und wimmerte: “Gott genade!”

Ja, gnade dir Gott, du Ritterschaft!
Der Bauer stund auf im Lande,
Und tausendjährige Bauernkraft
Macht Schild und Schärpe zu Schande.

Die Klingsburg hoch am Berge lag,
Sie zogen hinauf in Waffen,
Auframmte der Schmied mit einem Schlag
Das Tor, das er fronend geschaffen.

Dem Ritter fuhr ein Schlag ins Gesicht
Ein Spaten ihm zwischen die Rippen,
Er brachte das Schwert aus der Scheide nicht
Und nicht den Fluch von den Lippen

Aufrauschte die Flamme mit aller Kraft
Brach Balken, Bogen und Bande,
Ja, gnade dir Gott, du Ritterschaft:
Der Bauer stund auf im Lande!

Morgen werden wir den Bodensee erreichen.

19. Juni 2014

Unterteuringen – Meersburg (22 km)

Noch einmal ein herrlicher Tag zum Wandern. Die Landschaft ist leicht hügelig. Wälder, Felder und Obstanbaugebiete wechseln sich ab. Ein Schnack zwischendurch mit einem Schnitzer, der eine hübsche Jakobusfigur geschaffen hat, dessen Bruder und seiner Frau.

In Markdorf ist gerade die Fronleichnamprozession.

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Dann auf einmal, zwischen den Hügeln, erzielen wir einen ersten Blick auf den Bodensee, dem Ziel, dem ich seit Wochen entgegenlaufe.

Wir erreichen Meersburg, wo wir mit Gerda verabredet sind. Das ist der totale Schock. Meersburg ist so überfüllt mit Touristen, dass man kaum durchkommt, das Kontrastprogramm zu unserer Wanderei.

20. Juni 2014

Meersburg – Konstanz (6 km)

Von Meersburg geht es mit der Fähre nach Staad. Von dort aus folgt die allerletzte Etappe nach Konstanz. Das sind nur ein paar Kilometer. Wir besuchen das in der Altstadt gelegene Münster Unserer Lieben Frau.

Dann noch ein paar Meter bis zur Schweizer Grenze und mein diesjähriger Jakobsweg ist zu Ende.

Ich fühle mich plötzlich leer, verwirrt und brauche noch ein paar Tage, um meine Gedanken und Gefühle zu ordnen und ein Fazit zu ziehen.

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