Map of the route “2008 Via de la Plata”: 994.837 m, 23.576 m of climbing and 23.328 m of descent, elevation between 2 m and 1.392 m. It starts at 37.38604, -5.99231 and ends at 42.87970, -8.54328 (latitude, longitude).
Vorbereitung
Nachdem ich 2006 den Camino Francés (von St-Jean-Pied-de-Port) und 2007 den Küstenweg von Irun aus gelaufen bin, habe ich diesmal vor, von Sevilla aus zu starten. Meine Packliste bleibt fast unverändert.
Nach meinem Etappenplan, den ich sowieso wieder nicht einhalten werde, müsste ich am 25. Mai in Santiago sein. Der Rückflug ist für den 27. Mai gebucht.
Die Strecke von Sevilla nach nach Santiago de Compostela soll etwas über 1000 km (exakt 1006,9 km) lang sein, bei 45 geplanten Etappen wären das 22,3 km/Tag, dazu kommen immer noch einige gewollte und nicht gewollte Umwege. Das muss zu schaffen sein.
Mittwoch, 9. April 2008
Barcelona – Sevilla
Nach vier Tagen in Barcelona, die ich mit Gerda und unseren Freunden verbracht habe, bringt mich der Flieger um 15:00 Uhr mit ein wenig Verspätung nach Sevilla. Mit dem Flughafenbus geht es ziemlich schnell in die Innenstadt, von dort brauche ich etwas Zeit, um mich zu orientieren, da der Bus an einer ganz anderen Stelle hält, wie angegeben.
Meine Unterkunft (www.trianabackPackers.com) liegt in der Altstadt in einem Haus aus dem 19. Jahrhundert. Ein interessantes Haus mit schönem Innenhof, sehr romantisch oder sehr heruntergekommen, je nach Sichtweise. Die Stadt ist voller junger Mädchen und Frauen in Flamencokleidchen. Die ganze Woche wird der Beginn des Frühlings gefeiert. Die eigentlichen Veranstaltungen beginnen jedoch erst ab 23:00 Uhr. Solange habe ich keine Lust zu warten. Um diese Zeit liege ich schon im Bett.
Ich schlafe in einem Vierbettzimmer mit 3 Schnarchern, wobei die Spanier sich scheuen, die Fenster aufzumachen. Nachts prasselt unentwegt ein dicker Schauer nach dem anderen auf das Glasdach. Aber ich schlafe doch einigermaßen gut.
Donnerstag, 10. April 2008
Sevilla
Man teilt mir mit, dass das Frühstück im Preis inbegriffen ist. Endlich mal wieder ein schönes spanisches Frühstück. Es besteht aus Kaffee, den man sich selbst zubereiten muss und einem Toast ohne Butter und Marmelade. Draußen ein Wechsel aus Sonnenschein und dicken Regenschauern. Ich sehe mir trotzdem die Stadt an. Aber es schüttet den ganzen Tag wie aus Gießkannen, es stürmt und in den paar Minuten, in denen die Sonne durchkommt, ist es dann gleich richtig heiß.
Was macht man, wenn man nur einen Tag zur Verfügung hat? Die Kathedrale und der Königspalast „Reales Alcázares“ waren die Minimalziele für heute. Die Kathedrale ist das drittgrößte Gotteshaus Europas. Sie ist an der Stelle einer ehemaligen Moschee gebaut, von der nur noch das Minarett aus dem 12. Jh. übrig geblieben ist und das heute als Glockenturm genutzt wird. In diesen Glockenturm (Giralda) kann man auf einer breiten Rampe hinaufgehen, da der ehemalige Sultan früher auf seinem Pferd bis in die Turmspitze geritten ist.
Der Gesamteindruck der sicher beeindruckenden Kathedrale ist beeinträchtigt durch Renovierungsarbeiten. Das Hämmern der Presslufthämmer stört mich sehr. Nicht zu übersehen ist der unendliche Prunk der Kathedrale. Ich mache mir wieder einmal klar, wie die Kirche ihr Geld zusammen bekommen hat und gehe mit Groll aus dem Hauptportal. Meinen ersten Pilgerstempel muss ich mir in einem Nebenportal (Puerta de las Campanillas) holen. Dort sitzt ein uralter Priester, der mich, als er weiß, was ich vorhabe, umarmt und mir seinen Segen gibt. Schon habe ich wieder feuchte Augen.
Mit treffsicherem Instinkt finde ich mittags das schlechteste Restaurant Sevillas und schaue mir dann Alcazár an. Wir haben den Palast vor 30(?) Jahren schon einmal gesehen, aber ich habe nur noch bruchstückhafte Erinnerungen. Ich bin tief beeindruckt von der arabischen Baukunst. Er steht der Alhambra in nichts nach.
Später rette ich mich von einer Kneipe zu anderen. Der Regen lässt einem keine andere Wahl.
Ich gelange auf den Festplatz im Ortsteil Los Remedios. Die ganze Woche ist die berühmte „Feria“. Auf dem Platz sind hunderte von Festzelten aufgebaut, in denen eine Woche lang gefeiert, gegessen und getanzt wird. Für Außenstehende ist es allerdings schwierig mitzumachen, da fast alle Zelte privat und nur wenige öffentlich zugänglich sind.
Beim Abendessen in einem Fischrestaurant setze ich mich zu dem ersten Mitpilger, den ich sehe. Hans kommt vom Bodensee, ist genauso alt wie ich, aber viel sportlicher. Er will den Weg in 25 Tagen schaffen, das sind also im Schnitt 40 km pro Tag. Viel Glück, buen Camino, sehen werden wir uns sicherlich nicht mehr.
Freitag, 11. April 2008
Sevilla – Guillena – 29 km
Ein schöner Tag, sonnig, aber kalt. Ich starte gegen 8:30 Uhr, meine Mitschläfer (keine Pilger) liegen alle noch im Bett. Nach einem Kaffee in einer Bar geht es aus der Stadt hinaus, wie in jeder größeren Stadt macht das nicht viel Spaß, da hauptsächlich Industriegebiete zu durchqueren sind. Ich bin außer Übung, das Knie tut weh, die Hüfte und ein Fuß melden sich, ich stolpere über die Stöcke. Nach 10 km komme ich allmählich in Tritt. Irgendwann geht es dann doch nur noch durch Felder, die im Moment alle kräftig grün sind. Ich stelle mir vor, wie das im Sommer hier aussehen mag.
Der Reiseführer warnt vor einer Furt, die zu durchqueren ist. Nach ca. 4 Stunden sehe ich Guillena schon vor mir. Ich sehe eine Mini-Furt, die zu durchqueren ist, ziehe Schuhe und Strümpfe aus und nach 5 Minuten bin ich drüben. Es ist schwierig, Schuhe und Strümpfe auf matschigen Wegen wieder anzuziehen, wenn man nichts zum Festhalten hat. Nachdem ich das geschafft habe, sehe ich, dass nach ca. 200 m die eigentliche Furt kommt. Das sieht etwas schwieriger aus. Noch mal Schuhe und Strümpfe aus, bei dem ersten Versuch stelle ich fest, dass das nicht reicht. Also auch noch die Hose aus. Als ich bis zu den Hüften im Wasser stehe und es immer noch steil bergab geht, gebe ich auf. Ein Versuch rechts am Fluss entlang, ein Versuch links über einen total vermatschten Weg. Es hat keinen Zweck. Ich treffe einen spanischen Wanderer mit Sohn, auch er sieht keine Chance. Wir schlagen uns über Feldwege (überall stehen dicke Schilder: Durchgang verboten) und machen einen Umweg von ca. 6 km, um kurz hinter der Furt wieder auszukommen. So werden aus den angegebenen 22,8 km ungefähr 29. In Guillana soll man in einem Umkleideraum einer Sporthalle übernachten können. Ich suche das auch angegebene Hostal auf und teile mir mit einem Schotten ein Zimmer (Dusche, WC auf dem Gang). Nach einem späten Mittagessen mache ich ein Schläfchen und schlendere etwas durch die Stadt. Dann schauen wir mal was der morgige Tag bringt, er soll mit einer Flussdurchquerung starten …
Samstag, 12. April 2008
Guillena – Castilblanco de los Arroyos
So clever wie ich war, hatte ich mir gestern schon den Weg angesehen, wie er aus dem Ort herausführt, quer durch eine Furt. Ich wandere los, komme an eine Brücke, sehe die Furt etwa 800 m weiter, laufe dort hin, überquere die (harmlose) Furt und werde von da aus genau zu der Brücke, von der ich gestartet bin, zurückgeschickt.
Nach ein paar Kilometern Landstrasse geht es in ein schönes Naturschutzgebiet, mit Korkeichen, Rindern und Pferden. Da es in den letzten Tagen allerdings sehr viel geregnet hatte, versinke ich teilweise bis zu den Knöcheln im Schlamm. Aber das Wetter ist sehr schön und das Wandern macht Spaß. Irgendwann stehe ich einem jungen Stier gegenüber und stelle fest, das sich kein Zaun zwischen uns befindet. Er kommt neugierig näher und ich stelle mit Entsetzen fest, wie unheimlich groß er ist und welche schönen langen Hörner er hat. Ich versuche, einen möglichst großen Bogen um ihn zu machen. Er scheint mir traurig nachzusehen, wahrscheinlich wollte er nur ein bisschen spielen. Die Herberge in Castilblanco de los Arroyos ist schmutzig, die Papierkörbe quellen über und es gibt kein Toilettenpapier. Zwar gibt es eine große Dachterasse, aber nicht einen Stuhl. Der Ort hat nicht viel zu bieten (außer einem für ein Dorf völlig überdimensioniertes riesiges Theater). Abends sitzen wir noch zusammen mit Stuart aus Schottland, Marco, Unternehmensberater bei der Post, der sich eine Auszeit von einem Jahr genommen hat, Ursula, eine frühpensionierte Lehrerin und noch einer zweiten Ursula, die bereits nach 2 Etappen mit Knieproblemen festsitzt. Bei ihrem Umfang frage ich mich, wie sie die zwei Etappen geschafft hat und wie man bei so einem Elefantengewicht überhaupt den Weg in Angriff nehmen kann.
Sonntag, 13. April 2008
Castilblanco de los Arroyos – Almadén de la Plata 30 km
Etwa 15 km geht es über eine kaum befahrene Landstrasse. Korkeichen und Steineichen säumen den Weg und es ist wesentlich hügeliger als ich erwartet habe. Im Nu ist man schon wieder auf 500 m Höhe. Danach geht es durch ein sehr schönes Landschaftsschutzgebiet, ich treffe nicht einen Wanderer, ein paar Radfahrer kommen mir entgegen.
Insgesamt sind etwa 12 Pilger mit mir parallel auf der Strecke, das ist nur ein Bruchteil wie auf dem Camino Francés, aber mehr als auf der Nordroute. Die Herberge in Almadén de la Plata ist OK. Da die Abstände zwischen den Herbergen ziemlich groß sind, treffen sich abends praktisch auch immer dieselben Pilger. Spätabends trifft noch Christina (18) aus Spanien ein, sie hatte sich in dem Naturschutzgebiet total verlaufen, den Fuß verdreht und über Handy Hilfe angefordert. Sie hatte drei Stunden warten müssen, bis ein Ranger sie in die Herberge gefahren hat.
Montag, 14. April 2008
Almadén de la Plata – El Real de la Jara 16,1 km
Heute steht eine kurze Strecke vor mir, aber bis zur übernächsten Herberge wäre es dann doch zu weit. Ich trinke einen Café con Leche in einer Bar. Als Frühstück bieten sie in Olivenöl getränktes Toastbrot an, das möchte ich doch nicht. Um 09:00 Uhr geht es los, die meisten Pilger sind schon weg, aber ich habe mir diesmal vorgenommen, mir viel Zeit zu lassen.
Die Landschaft ist unglaublich schön. Eichenhaine, Pferde und vor allem die iberischen schwarzen Schweine, die in einem riesigen bunten Blumenmeer herumschnüffeln. Wenn ich noch einmal wiedergeboren werde, dann werde ich Schwein auf den bunten Wiesen Andalusiens. Mit ein paar Pilgern treffen wir uns an einem Bach und picknicken (1 Flasche Wasser, 1 Keks und 1 Pfeife). Ich treffe Christine, sie geht die (oft steilen) Berge rückwärts hinauf, da sie arge Fußprobleme hat. Die Herberge, die ich schon ziemlich zeitig erreiche ist gut, allerdings muss man sich erst im 2 km entfernten Rathaus anmelden. Mittags esse ich dann eine Portion dieser schwarzen Schweinchen, sie sehen nicht nur schön aus, sondern sie schmecken auch noch saugut. Danach ist das Dorf erst einmal bis 18:00 Uhr abgeschlossen, Siesta … Da schließe ich mich gerne an.
Dienstag, 15. April 2008
El Real de la Jara – Monesterio 20 km
Zwanzig Kilometer müssten leicht zu schaffen sein, denke ich mal wieder. Zum Schluss habe ich doch mal wieder ganz schön geschnauft, vor allem weil ich mit Stuart aus Schottland (1,50 Größe) Schritt halten wollte. Stuart ist eigentlich Elektriker, irgendwo im Pensionsalter und gibt rund um die Welt Englischkurse, ohne die jeweilige Sprache zu können. Das wäre auch so möglich, meint er.
Gestern saßen wir abends noch in größerer Runde zusammen. Mich fasziniert immer die Mischung der Menschen, die hier miteinander reden und lachen und die im „normalen Leben“ wahrscheinlich nie zusammensitzen würden. Da ist Christa aus Hagen, ich würde sie als „Dame“ bezeichnen neben Chris aus Belgien, nach außen ein typischer Punk mit gepiercten Ohren. Neben einem 19 kg schweren Rucksack und einem dicken Bauch trägt er wohl noch andere Probleme mit sich herum. Ich bin noch nicht dazu gekommen, mich mal allein mit ihm zu unterhalten. Seit Tagen (seit Barcelona) gehen mir die Anfangsverse eines Ringelnatzgedichtes durch den Kopf: Überall ist Wunderland… Die Landschaft gestern war für mich absolutes Wunderland. Heute war es schön, aber die letzten 10 km liefen parallel der Autobahn. Endlich habe ich das Gedicht heute im Internet wiedergefunden (ist es nicht schön?)
Überall ist Wunderland
Überall ist Leben
Bei meiner Tante im Strumpfenband
wie irgendwo daneben.
Überall ist Dunkelheit
Kinder werden Väter.
Fünf Minuten später
stirbt sich was für einige Zeit.
Überall ist Ewigkeit.Wenn du eine Schneck behauchst
Schrumpft sie ins Gehäuse,
wenn du sie in Cognac tauchst,
sieht sie weiße Mäuse.
(Joachim Ringelnatz)
In Monesterio ist die Herberge geschlossen, so dass ich im Hotel Pilar eingecheckt habe (EZ, Dusche/WC, Frühstück 25 €). Wenn schon Hotel, dann wollte ich auch mal wieder ein Einzelzimmer. Der Ort selber sieht aus wie fast alle Orte, in denen ich bisher seit Sevilla gewesen bin: weiße Häuser und in der Mitte eine Kirche.
Mittwoch, 16. April 2008
Monesterio – Fuente de Cantos (22 km)
Nach dem opulenten Frühstück (Kaffee, Toast, Marmelade) starte ich gegen 08:10 Uhr. Die Landschaft wird offener, Olivenbäume, Getreide und nur noch hügelige, steinige Grasflächen, die gerade noch für ein paar Schafe reichen.
Ich überhole eine Pilgertrio aus Österreich, das französische Paar und laufe dann ein paar Kilometer mit Chris, dem Belgier. Er kommt aus Antwerpen, ist arbeitslos, glatzköpfig, gepierct und tätowiert. Er erzählt mir, dass er erstmalig das Gefühl hat dazuzugehören (er meint die Gruppe der Pilger), ein Gefühl, das er sonst noch nie kennengelernt hat. Sein Englisch ist holprig, er kämpft mit den Tränen. Ich weiß nicht wie ich mich verhalten soll, bin unbeholfen, weiß nicht was ich sagen soll …
Später, wieder allein gerate ich in eine Rotte von riesigen schwarzen Schweinen (von weitem sahen sie aus wie Wasserbüffel. Sie rennen quiekend weg. Als ich stehen bleibe, kommen sie neugierig, grunzend zurück und wollen mich beschnüffeln (habe ich einen besonderen Geruch an mir?). Ich bin umringt, bahne mir meinen Weg durch die Herde; eine dicke Sau folgt mir ein paar hundert Meter. Wahrscheinlich will sie mich adoptieren, denn sie guckt ziemlich traurig, als ich mich endgültig entferne. Ich mag ihr gar nicht erzählen, was ich gestern Abend gegessen habe.
Bei einer Pause werde ich von einer Italienerin (grauhaarig, >70) überholt. Sie erzählt mir gestikulierend eine Geschichte auf Italienisch, was, werde ich nie erfahren. Die Gegend wird jetzt absolut baumlos, ich stelle mir vor, welche Hitzehölle hier einen Monat später sein muss. Gegen 12:30 Uhr erreiche ich die schöne Herberge in einem ehemaligen Kloster in Fuente de Cantos (sehr sauber, 4-Bett-Zimmer).
Nebenan ist das Informationszentrum über Franzisco de Zubarán, einem bedeutenden spanischen Maler, den ich nicht kenne (immer diese Bildungslücken). Nach dem Duschen und Wäschewaschen trinke ich zusammen mit Stuart und Christa ein Bier in einer öden Bar. Dazu werden sauer eingelegte Schweineohrenstücke gereicht. Nach einem Mittagschläfchen nehme ich noch irgendwo meinen Café con Leche in einer Bar (nur Männer, die Domino spielen).
Der Ort selber ist langweilig (weiße Häuser, Kirche mit Störchen). Erst nach 18:00 Uhr beginnt der Ort aus seiner Lethargie zu erwachen und die Bibliothek, in der ich kostenlosen Internetzugang habe, macht auf.
Abends treffe ich einige Mitpilger, wir gehen mit sechs Personen in ein Restaurant und die Wirtin schlägt vor, dass sie uns einfach verschiedene Platten für alle hinstellt. Es ist köstlich, Fisch, Fleisch, Salat, Gambas … Inklusive Wein und Kaffee will sie am Schluss 35 Euro haben, das sind weniger als 6 Euro pro Person.
Donnerstag, 17. April
2008 Fuente de Cantos – Zafra 25,4 km
Die letzten Tage waren immer ein Gemisch aus Wolken und Sonne. Heute hängen dicke schwarze Wolken am Himmel und ich hoffe, dass wir nicht allzu nass werden. Aber das Wetter hält einigermaßen. Die Landschaft ist leicht hügelig und schier endlos, es weht ein kühler Wind, so dass man zwischendurch ungern Rast macht.
Zwischendurch treffe ich Glenn, der mir erzählt, wie er die Furt am 1. Tag überquert hat. Er hat versucht, sich über Äste, die über den Fluss ragen, zu hangeln. Da diese glitschig waren, ist er samt Rucksack hineingefallen. Er sagte, dass er Todesängste ausgestanden hat, da sein Rucksack (19 kg) ihn natürlich nach unten gezogen hat. Danach war er natürlich nicht nur klitschnass, sondern hatte einen durch die Nässe noch schwereren Rucksack zu tragen (Inzwischen hat er die Hälfte seines Gepäcks mit der Post wieder nach Hause geschickt).
Eine andere Pilgerin erzählte mir, dass sie den Fluss ein wenig flussabwärts durchwatet hat und als Lehmklumpen das andere Ufer erreicht hat.
Zafra erreiche ich gegen 15:00 Uhr und miete mich in einem Hostal recht preiswert ein, da die hiesige Herberge geschlossen hat. Der Ort ist sehr schön, leider beginnt es etwas zu nieseln. In dem hiesigen Parador, das aus dem 14. Jh. stammt, gönne ich mir zumindest einen Kaffee.
Freitag, 18. April 2008
Zafra – Villafranca de los Barros
Wir starten zu fünft, Marco (ca. 30 Jahre alt, baumlang), Stuart aus Schottland (ca. 1,50 m), Christa, Ursula und ich. Die Landschaft ist schier endlos. Das Ziel, das man nachmittags erreichen will, kann man morgens schon erkennen. Oliven- und Mandelbäume, Getreide und Wein prägen das Landschaftsbild.
Die Temperatur liegt morgens noch bei ca. 5 Grad, am Himmel hängen dicke schwarze Wolken, aber das Laufen macht Spaß. Mittags bekommen wir den ersten kräftigen Regenschauer mit. Leider hat auch die Herberge in Villafranca de los Barros, die noch vor 2 Jahren mit 1 Millionen Euro mit EU-Geldern restauriert wurde, dicht gemacht. Wir fragen in einer Bar nach einer Unterkunftsmöglichkeit und bekommen ein wunderschönes altes spanisches Haus vermittelt (18 € pro Person), liebevoll eingerichtet, mit Innenhof, mehreren Badezimmern und vor allem einer schönen Küche, so dass wir fünf abends gemeinsam kochen und essen können. Um 10:00 Uhr liegen wir alle in der Falle, das Wandern (und Essen ) macht doch müde.
Samstag, 19. April 2008
Villafranca de los Barros – Mérida
Ein Tag mit viel Regen und wenig Sonne, aber das gehört auch dazu, die Landschaft ist flach wie ein Bügelbrett und über Stunden scheint sich beim Wandern nichts zu verändern. Ein kalter Wind pfeift über die Extremadura, aber ich denke, es ist immer noch besser, als bei Hitze durch diese Gegend zu laufen. Wir laufen noch im Fünferpack, die beiden Frauen scheint die Landschaft allmählich zu zermürben. Ursula fährt einen Teil mit dem Bus, Christa überlegt, auch ein paar Etappen mit dem Bus zu überspringen. Christine, die 18-jährige hübsche Spanierin hat schon vor 2 Etappen aufgegeben und ist nach Hause gefahren, das französische Ehepaar hat die letzten Etappen mit dem Bus gemacht, da sie beide Fußprobleme bekommen haben. Ich finde die Landschaft einfach nur schön.
In Mérida ist die Pilgerherberge leider voll. Mérida ist halt ein Touristenzentrum und einige Pilger bleiben auch länger hier. Ich muss mich mal wieder von unserer Truppe absetzen und will ein wenig allein weiter laufen. Bestimmt fange ich sie morgen oder in den nächsten Tagen wieder ein.
Also miete ich mich allein in einem Hostal ein. Auf der riesig langen Römerbrücke, die in die Stadt führt erwischt mich ein Regenschauer und werde pitschnass. Mérida trieft vor römischer Geschichte. Die Stadt selber ist wie fast alle spanischen Städte nachmittags (von 12:30 – 18:00 Uhr) ausgestorben, erst danach beginnt das Leben. Ich finde einen Frisör, aber mit meinem Spanisch ist es wohl doch noch nicht so doll. Ich sage der Frisörin, sie solle mir 1 cm abschneiden, aber sie hat mir 1 cm dran gelassen (Gott sei Dank, könnt Ihr mich jetzt nicht sehen und bis ich nach Hause kommen, ist das Haar wohl schon wieder etwas gewachsen).
Sonntag, 20. April 2008
Mérida – Aljucén
Bei strömendem Regen starte ich in den Tag, über die endlos lange Römerbrücke in die City von Mérida und verlaufe mich natürlich erst einmal in der Innenstadt. Ein netter Herr in der Rezeption des örtlichen Paradors erklärt mir ausführlich den Weg, doch, wie ich erst später merke, nicht den aus der Stadt heraus, sondern zur hiesigen Herberge und die liegt genau entgegengesetzt. Irgendwann schaffe ich es dann doch, die Stadt hinter mir zu lassen. Ein Regenschauer jagt den anderen, ich versuche mir 10 Minuten lang vergeblich meinen Poncho überzuziehen, aber mit dem dicken Rucksack ist das alleine fast nicht möglich, ich war zu blöde dazu.
(Später habe ich eine Mitpilgerin gefragt, wie sie es anstellt. Sie erzählte mir, dass sie es tagelang vor dem Spiegel geübt hat, sich zusätzliche Gewichte angebracht hat, um das Rückenteil besser über den Rucksack zu schmeißen und sich immer in den Wind stellt.)
Ich treffe auf dem Weg zwei mir bekannte spanische Pilger, die mir helfen, meinen Poncho anzuziehen, mit dem Erfolg, dass sich kurz darauf die Wolken verziehen und die Sonne herauskommt, worüber ich aber nicht allzu traurig bin. Der Weg ist schön, ich komme an einem Stausee vorbei, der schon von den Römern als Wasserreservoir angelegt wurde. Von der kleinen Landstrasse, die ich bisher gelaufen habe, zweigt der „Camino“ in eine Piste durch ein Naturschutzgebiet. Da ich Sorge habe, dass dort alles versumpft ist, bleibe ich auf der Strasse und nehme 5 Kilometer Umweg in Kauf. Später erfahre ich, dass der Weg völlig harmlos und sehr schön war. Gegen 14.00 Uhr erreiche ich Aljucén und belege einen Platz in der Herberge. Sie ist sehr spartanisch, aber ich habe keine Lust mehr weiterzulaufen, da inzwischen wieder ein Wolkenbruch nach dem anderen kommt. Die Herberge ist privat, kostet 10 € pro Bett und am Abend wird die Möglichkeit angeboten in einer nahe gelegenen „Casa Rural“ ein Abendessen zu bekommen. Es ist ein wirklich gemütlicher Abend, zusammen mit Jan, einem Holländer und René und Gerard, zwei Franzosen. Gerard ist mein Alter, Pfeifenraucher, wir sind uns sofort sympathisch. René ist 81 Jahre alt und kommt aus der Normandie. Seine Wasserflasche sieht immer sehr rot aus und auf Nachfrage meint er, dass auf dem Weg Wunder passieren und sein Wasser immer in Wein verwandelt wird. Aufgrund seines Alters biete ich ihm später an, im Stockbett unten zu schlafen, was er empört ablehnt. Im nächsten Jahr will René den Weg nach Santiago noch einmal von der Haustür aus laufen (ca. 2500 km). Marco, Stuart und Christa sind offensichtlich weiter marschiert. Der Regen muss sie gnadenlos erwischt haben, denn es gibt keine Unterstellmöglichkeit. Wer weiß, ob ich sie wiedersehe?
Montag, 21. April 2008
Aljucén – Alcuéscar
Der Weg ist wunderschön, Korkeichen, weiß blühende Büsche und tausende violette Blümchen prägen das Landschaftsbild. Es ist kalt, aber es bleibt den ganzen Tag trocken.
So allmählich habe ich das Gefühl, dass ich so richtig in Tritt komme und dass das Laufen mir gut tut und dass ich Eins bin mit der Natur. Nur zum Pause zu machen ist es zu kalt. Die Entfernungen zwischen den Dörfern liegt bei 20 km und dazwischen ist nur Natur. So erreiche ich schon gegen 12:30 Uhr mein Ziel, das Kloster „Congregación de los Hermanos de Maria y los Pobres“, die sich um Arme und Behinderte kümmern, aber auch Pilger aufnehmen.
Ich bekomme von einer resoluten Hospitalera eine „Einzelzelle“ zugewiesen, nachmittags ist das Kloster zwischen 14:30 und 16:30 Uhr geschlossen, ich nutze die Zeit für einen ausgiebigen Mittagsschlaf.
Um 18:00 Uhr lädt die Hospitalera zu einer Führung durch das dem Kloster angeschlossenen Museum ein. Das Museum ist allein dem Gründer des Klosters gewidmet und zeigt alles, von seiner Geburtsurkunde, den Topf, in den er gekackt hat, bis zu seinem Sterbebett. Die Führung dauert zwei Stunden, alle sind genervt, doch die Hospitalera, eine enthusiastische „Dame“ merkt nicht, wie wir uns zu Tode langweilen. Vielleicht hat sie mal etwas mit dem Klostergründer gehabt (er ist 1990 gestorben, möglich wäre es).
Zur Versöhnung bieten uns die Klosterbrüder ein wirklich leckeres Abendessen an. Die Übernachtung und das Abendessen sind kostenlos, um eine Spende wird gebeten. Trotz der nervigen Führung bin ich beeindruckt und spende reichlich.
Dienstag, 22. April 2008
Alcuéscar – Cáceres
Ich wache gegen 07.45 Uhr in meiner Einzelzelle auf und stelle fest, dass schon alle Mitpilger (ca. 20, die hier im Kloster übernachtet haben) weg sind. Die Hospitalera, die mich gestern begrüßt, die Führung gemacht und für das Abendessen gesorgt hat, ist auch schon wieder auf den Beinen und reinigt die Zellen. Ich habe sehr viel Hochachtung vor der Dame, die sich ehrenamtlich so engagiert. Neben dem „Buen Camino“ bekomme ich zum Abschied noch zwei feuchte Küsschen und einen Müsliriegel geschenkt.
Obwohl es schon spät ist, nehme ich in der angrenzenden Bar noch meinen „Café con Leche“, ehe es wieder auf die Piste geht. Der Tag ist voller Sonnenschein und es ist auch nicht mehr so kalt wie gestern. Ich laufe im T-Shirt. Nach 5 km stehe ich wieder vor einem Bach und rätsele, wie ich auf die andere Seite komme. Der Reiseführer schreibt, die Bäche sind eigentlich kein Problem, da sie nur im Frühjahr Wasser führen. Aber wir haben Frühjahr und es hat kräftig geregnet in den letzten Tagen. Ich laufe 500 m nach links, keine Chance; nachdem ich 500 m in die andere Richtung gelaufen bin, sehe ich eine Stelle, die ein wenig schmaler ist. Schaffe ich den Sprung? Im Schulsport war ich im Springen immer der Schlechteste. Nur Mut, ein Hops und ich bin drüben. Zum Glück war der Untergrund griffig. Später erfahre ich, dass 2 Pilger beim Sprung ins Wasser gefallen sind, viele sind umgekehrt (wenn ich das meinem Sportlehrer erzähle …).
Wieder ist die Landschaft beeindruckend, eine Graslandschaft mit Millionen von blühenden Blümchen, die meisten kenne ich nicht. Irgendwann wate ich über eine matschige Wiese, links und rechts quakt es und ringsum Störche, die mich recht abfällig anschauen, aber keinerlei Scheu zeigen. Auf dem Weg komme ich an einem berühmten römischen Meilenstein vorbei, der eine große Öffnung aufweist, weil er lange Zeit als Briefkasten eines nahe gelegenen (römischen) Hauses diente. Wie Hunderttausende von Pilgern vor mir lege ich die Hand in die Öffnung und fühle mich ihnen verbunden.
Durch alte Römerbrücken und -straßenreste ist hier noch ein Hauch der alten „Via de la Plata“ zu spüren. Ich erreiche Cáceres, einen Tag vorher hatte ich telefonisch ein Einzelzimmer in einer Pension mitten in der Stadt am „Placa Mayor“ gebucht. Als ich dort ankomme, rüsten sich am Platz gerade die Musikkapellen. Heute wird ein großes Fest zur Erinnerung der Befreiung von den Mauren gefeiert. Das Fenster meines Zimmers weist auf den Platz, das kann lustig und laut werden. Als ich aus der Haustür der Pension komme, sitzen Marco, Stuart und Christa in einem Straßencafé.
Wir verabreden uns fürs Abendessen und essen richtig lecker in der Stadt. Als wir in Richtung Pension zurückgehen, geraten wir in die Feierlichkeiten. Es wird gerade ein riesiger Drache (von den Mauren) unter Paukenschlägen und Fanfaren auf den Plaza Mayor geschleppt, wo er später verbrannt werden soll. Über die geschichtlichen Zusammenhänge muss ich mich noch einmal informieren. Das Gedränge der Zuschauer nimmt so zu, dass ich beschließe umzukehren, um auf anderem Wege meine Unterkunft zu erreichen. Aber keine Chance, wie in einem Strudel werde ich Richtung Marktplatz gestoßen und geschubst. Schließlich arbeite ich mich zu einer Hauswand durch und muss wirklich Kraft aufwenden, um mir die vorbeiströmenden Leiber vom Körper zu halten. Jetzt kann ich verstehen, was es heißt, in einer Masse zerquetscht zu werden. Neben mir steht ein Deutschspanier, der mir erklärt, dass die Qualität des in jedem Jahr durchgeführten Festes an der Anzahl der in der Masse ohnmächtig gewordenen gemessen wurde (in diesem Jahr waren es nur fünf). Nach ungefähr einer Stunde Kampf war der Drache endlich verbrannt und das Gedränge löste sich zögernd auf. Eingeschlafen mit ich unter den Böllern eines riesigen Feuerwerks.
Mittwoch, 23. April 2008
Cáceres – Tajo Stausee (34 km)
Ich finde ausnahmsweise mal gut aus der Stadt heraus, nach ein paar Kilometern Landstraße geht es wieder in die Natur, die hier unendlich erscheint. Nach 12 Kilometern mein erster Kaffee in Casar de Cáceres. Ich vergesse total, dass ich hier Geld abholen und meine Wasserflaschen auffüllen wollte. So laufe ich mit meinen restliche paar Euro und 1/2 Liter Wasser los, obwohl der Reiseführer schreibt, dass es auf den nächsten 22 Kilometern kein Wasser gibt. Als mir das nach 7 Kilometern bewusst wird, bekomme ich heiße Ohren, denn inzwischen wird es jeden Tag heißer und die Gegend ist fast baumlos. Ich durchquere eine Schaffarm und gelange an ein Gatter, das in meiner Gehrichtung von den Schafen belagert wird. Obwohl sie sonst eigentlich immer sehr scheu waren, diese dachten einfach nicht daran zur Seite zu gehen. Wahrscheinlich sahen die Blümchen auf der anderen Seite des Gatters zu lecker aus. Jetzt stand ich mitten im Schafgedränge; das erinnerte mich stark an gestern. Mit meinen Stöcken habe ich dann vorsichtig versucht, die Schafe zu verdrängen, denn ich musste durchs Gatter, ohne eins durchzulassen. Es hat geklappt. Auf der anderen Seite steht ein grinsender Schäfer (Blödmann).
Es geht vorbei an uralten römischen Meilensteinen und von dem Moment, wo ich den Tajo-See zum ersten Mal sehe, bis ich die dortige Herberge erreiche, vergehen fast 4 Stunden.
Der Tajo-See ist ein riesiger Stausee, traumhaft schön gelegen, aber, was ich nicht verstehen kann, dass es dort weder Häuser, noch Pensionen gibt. Ganz allein liegt dort eine Pilgerherberge mit fantastischem Blick auf den See. Abends haben wir immerhin die Möglichkeit, uns eine Pizza in der Herberge zu kaufen und in der Mikrowelle aufzubacken. So sitzen wir abends noch lange zusammen, mit Pizza, Käse, Brot und Wein (was will man mehr …)
Donnerstag, 24. April 2008
Tajo-Stausee – Canaveral – Grimaldo 30 km
Um 08:45 Uhr laufe ich mit Stuart, dem Schotten, los. Er ist heute nicht gut drauf, der Rucksack drückt und er hat Ärger mit einer seiner Töchter. Christa und Marco trödeln hinterher. Mir tut mein linkes Bein weh und ich entschließe mich, vorerst nicht über die sehr hügelige „Via de la Plata“, sondern ausnahmsweise die Landstraße entlang zu laufen. Nach zwei Stunden treffen wir uns alle wieder in Canaveral und gehen erst mal shoppen (Brot, Schinken, Käse, Wein …) Mit dem Fuß geht es einigermaßen, doch wir legen einen richtigen Trödeltag ein. Zu viert machen wir Picknick vor einer einsamen Kapelle. Die Landschaft wird hügeliger, es wird von Tag zu Tag heißer und im Hintergrund sehen wir schneebedeckte Berge. Gegen 15:00 Uhr erreichen wir den traurigen Ort Grimaldo, dort gibt es nicht mal ein Geschäft, sondern nur eine kleine Bar, die wohl hauptsächlich von Pilgern lebt. Es wird für 8 Euro ein Abendessen angeboten, das wir notgedrungen nehmen. Es ist nicht mal die Hälfte wert. Nett ist es trotzdem, wir sind 8 Personen aus 5 Ländern.
Freitag, 25. April
Grimaldo – Galisteo
Die Landschaft ist unendlich weit. Zistrosen begleiten uns jetzt schon mehr als 200 Kilometer. Es wird von Tag zu Tag heißer. Ich weiß nicht mehr, wie viel Bäche ich bereits durchquert habe. Jedes Mal stellt man sich die Frage, ob man drüberspringen kann, auf Steinen durchwaten kann, oder Schuhe und Strümpfe ausziehen muss. Unsere Gruppe zieht sich auseinander. Bei der nächsten Rast treffe ich Marco und Christa wieder. Wir teilen unsere Vorräte, machen ein schönes Picknick und verabreden uns, uns an der Kirche in Galisteo wiederzutreffen. Nach ein paar Kilometern sehe ich die Stadtmauern von Galisteo vor mir, marschiere träumend weiter und übersehe einen gelben Pfeil.
Ich lande auf einem einsamen Gestüt, der Kirchturm von Galisteo zum Greifen nah, dort macht man mir klar, dass ich auf diesem Weg keine Chance habe, in die Stadt zu kommen, da ein Sumpfgebiet dazwischen liegt. Also kehre ich um (ca. 6 Kilometer umsonst gelaufen) und erreiche ziemlich spät den verabredeten Punkt. Christa und Marco haben sich schon Sorgen gemacht. Wir trinken noch ein Bier zusammen, dann wollen die beiden weiterziehen, ich nicht, da ich mein Bein etwas schonen will. Wir hoffen, dass wir uns in Salamanca wiedersehen. Zusammen mit Stuart beziehe ich die örtliche, sehr schöne Herberge und schaue mir das Städtchen an, das noch total mittelalterlichen Charakter hat und von einer Stadtmauer umgeben ist.
Samstag, 26. April 2008
Galisteo – Carcaboso
Die Etappe ist mit 10,8 km sehr klein. Aber da ich mein Bein schonen will und morgen eine Strecke von 38 Kilometern vor mir liegt, denke ich, dass es richtig ist, nicht mehr zu laufen. Schon um 11:00 Uhr, als ich Carcaboso erreiche, ist die Hitze fast unerträglich. Gemeinsam mit Stuart mache ich Tea-Time, er hat einen Kocher und seinen speziellen schottischen Tee dabei.
Dann treffe ich Barbara, Otto und Peter wieder, man freut sich jedes Mal, wenn man sich wiedersieht, nachdem man sich für ein paar Etappen aus den Augen verloren hat.
Am Nachmittag lerne ich Friedegart kennen. Ich hätte wetten können, sie wäre eine pensionierte Handarbeitslehrerin (zeitlos hässlich), aber wie sie mir erzählt, hatte sie sich als Fußpflegerin selbständig gemacht. Friedegart hat einen schnarrenden Feldwebelton an sich, weiß alles besser und hat für jeden nur Verachtung übrig, der weniger als 40 Kilometer pro Tag wandert. Als sie dann noch erfährt, dass ich Pfeife rauche (ein rauchender Pilger!!!) bin ich in ihrer Achtung auf der letzten Stufe gelandet. Ich kann damit leben …
Sonntag, 27. April 2008
Carcaboso – Aldanueva del Camino (ca. 40 km)
Ich starte um 07:30 Uhr, Friedegart stößt zu mir, aber ich ziehe das Tempo an, bis sie mir nicht mehr folgen kann. Die Gegend ist menschenleer und wunderschön, aber die Temperatur liegt gegen 10:00 Uhr schon bei über 30 Grad.
Ich erreiche den römischen Bogen von Cáparra, wo ich mich mit Stuart verabredet habe. Daneben sind große Ausgrabungsstätten aus römischer Zeit, die ich mir aber aus Zeitmangel nicht ansehe. Gemeinsam trinken wir noch einen Tee, Stuart lässt sich von hier aus mit dem Taxi in das nächste Hostal abholen, da er sich nicht mehr zutraut. Ich laufe weiter, allmählich wird die Hitze und der Weg unerträglich. Beim nächsten Bach (kein Mensch weit und breit) ziehe ich mich bis auf die Unterhose aus und lege mich rein. Seitdem ich Kind bin, habe ich glaube ich nicht mehr in einem Bach gelegen. Es tut unglaublich gut, aber wer erscheint, Friedegart … Ein verächtlicher Blick, dann zieht sie wortlos weiter. Allmählich tut sie mir leid mit ihrer Humorlosigkeit.
Nach 10 Stunden (einschließlich Pausen) erreiche ich die Herberge von Aldanueva und gehe mit Barbara, Peter und Otto zusammen essen.
Montag, 28. April 2008
Aldanueva del Camino – Calzado de Béjar
Die Etappe ist mit 22,5 Kilometern gut zu meistern. Deshalb starte ich erst gegen 08:30 Uhr. Als ich gegen 10:30 Uhr in einer Bar meinen Café con Leche trinke, taucht Ursel auf einmal auf. Ein großes Hallo, ich hatte ihr versichert, dass wir uns irgendwo auf dem Weg wiedersehen. Gemeinsam mit Peter, Otto und Barbara wandern wir in Richtung Calzado de Béjar. Das Landschaftsbild hat sich verändert, es wird bergig, einige schneebedeckte Berge sind zu sehen und ich komme mir vor wie in den Alpen. Inzwischen haben wir die Extremadura verlassen und sind in der Region Kastilien und León. Wie das meist ist, die Gruppe zieht sich auseinander und nach einiger Zeit wandere ich wieder allein.
Gegen 15:00 Uhr erreiche ich die schön geführte Herberge Alba Soraya. Spät am Abend kommt Stuart an, er ist heute mehr als 45 Kilometer gelaufen, um wieder Anschluss an uns zu gewinnen. Im Gästebuch der Herberge finden wir einen Eintrag von Marco und Christa: „Hallo, Hartmut and Stuart, we are missing you“ Vielleicht sehen wir sie ja in Salamanca wieder.
Ich lerne Margarita kennen, eine bildhübsche ca. 30-jährige Spanierin, die am ersten Tag über 50 Kilometer gelaufen ist, was ihr ihre Beine so übel genommen haben, dass sie drei Tage völlig festsaß.
Dienstag, 29. April 2008
Calzada de Bejar – Fuenterroble de Salatierra
Es ist wolkenlos, aber eisig kalt, wir liegen auf einer Höhe von ca. 1000 Metern. Es geht über viele Berge, die Landschaft ist praktisch menschenleer. Ein paar Stunden laufe ich mit einem kanadischen Paar, René und Louise, die aus Quebec kommen. Wir unterhalten uns sehr nett, aber ich kann mit ihrem Tempo nicht mithalten. Wieder gilt es einen kleinen Bach zu durchqueren, also, Schuhe aus und durch. Das Wasser ist schneidend kalt. Ein paar Stunden laufe ich alleine, dann geht es für den Rest mit Margarita weiter. Die Unterhaltung mit ihr tut meinen Spanischkenntnissen gut. Wir erreichen die Kult-Herberge von Fuenterroble de Salatierra. Nach meinem Reiseführer ist sie ein absolutes Muss. Der Pfarrer Don Blas kümmert sich rührend um die Pilger und gilt als Schutzengel der Pilger auf der „Via de la Plata“. Und in der Tat, die Unterkunft ist sehr liebevoll eingerichtet. Wir sind über 25 Pilger, da natürlich alle ihr Timing so abstimmen, dass sie hier übernachten können. Am Abend sitze ich mit einem holländischen Paar zusammen, die hier für ein paar Wochen als Hospitelero/a arbeiten. Er war früher für den holländischen/europäischen Geheimdienst tätig. Seine Frau erzählte mir, dass er nie etwas von seiner Arbeit erzählt hat und sie nie wusste, in welchem Teil der Welt er sich bewegte. Es ist wirklich interessant, welche Menschen man hier kennenlernt. Ursel will morgen mit dem Bus weiter, da ihre Füße nicht mehr mitmachen. Wir wollen uns am 02. Mai auf der Placa Mayor in Salamanco wiedertreffen. Wir wissen zwar nicht sicher ob es dort einen Placa Mayor gibt, aber den gab es bisher in jeder Stadt.
Mittwoch, 30. April 2008
Fuenterroble de Salvatierra – San Pedro de Rozado
Es ist schneidend kalt. Auf den Wiesen liegt Raureif. Stuart läuft in kurzen Hosen los, da er keine langen mehr hat. Vor ein paar Etappen hat er seinen für sich zu schweren Rucksack so entleert, dass er alles, auf das er glaubte verzichten zu können, einfach in der dortigen Herberge zurückgelassen hat. Dazu gehörten u.a. die langen Hosen und der Regenponcho. Ich denke, er wird es noch mal bereuen.
Heute ist ein Tag, an dem es bei mir gar nicht gut läuft. Ich quäle mich über die mir endlos erscheinenden Straßen und da es so kalt ist, kann man auch keine Pausen machen. Dörfer oder eine Bar, in der man sich aufwärmen kann, gibt es auch nicht. Wir kommen an einem riesigen Windpark vorbei, der natürlich auf einem Berggipfel liegt. Die Herberge in San Pedro de Rosado hat nur 6 Betten. Da ich wusste, wie viel Pilger im Moment unterwegs sind (ca. 25-30) hatte ich ein Zimmer in einem „Casa Rural“ vorgebucht. Das war mein Glück, denn zum ersten Mal auf dieser Tour mussten viele Pilger in der Herberge abgewiesen werden, da sie voll war. In der Casa Rural gab es auch nur zwei Plätze. Den Abend verbringe ich zusammen mit Gerard, einem ca. 60-jährigen Franzosen aus Südfrankreich. Ein schöner Abend.
Donnerstag, 1. Mai 2008
San Pedro de Rozado – Salamanca
Nachdem ich mich gestern so gequält habe, läuft es heute wie geschmiert. Die Etappe ist mit 25 Kilometern gut zu schaffen. Morgens liegt die Temperatur bei null Grad, doch bereits um 09:00 Uhr laufe ich im T-Shirt weiter. Die Landschaft ist einmalig schön, die schneebedeckten Berge, die tagelang vor mir lagen, liegen jetzt hinter mir.
Dann irgendwann habe ich den ersten Blick auf Salamanca. Um 13:00 Uhr erreiche ich die Stadt. Ich will eigentlich 2 Tage hier bleiben, aber die Herberge ist voll und alle Hotels und Pensionen scheinen ausgebucht. Mit Mühe finde ich ein Zimmer in einem Hostal, allerdings nur für eine Nacht. Es ist der 1. Mai heute und viele Spanier verbinden dies wohl mit einem verlängerten Wochenende. Am Nachmittag stehe ich nur eine Weile auf der Placa Mayor, da taucht ein Pilger nach dem anderen auf, auch einige, die ich schon weit vor oder noch weit hinter mir glaubte. Marco und Christa sind nicht dabei, die haben der Stadt wohl schon Lebewohl gesagt.
Mit Ursel, Stuart, Barbara und Otto landen wir abends in einer Tapas-Bar (Taberna-Celta). Der Besitzer ist selbst begeisterter Jakobsweg-Pilger und hat an der Wand seine Stempel der Credentiales hängen. Insgesamt ist er etwa 15 000 km Jakobswege gelaufen. Ich komme bisher gerade auf schlappe 2500 km. Er spendiert die ersten Tapas-Runden und Getränke, eigentlich sind wir da schon satt, aber bestellen anstandshalber dann doch noch ein paar, die wir bezahlen können.
Otto wird morgen aufhören und nach Madrid fliegen, Ursel hört ebenfalls auf zu laufen, da sie Probleme mit den Füßen hat. Sie hat sich gestern für 2 Wochen für einen Sprachkurs eingeschrieben, obwohl sie eigentlich schon recht gut Spanisch spricht.
Freitag, 2. Mai 2008
Salamanca
Ich bleibe noch einen Tag in Salamanca, die Stadt ist sooo schön. Da ich letzte Nacht die Herberge nicht in Anspruch genommen habe, werde ich heute Nacht dort schlafen. Um 12:00 Uhr macht sie auf und ich kann meinen Rucksack dort ablegen.
Andere Pilger, die letzte Nacht in der Herberge geschlafen haben und gehofft haben, heute ein Hotelzimmer zu finden, ziehen den Kürzeren, es gibt keine freies Bett mehr in Salamanca. Ich treffe Stuart, der von Hotel zu Hotel tippelt, aber er wird wohl auch keine Glück mehr haben und zwangsweise weiterlaufen.
Ich schlendere durch die Stadt und suche am Hauptportal der staatlichen Universität den „Frosch“, der auf einem Totenkopf sitzt. Diese Suche ist ein Muss für jeden Salamanca-Besucher.
Samstag, 3. Mai 2008
Salamanca – Toro
Susanne (meine Tochter) hatte mir dringend empfohlen, dass, wenn ich die „Via de la Plata“ laufe, ich unbedingt einen Abstecher nach Toro machen muss und dort die Nonnen im Kloster „Monastario Sancti Spiritus“ aufsuchen soll. Sie war dort mal vor Jahren mit dem Akkordeonorchester. Außerdem ist Toro die Partnerstadt von Dormagen.
Da rings um Salamanca auf Grund des langen Wochenendes sowieso alles brechend voll ist und ich Sorge habe, auf der nächsten Station meines Weges keinen Platz mehr in der Herberge oder in Hotels zu bekommen, entschließe ich mich kurzerhand mit dem Bus hinzufahren.
Als ich die Herberge in Salamanca verlasse, komme ich noch mit einer Birgit (52) ins Gespräch. Sie hängt hier fest, weil ihre Schuhe zerbröselt sind und sie sich von Deutschland ein anderes Paar hat schicken lassen, die aber einfach nicht ankommen wollen. Beim Frühstück erzählt sie mir, dass sie Brustkrebs hatte und als gläubige Christin den Weg aus Dankbarkeit macht. Ich frage sie, wie sie als gläubige Christin damit umgehen kann, dass es gerade sie trifft. Sie meint, alles habe einen Sinn, aber als Mensch kann man diesen Sinn eben nicht immer verstehen. Sie hätte es auch angenommen, wenn Sie den Krebs nicht überlebt hätte, denn sie hatte zuvor ein schönes Leben. Es fällt mir schwer, dies nachzuvollziehen, beneide aber doch die Menschen, die so fest im Glauben stehen.
Aber nun zu Toro. Susanne hatte mir das o.g. Bild zugemailt, aber ich will es gerne als Papierbild überreichen. In den normalen Internetcafés ist dies nicht möglich. Als ich in Toro im Busbahnhof ankomme, ist dort eine Touristinformation. Die nette Dame, der ich mein Problem schildere, hilft sofort und ruft ihren Freund an, der das Bild ausdruckt und mir vorbeibringt. Das nächste Problem war, dass es mehrere Klöster in und um Toro gibt. An Hand des Fotos konnte die Touristeninformation aber eindeutig identifizieren, zu welchem Kloster ich gehen muss.
Dort angekommen, stelle ich fest, dass es gar nicht so einfach ist Einlass zu bekommen. Irgendwann erscheint eine junge Nonne, der ich meine Grüsse aus Dormagen übermittle. Leider sind die Nonnen auf dem Bild schon fast alle verstorben. Aber sie freuen sich trotzdem sehr und es soll bei Ihnen einen Ehrenplatz bekommen. Ich bekomme noch eine Spezialführung durch das wirklich beeindruckende Kloster. Ein Bett für die Nacht bieten sie mir allerdings nicht an, wahrscheinlich gehört sich das nicht.
Toro ist eine wirklich sehenswerte Stadt und der Wein dieser Stadt ist auch nicht zu verachten.
Sonntag, 4. Mai 2008
Toro – Zamora – Montemarta
Von Toro aus soll es einen Jakobsweg nach Zamora geben. Die nette Dame der Touristeninformation hatte mir diesen beschrieben. Um 07:00 Uhr laufe ich los (wie immer ohne Frühstück), ich finde einen Weg, allerdings ohne jegliche Beschilderung. Die Himmelsrichtung stimmt, aber nach zwei Stunden stehe ich mitten auf einer Storchenwiese und weiß nicht weiter. Ich schlage mich zur Landstrasse durch und fahre per Anhalter nach Zamora. Ganz im Süden lässt mich der Fahrer raus.
Die Stadt durchquere ich in Süd-Nord-Richtung. Sie ist wirklich sehr schön, aber ich habe nach Salamanca und Toro absolut keine Lust mehr, mir noch mehr Kathedralen anzusehen, ich will laufen.
Bei der Tourist-Information frage ich, ob sie mir im nächsten Ort, zu dem ich laufen will, ein Zimmer reservieren kann. Sie bekommt keine Verbindung, verspricht mir aber, mich auf meinem Handy zu informieren, ob und wo sie etwas bekommen hat. So viel Service sind wir gar nicht gewohnt. (Sie hat mich tatsächlich angerufen, obwohl die Verbindung über Deutschland ging).
Der Weg von Zamora nach Montemarta ist ätzend. Er geht über 17,6 km parallel zu einer lauten Schnellstrasse und ist überdies noch sehr steinig.
Mir fällt ein, dass ich in Zamora Wasser kaufen wollte. Meine Flaschen sind leer und ich frage auf einem Bauernhof nach Wasser. Ein Mann führt mich in einen Schuppen und füllt meine Flaschen aus einem großen Kanister auf. Plötzlich riecht er daran und lacht. Er habe sich vertan, das war die Flasche mit „Aguadente“ (Schnaps). Ich könne ihn behalten, meint er. Ich lehne dankend ab, aber ohne dass ich ihn zumindest probiert habe, lässt er mich nicht weg.
Jan, ein Holländer, den ich bestimmt seit 3 Wochen nicht mehr gesehen habe, ruft mich auf meinem Handy an. Er wolle nur wissen, wo ich stecke. Er selbst ist bestimmt noch 5 Tage hinter mir. Jan trödelt bewusst. Seine Frau ist verstorben und eine Woche nach ihrem Tod hat er sich auf den Weg gemacht. Eigentlich wollten sie es in diesem Jahr zusammen machen. Jan will nicht heim …
In Montemarta angekommen, treffe ich Peter und Friedegart wieder. Da noch genügend Platz in der Herberge ist, sage ich das Zimmer wieder ab. Außer uns sind nur noch zwei deutsche Frauen da. Gemeinsam essen wir unser Menu del Dia.
Montag, 5. Mai 2008
Montemarta – Granja de Moruela
Der Weg ist genauso hässlich wie gestern. Es geht nur an der Schnellstrasse entlang, mal links daneben, mal rechts daneben. Ich laufe die 25 km mit einer kleinen Pause in 5 Stunden durch.
Um 13:00 Uhr bin ich schon am Ziel, der Ort ist trostlos, aber immerhin gibt es einen winzig kleinen Lebensmittelladen und eine Bar, direkt an der Herberge.
Neben den Pilgern aus der letzten Herberge taucht noch ein junges deutsches Paar aus Süddeutschland auf, die die Strecke mit dem Mountain Bike machen. Nach dem Abendessen sitze ich noch lange mit Kerstin und Mike zusammen, ein älterer Spanier redet auf uns ein, aber in einem Dialekt, dass wir kein Wort verstehen.
Dienstag, 6. Mai 2008
Granja de Moruelo – Tabara
Ich stehe auf und freue mich darauf loszulaufen. Endlich ist der Weg wieder schön und führt weg von der Landstrasse. Das Wetter ist schon seit langem gut, mittags manchmal ein bisschen sehr heiß.
Friedegart, Peter und ich sind nun schon seit Tagen zusammen, aber jeder läuft in seinem Tempo für sich allein. Ich wusste vorher nicht, dass Spanien so schöne Ecken hat, die heutige ist eine davon. Der Weg geht über den Fluss Elsa, ein Tierparadies ohnegleichen, ich habe vorher noch nie schwarze Störche gesehen. Dann wieder unendliche Wiesen mit Steineichen, Zistrosen und Pfingstrosen. In Tabara treffe ich noch einmal auf Kerstin und Mike, die hier mit dem Fahrrad gerade Pause. Wir tauschen noch unsere Adressen aus und dann sind sie weg …
Von der Stadt sind es noch 2 km zur Herberge. Als ich dort ankomme, ist niemand da, nur eine Information, dass ich den Schlüssel in einer Bar ganz am Anfang der Stadt bekommen könne. Also noch mal 2 Kilometer hin und zurück.
Am Nachmittag bin ich in der Bibliothek der Stadt, als ich in die Herberge zurückkomme, ist sie brechend voll, eine Gruppe spanischer Radfahrer ist eingetroffen. Entsprechend ist die Schnarcherei in der Nacht. Morgen nehme ich ein Hotelzimmer.
Mittwoch, 7. Mai 2008
Tabara – Santa Croya de Tera
Heute ist mal wieder so ein Tag, an dem ich mich über die Pisten quäle. Die Strecke ist mit 24 Kilometern zwar nicht allzu lang, aber ich schleppe mich nur so dahin. Morgen geht es sicher wieder besser. Die Gegend hat Mittelgebirgscharakter, ist landschaftlich sehr schön und fast menschenleer. Eigentlich wollte ich ja heute ein Hotelzimmer nehmen, um mal wieder scharchfrei zu schlafen, aber die hiesige Herberge ist so schön, dass ich doch hängen bleibe. Die private Herberge „Casa Anita“ wird von Anita und ihrem Gatten Domingo geführt. Anita bekocht die Pilger, während ihr Mann mit wertvollen Insidertipps über den Weg weiterhilft. Den Wein aus eigenem Anbau gibt es umsonst.
Meine Schuhe machen mir Sorgen, das Leder ist an einer Stelle aufgerissen und der Riss wird von Tag zu Tag größer. Schuhmacher und Schuhläden gibt es weit und breit nicht. Ansonsten habe ich nur Badeschlappen dabei.
Ich schaue mir noch die Kirche Santa Marta aus dem 13. Jhd. mit Resten aus dem 10. Jhd. an. An der Außenfassade befindet sich die älteste bekannte Darstellung des pilgernden Jakobus aus dem 11. Jhd. Wieviel Pilger mögen sie schon bestaunt haben, irgendwie fühle ich mich wohl dazuzugehören.
In einem Mini-Supermercado versuche ich Klebstoff zu kaufen, um meine Schuhe irgendwie zu flicken, leider haben sie nur Sekundenkleber. Mit dem netten Hospitalero, der meinen Schuh in den Schraubstock spannt (er war früher mal Klempner) kleben wir ein Stück Leder auf den Riss, hoffentlich geht das gut.
Abends werden wir lecker bekocht, danach sitze ich noch mit Barbara und Werner aus Köln zusammen. Barbara erzählt uns, wie sie mal in einen Pakistani verliebt und ihm nach Pakistan nachgereist ist. Als sie dort ankam, war ihr Freund gerade verzogen und sie hat versucht ihn in diesem Land (als Frau) nachzureisen. Sie hat ihn tatsächlich mit vielen Umwegen gefunden, doch allmählich wurde ihr klar, auf was sie sich in diesem Lande einzulassen drohte. Dann war die Situation so, dass die Verwandtschaft schon die Hochzeit vorbereitete, sie aber nur noch heim wollte. Als Frau war es in Pakistan unmöglich allein einen Flug zu buchen. Sie hat es irgendwie geschafft, herauszukommen, aber die Geschichte war schon abenteuerlich.
Donnerstag, 8. Mai 2008
Santa Croya de Tera – Rionegro del Puente
Ich habe herrlich in der Herberge geschlafen. Der Wetterbericht hat für heute Regen angesagt, ich schaue aus dem Fenster, es ist trocken, aber neblig trüb. Der Flicken auf meinem Schuh sieht gut aus, aber als ich hinein steige, merke ich, dass er durch den Sekundenkleber, der nicht elastisch ist, hart wie Metall ist und die Stelle an meinem Ballen schabt. Ich humple mehr als dass ich gehe, aber allmählich funktioniert es.
Der Frühnebel löst sich zögernd auf und danach wird es ein strahlend schöner Tag. Spanien ist sooo schön (ich glaube, dass habe ich schon mal gesagt). Ich habe mir die „Via de la plata“ eigentlich viel trostloser vorgestellt, aber die Landschaft ist so abwechslungsreich (und menschenleer). Die wenigen Menschen, die man trifft, sind unglaublich freundlich und hilfsbereit. Ein uraltes Mütterchen mit einem Strauss Petersilie in der Hand macht mich darauf aufmerksam, dass ich doch unbedingt noch einen Umweg machen soll, um mir eine bestimmte Kirche anzusehen. Die alte Frau sah so eindrucksvoll aus, aber ich habe mich einfach nicht getraut, sie zu fragen, ob ich sie fotografieren darf.
Der Weg führt an einem Stausee vorbei, ich gehe durch ein Meer von Zistrosen, Ginster, Heide und vielen Blümchen, die ich nicht kenne. Ein Stück laufe ich mit Peter. Peter gehört zu den Bedenkenträgern (der Weg ist sicherlich zu lang, es wird bestimmt regnen, das Bier ist zu kalt, die Suppe zu fettig …). Nach einer Zeit reicht es mir und ich lasse ihn hinter mir. Später treffe ich auf Gerhard und Werner. Werner will morgen aufgeben, da seine Knie nicht mehr mitmacht. Da wird heute Abend noch Abschied gefeiert.
Kurz vor meinem Ziel überhole ich noch Friedegart, sie akzeptiert zumindest, dass ich allein laufen will. Am Himmel werden die dicken Gewitterwolken immer drohender, doch ich schaffe es trockenen Fußes nach Rionegro del Puente zu kommen. Und dann die Überraschung, die Herberge ist eine der schönsten und stimmungsvollsten, die ich bisher gesehen habe. Sie wird geführt von der Laienbruderschaft „Cofradia de los Falifos“, einer aus dem Mittelalter stammenden Institution, deren Aufgabe die Betreuung der Pilger und die Pflege der Pilgerwege war und ist. Es ist so erstaunlich, geradezu unglaublich, dass die Bruderschaft in einem so kleinen Ort (400 Einwohner) die Zeiten überlebt hat.
Freitag, 9. Mai 2008
Rionegro del Puente, Palacios de Sanabria
Der Tag beginnt damit, dass ich meine Brille suche. Ich ziehe die Matratze vom Bett, sie ist nirgendwo zu finden. Die Nachfrage in der Bar, in der ich gestern Abend gegessen habe, bringt auch nichts. Also noch mal zurück in die Herberge, ich suche noch mal das Bett ab, und … sie hat sich in einer Tasche der Matratze versteckt. Ein Stein plumpst mir vom Herzen, denn wie soll ich meinen Reiseführer ohne Brille lesen können.
Der Tag ist schön, es ist zwar ein bisschen kühl, aber trocken. Die Landschaft ist weitgehend eben, aber es kommen schon wieder schneebedeckte Berge ganz langsam näher. Bei einer Pause ein Schwätzchen mit zwei Radlern aus Stuttgart, dann sind sie weg und mit großer Wahrscheinlichkeit werde ich sie nicht mehr wiedersehen.
Die nächste Herberge ist über 45 km von Rionegro del Puente entfernt. Dazwischen gibt es auch keine Dörfer, in denen ein Hotel vorhanden ist, aber mein Optimismus, dass sich schon irgendeine Lösung findet, ist auch diesmal gerechtfertigt. Nach etwa 28 km, das ist so die Entfernung, die ich noch gerne laufe, spricht mich ein Mann an, ob ich nicht ein Zimmer suche. Er bringt mich in ein Haus, in dem eine Frau Zimmer (schwarz) vermietet. Nachdem auch noch Peter und ein Holländer eingefangen wurden, verbringen wir zu dritt einen netten Abend und werden von der Frau auch noch lecker bekocht.
Samstag, 10. Mai 2008
Palacio del Sanabria – Requejo
Nachdem ich – bis auf die ersten Tage – bisher fast nur schönes Wetter hatte, heute nieselt es ein wenig. Die ersten Kilometer laufe ich im Poncho. Nachdem ich ihn nun 3 Jahre besitze, hat mir endlich jemand einen Trick verraten, wie man das Ding allein anziehen kann. Eigentlich hätte ich da auch selber draufkommen können…
Die Gegend ist wieder beeindruckend, überall sprudeln Bächlein am Wegesrand und über den Weg. Zweimal heißt es wieder Schuhe und Strümpfe aus, Hosen hochgekrempelt und durchwaten. Dass Spanien so nass sein kann, hätte ich nicht für möglich gehalten. Die Herberge in Requejo ist zwar kostenlos, aber so schmutzig, dass ich mir ein Zimmer in einem Hostal suche. Peter findet meine Besorgnis, sich Flöhe und andere Tiere einzufangen, übertrieben und bleibt in der Herberge (als einziger Gast).
Sonntag, 11. Mai 2008
Requejo – Lubian
Der Himmel hängt voller dicker schwarzer Wolken, aber es bleibt trocken und so ab und zu schaut die Sonne heraus. Seit einigen Tagen wandere ich nicht mehr in Süd-Nord-Richtung, sondern nach Westen, oberhalb der portugiesischen Grenze. Mitunter beträgt die Entfernung nur ein paar hundert Meter. Erinnerungen an manche Portugal-Urlaube und unsere portugiesischen Freunde tauchen auf. Der Weg steigt von 1000 auf 1300 m an. Es gibt zwei Alternativen, entweder noch einmal 100 m höher zu krabbeln und über einen Pass zu laufen, oder durch einen Tunnel zu gehen. Mein Reiseführer empfiehlt aus Gründen der Pilgerehre, den Originalweg (über den Pass zu laufen). So viel Ehre habe ich nun auch wieder nicht, also wähle ich die andere Alternative, die zuerst über eine spektakulär hohe Brücke führt. Bei meiner Höhenangst wird mir ganz anders. Ich gehe auf dem Mittelstreifen, Augen stur geradeaus und traue mich nicht nach links und rechts zu gucken. Als ich endlich drüben ankomme, stehen dort Bob und Irene aus den Niederlanden, die ich vorher schon ein paar Mal getroffen hatte. Nachdem ich Bob erzählt habe, dass ich eben Blut geschwitzt habe, gesteht er, dass er die gleichen Ängste habe, nur dass er sich bisher nie getraut hatte, sie Anderen gegenüber zuzugeben. Zum Ausgleich kommt dann noch ein Tunnel von 425 m Länge. Ab hier, schreibt mein Reiseführer, beginnt wohl die schönste Etappe des Mozarabischen Jakobsweges. In der Tat ist die Landschaft wieder beeindruckend, inzwischen ist es wieder richtig gebirgig geworden und die kleinen Bergdörfer erinnern schon stark an Galicien.
Irgendwo treffe ich Peter wieder und wir erreichen zusammen die schöne Herberge von Lubian. Aus meinem Mittagsschläfchen werde ich durch die keifende Stimme von Friedegart gerissen. Ich dachte, ich hätte sie abgehängt, aber sie ist heute über 45 km gelaufen. Der Tag hatte so schön angefangen…
Montag, 12. Mai 2008
Lubian – A Gudiña
Viele Höhenmeter sind heute zu überwinden. Zuerst geht es von 1000 m auf 750 m runter und dann über wieder auf 1250 m rauf. Der Weg ist anstrengend, aber wunderschön. Wieder frage ich mich, wo das viele Wasser herkommt. Überall sprudelt es und teilweise ist der Weg selber ein Bach. Eigentlich müsste man bei einem solchen Anstieg doch viele Kalorien verbrauchen. Beim Nachrechnen (soviel Physik ist noch hängengeblieben) werde ich ganz klein, ein Stückchen Schokolade gleicht schon fast alles wieder aus. Trotzdem habe ich das Gefühl ein paar Kilo abgenommen zu haben.
Die Passhöhe von A Canda ist die Grenze zu Galicien. Es geht durch eine gebirgige Heide- und Ginsterlandschaft nach A Gudiña. Habe ich schon gesagt, wie schön Spanien ist?
Dienstag, 13. Mai 2008
A Gudiña
Nach einer ruhigen Nacht in der Herberge, stehen die ersten Pilger schon um 06:00 Uhr auf, da eine größere Etappe vor uns liegt. Der Himmel sieht bedrohlich dunkel aus (wir sind in Galicien!). Ich gehe erst mal in die nächste Bar, um meinen Kaffee zu trinken und mache mich um 08:00 Uhr zögerlich auf den Weg. Aus dem Nieselregen wird ein kräftiger Landregen. Trotz Poncho finde ich das gar nicht lustig und stelle mich bei einer Scheune unter. Der Regen nimmt zu und ich beschließe, umzukehren, denn ich müsste bei dem Wetter 35 km durchlaufen, da dazwischen nur Landschaft ist, keine einzige Ortschaft. In die Herberge kann ich nicht zurück, dort kann man nur einmal übernachten, also nehme ich mir (für 15 €) ein richtig schönes Einzelzimmer. Die Entscheidung war richtig, denn es schüttet den ganzen Tag.
Mittwoch, 14. Mai 2008
A Gudiña / Laza / Vilar de Barrio
Gestern hatte ich erkundet, wie man mit dem Bus oder Zug nach Laza kommt, nur für den Fall, dass es weiterhin regnet. Man teilt mir mit, dass die einzige Möglichkeit eine Zugverbindung um 07.15 Uhr ist. Eine Zugfahrt für diese Strecke reizt mich schon, da es eine historischer Zug auf einer sehr interessante Strecke ist, die bis in den Nordzipfel Spaniens führt und die meisten Tunnel Europas aufweist.
Da es in der Tat wieder schüttet, steige ich zusammen mit Barbara und Friedegart in den Zug, sie hatten den gleichen Gedanken. Nach 20 Minuten sagt uns der Schaffner, dass unser Ziel erreicht ist. Wir steigen aus und stehen auf einem halb verfallenen Bahnhof mitten in der Einsamkeit. Ein verblichenes Schild weist darauf hin, dass es bis Laza noch 11 km sind. Das hatte uns vorher niemand erzählt. Zum Glück hat es aufgehört zu regnen und wir wandern gemeinsam in Richtung Laza. Es gibt keine Häuser und Dörfer dazwischen, nur Landschaft. Wir meinen eine Abkürzung entdeckt zu haben, steigen hinab in ein tiefes Tal, nach knapp einer Stunde stehen wir vor einem Bach, es geht nicht weiter. Also geht es wieder die anstrengende Steigung zurück und weiter Richtung Laza. Dort angekommen, ist der Himmel ein wenig aufgerissen und wir entscheiden bis zur nächsten Etappe, Vilar de Barrio, durchzumarschieren, das sind noch mal 22 Kilometer. Dazu ist zuerst ein Pass zu überwinden und es geht von 450 m auf über 1000 m aufwärts.
Völlig durchnässt, innen vom Schwitzen und Außen vom wieder einsetzenden Regen erreichen wir den Passgipfel und das Dörfchen Albergaria, das für seine Pilgerbar Rincon de Peregrino bekannt ist. Die Bar wird von einem ehemaligen Pilger geführt. Decken und Wände sind mit Jakobsmuscheln dekoriert, auf denen Pilger, die hier vorbeikommen, ihren Namen geschrieben haben. Jetzt hängt auch eine Muschel mit unseren Namen und dem Datum unter den tausenden Muscheln. Es ist kalt in der Bar, aber am Kamin werden wir allmählich wieder trocken und warm. Ich bestelle mir ein Bocadillo mit Schinken. Er stellt mir ein Brot, Schinken und eine Flasche Wein hin. Wir sollen uns bedienen, vom Schinken abschneiden, soviel wir wollen und wenn die Flasche Wein nicht reicht, er habe noch mehr da. Wir haben uns kräftig bedient und hinterher einen lächerlich geringen Preis bezahlt.
Von da aus haben wir noch etwa 10 km vor uns. Es geht vorbei an einem Holzkreuz, das zu Ehren der Pilger aufgestellt wurde, die auf der Via de la Plata verstorben sind.
Gegen 17.00 Uhr treffen wir in der Herberge ein. Das Abendessen haben wir gemeinsam mit einem polnischen Paar, die schon in Polen zu Fuß gestartet sind und einem jungen Paar aus Bonn, die nur eine Teiletappe des Weges machen. Junge Leute sieht man recht wenig auf dem Weg, denn wer hat im Berufsleben schon so viel Zeit, diesen Weg zu gehen. Trotz Regen und viel Anstrengung war es insgesamt ein wunderschöner Tag. Wie intensiv manchmal ein einziger Tag sein kann.
Donnerstag, 15. Mai 2008
Vilar de Barrio / Xunqueira de Ambia
Die Etappe nach Xunqueira de Ambia ist kurz, nur 14 Kilometer, deswegen beschließen alle in der Herberge länger zu schlafen. Um 6.30 Uhr meldet sich mein Wecker, den ich vergessen hatte abzuschalten und ehe ich kapiert habe, dass es meiner ist, habe ich alle Mitpilger wach gemacht. Mit hochrotem Kopf krieche ich wieder in den Schlafsack und ernte viele böse Blicke.
Es regnet, schließlich sind wir in Galicien. Wieder bin ich mit Friedegart und Barbara zusammen. Peter, der uns sonst mitunter begleitet, ist früher gestartet, da er bis Ourense durchlaufen will. Wir laufen in unseren Ponchos durch den strömenden Regen, der Weg ist matschig und gleicht manchmal mehr einem See. Nach 7 km machen wir in einer Bar eine ausgedehnte Pause. Als wir in Xunqueira ankommen, reißt der Himmel auf, die Sonne scheint und wir kommen überein, noch 23 Kilometer anzuhängen und auch nach Ourense zu gehen. Vorher wollen wir aber noch gemeinsam Mittagessen. Als wir damit fertig sind kommt der nächste Wolkenbruch, also geht es doch nicht mehr nach Ourense, wir gehen in die Herberge. Der Wetterbericht sagt für morgen erneut Regen an, aber am Wochenende soll es besser werden. Hoffen wir es…
Freitag, 16. Mai 2008
Xunqueira de Ambia – Ourense
Gegen 08:00 Uhr starte ich in Richtung Ourense (oder Orense, je nach spanischer oder galicischer Schreibweise). Es ist trocken, das Wandern macht auf den ersten Kilometern Spaß, aber je näher ich Ourense komme, desto dichter wird die Bebauung und es geht durch hässliche Industriegebiete und Vorstädte.
Gegen 14:00 Uhr komme ich (nach 25 km) im Zentrum der Stadt an, der erste Weg geht immer ins Touristenbüro, die einem meist sehr gut weiterhelfen (Wo kann man Tabak kaufen? Wo ist die Herberge? Wo gibt es Internetzugang? Wo gibt es ein Schuhgeschäft?). Die Stadt selbst ist um diese Zeit tot. Erst ab 18:00 Uhr erwacht sie allmählich zum Leben. Ich kaufe mir tatsächlich ein paar neue Wanderschuhe, ich hoffe es geht gut. Die Wettervoraussage hat sich wieder verschlechtert. Für die nächsten Tage ist nur Regen angesagt, parallel dazu wird im Fernsehen immer über die große Trockenheit in Spanien berichtet, ich merke davon nichts…
Auf der Placa Mayor treffe ich Louise und René aus Quebec wieder und wir verabreden uns zum Abendessen.
Samstag, 17. Mai 2008
Ourense – Cea
Es gibt zwei Wegalternativen. Bei der ersten soll der erste Teil hässlich und der zweite Teil schön sein, bei der zweiten ist es umgekehrt. Ich entscheide mich für die erste. Tatsächlich geht es anfangs nur durch Vororte, dann geht es über 3 km extrem steil bergauf, so dass ich klitschnass geschwitzt bin, als ich oben ankomme. Danach kommen allerdings wunderschöne Waldpfade mit uraltem Pflaster aus der Römerzeit. Das Wetter spielt einigermaßen mit, das bisschen Nieselregen schreckt einen nicht. Die schöne Herberge von Cea befindet sich in einem alten Granitgebäude mit einem Horréo (Maisspeicher) davor. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, in diesem Jahr keine Horréos mehr zu fotografieren, da ich im letzten Jahr mindestens 50 Fotos davon gemacht habe, aber sie sind einfach so faszinierend, dass ich nicht widerstehen kann.
Barbara schlägt vor zu kochen, aber sie ist Vegetarierin und ich habe einen Bärenhunger, so dass ich doch lieber mein „Menu del Dia“ vorziehe (mit viel Makkaroni als primero plato). Ich glaube, sie ist etwas pikiert über meinen Entschluss. Jetzt sind es nur noch weniger als 100 km bis Santiago.
Sonntag, 18. Mai 2008
Cea – Castro Dozon
Es nieselt. Wieder gibt es zwei Wegalternativen. Die eine Alternative geht über das Kloster Oseiro, das sehr schön sein soll. Da sonntags die erste Führung erst um 12.00 Uhr sein soll, wähle ich den anderen Weg, der allerdings verspricht, sehr anstrengend zu sein, da insgesamt mehr als 500 Höhenmeter zu überwinden sind.
Es geht wieder hoch auf ca. 900 m, ich bin total verschwitzt und die Temperaturen liegen bei 5 Grad, da muss man schon aufpassen, dass man sich nicht erkältet. Castro Dozon erreiche ich schon gegen 12:00 Uhr. Die nächste Unterkunft ist mehr als 20 km entfernt und ich weiß wieder nicht, wie ich mich entscheiden soll. Bleiben oder laufen? Ich entschließe mich, weiterzulaufen, aber nach 2 Kilometern sehe ich eine dicke schwarze Regenfront auf mich zukommen.
Also kehrt. Gerade als ich die Herberge erreicht habe, kommt der erste Gewitterguss (mit Hagel) herunter und es hört den ganzen Nachmittag nicht mehr auf.
Diejenigen die das Kloster besucht haben, waren zum einen von dem Kloster sehr enttäuscht, zum anderen sind sie alle in den dicken Regen gekommen und kamen triefend nass in der Herberge an. Manchmal entscheidet man sich halt zufällig richtig.
Abends wollen wir im Dorf irgendwo essen gehen, müssen aber feststellen, dass es absolut nichts gibt, wo man etwas essen kann.
Wir sind mit 9 Personen in der Herberge, 4 Spanier, 2 Kanadier und 3 Deutsche. Jeder packt seine Vorräte aus und es wird geteilt. Ein schöner Abend.
Montag, 19. Mai 2008
Castro Dozon – Lalin Bendoiro Laxe
Nach den gestrigen Wolkenbrüchen habe ich Angst, dass der Weg völlig vermatscht ist und wähle die Landstraße. Diesmal entscheide ich mich falsch, denn das Gehen auf dem Asphalt ist anstrengend, der Weg ist wesentlich weiter und der eigentliche Weg war gut begehbar.
Nach Gefühl schlage ich mich über kleine Landstraßen durch nach Lalin. Schön ist, dass in dem Moment, wo man abseits des eigentlichen Weges geht, man mehr mit den Einheimischen in Gespräch kommt. Sie sind neugierig, wollen wissen, woher man kommt, wie weit man noch gehen will, usw. Ich genieße die Schwätzchen am Wegesrand.
Gegen 14:00 Uhr erreiche ich die Herberge, Barbara und Friedegart kommen (in den letzten Tagen laufen wir immer parallel), wir essen zusammen, als Stuart plötzlich auftaucht. Es ist ein großes Hallo, denn wir haben uns zuletzt in Salamanca (vor 450 km) gesehen.
Die Sonne kommt heraus und unser Wiedersehen wird entsprechend gefeiert.
Dienstag, 20. Mai 2008
Lalin Bendoiro Laxe – Bandeira
Im Reiseführer ist als Ziel der Etappe Santiaguino angegeben. Das sind über 35 km, dazu habe ich keine Lust, denn ich habe Zeit genug.
Als ich um 07:00 Uhr wach werde, sind schon fast alle weg. Der Weg ist anstrengend, aber schön. Es geht über uralte Römerstraßen, auf denen noch die Bremsspuren der Wagen zu sehen sind und eine Römerbrücke über den Fluss Deza nach Silleda. Dort mache ich meinen ersten Stopp und frühstücke erstmal. Danach laufe ich noch einmal ca. 8 km, komme in Bandeira an. Natürlich erscheinen ein paar Minuten auch Barbara und Friedegart und wir entschließen uns, hier zu bleiben (nach nur 18 km). Das heißt, dass wir in zwei Tagen in Santiago eintreffen müssten.
Mittwoch, 21. Mai 2008
Bandeira – Vedra Susana Santiaguino
Beim Frühstück unterhalte ich mich noch mit José, einem Spanier aus Madrid. Er hat den Camino Francés in Roncesvalles begonnen, ist aber dann nach zwei Wochen vor den Menschenmassen auf die „Via de la plata“ geflüchtet. Hier ist es zwar nicht so einsam, wie auf dem Camino del Norte, aber meist sind nicht mehr als 10 Personen in der Herberge und beim Wandern ist man auch meist allein.
Ich gehe mit José die ersten Kilometer, dann läuft wieder jeder allein, hinter mir irgendwo Friedegart und Barbara. Wir laufen immer im Abstand von etwa 1 km, dann treffen wir uns wieder in der nächsten Bar oder Herberge. José will bis Santiago durchlaufen, Friedegart und Barbara haben noch keine Lust anzukommen und ich schließe mich ihnen an. Ein paar Kilometer laufe ich mit Barbara. Sie ist Lehrerin, 56, hat jetzt ein Jahr ausgesetzt (Sabbatjahr). Sie erzählt, dass sie Angst habe, wieder anzufangen. In ihrer Schule gäbe es soviel Russen, die schon als Schüler im Rotlichtmilieu arbeiten und mit denen natürlich ein Unterricht unmöglich ist.
Der Weg ist schön, das Wetter spielt mit. Es geht durch den hübschen Ort Ponte Ulla. Wir erreichen die Herberge. Die Herberge ist sehr schön, bietet allen Komfort und eine traumhafte Aussicht. Im letzten Jahr war die Übernachtung in den galicischen Herbergen noch kostenlos, inzwischen kostet sie 3 Euro. Neben uns trifft noch ein polnisches Paar (Elisabeth und Andrjez) ein. Er kann fließend Deutsch, sie leider nur polnisch. Die beiden fangen an zu kochen und laden uns zum gemeinsamen Abendessen ein.
Wir unterhalten uns, wie wir den Weg empfunden haben. Zu meiner Überraschung sagen die meisten, dass das Wetter überwiegend schlecht war (obwohl wir zur gleichen Zeit gelaufen sind). Nach meinem Gefühl war es überwiegend schön, mit einigen Regenphasen. So empfindet jeder anders.
Spät abends trifft noch eine Gruppe spanischer Wanderer ein, völlig erschöpft und humpelnd.Sie sind erst vor hundert Kilometern gestartet und machen jeden Tag Touren von über 30 km.
Donnerstag, 22. Mai 2008
Vedra Susana Santiaguino – Santiago de Compostela
Wir beginnen die letzte Etappe bei einem traumhaft schönen Wetter. Wir haben nur 18 km, also können wir uns Zeit lassen. Wieder traben wir im Abstand von 1 km hintereinander her und treffen uns zum ersten Café con leche in der nächsten Bar. Plötzlich kommt eine Holländerin in die Bar, mit der ich im letzten Jahr auf dem Camino del Norte mehrmals in der Herberge zusammen war. Das Hallo ist natürlich groß.
Auch zum Schluss fordert einen der Weg noch einmal, es geht kräftig bergauf und bergab. Irgendwann sehen wir von Ferne die Kathedrale und laufen direkt darauf zu. Wir kommen am Pilgerbüro vorbei und erhalten unseren letzten Stempel und die Urkunde.
Dann stehen wir vor der Kathedrale. Was ich dabei empfinde? Einerseits Trauer, dass der Weg schon zu Ende ist, auf der anderen Seite Zufriedenheit, dass man es geschafft hat und Freude, bald nach hause fahren zu können. Wenn ich jetzt könnte, ich würde das nächste Flugzeug besteigen.
Die Pilgermesse haben wir verpasst. Da ich morgen weiter will, muss es in diesem Jahr ohne Messe gehen. Am Nachmittag bin ich für mich allein in der Kathedrale. Warum muss ich hier immer an Papst Alexander VI. denken, der im Vertrag von Tordesillas die „NeueWelt“ zwischen Spanien und Portugal aufteilte? Wieviel Leid hat die Kirche gebracht und warum gehe ich trotzdem den Weg?
Zusammen mit Friedegart und Barbara verbringe ich meinen letzten Abend. Ausgerechnet Friedegart, über die ich am Anfang so geschimpft habe. Aber ich denke, wir sind beide toleranter gegenüber den Macken anderer geworden. Wir beenden den Abend in einer Tapasbar und Barbara hat Tränen in den Augen, weil sie Probleme mit ihrer beruflichen Zukunft hat, die sie auf dem Weg verdrängt hat. Jetzt muss sie sich irgendwann wieder der Wirklichkeit stellen.
Friedegart will morgen heimfahren. Sie kann weder Spanisch, noch Englisch, weiß noch nicht wie sie heim kommt, aber sie meint, sie würde schon etwas finden (Bus, Flug, Eisenbahn?). Barbara will noch einen Tag in Santiago verbringen und dann auch versuchen, irgendwie heim zu kommen.
Ich selbst hatte vor, nach Finistere zu laufen, aber es regnet fast ununterbrochen; ich werde mir morgen früh überlegen, wie es weitergeht, aber hier muss ich weg. Der Touristen- und Pilgerrummel ist unerträglich.
Freitag, 23. Mai 2008
Santiago – O Grove
Beim Frühstück unterhalte ich mich mit einem Spanier. Ich habe Lust ans Meer zu fahren, aber nicht mehr nach Finistere. Er empfiehlt mir die Halbinsel O Grove, die müsste über Pontevedra erreichbar sein. Also auf zum Busbahnhof in Santiago. Auf halbem Weg setzt ein unglaublicher Regenguss ein. Ich habe keine Möglichkeit, mich unterzustellen und/oder meinen Poncho anzuziehen und werde pudelnass.
In Pontevedra angekommen, suche ich erstmal (von vielen Regenschauern unterbrochen) das Touristenbüro auf und laufe dabei ein Stück über den „Camino Portugues“, den kenne ich noch nicht (??!!!). Dort hilft man mir weiter und eine Stunde später lande ich in O Grove. Es kommt mir alles merkwürdig bekannt vor. Richtig, hier waren wir, Gerda und ich, schon einmal, als wir vor Jahren mal eine Galicien-Busrundreise gemacht hatten.
Wir waren damals auf der vorgelagerten Insel „La Toja“, die über eine Brücke erreichbar ist. Ich will erst dort hinlaufen, aber wieder setzt ein dicker Regenguss ein, so dass ich mich im Zentrum des wirklich hübschen Ortes O Grove einmiete. Es ist absolute Nebensaison, aber die vielen Hotels und Restaurants lassen vermuten, dass hier im Sommer die Post abgeht.
Mein „Menu del Dia“ ist sensationell gut und preiswert. Krustentiere hatte ich bisher auf dem Weg noch nicht bekommen.
Bemerkenswert ist, dass es hier absolut keine Pilger gibt, auf der einen Seite schön, aber auf einmal bin ich jetzt ein ganz normaler Tourist und werde ein bisschen komisch angesehen, wenn ich hier mit meinen Wanderschuhen durch die Gegend laufe.
Samstag, 24. Mai -Sonntag 25. Mai 2008
O Grove
Die Halbinsel ist schön. Ich schnüre noch einmal die Wanderschuhe und umrunde die Insel, diesmal ohne Rucksack. Ich lasse langsam ausklingen und das tut mir gut. Abends fülle ich mir den Bauch mit Krusten- und Schalentieren und steige um von Rot- auf Weißwein. Der Unterschied so abseits des Weges ist, dass man mit keinem Mitpilger ein Schwätzchen halten kann. Mir wird bewusst, dass das Besondere des Weges die Menschen sind. Obwohl ich bewusst immer allein laufe, fehlen sie mir jetzt.
Montag, 26. Mai 2008
O Grove – Santiago
Um 09:45 Uhr steige ich in den Bus nach Pontevedra. Zwischendurch jagt ein Regenschauer den nächsten und dazwischen scheint die Sonne hell und klar. Der Bus nimmt jeden kleinen Ort mit und ich genieße die Fahrt. In Pontevedra steige ich um in einen Bus nach Santiago; vom Busbahnhof laufe ich in Richtung Santiago und komme direkt an dem Hostal aus, das ich Donnerstag vorgebucht hatte. Noch einmal gehe ich zur Kathedrale. Natürlich kenne ich von den dort einlaufenden Pilgern keinen mehr, bis mich auf einmal eine Christina (ich glaube es ist die dritte, die ich auf dem Weg kennengelernt habe) entdeckt. Sie muss den Tag noch irgendwie totschlagen, da sie erst abends eine Busverbindung nach Madrid hat. Wir gehen zusammen essen und ich muss mir die Geschichte ihres Liebeskummers anhören. Sie rezitiert mir pausenlos Gedichte von einer Eva Strittmatter, die ich sogar recht schön finde. Aber ich möchte den Rest des Tages allein sein und verabschiede mich unter einem Vorwand. Trotzdem hier ein Gedicht von Eva Strittmatter, deren Werke ich mir einmal genauer ansehen muss:
Werte
Die guten Dinge des Lebens
sind alle kostenlos:
die Luft, das Wasser, die Liebe.
Wie machen wir das bloß,
das Leben für teuer zu halten,
wenn die Hauptsachen kostenlos sind?
Das kommt vom frühen Erkalten.
Wir genossen nur damals als Kind
die Luft nach ihrem Werte
und Wasser als Lebensgewinn,
und Liebe, die unbegehrte,
nahmen wir herzleicht hin.
Nur selten noch atmen wir richtig
und atmen die Zeit mit ein,
wir leben eilig und wichtig
und trinken statt Wasser Wein.
Und aus der Liebe machen
wir eine Pflicht und Last.
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Und das Leben kommt dem zu teuer,
der es zu billig auffasst.
Dienstag, 27. Mai 2008
Heimflug
Das Ende der Pilgerreise ist in Sicht. Um 07.45 Uhr steige ich an der Praza de Galicia in den Bus zum Flughafen und um 09.40 Uhr geht es pünktlich los in Richtung Frankfurt-Hahn. Der Flieger landet ca. 1/2 Stunde früher als geplant. Gerda wartet schon. So schön das Wandern war, jetzt bin ich einfach nur froh wieder zu Hause zu sein.