Map of the route “2009 Mozarabischer Weg”: 673.820 m. It starts at 37.17735, -3.59858 and ends at 40.96803, -5.66788 (latitude, longitude).
Vorwort
Nachdem ich im Vorjahr die „Via de la Plata“ gelaufen bin, die von Sevilla nach Santiago de Compostella führt, will ich in diesem Jahr auf dem „Mozarabischen Jakobsweg“ wandern, der in Granada startet und bei Merida auf die Via de la Plata führt. Von dort aus möchte ich noch einmal bis Salamanca gehen.
Sonntag, 3. Mai 2009
Granada
Um 06:00 Uhr startet die Maschine einigermaßen pünktlich von Köln und erreicht um 09:00 Uhr Malaga. Mit dem Flughafenbus geht es zur „Estación de Autobuses“. Da steht schon ein Bus abfahrbereit in Richtung Granada. Da ich aber das Ticket im Busbahnhof kaufen muss und das Personal hinter dem Schalter unendlich viel Zeit hat (mit Schwätzchen untereinander) sehe ich den Bus davonfahren. Eine Stunde muss ich warten, bis der nächste Bus kommt. Die Landschaft ist schön und ich würde am liebsten schon aussteigen und loswandern. Es ist sehr heiß, aber die Berge tragen noch viele weiße Schneekuppen. Gegen 12:30 Uhr komme ich am Busbahnhof in Granada an und laufe in die Stadt. Die Temperatur liegt bei 28 °C, aber in der Sonne ist es schon fast unerträglich heiß.
Ich muss mich durchfragen, bis ich mein vorgebuchtes Hotel finde. Es liegt schön zentral, ist etwas dürftig ausgestattet, aber für den Preis (37 €) habe ich auch nicht mehr erwartet.
Die Stadt ist brechend voll. Ich erfahre, dass gerade das Fest „Cruz de Mayo“ (Maikreuz) gefeiert wird. Überall, auf Plätzen und privaten Innenhöfen sind Kreuze aufgestellt, geschmückt mit Blümchen, Statuen (und für meinen Geschmack ziemlich viel Kitsch). Überall wird gesungen, getanzt, getrunken und gegessen und viele Frauen und kleine Mädchen laufen in Flamencokleidchen herum. Granada ist beeindruckend, eine Stadt mit uralter, zum großen Teil maurischer Geschichte.
Ich trinke ein Bier in einer Bar und bekomme als Beilage Brot, fetten Speck und dicke Bohnen. Ich fühle mich gleich wieder wohl in Spanien.
Obwohl ich es eigentlich nicht vor hatte, beschließe ich doch noch, mir die Alhambra anzusehen. Wir (Gerda, Susanne und ich) haben sie vor 30 Jahren mal besichtigt, sie hat mich so beeindruckt, dass ich sie noch ziemlich im Gedächtnis habe. Also erklimme ich den Hügel und werde an der Kasse nur ausgelacht. Das beschränkte Kartenkontingent ist schon lange ausverkauft. Für Donnerstag Nachmittag könnte ich noch eine Eintrittskarte bekommen. Schade, dann eben nicht. Dafür hole ich mir meinen ersten Stempel für meinen Pilgerpass von einer ganz lieben Nonne im Kloster „Real Monasterio de las Madres Comendadores de Santiago“. Ihren Segen hat sie mir auch mitgegeben. Dann muss ja wohl alles gut gehen.
Nachdem es mit der Alhambra nicht geklappt hatte, will ich mir wenigstens die Kathedrale von innen ansehen. Ich zahle 2,50 € Eintritt, bin total nass geschwitzt und als ich den Innenraum betrete, sind das “gefühlte” -10 °C, so dass ich das Kirchenschiff fluchtartig wieder verlasse. Schade, ich habe mich nicht einmal umgesehen, damit ich nicht bemerken konnte, was ich verpasse.
Abends lande ich in einem “All you can eat”-Restaurant mit einem Vor- Haupt- und Nachspeisenbuffet (10,50 €). Die Vorspeisen und Salate sind so gut, dass ich nicht mehr zu den Haupt- und Nachspeisen komme.
Jetzt freue ich mich darauf, morgen meine Wanderung zu beginnen.
Montag, 4. Mai 2009
Granada – Pinos Puente (17 km)
Ich werde erst gegen 09:30 Uhr wach, obwohl ich an einer höllisch lauten Straße wohne.
Ich versuche den gelben Pfeilen quer durch Granada zu folgen. Es funktioniert nicht und ich muss mich durchfragen. Auf schlecht markierten Wegen geht es durch trostlose Vororte und Industriegebiete. Ich hatte mir fest vorgenommen, größere Städte mit dem Bus zu verlassen, aber gleich am Anfang der Tour bringe ich das nicht fertig und beiße mich durch. Die letzten 5 km vor meinem heutigen Ziel “Pinos Puente” sind dann doch noch nett und führen durch Olivenhaine. Allerdings wird die Temperatur gegen Mittag in der Sonne unerträglich.
Pinos Puente erscheint am frühen Nachmittag ziemlich trostlos. Ein paar alte Männer (etwa so alt wie ich?) sitzen im Schatten auf der Parkbank und schwatzen. Ich quartiere mich im Hotel Montserrat ein (EZ mit Dusche/WC 30 €), denn auf diesem Weg gibt es keine Pilgerherbergen. Hier scheint das Zentrum der “Tapas” zu liegen. Zum ersten Bier bekomme ich einen Teller mit frittierten Sardinen, Salat und Früchten, zum zweiten Bier ein Gulasch mit überbackenn Auberginen (alles für 2,57 €). Das reicht mir als Mittagessen, so dass ich danach erst mal 2 Stunden schlafe.
Beim Abendspaziergang (es ist immer noch sehr heiss) treffe ich auf die ersten (spanischen) Mitpilger, 2 Männer in meinem Alter, die von Malaga aus gestartet sind. Sie haben beim örtlichen Priester um Kirchenasyl gebeten und wohl auch erhalten. Sie würden nie in ein Hotel gehen, wozu seien die Priester und die Kirche denn da? Morgen haben wir das gleiche Ziel und werden uns sicher wieder sehen.
Um 21:00 frage ich im Hotel, ob es schon etwas zu Essen gibt. Ein erstaunter Blick auf die Uhr. „So früh schon?“. Beim Abendessen lerne ich ein deutsches Ehepaar kennen. Er ist Trainer für Entspannungstechniken und war auch schon mal für Bayer tätig. Durch die Rundreise durch Andalusien, die er mit dem Auto durchführt, ist er sicher, so viel positive Energie zu tanken, um seinem Krebs entgegenzuwirken. Ich wünsche es ihm. Seine Frau ist Pflegerin in einem Altenheim. Nach einer netten Unterhaltung falle ich gegen 23:00 Uhr müde ins Bett.
Dienstag, 5. Mai 2009
Pinos Puente – Moclin (14 km)
Um 06:30 Uhr stehe ich auf. Zum Frühstück gibt es Toast mit Olivenöl und einer Tomatenmatsche (lecker!). Um 08:00 Uhr starte ich und um 08:30 Uhr suche ich das erste Mal vergebens nach einem gelben Pfeil. Ich halte ein vorbeifahrendes Polizeiauto an, um nach dem Weg zu fragen. Von einem Pilgerweg nach Santiago haben sie noch nie gehört, aber zumindest können sie mir grob die Richtung weisen. Irgendwann bin ich wieder auf dem rechten Weg und stehe nach kurzer Zeit vor meinem ersten größeren Bach, der zu durchqueren ist. Vorsichtig versuche ich mich über Steine zu hangeln. Natürlich misslingt es und ich stehe mit Schuhen bis zu den Knien im Bach. Quatsch, quatsch, quatsch … laufe ich weiter.
Es ist heiß. In Olivares trinke ich meinen ersten Kaffee, dann kommen ziemlich anstrengende zwei Kilometer, bei denen es von 700 auf 1100 m ansteigt.
Obwohl die Schattentemperatur gar nicht so hoch zu sein scheint, die Sonne ist erbarmungslos. Aber die Gebirgslandschaft ist grandios. Mir fehlen die Superlative, um meine Gefühle auszudrücken.
In Moclin angekommen, fröne ich meiner Sucht nach frisch gepresstem Orangensaft. Dabei lerne ich Tuulikki kennen, eine Finnin (40-50 Jahre), die auch schon viele Wege gelaufen ist, immer allein, da ihr Freund keine Lust zum Wandern hat. Tuulikki hat Magenprobleme und macht gerade einen Tag Pause. Wir stellen fest, das wir im gleichen Casa Rural wohnen (das sind privat vermietete Häuser oder Wohnungen).
Das Haus, obwohl von aussen sehr unscheinbar, ist innen liebevoll mit alten spanischen Möbeln und Utensilien eingerichtet (Uebernachtung: 20 € / Pilgersonderpreis). Innen ist das Haus allerdings fürchterlich kalt.
Spätnachmittags schaue ich mir noch die auf der Bergkuppe liegende Burg an, die im 13. Jh. errichtet wurde. Der Name der Burg, Castillo de Moclin, geht auf das arabische Hisn-al-Muqlin („Festung der Pupillen“) zurück und spiegelt die Bedeutung der Burg als ständigen Wachposten wieder. In der Tat hat man von oben einen fantastischen Rundblick. Im Hintergrund grüßen die schneebedeckten Berge der Sierra Nevada.
Es gibt nur eine Bar und der Koch ist krank. Also begnüge ich mich abends mit einem Bocadillo. Die beiden Spanier, die ich gestern kennen gelernt habe, sind auch aufgetaucht, so dass insgesamt im Moment 4 Pilger zur gleichen Zeit unterwegs sind, das ist überschaubar.
Mittwoch, 6. Mai 2009
Moclin – Alcalá la Real (23 km)
Nach dem ersten Doping (frisch gepresster Orangensaft, eine Banane, Café con leche und einer Pfeife) geht es um 08:00 Uhr wieder auf den Weg Richtung Alcalá la Real. Es sind 23 Kilometer, das hört sich nicht viel an, aber das Höhenprofil und die Sonne tun das Ihrige.Seit dem ich los gelaufen bin, sehe ich nur einen tiefblauen Himmel, ab und zu zeigen sich nachmittags mal ein paar Wölkchen. Ich laufe ein Stückchen mit Tuulikki, sie arbeitet als Fluglotsin in Helsinki. Wie immer habe ich keine Lust, mich anderen Geschwindigkeiten anzupassen, so geht jeder seiner Wege und ab und zu treffen wir uns. Die Landschaft ist wieder fantastisch. Die Ausschilderung ist gut, doch ein fehlender Pfeil reicht, um sich hoffnungslos zu verlaufen. So treffen wir uns wieder an einem Bach, an dem die beiden Spanier auch ratlos stehen, denn er ist in der Wegbeschreibung nicht vorgesehen. Durchqueren kann man ihn nicht, dafür ist er zu reißend und gelbe Pfeile haben wir schon lange nicht gesehen. Wir befinden uns in einem sehr hügeligen Gelände, auf dem Olivenbäume angepflanzt sind. Die beiden Spanier entscheiden sich nach links zu gehen, ich bin sicher, dass „rechts“ die richtige Richtung ist. Allerdings geht es dort sehr steil bergauf, eine Kraxelei ins Ungewisse. Nach einer Stunde treffe ich zusammen mit Tuulikki auf einen Feldweg und nach einer weiteren halben Stunde haben wir zumindest die Landstraße wieder. Zum Glück war mein Instinkt richtig.
Gegen 15:00 Uhr erreiche ich Alcalá la Real. Über der Stadt thront die gewaltige Festung Fortaleza de la Mota, die lange Zeit zwischen Mauren und Christen umkämpft war. Leider reicht die Zeit nicht, um sich die Festung anzusehen (Wäsche waschen, Duschen…).
Da ich mein Handy hier häufig brauche, beschließe ich, mir eine spanische SIM-Karte zu kaufen. Das Lesen der spanischen Bedienungsanleitung ist schwieriger als ich dachte. Mein Spanisch reicht zwar zum Bestellen eines Rotweins, aber ansonsten sind die Lücken wohl noch ziemlich groß.
Ein Zimmer bekomme ich im Hostal Rio de Oro (EZ mit Dusche/WC 23 €), es ist ordentlich.
Donnerstag, 7. Mai 2009
Alcalá la Real – Alcaudete (24 km)
Es ist mal wieder eine sehr schöne Wanderung. Die Landschaft ist geprägt durch riesige Olivenhaine, ab und zu von Mandel- und Kirschbäumen unterbrochen. Unterwegs treffe ich auf die beiden spanischen Mitpilger. Hermando und Victor sind Brüder und laufen schon seit Jahren Jakobswege. Sie empfehlen mir in der Bar unbedingt einen Bocadillo mit Schinken und Tomate zu bestellen. Es wären die besten Bocadillos in ganz Andalusien und die Leute kämen von weit her, sie zu essen. Der Bocadillo war in der Tat ausgezeichnet.
Es ist sehr hügelig hier und durch die hohen Temperaturen auch sehr anstrengend. Wenn ich unter diesen Bedingungen 25 km laufe, komme ich an die Grenzen meiner Leistungsfähigkeit. Vorgestern war ich zu faul, meine Schuhe richtig nachzuschnüren, was sich natürlich bei diesen Temperaturen und Strecken sofort rächt, jetzt laufe ich mit verpflasterten Fersen durch die Gegend.
Gegen 14:30 Uhr erreiche ich Alcaudete, wieder ein alter, ursprünglich arabischer Ort mit einer Burg auf dem Hügel. Das Thermometer zeigt um 18:00 Uhr 36 °C, was mir jede Lust auf Kultur und Besichtigungen nimmt. Eingemietet habe ich mich im Hostal Spa Rueda, es ist für den Preis von 20 € / EZ recht ordentlich.
Freitag, 8. Mai 2009
Alcaudete – Baena (25 km)
Die Strecke ist 25 km lang, unterwegs gibt es keine Einkaufsmöglichkeit, d.h., dass man bei diesen Temperaturen mindestens 2 L Wasser mitnehmen muss. Zusammen mit Tuulikki schlage ich mich aus der Stadt. Wieder ist es sehr hügelig und sehr heiß, die Beschilderung ist zwar meistens gut, aber wenn einer von hundert gelben Pfeilen fehlt, dann reicht das aus, um sich mal wieder kräftig zu verlaufen. Wenn man auf einem Hügel steht, der ringsum nur mit Olivenbäumen bepflanzt ist, ist es schwer die Orientierung zu behalten, irgendwie sehen die Bäume alle gleich aus.
Wir treffen die beiden spanischen Brüder, die noch einen Umweg von 7 km machen wollen, um ein Bier zu trinken.
Nach 4 Stunden machen wir die erste Pause und hocken uns auf ein paar ausgediente Autoreifen, die vor einer einsamen Farm liegen. Der Farmer kommt heraus, wir schwatzen miteinander und er lädt uns auf ein Bier ein. Die Farm ist schön. Außer den Olivenbäumen hat er noch Esel, Pferde, Hunde, Hühner, Pfauen. Irgendwie sieht alles sehr paradiesisch aus, aber wenn Frau und Kinder in Madrid arbeiten und der nächste Nachbar 16 km weit entfernt wohnt, sieht man das sicher anders.
Es macht Spaß, sich mit ihm zu unterhalten. Er erzählt uns viel über die Herstellung von Olivenöl und lässt uns unterschiedliche Sorten probieren.
In Baena gibt es eine Herberge, die eigentlich nicht für Jakobspilger, sondern für Wanderer der „Ruta del Califato“ gedacht ist, das ist eine Wander(Pilger?)-Strecke mit arabischen Wurzeln. Die Albuerge „Mesón Ruta del Califato“ liegt traumhaft schön mit großartigem Ausblick auf die umliegenden Berge. Das Zimmer ist sehr groß und kostet 14 € incl. Frühstück.
Baena, eine Stadt mit 20000 Einwohnern, ist ein Zentrum der Olivenölgewinnung. Es gibt Ölmühlen und -museen, die besichtigt werden können. Die Stadt besteht aus unzähligen weißen Häusern, die sich weit über den Hang unterhalb eines maurischen Kastells ausdehnen. Die Kirche Sta. Maria la Mayor ist nach der Rückeroberung der katholischen Herrscher auf den Grundmauern der ursprünglichen Moschee erbaut.
Es gäbe so viel anzusehen, aber ich verträume die Zeit in einem Straßencafé, bei einem Bier und einer Portion Schnecken, die im Moment überall angeboten werden.
Samstag, 9. Mai 2009
Baena – Castro del Rio (21 km)
Das Frühstück reicht für die nächsten 20 km. Es besteht aus Tostada mit Olivenöl und Tomaten, Schinken, Käse, Orangensaft und Kaffee .
Zusammen mit Tuulikki finde ich aus der Stadt. Es geht wieder hügelig durch Olivenhaine und die ersten Getreidefelder. Über 20 km nichts als ein paar Ziegen und einige zähnefletschende Hunde. Tuulikki hat einen eingebauten Turbomotor, ihrem Tempo kann ich nicht folgen. Irgendwann stolpere ich und liege mit allen Vieren im Staub, es ist nichts passiert, aber in solchen Momenten wird mir immer wieder klar, wie schnell alles vorbei sein könnte.
Als ich in Castro del Rio einlaufe, wartet Tuulikki schon in der ersten Bar und hat bereits einen Bocadillo verdrückt. Im Ort gibt es wieder eine „Casa Rural“. Das Haus ist so eingerichtet, wie reiche Spanier vielleicht vor 50 Jahren gewohnt haben. Die Begrüßung ist herzlich, der Eigentümer ist früher selbst Jakobswege gelaufen und macht uns sofort einen Sonderpreis. Nachmittags lädt er uns in „sein“ Haus ein, es liegt direkt daneben, von außen nicht sehr auffällig, aber das Innere verschlägt uns den Atem. Diese spanischen Häuser leben durch ihre riesigen, teils offenen, teils glasbedachten Innenhöfe.
Als wir nach einer Trauung die Gelegenheit haben, uns die Kirche anzusehen, macht der Pfarrer für uns eine Sonderführung, Pilger sind hier absolut selten und willkommen.
Das Abendessen ist gut, auch wenn ich mal wieder pimiento mit pimienta verwechsle. Ich freue mich auf einen schönes Paprikagemüse (pimiento) und bekomme statt dessen nur Pfeffer (pimienta) zum Fleisch. Aber es ist trotzdem lecker.
Sonntag, 10. Mai 2009
Castro del Rio – Santa Cruz (25 km)
Nach Reiseführer beträgt die Etappe Castro del Rio – Cordoba 39 km. Bei diesen Temperaturen und den Höhenprofilen ist mir das zu viel. Ich werde also versuchen, den Jakobsweg zwischendurch zu verlassen, um das 6 km abseits vom Weg liegende Santa Cruz zu erreichen.
Jetzt bin ich ganz allein. Die beiden spanischen Pilger habe ich zuletzt in Baena gesehen, ich weiß nicht, wo sie geblieben sind (und habe sie auch später nicht mehr gesehen). Tuulikki startet heute morgen mit mir gemeinsam, aber nach ein paar Kilometern wirft sie das Handtuch, irgend ein Nerv klemmt, so dass sie nicht glaubt, bis Santa Cruz durchlaufen zu können. Sie will versuchen, sich zur Landstraße durch zuschlagen, um dann per Anhalter nach Cordoba zu kommen. Auf der Landstraße kommt zwar nur alle 20 Minuten mal ein Auto, aber ich drücke ihr die Daumen. Wir verabreden uns für morgen Abend auf der „Plaza Mayor“ in Cordoba zum Abendessen.
So wandere ich allein weiter. Auf der ganzen Strecke zwischen Castro del Rio und Santa Cruz (ca. 25 km) treffe ich keinen Menschen, weit in der Ferne liegen ein paar Gehöfte.
Santa Cruz (es gehört schon zu Cordoba) ist ein weißes, heißes, trauriges Nest, aber immerhin gibt es ein Hostal und ich bekomme ein Zimmer und ein Abendessen.
Montag, 11. Mai 2009
Santa Cruz – Cordoba (25 km)
Da Santa Cruz abseits des Jakobsweges liegt und ich keine Karten dabei habe, muss ich nach Gefühl laufen. Ich wandere eine einsame Landstraße Richtung Nordwesten und nach 1 1/2 Stunde kreuzt der Jakobsweg die Straße, so, wie ich es erwartet hatte. Die Strecke ist anfangs sehr schön, aber auch sehr einsam, wieder treffe auf der gesamten Strecke – bis 2 km vor Cordoba – keinen Menschen. Irgendwann kann ich die Stadt von Ferne sehen, aber bis ich wirklich im Zentrum stehe, vergehen noch 2 Stunden.
Zuerst aber geht es über eine uralte Römerbrücke über den Guadalquivir. „Guadalquivir“, dieser Name weckt Kindheitserinnerungen an den Erdkundeunterricht. Diesen Namen fand ich aufregend und nahm mir schon damals vor: irgendwann stehst Du mal am Ufer dieses Flusses. Na bitte, jetzt ist es soweit.
Der erste Eindruck von Cordoba begeistert mich, aber die Altstadt quillt über von Touristen. Nach dem einsamen Wandern ist das immer ein Kulturschock. Nachdem ich mir ein Zimmer für 2 Nächte gesucht habe, suche ich auf dem Stadtplan die „Plaza Mayor“, auf der ich mich mit Tuulikki zum Abendessen verabredet habe. Es gibt keine Plaza Mayor, das habe ich noch nie erlebt, denn die gehört eigentlich zu jedem Dorf mit mehr als 5 Häusern. Also gehe ich alleine essen.
Dienstag, 12. Mai 2009
Cordoba
Ich habe vergessen, die Weckfunktion meines Handys abzustellen. „Zeit aufzustehen, es ist 07:30 Uhr“; ich könnte die hinter der Stimme befindliche Frau erwürgen. Heute stecke ich der Frau (bzw. meinem Handy) die Zunge heraus und drehe mich noch einmal um, heute wird nicht gewandert, sondern erst mal ein Stündchen länger geschlafen und danach Cordoba entdeckt. Aber 10 Minuten später stehe ich doch auf.
Als ich auf die Straße trete entdecke ich Tuulikki, einen Stadtplan studierend. Es geht ihr wieder gut und sie will heute weiter wandern. Wir haben uns gestern nur um Minuten verpasst und stellen mit Verblüffung fest, dass wir im gleichen Hostal geschlafen haben. Noch einmal ein Abschied, jetzt werden wir uns sicher nicht mehr wiedersehen (später habe ich erfahren, dass sie aufgegeben hat).
Der Eigner des Hostals hat mir geraten, möglichst schnell zur Mezquita zu gehen. Um diese Zeit kommt man noch umsonst rein, später kostet es 8€. Die Mezquita ist wirklich ein verrücktes Gebäude. 785 n. Chr. wurde auf einer alten westgotischen Basilika eine Moschee errichtet. Das Gebäude ist von außen wenig beeindruckend, aber innen ist ein riesiger Säulenwald.
Zur Zeit des Kalifats war die Mezquita ein der großen Moschee in Mekka gleichwertiges Pilgerzentrum für Muslime des westlichen Mittelmeerraumes. Nach der Reconquista wurde direkt in der Moschee eine gotische Kathedrale errichtet. Nun herrscht ein Durcheinander von Barockelementen und geometrischen Motiven und Ornamenten aus dem Koran.
Ich schaue mir die Judería an, das ehemalige Judenviertel rund um die Mezquita. Eigentlich sehe ich nur Massen von Touristen, die sich an Souvenirläden vorbeischieben.
Den Rest des Tages verbringe ich mit Einkaufen: Pflaster, Telefonkarte, Tabak, Uhrenarmband, Obst … Die Stadt ist schön, mit vielen Grünanlagen und Plätzen, aber sie ist auch laut und nervig. Es gäbe noch so viel anzusehen, aber ich habe keine Lust und freue mich auf morgen.
Mittwoch, 13. Mai 2009
Cordoba – Cerro Muriano (18 km)
Es ist heiß und die Stadt ist stickig. Ich entschließe mich, die ersten 5 km mit dem Bus zu fahren, um dem Zentrum zu entkommen.
Dann geht es wieder kräftig bergauf. Cordoba liegt auf einer Höhe von ca. 50 m, Cerro Muriano auf 550 m. Der Ort ist die „Sommerfrische“ der Menschen von Cordoba. Es ist merklich kühler hier oben.
Mich interessiert eine alte Kupfermine mit dem angeschlossenen Museum. Die Gebäude der ehemaligen Mine sind weitgehend frei zugänglich, das Museum leider geschlossen. Als ich das dem Chef des Hostals (Hostal Bar X / EZ 20 €) erzähle, sagt er mir, ich brauche nur zum Rathaus zu gehen und um den Schlüssel des Museums zu bitten. Das tue ich auch und es hat funktioniert. Dass das Museum selbst eine Enttäuschung war, habe ich dann aber nicht erzählt.
Donnerstag, 14. Mai 2009
Cerro Muriano – Vilaharta – Espiel (30 km)
Es ist etwas bewölkt und relativ kühl, was ich zum Wandern nur begrüße. Ich beschließe, das Wetter zu ignorieren und starte wie immer in Shorts und T-Shirt. Mein Optimismus gibt mir recht. Im Laufe des Tage reißt der Himmel auf und nachmittags ist er wieder wolkenlos und tiefblau.
Als Ziel ist heute Vilaharta vorgesehen. Das Landschaftsbild hat sich geändert, keine Olivenbäume mehr, sondern Weiden mit Schafen und Steineichen. Die ersten Zistrosen tauchen auf, daneben Ginster, Lavendel(?) und viele bunte Blümchen, die ich nicht kenne.
Vilaharta ist nach 20 km schnell erreicht. Das Hostal ist mehr eine Autoraststätte, es ist mir auf den ersten Blick unsympathisch und ich überlege, ob ich nicht mit dem Bus in den nächst größeren Ort fahre. Die Auskunft in der Raststätte lautet, man wisse zwar nicht genau, wann der Bus fährt, aber er würde stündlich fahren. Von 13:30 Uhr bis 16:30 Uhr sitze ich an der Haltestelle, bis ich endlich eine richtige Auskunft bekomme. „Mein Bus“ fährt erst um 19:30 Uhr.
Ich beschließe, die 17 km zu laufen. Es gibt eine alte und neue Bundesstraße, die beide nach Espiel führen sollen. Ich wähle die „alte“ Straße, lande aber nach 5 km vor einem riesigen Tagebau. Nirgendwo ein Mensch, den man nach dem Weg fragen kann. Also geht es die 5 km wieder zurück. Die „neue“ Straße ist aber fast autobahnähnlich ausgebaut; es ist zu gefährlich. Ich gehe wieder zurück und versuche es per Anhalter. Kein Mensch will einen verschwitzten alten Mann mit Rucksack mitnehmen (ich weiß nicht, ob ich es tun würde).
bietet sich doch ein junges Paar an, mich hinzufahren. Ich nehme dankbar an. Sie setzen mich vor einem Hostal ab (EZ 15 €). Der Ort ist nichtssagend.
Freitag, 15. Mai 2009
Espiel – Alcaracejos (40 km)
Mein Reiseführer schreibt:
Diese einsame Etappe (40 km) ist landschaftlich äußerst reizvoll. Die Länge und Abgeschiedenheit erfordern aber eine gute Kondition und genug Proviant und Trinkwasser im Rucksack.
Gefrühstückt habe ich ein Tostada con Aceite (geröstetes Brot mit Olivenöl), ansonsten habe ich ein paar Plätzchen und 2 L Wasser im Rucksack.
Das ist rückblickend so ein Tag, warum ich die Wanderei in Spanien mache, abends bin ich völlig kaputt, aber so dankbar, es gemacht und geschafft zu haben.
Der Tag beginnt wolkenlos, aber es weht ein eiskalter Wind. Zum ersten Mal hole ich meine Jacke aus dem Rucksack, bisher bin ich immer nur in Shorts und T-Shirt gelaufen. Es geht mal wieder lange bergauf, ich glaube von 300 m auf rund 800m.
Nach 1 1/2 Stunden sagt ein verwitterter Wegweiser: Noch 12 Stunden bis zum Zielort. Mein Reiseführer gibt an, dass der Weg insgesamt in 8 h 30 min zu schaffen sei. Tatsächlich gebraucht habe ich 10 Stunden. 10 Stunden in absoluter Abgeschiedenheit, kein Ort, kein Mensch, Natur pur. Die gebirgige Landschaft bietet hauptsächlich Weideflächen für Schafe und Steineichen. Adler und verschiedene Geierarten sind zu sehen, eine Wildschweinrotte kreuzt meinen Weg.
Dann kommen tatsächlich die im Buch angekündigten frei laufenden Hunde. Der erste war noch harmlos. Mein Reiseführer schreibt, man soll, wenn man sie sieht, auf sich aufmerksam machen, damit sie sich nicht erschrecken. Also singe ich laut „Hänschen klein…“, aber mein Hund muss wohl taub und blind sein, er erschreckt sich fürchterlich, als er mich sieht, aber er tut nichts.
Dann kommen die richtigen Hunde, sie sind sehr groß, weiß bis hellbeige, eine Rasse, die ich nicht kenne. Und wie viele Hunde können sie schnell rennen und bellen und knurren. „Nicht ansehen!“, sagt meine Reiseführer, also trainiere ich den ergebenen, devoten Schafsblick und kann sie damit beruhigen. Ich hoffe, das klappt auch in den nächsten Tagen. Der Tag wird heißer und heißer, mehrmals muss ich meine Schuhe neu schnüren, denn meine Füße scheinen zu quellen, 2 Bäche sind zu durchwaten und … ich bin einfach nur glücklich. Trotzdem, zum Schluss wird der Rucksack ganz schön schwer und die Abstände zwischen den Pausen immer kürzer.
Alcaracejos besteht hauptsächlich aus einer Kreuzung von zwei wichtigen Bundesstraßen. Daneben ein paar Bars und zwei Hostals; ich nehme das erste das kommt (18 € EZ), lege mich in die Badewanne und schlafe sofort ein. Irgendwann wache ich zitternd auf, das Wasser ist unangenehm kalt geworden. Ich schaffe es gerade noch, zu meinem Menu del Dia zu kommen. Außer mit dem Eigner des Hostals habe ich heute mit keinem Menschen gesprochen. Ein paar Mitwanderer oder -pilger wären schon schön.
Samstag, 16. Mai 2009
Alcaracejos – Hinojosa del Duque (24 km)
Die Tour ist mit 24 Kilometern kurz und da sie weitgehend eben ist, auch einfach. Der Weg führt in großen Bögen mal links und mal rechts von der Bundesstraße und das Laufen macht Spaß.
Zwischendurch mache ich mit dem Selbstauslöser der Kamera ein Foto und benutze meinen Reiseführer als Unterlage. Als ich drei Kilometer weiter etwas nachsehen will, stelle ich fest, dass ich ihn wohl liegen gelassen habe. Also geht es noch einmal 3 km zurück, voller Hoffen und Bangen, dass er dort liegt, wo ich ihn vermute. Da blinkt etwas Gelbes, ist er das? Ja, er ist es.
Ohne Reiseführer hätte ich die Wanderei abbrechen müssen, ich glaube, ich hätte noch nicht einmal gewusst, wie mein heutiger Zielort heißt.
Es wird heißer und heißer, die letzten Kilometer ziehen sich mal wieder endlos. Hinojosa del Duque ist einfach nur hässlich, die Mitarbeiter des Hostals unfreundlich. Schnell abhaken, morgen wird es besser …
Sonntag, 17. Mai 2009
Hinojosa del Duque – Monterrubio de la Serena (33 km)
Die Strecke ist schön, aber mal wieder sehr einsam. Unterwegs gibt es keine Einkaufs- und Einkehrmöglichkeit. Zwischendurch erreiche ich die Grenze zwischen Andalusien und der Comunidad Autonoma Extremadura. Dieses Gebiet ist etwa so groß wie die Niederlande, hat aber nur 6% der Einwohner. Wieder ein Tag, an dem ich über eine Wanderung von 33 km keinen Menschen sehe.
Ich fange schon an, mich mit den Kühen und Schafen am Wegesrand zu unterhalten. Grosse Schaffarmen bestimmen das Landschaftsbild. Wo Schafe sind, da sind auch Hunde, die hier frei in der Gegend herumlaufen.
Heute habe ich drei Charaktere von Hunden kennen gelernt (immer die gleiche Rasse Schafhütehund).
1) Hund sieht mich, zieht den Schwanz ein und rennt davon (als Hütehund wäre er bei mir in der Prüfung durchgefallen).
2) Ein Gruppe wilder(?) Hunde kommt auf mich zu gerannt. Ich erstarre zur Salzsäule und übe mich im devoten Schafsblick. Hunde beschnuppern mich und trollen sich gelangweilt davon.
3) Ein dicker Hund kommt bellend auf mich zu gerannt, legt mir die Pfote auf die Schulter und … leckt mir quer durchs Gesicht.
In Monterrubio de la Serena (je trauriger die Orte, desto größer die Namen) miete ich mich im Hostal Vaticano ein. Die Auwahl fällt nicht schwer, es gibt nur das eine. Um 15:30 Uhr komme ich an. Natürlich könne ich noch Mittagessen, aber ich soll mir Zeit lassen und mich ruhig erst mal Duschen. Als ich „sauber“ im Speisesaal erscheine, steht schon ein gemischter Salat da, anschließend gibt es eine Portion Schnitzel mit Pommes und natürlich die Flasche Rotwein. Hier wird man nicht gefragt, was man essen möchte, es wird gegessen, was auf den Tisch kommt.
Montag, 18. Mai 2009
Monterrubio de la Serena – Castuera (18 km)
Gestern Abend hatte ich meine Rechnung noch nicht bezahlt. Um 07:00 Uhr würde die angeschlossene Bar aufmachen, da könnte ich dann noch einen Kaffee trinken und die Gesamtrechnung bezahlen. Als ich um 07:15 Uhr nach unten gehe, ist noch alles geschlossen. Um 08:15 Uhr geht es dann schließlich langsam los (wir sind in Spanien). Ich bezahle für die Übernachtung, Abendessen, Frühstück und ein paar Getränke zwischendurch, in Summe 30 €.
Der Weg nach Castuera ist unproblematisch und schön, aber es ist schon besser, wenn man vor 14:00 Uhr sein Ziel erreicht, da es danach unerträglich heiß wird. Dabei will ich mich absolut nicht beklagen, seit dem ich los gewandert bin, sehe ich praktisch nur blauen Himmel. Ich finde ein nettes Hostal in Castueara, der Ort ist zwar etwas netter als die vorhergehenden, aber viel ist hier auch nicht los.
Dienstag, 19. Mai 2009
Castuera – Campanario (25 km)
Das ist eine richtig schöne Wanderung heute. Mich begeistert die Weite des Landes. Ein fast menschenleeres Land; Schafe und auch ein Schäfer, mit dem ich ein bisschen plaudern kann. Er ist ca. 30 Jahre alt. Schäfer in der Extremadura, wäre das mein Traumjob? Als ich am Zielort ankomme, kann ich den Ausgangsort, Castuero, noch in der Ferne erkennen.
Bei meiner Frühstückspause kam wieder einer dieser dicken Hunde angerannt, fürchterlich bellend. Er hielt erst Abstand, dann kam er zögernd näher. Schließlich wurde er absolut zutraulich. Wenn ich was zu trinken dabei gehabt hätte, hätten wir noch Brüderschaft getrunken.
Mein erster Gang im Ort geht – sofern vorhanden – zur Touristen-Information, ansonsten zum Rathaus, um erst einmal einen Stadtplan und eine Übersicht über den Ort zu bekommen. Auch hier in Campanario sind die Damen des Rathauses außerordentlich hilfsbereit, danke.
Am Ende des Ortes soll es eine „Albuerge Rural de la Estacion“ geben. Ich weiß nur nicht, ob das mehr Herberge oder mehr Hotel sein soll. Ist auch egal, es ist sowieso die einzige Möglichkeit hier im Ort unter zukommen. Ich lasse mich überraschen.
Es sind rund 3 km bis zur Herberge. Im Rathaus hatte man mir gesagt, dass sie den ganzen Tag geöffnet und die angeschlossene Bar auch durchgehend etwas zum Essen bietet. Um 15:00 Uhr stehe ich vor der Herberge, ein sehr schöner umgebauter alter Bahnhof, aber alles ist verschlossen. Ich rufe an, um 17:30 Uhr würde jemand kommen. Also gehts zurück in die Stadt, um etwas zu essen; dann bin ich um 17:30 Uhr zurück, aber keiner ist dort. Spanische Pünktlichkeit! Um 18:15 Uhr erscheinen zwei junge Mädchen, die die Herberge wohl nebenbei betreuen.
Außer mir gibt es tatsächlich noch zwei radfahrende Damen aus München, so dass ich am Abend etwas Unterhaltung habe.
Mittwoch, 20. Mai 2009
Campanario – (Don Benito) – Medellin (38 km)
Der Wetterbericht hat angedroht, dass es heute sehr warm werden würde. Also starte ich so früh es geht. Aber es wird erst gegen 07:00 Uhr hell. Der Weg geht hauptsächlich über Felder, zwischendurch einige Tümpel, in denen Frösche quaken und einige Störche, die das Quaken abrupt beenden.
Weit voraus sieht man den charakteristischen Kegel der Burg von Magacela, aber es dauert ewig, bis man tatsächlich vor der Burg steht. Eine erste Pause und meinen ersten Kaffee habe ich nach etwa 3 Stunden in La Haba. Danach geht es noch einmal durch hügelige, heiße Getreidefelder weiter nach Don Benito. Das sollte eigentlich mein Ziel für heute sein. Der Weg führt mich am Stadtrand entlang zum einzigen Hotel. Als ich den hässlichen Klotz sehe, beschließe ich nach Medellin weiterzulaufen.
Vorher, gegen 14:30 Uhr, gehe ich noch zum Mittagessen in ein Restaurant. Als ich danach vor die Tür trete, glaube ich vor einem Backofen zu stehen. Inzwischen ist die Temperatur auf 38 Grad gestiegen. Nach einer halben Flasche Rotwein sind das die Idealvoraussetzungen zum Wandern. Da die Strecke noch an einer viel befahrenen Landstraße weitergeht, werden die nächsten 10 km wirklich zur Qual.
Medellin entschädigt mich. Es ist ein richtig schöner spanischer Bilderbuchort mit einer Burg aus dem 10. Jh., einem antiken Theater und einer Brücke aus der Römerzeit.
Medellin ist die Heimatstadt von Hernán Cortéz, einem der bedeutendsten spanischen Konquistadoren, der Mexiko eroberte. Als Kind hatte ich mal ein Album mit „Sanella-Sammelbildern“, in denen die „Heldentaten“ von Cortéz glorifiziert wurden. Sicher sehe ich das heute alles etwas anders, aber trotzdem wurden Kindheitsträume real.
Mein Reiseführer zeigt ein Foto der Brücke mit Burg im Hintergrund im Abendlicht. Genau diese Voraussetzungen liegen jetzt vor, dieses Foto zu schießen. Aber dazu müsste ich – bei inzwischen 40 Grad – auf die andere Seite der Brücke laufen. Aber dazu bin ich zu faul und zu durstig….
Donnerstag, 21. Mai 2009
Medellin – Mérida
Um 07:00 Uhr bin ich auf den Beinen, um die Kühle(?) des Morgens auszunutzen. Um 07:20 Uhr bin ich auf der Burg von Medellin und habe von dort aus einen fantastischen Blick über die Gegend.
Aber ich will weiter. Die ersten Kilometer gehen über den Standstreifen einer viel befahrenen Schnellstraße. Laut Reiseführer soll es danach über die Servicepiste der Autobahn weitergehen, und das über 30 km. Im nächsten Ort werfe ich das Handtuch und fahre den Rest mit dem Bus nach Mérida. Das ist ein wirklich unrühmliches Ende des „Mozarabischen Jakobsweges“, der hier in Mérida endet und in die „Via de la Plata“ übergeht.
Mérida kenne ich vom letzten Jahr und die Stadt begeistert mich aufs Neue. Die Stadtgeschichte ist eng mit der Ausbreitung des römischen Imperiums auf der Iberischen Halbinsel verbunden und Spuren aus der Römerzeit sind in allen Winkeln der Stadt zu entdecken.
Nun, jetzt geht es morgen weiter auf der „Via de la Plata“, die ich vom Vorjahr kenne. Ein paar Mitpilger habe ich schon entdeckt, es wird also nicht ganz so einsam weitergehen…
Die Zeit reicht nicht aus, um sich Merida anzusehen. Ich gehe zur Pilgerherberge, die wirklich romantisch in einer ehemaligen Mühle am Flussufer liegt. Von den 16 Betten sind nur 5 belegt, es geht das Gerücht(?) um, dass sie völlig verlaust ist. Ich ziehe das Hostal vor, das gleiche wie im Vorjahr, eng, romantisch, etwas teurer als auf dem „Land“.
Freitag, 22. Mai 2009
Mérida – Alcuescar (38 km)
Jeden Morgen überlege ich krampfhaft, welchen Tag und welchen Wochentag wir gerade haben. Es wird so unwichtig, außer wenn man gerade noch etwas einkaufen will.
Die Bar im Hotel macht um 06:00 Uhr auf. Ein Kaffee reicht, um zu starten. Ich bestelle noch eine 1,5 L-Wasserflasche, der Ober will sie mir schenken, ich schiebe ihm einen Euro zu und so starten wir beide fröhlich in den Tag.
Im Gegensatz zum letzten Jahr finde ich gut aus der Stadt heraus. Da sind ein paar neue Straßen und Baumaßnahmen, die die gelben Pfeile geschluckt haben, aber ich weiß die Grobrichtung und das reicht. Endlich treffe ich mal auf Mitpilger, Wolfgang und Barbara kommen aus Süddeutschland und sind gerade erst in Merida gestartet; sie haben auch nur 2 Wochen Zeit.
Der Weg ist so schön, dass einem das Herz aufgeht. Ich komme an der Stelle vorbei, wo ich im letzten Jahr bei strömendem Regen mit dem Überziehen meines Ponchos gekämpft habe. Und heute … Sonne pur. Schon um 11:00 Uhr bin ich in Aljucén (19 km). Ich frühstücke in einer Bar, die ich kenne, Wolfgang und Beate treffen auch ein. Sie wollen weiterlaufen. Ich kämpfe mit mir, ob ich hierbleiben soll, denn der Ort hat ein kleines Thermalbad, aber dann entschließe ich mich doch, zu laufen. Es sind ja nur 21 km und die Temperatur liegt nur geringfügig über 30 Grad. Die ersten Kilometer machen ja auch noch Spaß, aber dann wird es doch sehr mühsam. Mein Wasservorrat (2 L) geht zur Neige, ich teile jedes Schlückchen ein.
In Alcuescar gibt es ein schönes Kloster (Congregacion de los Hermanos y de los Pobres), das nicht nur Arme und Kranke betreut, sondern auch Pilger aufnimmt. Im Vorjahr hatte ich hier eine gemütliche „Einzelzelle“ und ein schönes Abendessen bekommen. Aber als ich in diesem Jahr eintreffe, kann man mir gerade noch in einem überfüllten Schlafraum eine „Notmatratze“ anbieten.
Aber es soll noch eine „Casa Rural“ im Ort geben, ich telefoniere herum und finde sie. Sie ist völlig überteuert, aber himmlisch schön.
Im Supermercado kaufe ich mir noch etwas zum Abendessen und fange noch an zu kochen. Ich kaufe immer zu viel, so dass am nächsten Tag der Rucksack zu schwer ist.
Samstag, 23. Mai 2009
Alcuescar – Aldea del Cano (15 km)
Es ist interessant, den gleichen Weg wie im Vorjahr noch einmal zu gehen. Manchmal kann ich mich an einen einzelnen Baum erinnern, ein anderes Mal kommt mir die Strecke so unbekannt vor, dass ich nicht glauben kann, sie schon einmal gegangen zu sein.
Der Himmel ist blau, mit einigen Quellwolken, aber es hat sich merklich abgekühlt, trotzdem laufe ich noch in T-Shirt und kurzer Hose. Schon um 11:30 Uhr bin ich nach 15 km in Aldea del Cano. Bis Cáceres wären es noch einmal 23,3 km . Wieder zögere ich (letztes Jahr bin ich durchgelaufen). Nein, ich entschließe mich hier zubleiben, auch wenn der Tag in dem nichtssagenden Dorf lang wird.
Die nette Herberge (3 € / 2 Zimmer mit je einem Stockbett) hat sogar eine Waschmaschine. Na prima, da habe ich doch etwas zu tun. Schon um 15:00 Uhr rieche ich wie „neu“. Wir bleiben zu viert in der Herberge, ein 75-jähriger Belgier, ein ca. 30-jähriger aus Süddeutschland (der am nächsten Tag nach insgesamt 3 Tagen aufgibt, da er sich den Jakobsweg als Spaziergang vorgestellt hat) und ein junger Spanier aus Sevilla, ein „Body-Building-Muskel-Mann“, neben dem ich mir wie ein Strichmännchen vorkomme. Wir gehen alle zusammen essen, es ist richtig nett. Dabei erfahre ich noch, dass Wolfgang und Barbara, die ich vor 2 Tagen kennen gelernt habe, inzwischen das Handtuch geworfen haben, ihnen ist es zu heiß und zu einsam.
Sonntag, 24. Mai 2009
Aldea de Cano – Caceres (24 km)
Ich laufe zusammen mit Manolo, dem Super-Muskel-Spanier. Sein Spanisch kann ich kaum verstehen und er bemüht sich auch nicht ein bisschen mal ein wenig langsamer und deutlicher zu sprechen.
Die Strecke ist wieder schön, sie geht u.a. quer über das Rollfeld des Sportflughafens von Caceres. Wir trinken noch zusammen einen Kaffee, Manolo will weiter laufen. Ich habe so gute Erinnerungen an diese einmalige Stadt Caceres, die einen völlig intakten mittelalterlichen Stadtkern hat, dass ich unbedingt bleiben will.
In der örtlichen Herberge soll es Internetzugang geben, so dass ich dort hin laufe. Ich zahle 14 €, dafür hätte ich auch ein Zimmer in einem Hostal bekommen und den Internetzugang gibt es auch nicht. Den ganzen Nachmittag geht ein Gewitter nach dem anderen über die Stadt, so dass ich zumindest froh bin, nicht weiter gelaufen zu sein. Das ist der erste Regen nach 3 Wochen und ich denke, dass die Erde ihn bitter nötig hat.
In den „Regenlücken“ laufe ich dann doch noch ein wenig durch die Stadt. Abends spricht mich ein radfahrender „Thomas“ aus Singen an, der mich natürlich sofort als Pilger erkennt, ob ich Lust habe, mit ihm Essen zu gehen. Thomas ist Lokführer bei der DB, handwerklich sehr geschickt und erzählt mir ausführlich, was und wie er alles drechselt. Es ist trotzdem ein netter Abend.
Als ich in die Herberge zurückkomme, stelle ich zu meiner Zufriedenheit fest, dass „mein“ Zimmer nicht weiter belegt wurde. Also habe ich ein 4-Bettzimmer mit Dusche/WC für mich allein, das relativiert den Preis von 14 € dann wieder. Trotzdem ist die Herberge absolut nicht zu empfehlen, unfreundliches Personal, die angeschlossene Bar ist überteuert und wenn man von der Bar aus zur Toilette will, muss man noch am Tresen um Klopapier bitten, so etwas habe ich wirklich noch nicht erlebt.
Montag, 25. Mai 2009
Caceres – Casar de Caceres (11 km)
Jetzt ist es 11:15 Uhr und ich bin immer noch nicht auf dem Weg, sondern in der öffentlichen Bibliothek von Caceres. Da ich so einiges zu erledigen habe (spanische SIM-Karte aufladen, Tabak, Telefonkarte kaufen, Geld abheben, evtl. zum Friseur) bin ich länger im Bett geblieben und werde meine Einkäufe erledigen.
Um 12:00 Uhr mache ich mich auf meiner Mini-Etappe nach Casar de Caceres auf den Weg. Die Etappe ist hässlich, zuerst 5 km am Randstreifen einer Schnellstraße, dann auf einer schmutzigen Piste parallel der Schnellstraße.
Als ich in Casar de Caceres eintreffe, bin ich der erste Pilger. Die Pilgerherberge ist zwar etwas antiquiert, aber zentral an der Plaza de España gelegen, direkt gegenüber vom Rathaus, wo ich mir den Schlüssel holen muss.
Inzwischen trifft noch ein spanisches Ehepaar ein (Lucia und Miguel). Miguel mault, dass ich die Dusche nicht sauber gemacht habe, aber ich konnte nichts zum Saubermachen finden (war auch nichts da!!!).
Dann kommt Ryon, eine Holländerin, sie ist 1,90 m groß und hat vom Kochgeschirr bis zum Zelt alles dabei. Sie erzählt mir, dass sie 3 Kinder im Alter zwischen 18 und 30 hat, aber vom Vater der Kinder getrennt lebt. Ryon kann so herzhaft laut lachen, dass es mir schon fast peinlich ist, aber es ist schön.
Wir (Lucia, Miguel, Ryan und ich) lernen einen Spanier kennen, der laut auf der Straße den Faust deklamiert (auf Deutsch) und uns Arien aus Lohengrin vorsingt. Wir konnten nicht herausbekommen, was er früher einmal gemacht hat.
Dienstag, 26. Mai 2009
Casar de Caceres – Tajo Stausee (23 km)
Als ich gegen 08:00 Uhr in der Herberge wach werde, sind schon alle gestartet. Bei mir wird es 08:30 Uhr, ehe ich mich auf den Weg mache. Für die 22,5 km bis zur Herberge am Stausee brauche ich keine Eile. Der Weg ist schön, aber auch schön hügelig. Ginster, Weiden und Schafe bestimmen das Bild. Im letzten Jahr war ich einen Monat früher dran, da war alles grün und Millionen Blümchen blühten, jetzt ist schon alles verbrannt.
Ich überrasche Ryon dabei, wie sie gerade einem Schaf ein Schlaflied vorsingt. Wir machen gemeinsam Rast vor einem einsamen, verlassenen Haus, dann geht jeder wieder allein seines Weges.
Die Herberge liegt einmalig schön, am Nachmittag gehe ich noch zum See, das Wasser ist warm und lockt zum Baden, aber der Boden ist steinig und matschig.
Abends sitzen wir in gemütlicher Runde zusammen, Holländer, Franzosen, Spanier und Belgier, ich bin der einzige Deutsche. Ryon schläft im Freien am See, ich beneide sie ein wenig, aber ich habe meine Isomatte aus Gewichtsgründen diesmal nicht mitgenommen.
Mittwoch, 27. Mai 2009
Tajo – Stausee — Grimaldo (21 km)
Die ersten 10 km entscheide ich mich, nicht über einen Berg zu kraxeln, sondern an der kaum befahrenen Landstraße entlang zu wandern. Ein Fahrradfahrer aus Australien hält an, wir unterhalten uns eine halbe Stunde. Dann wird es wieder sehr bergig, es geht über einen Pass und einen wunderschönen Wald aus Korkeichen. Gegen 14:00 Uhr treffe ich in Grimaldo ein. Der Ort hat 5 Häuser, davon 2 Bars. Die Herberge ist einfach, aber funktionell und kostenlos. In der angeschlossenen Bar gibt es etwas zu essen, aber man hat keine Auswahl, man muss das essen, was auf den Tisch kommt.
- Primero plato: Nudeln mit Tomaten-/Hackfleischsoße
- Secundo plato: Zickleinbraten
- Nachtisch: 1 Flasche Wein und Kaffe
(zusammen 9,00 €.)
Den Mittagsschlaf verbringe ich auf der Parkbank vor der Kirche. Abends sitzen wir noch in der gleichen Runde zusammen wie am Vortag.
Donnerstag, 28. Mai 2009
Grimaldo – Galisteo – Carcaboso (35 km)
Der Weg von Grimaldo nach Galisteo führt über viel altes römisches Pflaster, vorbei an vertrockneter Erde mit vielen Schafen. Ich weiß nicht, wo die Tiere jetzt überhaupt noch einen fressbaren Halm finden.
Eine Gruppe von 5 Franzosen überholt mich in einem Tempo, dass ich es nicht glauben kann. Inzwischen hat meine Kondition schon ganz gut zugenommen und ich finde mein eigenes Tempo ganz angemessen, aber ich brauche auch Zeit, um Blümchen zu gucken und mich mit den Kühen und Schafen zu unterhalten.
Galisteo ist hübsch, ich kenne es vom letzten Jahr, aber ich beschließe daran vorbei zulaufen, was mal wieder zur Folge hat, dass ich mich verlaufe. Ich lande auf einer einsamen Landstraße, 12 km geradeaus; kein Mensch, den man nach dem Weg fragen kann. Irgendwann (bei km 15 nach Galisteo) finde ich mit meinem Navi die Orientierung wieder, ich bin auf einer Parallelstraße zum Ziel, aber schon 3 km zu weit gelaufen. Über Feldwege finde ich den Weg nach Carcaboso. Ich checke im gleichen Hostal wie im Vorjahr ein.
Ryon trifft ein, dazu noch ein Paar aus Alkmaar (Lida und Cor).
Freitag, 29. Mai 2009
Carcaboso – Aldanueva de Camino (40 km)
„Die lange Strecke ist zu schaffen“, sagt mein Reiseführer, es wären ja nur 8 Stunden reine Gehzeit. Meine „reine Gehzeit“ beträgt 9 Stunden, aber man braucht ja auch noch Pausen. Die ersten Stunden machen mir auch noch richtig Spaß in dieser wunderschönen Landschaft, aber es wird heißer und heißer und mit jedem Grad Temperaturerhöhung verringert sich meine Freude an der Wanderung. In Cáparra (einem römischen Ausgrabungsgelände) fülle ich noch einmal meine Wasservorräte auf, an diesem Tag trinke ich allein 4 L Wasser. Die letzten Kilometer werden wirklich zur Qual, aber die Strecke bietet kaum Ausweichalternativen.
In Aldanueva de Camino falle ich in die Herberge. Als ich unter der Dusche stehe, fällt mir ein, dass das Duschwasser schon im letzten Jahr nicht abfloss, sondern die Diele überschwemmte.
Nach einem so langen, anstrengenden Tag will ich ein gescheites Quartier, nehme meinen Rucksack und gehe ins nächste Hotel (Posada Tresmentiras / hotelrural@tresmentiras.com). Abends esse ich mit 2 Österreichern und der blonden Annette.
Samstag, 30. Mai 2009
Aldanueva de Camino – Baños de Montemayor (12 km)
Ich bin der einzige Gast im Hotel. Das Frühstück ist inklusive, aber noch um 08:00 Uhr ist kein Mensch zu sehen, der mir etwas bringen könnte. Ich gehe in den Swimmingpool, das Wasser ist warm; ich habe keine Badehose dabei, aber, da eh keiner guckt…
Ich durchstreife das ganze Hotel, alle Türen stehen offen, ich könnte es ausräumen. In der Küche finde ich zwar Kaffeepulver, aber kein Brot. Um 09:00 werfe ich das Handtuch, dann gehe ich eben ohne Frühstück. Es ist jetzt schon brüllend heiß; ich habe kein Thermometer, aber ich denke, dass die Temperatur weit über 30 Grad liegt (Sevilla hat gestern 37 Grad gemeldet).
Nach dem gestrigen Gewaltmarsch beschließe ich heute nur eine kurze Strecke (12 km) bis Baños de Montemayor zu laufen, es geht stetig bergauf. Unterwegs treffe ich auf die sonst so lustige Ryon, sie sitzt am Wegesrand und heult; sie hat irgendwelche Probleme mit ihrem Hund, der zu hause in Pension gegeben wurde. Ich merke, dass sie allein sein will und trolle mich. In Baños de Montemayor wird erst einmal gefrühstückt. Der Ort lebt von seinen Schwefelquellen.
Christian aus Koblenz trifft ein. Christian (ca. 30 Jahre alt) ist glaube ich der erste Pilger, den ich treffe, der den Weg wirklich aus rein religiösen Gründen macht.
Dann treffe ich auf Friedrich aus Essen. Wir sitzen abends zusammen und stellen fest, dass wir, wenn auch um drei Jahre zeitversetzt, in die gleiche Schule (Wickenburg in Essen) gegangen sind und von den gleichen Lehrern geärgert wurden. So klein ist die Welt…
Montag, 1. Juni 2009
Calzada de Bejar – Fuenterroble de Salvatierra (21 km)
Es ist eine meiner schönsten Wanderetappen. Um 06:30 Uhr gibt es schon Frühstück (Kaffee und 2 Zwieback). Noch ist es wirklich angenehm kühl und da die Strecke auf einer Höhe von 750 – 1000 m liegt, ist es auch später noch einigermaßen auszuhalten. Die Landschaft wird wieder grüner und es macht Spaß zu laufen.
Die Herberge von Fuenterroble gilt als „Muss“. Der Pfarrer des Ortes „Don Blas“ gilt als Schutzengel der Pilger und ist auf der ganzen „Via de la Plata“ bekannt. Gesehen habe ich ihn allerdings weder im Vorjahr, noch in diesem Jahr.
Die Herberge und ihre Atmosphäre ist zwar beeindruckend, aber es scheint auch alles etwas heruntergekommen.
Ich treffe Ryon wieder; sie will hier einige Tage bleiben und in der Herberge helfen. Sie bringt mich und die beiden Holländer Lida und Cor in einem schönen, kleinen Zimmer unter. Wir essen mittags in der Bar des Ortes, die Wirtin erkennt mich vom Vorjahr wieder, meint aber, dass ich damals eine andere Pfeife mit gehabt hätte (stimmt!).
Abends wird gemeinsam gekocht, 3 Holländer, 2 Spanier, 2 Deutsche und 1 Franzose. Es wird alles improvisiert; aber es ist einer der Momente, die man nicht vergisst und die den Weg ausmachen.
Dienstag, 2. Juni 2009
Fuenterrobble de Salvatierra – San Pedro de Rozadas (28 km)
– Endgültiger Abschied von Ryon, sie bleibt für ein paar Tage in der Herberge, um zu helfen.
– Abschied von Friedrich, er fährt mit dem Bus nach Madrid, um seine Frau abzuholen.
– Abschied von dem spanischen Paar Lucia und Miguel, mit denen ich seit Merida parallel laufe. Zwischendurch hatten wir uns immer mal für 1-2 Tage verloren. Sie fahren heute heim.
Heute sind 28 km zu bewältigen und der Tag verspricht heiß zu werden. Der Weg ist (zumindest in der ersten Hälfte) sehr schön, später wird es anstrengend, da es noch einmal auf 1000 m ansteigt, auf den Pico del Duena, entlang eines 2004 erbauten Windparks. Über die ganze Strecke gibt es keine Möglichkeit einzukehren oder seine Wasservorräte aufzufüllen, so dass ich wieder mit 2 L Wasser gestartet bin, ich habe sie auch gebraucht.
San Pedro de Rozadas ist öde, aber für 15 € bekomme ich ein schönes Zimmer. Nachmittags schleiche ich bei Gluthitze durch den Ort, verziehe mich dann aber ganz schnell wieder auf mein Zimmer; ich kann den Sinn der „Siesta“ jetzt besser verstehen. Cor und Lida, mit denen ich heute morgen gestartet bin, sind nicht eingetroffen. Sind sie verschollen?
Mittwoch, 3. Juni 2009
San Pedro de Rozados – Salamanca (25 km)
Wieder erlebe ich die spanische Pünktlichkeit. Um 07:00 Uhr gäbe es Frühstück, hat man mir zugesichert. Aber um 07:00 Uhr schläft noch alles. Um 07:30 Uhr lässt sich die verschlafene Hospitalera blicken und um 07:45 Uhr habe ich schließlich meinen Kaffee.
Die Landschaft ist leicht hügelig, der Weg verläuft überwiegend über steinige, staubige Pisten, auf denen zwar nur alle 15 Minuten mal ein Auto kommt, aber dann wird man in eine dicke Staubwolke eingehüllt. Um 10:00 Uhr sehe ich Salamanca in der Ferne liegen, aber es dauert fast noch 3 Stunden, bis ich im Zentrum bin. Die 25 km habe ich incl. Pausen in knapp 5 Stunden zurückgelegt, meine Kondition scheint zugenommen zu haben (Andere lachen über das Schleichtempo).
Die Herberge liegt in dem schönen Garten Huerto de Colixto y Melibia, in dem sich ein berühmtes Liebesdrama, ähnlich Romeo und Julia abgespielt hat. Der verliebte Jüngling hat sich von der Mauer des Gartens gestürzt, er wohnte genau in dem Haus, in dem sich heute die Herberge befindet. Ich wollte noch einmal an diesem Ort schlafen.
Salamanca ist schön und die „Plaza Mayor“ ist einer der schönsten Plätze, den ich kenne. Die Stadt ist voller Touristen, aber auch voller Studenten, sie ist die älteste Universitätsstadt Spaniens. Abends treffe ich Cor und Lida wieder. Lida hatte so große Schmerzen im Bein, dass sie per Anhalter nach Salamanca gefahren sind. Jetzt wollen sie ein paar Tage Pause machen und hoffen, dann weiter laufen zu können. Wir trinken noch einen Wein zum Abschied. Lange kann die Abschiedsfeier nicht dauern, denn, was ich nicht bedacht hatte, die Herberge wird um 22:00 Uhr abgeschlossen.
Donnerstag, 4. Juni 2009
Ende der Wanderung
Salamanca ist das Ende meiner diesjährigen Wanderung. Morgen treffe ich mich mit Gerda in Sevilla und wir wollen uns, diesmal mit dem Auto, ein wenig in Spanien umsehen. Wo? Natürlich auf der „Via de la Plata“.
4 1/2 Wochen war ich unterwegs, 720 km bin ich dabei gelaufen. 4 1/2 Wochen habe ich – abgesehen von zwei kurzen Gewittern – nur blauen Himmel und Sonnenschein erlebt. Die Strecke zwischen Granada und Merida war sooo schön, aber sehr einsam. Ab Merida, also auf der „Via de la Plata“, waren ca. 5-6 Pilger pro Tag parallel auf der Strecke, so dass man auch hier stundenlang allein war in dieser unendlichen Weite von Andalusien und der Extremadura. Diese Weite liebe ich, es geht mir gut; keine Blasen, keine dicken Füße… Eigentlich könnte ich noch ein paar Wochen dranhängen.
Man spricht mit anderen Pilgern natürlich darüber, worin der Reiz dieser Art des Wandern liegt. Tuulikki, eine Finnin, die ich ganz am Anfang kennen gelernt hatte, fand für sich eine ganz einfache Antwort:
„Ich spüre, dass ich lebe“