2011 Le Puy – Pamplona

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Map of the route “2011 Le Puy – Pamplona”: 808.499 m. It starts at 45.04277, 3.88282 and ends at 42.79318, -1.67336 (latitude, longitude).

Vorwort

Im vorigen Jahr bin ich von der Haustür aus nach Le Puy-en-Velay gelaufen. Diese Strecke will ich diesmal fortsetzen. Die Via Podiensis führt von Le Puy-en-Velay durch das Zentralmassiv über Conques nach St.-Jean-Pied-de-Port in den Pyrenäen. Mein Ziel ist es aber, bei Navarrenx die Via Podiensis zu verlassen und auf einer von Arles kommenden Route, der Via Tolosana, den Somportpass zu erreichen, um von dort aus über den Camino Aragonés Pamplona zu erreichen.

„Wenn wir zugeben, dass das menschliche Leben vom Verstand gelenkt werden kann, zerstören wir die Möglichkeit zu leben“

(Zitat aus einem meiner Lieblingsfilme „Into the wild“)

 

Mittwoch, 27. April 2011
Anreise nach Le Puy-en-Velay

Heute geht es los zu meinem diesjährigen Jakobsweg. Ich will dort beginnen, wo ich im letzten Jahr aufgehört habe, in Le Puy-en-Velay. Das Flugzeug geht um 07:30 Uhr von Düsseldorf nach Lyon. Vom Flughafen geht es mit der Eisenbahn weiter. Umsteigen und warten muss ich in Lyon und Saint Etienne, sodass ich gegen 14:00 Uhr in Le Puy eintreffe.

xIch will mir für mein Handy noch eine französische SIM-Karte mit der Möglichkeit des Internetzugangs kaufen. Das hat mich im vorigen Jahr schon einen halben Tag gekostet, diesmal geht es gar nicht. Das wäre zu kompliziert, war die lapidare Antwort des Verkäufers. Als ich daraufhin seinen Chef verlange, fragt mich dieser, warum ich denn überhaupt das Internet nutzen müsse. Eine tolle Frage für einen Mitarbeiter der französischen Telecom. Ich habe die Nase voll und gehe. Jetzt muss ich sehen, wie ich jeweils einen Internetzugang finden kann.

Es folgt ein Rundgang durch Le Puy, das Städtchen ist schön. Heute Morgen sollen über 100 Pilger an der Frühmesse teilgenommen haben und anschließend gestartet sein. Das Wetter ist den ganzen Tag sonnig, aber jetzt, gegen Abend, regnet es. Da alle Herbergen im Ort belegt sind, nehme ich ein Zimmer im „Hotel de Capucins“.

 

Donnerstag, 28. April 2011
Le Puy – St.-Privat d’Allier (23,5 km)

Le Puy quillt über von Pilgern. Ich starte gegen 08:00 Uhr nach einem einigermaßen guten Frühstück. Der Himmel ist bewölkt, aber ab und zu lässt sich auch die Sonne blicken.
Der Weg ist schön, es geht ausschließlich über Feld- und Waldwege und die Beschilderung ist vorbildlich, sodass es sogar mir nicht gelungen ist, mich zu verlaufen. Die erste Etappe einer solchen Wanderung bringt immer die gleichen Probleme: Die Hüften tun weh, die Knie melden sich, die Arthrose in den Ballen ist aus dem Winterschlaf erwacht und die Speckringe auf den Hüften sind beim Erklimmen der Berge nicht gerade hilfreich. Ich bin optimistisch, dass sich das nach ein paar Etappen legen wird. Mein erstes Ziel, St.-Privat-d’Allier erreiche ich gegen 14:00 Uhr. Ich entschließe mich in die christliche Herberge „Gîte Accueil pelerin“ auf Spendenbasis zu gehen. Zuerst wird unser Rucksack samt Inhalt desinfiziert, da es auf diesem Weg viele Krabbeltiere (Wanzen, Flöhe …) geben soll.

Die Atmosphäre in der Herberge ist schön. Gemeinsam mit der Gastfamilie wird gegessen, gesungen und gebetet. Leider sind alle Mitpilger Franzosen, sodass eine wirkliche Unterhaltung schwierig ist, da meine guten Vorsätze, etwas an meinen Französischkenntnissen zu arbeiten, irgendwo verloren gegangen sind.

 

Freitag, 29. April 2011
29.04. Saugues (19 km)

Die Nacht war ruhig. Dass bei 12 Personen im Schlafraum kein Schnarcher dabei ist, ist schon die Ausnahme. Nach dem gemeinsamen, gemütlichen Frühstück um 07:30 Uhr machen wir uns gegen 08:30 Uhr auf den Weg, nachdem jeder seinen freiwilligen Obolus für den Schlafplatz und das Essen entrichtet. Ich bin mir immer sehr unsicher, was dabei angemessen ist. Auf sehr steilen, glitschigen und steinigen Pfaden geht es tief hinab zu dem romantisch in einer Schlucht liegenden Ort Monistrol-d’Allier. Der erste Pilger, der mit mir in Le Puy gestartet ist und sich den Weg als Spaziergang vorgestellt hat, gibt auf und will morgen heimfahren. Bei einem Kaffee lerne ich ein amerikanisches Paar kennen, das seit mehreren Jahren nach Europa fliegt, um ein Stück Jakobsweg zu laufen.

xEs sind wieder interessante Menschen auf dem Weg. Beeindruckend finde ich ein Mutter-Sohn-Gespann aus Paris. Die Mutter erzählt mir, dass Patrick, ihr Sohn, 18 Jahre alt, völlig abgeglitten war: Schule geschmissen, die ersten Drogen- und kriminellen Delikte. Da hat sie sich ihr Jüngelchen geschnappt, ist mit ihm seit Wochen von Paris aus unterwegs nach Santiago. Übernachtet wird nur in Herbergen, sie verpflegen sich ausschließlich selbst, Alkohol ist tabu. Ich glaube, dass das funktioniert. Patrick macht, trotz seines ausgeflippten Aussehens, einen ganz lieben, verunsicherten Eindruck. Ich hoffe, ich kann die Geschichte noch etwas verfolgen.

So wie es nach Monistrol-d’Allier steil bergab ging, geht es jetzt auf der anderen Seite über 450 Höhenmeter wieder steil bergauf. Noch ziemlich am Anfang des Aufstiegs beginnt es sintflutartig zu regnen. Da ich nicht weiß, ob der Regen anhält, frage ich mich, was ich tun soll. Alternative 1 wäre, nach Monistrol-d’Allier zurückzulaufen, um sich dort eine Unterkunft zu suchen, Alternative 2 heißt noch ca. 4 Stunden weiterlaufen, wohl wissend, dass zwischendurch keine Unterkünfte vorhanden sind. Nachdem die Sintflut etwas nachgelassen hat, entschließe ich mich weiter zu gehen. Das war im Nachhinein richtig. Zwischendurch kommt zwar immer wieder ein Schauer, aber der Weg ist bei aller Anstrengung wunderschön. Der Jakobsweg läuft hier weitgehend parallel mit dem französischen Fernwanderweg GR 65. Mein Regenponcho hat gute Dienste geleistet. In Saugues suche ich mir ein einfaches Hotel und versuche meine Sachen zu trocknen. Das Zimmer hat zum Glück eine Heizung. Als ich in der letzten Herberge die Inhaberin auf die Übernachtungssituation in Saugues ansprach, meinte sie, dass das wohl etwas schwierig werden wird, aber ich brauchte nur genügend „confiance“ (Vertrauen), dann finde man immer etwas. Na bitte, sie hat recht gehabt und ich hatte einen schönen Tag.

 

Samstag, 30. April 2011
St-Alban-sur-Limagnole (33 km)

Die heutige Etappe wird im Reiseführer mit 8 1/2 Stunden Gehzeit angegeben, ich habe tatsächlich 8 Stunden gebraucht. Das Landschaftsbild hat vom Hoch- zum Mittelgebirge gewechselt. Der Weg verläuft über einsame Waldwege, wobei immer wieder tief im Tal liegende Bächlein zu überqueren sind, dann aber auch über Hochebenen der Margeride. Die Margeride ist ein granitisches Mittelgebirge, ganz unvermittelt ragen durch Verwitterung abgerundete Granitfelsen aus dem Boden, die wie riesige Murmeln aussehen. Wir liegen hier auf einer Höhe von 1200 – 1300 m. Die Natur ist entsprechend noch weit zurück. Einige Bäume sind noch kahl, Wildnarzissen verleihen den Hängen einen weißen Schleier. Ich schätze, dass mit mir ca. 100 Pilger parallel auf dem Weg sind, trotzdem sehe ich manchmal eine Stunde keinen Menschen. Die meisten Begegnungen sind mit einem kurzen Schwätzchen verbunden. Jüngere Pilger sind kaum zu sehen, das war auf dem Camino Francés ganz anders. Vielleicht hängt das auch mit den Schul- und Semesterferien zusammen. Mein Ziel, St-Alban-sur-Limagnole, erreiche ich ziemlich müde und erschöpft. Ich habe Glück gehabt, denn das Wetter hat hervorragend mitgespielt.

 

Sonntag, 1. Mai 2011
Aumont-Aubrac (14,5 km)

xIch habe nicht in den Mai hinein getanzt, sondern hinein geschlafen. Die gestrige Wanderung hat mich doch ein wenig geschlaucht, so dass ich um 21:00 Uhr in meinen Schlafsack gekrabbelt bin. Gestern Abend saßen wir noch in netter Runde (Deutsche und Franzosen) zusammen und haben Erfahrungen und Sprachkenntnisse ausgetauscht. Ich starte bei strahlend blauem Himmel, aber heute Nacht hat es gefroren und es ist eiskalt. Trotzdem ziehe ich meine Jacke schnell wieder aus, denn die Sonne hat eine gewaltige Kraft. Der Weg ist ausgesprochen schön, aber auch anstrengend. Das in meinem Reiseführer (Rother) angegebene Höhenprofil sagt nur einen Teil der Wahrheit. Verläuft der Weg von A (1100 m) nach B (1200 m), so ist hier eine Steigung von 100 m angegeben, wobei verschwiegen wird, dass dazwischen noch tiefe Schluchten liegen, die man auf steilen Pfaden überwinden muss. Schon gegen Mittag erreiche ich Aumont-Aubrac, ein verschlafenes Nest. Ich muss meine heutige Wanderung beenden, da es bis zur nächsten Unterkunft zu weit wäre. Die Gîte d’Étape, in die ich mich einmiete, hat 20 Betten, die so eng aneinander stehen, dass kaum ein Rucksack dazwischen passt. Mal sehen, wie das heute Nacht wird, jetzt gilt es erstmal den Nachmittag zu vertrödeln.

 

Montag, 2. Mai 2011
Nasbinals (27 km)

Ich frühstücke zusammen mit einem jungen, netten französischen Paar, das aus Le Puy bzw. St. Etienne stammt. Beide haben gerade die Schule hinter sich und angefangen zu studieren. Jung, hübsch, intelligent und sooo… verliebt. Möchte ich noch mal 20 sein? Das nicht, aber ein wenig melancholisch werde ich schon. Wir stellen fest, dass wir gleichzeitig in Le Puy gestartet sind. Sie haben aber insgesamt nur 14 Tage Zeit und fühlen sich auch nicht als Pilger, sondern als Wanderer. Heute wollten sie die gleiche Strecke wie ich laufen, aber ich bezweifle, dass sie das schaffen, denn der junge Mann hat geschwollene Knie und es wäre leichtsinnig, damit so weit zu laufen. Ein Stück laufe ich mit einem Luxemburger, später zieht er mit einem Tempo davon, bei dem ich nicht mithalten kann. Irgendwann finde ich seine Mütze und trage sie ihm hinterher. Hoffentlich läuft mir jemand mit meinem Taschenmesser hinterher, dass ich bei der letzten Rast habe liegen lassen. Die Landschaft der Aubrac ist faszinierend und menschenleer. Die Wiesen und Hügel sind mit einem Blumenteppich bedeckt, Narzissen, wilde Stiefmütterchen, gelber Enzian, sowie einige seltene Orchideen. Teilweise bin ich so beeindruckt, dass ich vor Staunen und Fotografieren nicht weiterkomme. Mitten zwischen den Blümchen treffe ich auf einen älteren, französischen Pilger. Ein kurzes Schwätzchen, er bietet mir etwas Trockenobst an, ich kann mich mit Pfeifentabak revanchieren. Wie gestern waren auch heute Morgen die Wiesen mit Raureif überzogen. Auf der einen Seite ist die Sonne so heiß, dass mir mein kurzärmliges Hemd reicht, auf der anderen Seite ist der Wind so kräftig und kalt, dass ich mir aus meinen (gewaschenen) Socken und einer Sicherheitsnadel einen Schal bastle. In Nasbinals nehme ich mir ein Zimmer für mich allein, leider ist es eiskalt und der Heizkörper reagiert nicht. Hier in dieser Gegend scheint es sinnvoll zu sein, jeweils Halbpension zu buchen. Das ist preiswerter, als ein Abendessen separat zu bestellen. Ich spare mir die Qual der Wahl und esse das, was mir vorgesetzt wird und das ist meist sehr umfangreich und lecker. Das Essen ist in Spanien mit den dort angebotenen Pilgermenüs zwar wesentlich billiger, aber hier ist der Standard höher.

Jetzt werde ich Duschen, Wäsche waschen und mir noch ein wenig das Städtchen ansehen …

 

Nachtrag: Essen in Frankreich

Die Differenz zwischen Übernachtung und Übernachtung mit HP betrug 16 €, wobei das Frühstück allein 7 € gekostet hätte. Das Abendessen der Halbpension:

 

  • Schnittchen mit Lachs, Schinken und Kaviar
  • Zwei überbackgene Tomaten, bedeckt mit einer Frikadelle
  • Wildschweingulasch mit Aligot (Kartoffel-Käse-Püree)
  • Auswahl aus 8 Sorten Käse
  • Mandel-, Nuss, Früchtekuchen

xZuerst dachte ich, man hätte mir Tapetenkleister serviert, aber Aligot ist ein kulinarisches Highlight der Region, eine Kartoffelpüree-Käse-Matsche, die sogar ganz lecker ist.

 

 

 

 

 

 

Dienstag, 03. Mai 2011
St-Chely d’Aubrac (17 km)

xIch kämpfe mit aufgescheuerten Stellen und Blasen an den Füßen. Bei meinen letzten Wanderungen war ich so froh, damit nichts zu tun zu haben, aber jetzt hat es mich auch mal erwischt. Es begann mit meinen hervorstehenden Ballenknochen, die zuerst wund wurden. Da ich keine Löcher in die Schuhe schneiden wollte, um ihnen Raum zu geben, habe ich die Schuhe etwas lockerer geschnürt, was sich sofort gerächt hat, denn dadurch sind jetzt die Fersen wund und voller Blasen.

Heute Morgen bin ich losgehumpelt und dachte, ich könne keine drei Kilometer weit laufen, aber irgendwann überwindet man die Pein und es sind zumindest knapp 20 Kilometer geworden. Da es dann auch noch anfing kräftig zu regnen, habe ich mittags Schluss gemacht.

Die Wanderung war schön, zuerst ging es noch einmal durch die Blumenteppiche der Hügel der Aubrac, diesmal etwas unwirklich im Nebel, teilweise Regen und einem eiskalten Wind, sodass ich heute meine Jacke gut brauchen konnte. Danach ging es um 500 Höhenmeter über geröllige Wanderpfade ziemlich steil bergab, sodass die Knie etwas wackelig wurden.

Dazwischen gab es immer die Schwätzchen mit Mitpilgern. Da fast alle die gleichen Etappen laufen, kennt man sich inzwischen.

Häufig treffe ich das amerikanische Paar. Die Beiden freuen sich auch immer mit Jemandem zu reden, der sie verstehen kann, da sie selbst kein Französisch können. Das junge französische Liebespaar hat die größere Strecke von vorgestern auch gepackt.

Ich habe mich entschlossen, doch überwiegend in Hotels zu übernachten, da die Krabbeltiere (Flöhe, Wanzen …) wohl doch ein sehr großes Problem darstellen, dies natürlich besonders in den Herbergen und Gîtes. Das Risiko ist in den Hotels hoffentlich etwas geringer, aber auch in dem Hotel, in dem ich jetzt untergekommen bin, liegen Hinweiszettel aus, wie man die Tierchen bzw. deren Bisse erkennen kann und wie man sich verhalten solle. Besonders hilfreich finde ich den Hinweis, dass die Tiere kälteempfindlich sind und man den Rucksack samt Inhalt in den Gefrierschrank stellen solle. Ich habe noch keinen Pilger getroffen, der einen Gefrierschrank mit sich führt.

(Nachtrag: später erzählt mir ein Hotelbesitzer, dass die Floh- und Wanzenprobleme nicht nur in den Herbergen existieren, sondern dass auch 5-Sterne-Hotels damit zu kämpfen haben.)

 

Mittwoch, 04. Mai 2011
Espalion (22,5 km)

Gut, dass ich gestern früh Schluss gemacht hatte. Nachdem ich noch einigermaßen trocken mein Quartier erreicht hatte, hat es dann für den Rest des Tages nur noch geschüttet und es war ausgesprochen kalt.

Begegnungen:
Der Jakobsweg ist ein Weg der Begegnungen und davon hatte ich heute einige:

Es begann beim Frühstück, ich saß mit dem amerikanischen Paar zusammen, dem ich schon mehrmals begegnet bin. Wir haben uns ausgetauscht, was wir beruflich machen bzw. gemacht haben. Da erzählt er mir, dass er 40 Jahre lang Pfarrer der gleichen Gemeinde war und am Tag seiner Pensionierung (vor ein paar Tagen) seinen Rucksack gepackt und Richtung Jakobsweg geflogen ist. Die offizielle Verabschiedung stände noch aus und wie er die überstehen würde (da schossen ihm die Tränen in die Augen) wisse er nicht. ‚Aber‘, meinte er, ‚mein Nachfolger ist noch nicht da, und vielleicht wird der Herrgott ja noch was dran drehen‘.

Er scheint mir ein Erzkonservativer zu sein. ‚Stell Dir vor‘, sagt er mir, ‚da gibt es Pilger, die auf dem Jakobsweg Wein statt Wasser trinken …‘. (Upps…)

Am Frühstückstisch sitzt noch eine Dame, die mir so gar nicht den Eindruck einer Pilgerin macht, aber der Rucksack steht neben ihr. Sie ist Literaturprofessorin aus Paris und spricht alle gängige europäische Sprachen. Sie hasse das Laufen, sagt sie mir, aber nirgendwo auf der Welt gäbe es die Möglichkeit, so viele interessante Menschen kennenzulernen. Und wenn Jemand ihr Interesse fände, würde sie ihn (Zitat) „auslutschen“. Ich mache, dass ich wegkomme.

Auf dem Weg plaudere ich mit einer Norwegerin (ca. Ende 70), die ihre Kindheit in Bayern verbracht hat und noch recht gut Deutsch spricht. Sie hat 12 Kinder, jede Menge Enkel und Urenkel, sodass sie völlig den Überblick verloren habe. Sie lässt ihr Handy immer aus, da ständig Irgendjemand anruft, um nach dem Befinden der Mutter/Oma/Uroma zu fragen. Einmal im Jahr müsse sie vor der Familie flüchten …

Dann ist da noch ein Pilger, den ich vor ein paar Tagen schon einmal mit einer fürchterlich großen Beule auf der Stirn gesehen habe. Die Schwellung ist inzwischen weitgehend zurückgegangen, zurückgeblieben sind viele bunte Farben und Abschürfungen. Er erzählt mir, dass er aus Devon (England) komme und vor einigen Tagen gestürzt und mit der Stirn auf einen Stein geprallt sei. Das Schlimme war, meinte er, dass die Augen zugeschwollen waren und dass ihm das Probleme beim Wandern bereitet habe.

Ach ja, dann ist da noch eine Französin, der ich blöderweise erzähle, dass ich Blasen an den Füßen habe. Ungefragt packt sie Ihr Arzneimittelköfferchen (mindestens 2 Kilogramm) aus mit Tinkturen, Pflastern, Bandagen, Zäpfchen, Tabletten und will mich verarzten. Als ich nicht will, malt sie mir in den schlimmsten Farben aus, was alles passieren könne. Ich glaube sie ist pikiert, als ich ihr sage, dass mein Bestand an Medikamenten und Schönheitsmitteln aus meinem Labello-Stift, 3 Pflastern und dem mickrigen Rest einer Tube Hirschtalgcreme besteht.

Das alles hört sich so an, als ob ich den ganzen Tag nur geschwatzt hätte. Das stimmt nicht, denn zu 95 Prozent bin ich allein gelaufen. Zuerst ging es über schöne Waldwege, dann über steinige Pfade nach St-Come-d’Olt. Hier findet man sich in einer anderen Welt wieder: Enge Gassen, kleine Plätze und Wohnhäuser aus dem 15.Jh. prägen den spätmittelalterlichen Ort, der (laut Reiseführer) zu den schönsten Orten Frankreichs gehören soll. Darüber kann man sich sicher streiten, ich habe mich über die vielen Autos im Ortskern geärgert, die das schöne Ortsbild verschandeln (wie überall). Danach ging es noch einmal am Flussufer des „Lot“ entlang, ehe ich mein Ziel, das ebenfalls mittelalterliche, ehemalige Gerberstädtchen „Espalion“ erreichte. Bei aller Kultur, die Espalion sicher zu bieten hat, mein Interesse liegt primär bei einem schönen, großen, kalten Bier …

Nachtrag: Das Wetter war heute einfach nur traumhaft. Nachdem sich die Frühnebel aufgelöst hatten, wurde es immer sonniger, und da ich gleichzeitig von ca. 800 m auf 300 m abgetaucht bin, hat sich die Vegetation von „Vorfrühling“ in „Sommer“ gewandelt. Jetzt sitze ich im Schatten und es ist trotzdem noch richtig warm; ich bin happy und müde.

 

Donnerstag, 05. Mai 2011
Golinhac (Campuac) (22,5 km)

Du wachst morgens auf, du hast keine Ahnung, was der Tag dir bringt.

Du weißt nicht, wie steinig der Weg und wie viel Höhenmeter du überwinden musst.

Du weißt nicht, wo du abends landest und wo du ein Bett findest.

Das finde ich so spannend, dass ich mich jeden Morgen aufs Loslaufen freue. Manchmal ist es auch gut, dass man nicht weiß, was einen erwartet, sonst würde man gar nicht loslaufen wollen.

xDie Wege sind wunderschön, gehen aber zu 90 Prozent steil bergauf oder bergab, allmählich möchte ich auch mal wieder in der Ebene laufen. Der heutige Weg führt über eine Pilgerbrücke aus dem Jahr 1520 ins Dorf Estaing mit einer riesigen Burganlage. Ich beschäftige mich ein wenig mit der Geschichte der Burg, habe aber keine Zeit, sie mir anzusehen, denn es sind 28 steinige und steile Kilometer zu überwinden.

Als ich ziemlich müde im Dorf Golhinac ankomme, ist dort kein Bett mehr zu bekommen. Eine nette Dame telefoniert für mich in der Gegend herum und ich kann noch im Nachbarort Campuac unterkommen. Der Pfarrer des Dorfes vermietet dort Betten und holt mich persönlich mit dem Auto ab. Leider ist der Koch des (einzigen) Restaurants krank und ich bekomme mal wieder nichts Warmes zu essen.

Also das gleiche Abendessen wie gestern (1 Baguette, etwas Wurst und Käse … und einen Schluck Rotwein).

 

Freitag, 06. Mai 2011
Conques (28 km)

Ich muss aus dem Nachbarort irgendwie wieder zurück auf den Weg finden. ‚Kein Problem‘, denke ich, ‚du hast ja dein NAVI‘. Bisher hatte ich es noch nicht benutzt.

‚Blödmann‘, sage ich kurz darauf zu mir selbst, denn ich habe die Speicherkarte mit der Landkarte von Frankreich zu Hause in der Schublade liegen. Am meisten ärgert mich, dass ich jetzt das Gerät mit Ladegerät und Ersatzakkus umsonst durch Frankreich trage.

xDer Weg ist wie immer bergig, anstrengend und wunderschön. Ein Hotelzimmer ist auch in Conques nicht zu bekommen, aber wenigstens ein Bett in der Pilgerherberge der Presbyterianer, einschließlich Messe am Abend und Pilgersegen am Morgen. Conques liegt in einem schwer zugänglichen Seitental des Lot. Hier befindet sich die Abtei Conques, ein beeindruckendes Bauwerk romanischer Kunst. Rund um die Abtei liegt das mittelalterliche Dorf, eng in eine Schlucht gepresst. Es ist so märchenhaft, dass ich erwarte, dass gleich der gestiefelte Kater oder König Drosselbart um die Ecke kommt.

Es sind so viele Pilger unterwegs, dass allein in dieser Herberge über 100 Pilger einen Schlafplatz finden. Daneben gibt es noch die kommunale Herberge, einige Privatunterkünfte und Hotels.

Vor dem Abendessen wird natürlich erstmal gesungen und gebetet. Das Essen selbst ist einfach, aber wenn man Hunger hat, isst man alles. Beim Essen komme ich mit einem jungen Kanadier ins Gespräch, der in Le Puy gestartet ist und bis Santiago durchlaufen will. Dann ist da noch eine Schweizerin, die leider auch kein Deutsch spricht, der Rest sind Franzosen. Deutsche habe ich kaum getroffen.

Nach dem Abendessen geht es natürlich in die Abtei zur Abendmesse. Ein Mönch bittet einen Engländer und mich einen Segen auf Englisch und auf Deutsch vorzulesen (so hatte ich ihn verstanden). Auf dem Weg zum Altar drückt er uns einen Zettel mit dem Segen in die Hand. Als ich loslegen will, stelle ich fest, dass der Segen nur in Französisch geschrieben ist. Er hatte auf eine Übersetzung gehofft. Ich bastle mir schnell meinen eigenen Segen, der Mönch schaut mich etwas irritiert an. Die Abtei von Conques wird auch das überstehen.

 

Samstag, 7. Mai 2011
07.05. Livinhac-le-Haut (24 km)

Das waren knapp 1000 Höhenmeter heute, wie kann eine Gegend so viele, tief eingegrabene Flusstäler haben? Aber es ist schön und allmählich müsste ich Beinmuskeln wie Tarzan haben. Das Wetter, das in den letzten Tagen nur sonnig war, scheint zu kippen. Es hat den ganzen Tag so gestürmt, dass ich oft mit voller Körperkraft gegenhalten musste. Es ist trotzdem warm, die Vegetationsstufe hat sich wieder mal geändert, hier blühen schon die Rosen und die ersten Kirschen sind reif.

Auf dem Weg treffe ich zwei junge Amerikaner, die ihre Wanderung in Paris gestartet haben und die bis Santiago durchlaufen wollen, wobei sie nur im Zelt schlafen und sich seit ihrem Start noch nicht rasiert haben. Na ja, so richtig gepflegt sehen sie nicht aus.

Ich erreiche Livinhac-le-Haut. Das einzige Hotel ist geschlossen, eine der zwei Herbergen ist so grauenhaft, sodass ich schnell das Weite suche. Da fällt mir das Plakat eines Campingplatzes ins Auge, hier werden auch Übernachtungsmöglichkeiten angeboten. Ich kann ganz allein in einem Wohnwagen am Flussufer schlafen. Nach der gestrigen Massenunterkunft ist es genau das, was ich gesucht und gefunden habe.

xDass man auf einem Zeltplatz richtig kulinarisch speisen kann, das hatte ich nicht erwartet. Es gibt ein leckeres Mehrgangmenü, dass ich mir für das Geld nicht erträumt hätte, denn ich habe für die Übernachtung im Wohnwagen einschließlich Abendessen und Frühstück gerade mal 28 € bezahlt. Beim Abendessen sitze ich mit einem Fahrradpilger zusammen, der aus Österreich Richtung Santiago unterwegs ist und mir erzählt, dass er im Moment das Rad mehr schiebt, da die Steigungen zu groß sind.

Danach noch ein Schwätzchen mit Etienne, dem Kanadier und Nicole (?) aus der Schweiz. Um 21:30 Uhr falle ich todmüde ins Bett.

 

 

Sonntag, 8. Mai 2011
Figeac (26 km)

Die Nacht in meinem Wohnwagen war schön. Ich überlege ernsthaft, ob ich nicht einen Tag hierbleibe und faulenze. Aber dann packe ich doch meinen Rucksack, das schöne Wetter lockt mich auf die Wanderwege und wieder wird es ein phantastischer Tag. Figeac hat eine intakte mittelalterliche Altstadt, Gegen Nachmittag wird es richtig heiß, dass man sich in den Schatten verkriecht. Ich habe ein Zimmer in einem kleinen Hotel am Fluss Célé. Während ich jetzt (20:00 Uhr) auf der Terrasse des Hotels sitze, sehe ich – mit Blick auf die Brücke – noch einen Pilger nach dem anderen müde eintrudeln. Hoffentlich finden sie noch alle eine Unterkunft, aber die meisten buchen vor (im Gegensatz zu mir).

Die morgige Strecke wird mehr als 30 km werden, zwischendurch gibt es leider keine Einkehrmöglichkeit. Ich hoffe, dass es nicht so heiß wird, wie es heute ist. So, jetzt gehe ich schlafen …

 

Montag, 9. Mai 2011
Cajarc (31 km)

Heute führt der Jakobsweg über die „Causse Quercy“, das ist eine unwirtliche Kalkhochfläche mit Eichenwäldern und kargen Schafweiden. Da gibt es Dolmen und Menhire, steinerne Zeugen einer frühen Besiedlung. Im Herbst wird hier nach Trüffeln gesucht und außerdem soll hier der Safrankrokus angebaut werden, leider weiß ich nicht, wie der aussieht. Auf diesem Streckenabschnitt ist es wichtig, genügend Wasser mit sich zu führen, denn die Besiedlung ist dünn und die Sonne scheint erbarmungslos.

xDie im Reiseführer angegebenen 8 Stunden Gehzeit habe ich tatsächlich gebraucht (sonst bin ich immer etwas schneller), aber heute war es sehr heiß, hügelig und der Untergrund mitunter sehr steinig. Ich hatte von Figeac aus ein Hotel vorgebucht, sodass ich völlig entspannt daher wandern konnte. Mitpilger habe ich nur sehr wenig getroffen, keine Ahnung, wo die alle geblieben sind. Mein Hotel in Cajarc liegt am Ortsanfang, sodass ich mir den Ort (1200 Einwohner) noch gar nicht ansehen konnte und ich glaube kaum, dass ich das heute noch tue, denn im Moment sitze ich müde, entspannt und zufrieden auf der Terrasse des Hotels (sauber und mit gewaschener Wäsche) und freue mich auf das Abendessen, bisher habe ich nur gefrühstückt und zwischendurch mal irgendwo einen Kaffee getrunken.

Auf dem Weg habe ich heute ein Gekritzel auf einem Stein gelesen „La joie n’est pas dans les choses, elle est en nous“ (Die Freude liegt nicht in den Dingen, sie liegt in uns). Wie wenig man manchmal braucht, um sich richtig zu freuen: ein Wasserkran mit schönem kalten Trinkwasser, eine geregelte Verdauung (denn nichts ist unangenehmer, als wenn man im Gelände mal muss) und ein guter, erholsamer Schlaf.

 

Dienstag, 10. Mai 2011
Varaire (25 km)

Noch immer bewege ich mich durch die „Causse“. Die Landschaft ist leicht hügelig, aber von einigen tiefen Flusstälern zerschnitten. Die Wege sind steinig, teilweise geschottert, was das Laufen anstrengend macht. Die Besiedlung ist so dünn, dass man stundenlang laufen kann, ohne eine Ortschaft zu durchqueren und viele der ehemaligen kleinen Bauernhöfe sind aufgegeben worden und verfallen vor sich hin.

Ich beobachte einen Bauern, der sein Feld pflügt, das überwiegend aus Steinen besteht. Was man hier noch ernten kann, weiß ich nicht. Aber für uns Wanderer hat die Gegend einen Reiz. Viele zwergwuchsartige Eichen spenden zumindest ein wenig Schatten und den braucht man heute, denn es ist hochsommerlich heiß. Wie fast bei jeder meiner Wanderungen habe ich mal wieder meinen Hut (diesmal den aus Vietnam) verloren oder irgendwo liegen lassen. Vermutlich kann ich mir erst in Cahors einen neuen kaufen. Seitdem knote ich mir ein nasses Taschentuch auf den Kopf, das sieht sicher doof aus, aber es hilft.

In Limogne verpasse ich einen Abzweig zu meinem Zielort Varaire. Rosanna, eine Pilgerin aus der Schweiz, ruft mir hinterher, dass ich falsch bin. Wir laufen die letzten paar Kilometer gemeinsam.

Rosanna arbeitet bei einer Schweizer Firma, die Kleinstteile für Uhren, Schmuck, medizinische Geräte herstellt. Sie ist zuständig für den Einkauf, insbesondere den der Edelmetalle (Gold, Platin …). Sie hat in der Firma ihre Handynummer hinterlassen, mit der Auflage, sie nur in Notfällen anzurufen. Dass sie bisher, nach 14 Tagen Lauferei, noch niemand angerufen hat, macht sie sehr nachdenklich. ‚Offensichtlich braucht mich gar keiner in der Firma. Bin ich vielleicht überflüssig?‘, ist ihr Kommentar.

Nachdem das Hotel gestern in Summe doch etwas teuer war, bin ich heute mal wieder in eine Gîte d’Étape eingekehrt (es gab sowieso nichts anderes). Die Gîte ist schön und ich schlafe in einem Vierbettzimmer, zusammen mit einem Amerikaner (der morgen seine letzte Etappe macht und dann heimfliegt) und Rosanna. Rosanna hat mit Blasen an den Füßen zu kämpfen, so dass sie versucht, nicht mehr als 15 km pro Tag zu laufen.

Das Abendessen in der Gîte ist lecker: gute französische Hausmannskost. Wir sind eine lustige Runde, Rosanna, der Amerikaner, Kiki und ihr Mann (Franzosen), Jean François (ein 76-jähriger Franzose, der mit größerem Tempo läuft als ich) und zwei Französinnen, die ich bisher noch nicht getroffen habe.

Um 21:00 Uhr liegen alle erschöpft im Bett und schlafen.

 

 

Mittwoch, 11. Mai 2011
Cahors (32 km)

Es soll heiß werden heute, deshalb starte ich schon um 07:30 Uhr. Es heißt auch immer Abschied nehmen auf dem Weg, diesmal Abschied von Rosanna und dem Amerikaner, die ich sicher nie mehr wieder sehen werde. Der Amerikaner will nächstes Jahr wieder kommen, um sich Jahr für Jahr Santiago zu nähern. Kiki und ihren Mann sehe ich sicher wieder, wir treffen uns eigentlich regelmäßig. Die ersten zwei Stunden meiner Wanderung sehe ich keinen Menschen, dann überholt mich Jean-François, er erzählt mir, dass gestern Claude, ein französischer Pilger, auf dem Weg verstorben sei. Ich hatte gestern Morgen mit Claude noch ein kurzes Gespräch, das Übliche (‚Woher kommst Du? Wohin willst Du? ….‘) ‚Ein schöner Tod‘, sagt Jean-François, ‚auf dem Jakobsweg tot umfallen, das ist doch schöner, als im Altenheim zu verfaulen.‘

Ich treffe noch eine jüngere Frau vom örtlichen Fremdenverkehrsverein, sie hat die Aufgabe, die regionalen Wanderwege abzulaufen, um festzustellen, ob die Beschilderung noch in Ordnung ist. Die Beschilderung ist wirklich super, aber auch erforderlich, denn wenn man sich hier verläuft, bekommt man Probleme.

Die ersten 20 Kilometer laufe ich noch recht problemlos, dann wird es immer heißer und es gibt auf der ganzen Strecke keine Möglichkeit, irgendwo einzukehren. An einem einsamen Gehöft schwatze ich mit einer alten Frau, die mühsam aus ihrem Gärtchen eine Handvoll Erdbeeren pflückt und ich kann sie nicht davon abbringen, mir einige zu schenken. Ein schönes Foto habe ich von ihr gemacht.

Dann wird es mühsam, es gibt kaum noch Schatten, erst geht es noch einmal nach oben, danach verläuft der Weg extrem steil ins Lottal Richtung Cahors. Ich habe schon vier Blasen an den Zehenkuppen, allmählich reicht es. In Cahors gibt es eine Gîte und eine Jugendherberge. Da ein französisches Paar, mit denen ich nicht auf einer Wellenlänge liege, sich für die Gîte entschieden hat, entscheide ich mich für die Jugendherberge. An der Rezeption ist niemand; als nach 45 Minuten immer noch keiner erscheint und die Typen, die hier rumlungern, mir nicht sehr vertrauensvoll erscheinen, suche ich mir ein Hotel.

xCahors ist eine interessante, geschichtsträchtige Stadt, aber als ich durch die Haupteinkaufsmeile mit Mode- und Souvenirläden gehe, widert mich das alles nur an. Es ist genau der Gegenentwurf zu dem, was mich hier auf dem Weg zufrieden stellt. Na ja, zumindest konnte ich mir einen neuen Hut kaufen.

 

Donnerstag, 12. Mai 2011
La Bouysse (31,5 km)

Wie fast an jedem der letzten Tage beginnt die Wanderung mit einem schweißtreibenden Aufstieg aus dem Lottal, vor mir eine Gruppe französischer Wanderer. Ich überhole sie, bin dann etwa zwei Stunden allein, glaube sie mindestens 1/2 h hinter mir gelassen zu haben und bin plötzlich ganz erstaunt, als mir dieselbe Gruppe, die das gleiche Ziel wie ich hat, entgegenkommt. Irgendwie bin ich im Kreis gelaufen, obwohl ich immer brav den Markierungen gefolgt bin. Ich werde nie erfahren, wo ich etwas falsch gemacht habe.

Der Tag ist trüb, ab und zu kommen ein paar Regentropfen, aber nach der gestrigen großen Hitze ist es eine Erholung.

Nur wenige Mitpilger sind zu sehen, Jean-François überholt mich in seinem hohen Tempo, Kiki und ihr Mann rasten abseits auf einer Wiese und winken mir zu, sonst bin ich allein. Die Kalkhochfläche der „Quercy Blanc“ ist überwiegend landwirtschaftlich geprägt durch steinige Felder mit Getreide. Auf den Hochflächen dominieren niedrige Eichenwälder. Der Weg führt über kleine Weiler und einzelne Gehöfte.

Die geplante Strecke von Cahors nach Montcuq ist 32 km lang und durch das ständige Auf und Ab anstrengend. Fünf Kilometer vor meinem Ziel, Montcuq, weiche ich vom Weg ab und folge dem Hinweis auf eine private Zimmervermietung.

Die angegebenen 1,2 Kilometer stimmen nicht, denn der Weg führt über mindestens 3 Kilometer recht steil bergab (morgen früh darf ich wieder raufkrabbeln). Ich treffe noch eine französische Pilgerin, Evelyne, die ebenfalls dort hin will, aber vorgebucht hat. Das Ziel erweist sich als ein großes Gehöft (Chez Gisele + Pierre Couture).

Die Wohnküche, in der wir empfangen werden, hat einen riesigen Kamin und erinnert mich an die Küchen in alten Schlössern. Nach einem Kaffee bekommt jeder sein Zimmer, mit der Auflage, dass, wenn noch andere Pilger eintreffen sollten, wir die Zimmer teilen müssten. Aber es sieht nicht danach aus.

Bewohnt wird das ganze Gut von einem älteren Ehepaar und seiner Tochter (40?), wobei die Tochter die ganze Landwirtschaft macht.

Wir essen gemeinsam mit den Gastgebern. Nach dem Aperitif (der Sekt aus eigenem Anbau) kommt erst ein Süppchen mit geröstetem Brot, der Spargel mit Tomaten und Eiersalat, dann gebratene Hühnchen mit Oliven, selbstgemachten Pommes, grüne Bohnen, eine Käseauswahl mit Salat, Pudding mit Erdbeeren, Kaffee und ein Calvados.
‚Den Kaffee müssen wir kaufen‘, sagt der Hausherr, ‚alles andere, auch die begleitenden Weine, stammen aus eigenem Anbau‘.

Ich zahle für das Zimmer mit Halbpension 28 € (Getränke und Familienanschluss inbegriffen). Nur der Hund mag mich nicht, damit kann ich leben.

Um 21:00 Uhr liege ich im Bett, um 02:00 Uhr werde ich wach, weil es so unglaublich still draußen ist. Ich gehe auf die Terrasse und lausche den leisen Geräuschen der Nachttiere.

 

Freitag, 13. Mai 2011
Lauzerte (20 km)

xUm 07:30 Uhr frühstücken wir gemeinsam mit unserem Gastgeberehepaar. Es gibt frische, leckere Erdbeeren, Kirschen aus dem Garten und selbstgemachten Joghurt. Die Gastgeberin hat mir noch telefonisch ein Zimmer (Einzelzimmer) in Lauzerte reserviert. Mit dem Auto bringen sie uns zu der Stelle zurück, von der wir vom Jakobsweg abgewichen sind. Schon am frühen Morgen ist es sonnig und warm. Eine Stunde wandere ich noch zusammen mit Evelyn, dann ziehe ich allein davon. Evelyn stammt aus Toulouse, normal wandert sie allein, aber an jedem Wochenende kommt ihr Mann und sie wandern gemeinsam einen Abschnitt.

Gegen 13:00 Uhr erreiche ich die Gîte von Lauzerte. Als ich nach etwas Essbarem frage, stellt mir die Chefin einen Salat, Brot, Käse, Pastete und Wein auf den Tisch, eine Bezahlung lehnt sie ab.

Nach einem kurzen Schläfchen sehe ich mir das Städtchen an. Der mittelalterliche Stadtkern ist noch vollständig erhalten, aber nur von seiner schönen Lage kann ein Ort nur schwer leben, viele Häuser stehen zum Verkauf.

Kiki und ihr Mann Jaques sind auch eingetroffen und wir trinken ein Bier zusammen. Es tauchen viele Pilger auf in Lauzerte, wahrscheinlich ist es einer der Orte, wo die Übernachtung ein „Muss“ ist.

Beim Abendessen sitzen 26 Pilger in der Gîte. Das Essen ist bei einem Preis von 12 € einmalig gut.

 

Samstag, 14. Mai 2011
14.05. Moissac

Es donnert, blitzt und regnet wolkenbruchartig, entsprechend den Voraussagen des Wetterberichts.

Als ich mich entschlossen habe, für einen Tag länger hierzubleiben, sagt mir die Chefin, dass dies nicht möglich sei, sie sind bereits ausgebucht. Also entscheide ich mich, zusammen mit einer Gruppe von etwa 10 Pilgern, zu dem nächsten Ziel, Moissac, mit dem Bus zu fahren, wobei der Bus noch gechartert werden muss, denn einen öffentlichen Nahverkehr gibt es nicht.

Warum plagt mich da eigentlich ein schlechtes Gewissen? Ich weiß es selbst nicht. Im Bus lerne ich endlich mal deutsche Pilger kennen, die aber heute schon ihren letzten Tag haben. Daneben unterhalte ich mich mit einem australischen Ehepaar, das zeitgleich mit mir gestartet war.

Um 11:00 Uhr bin ich bereits in Moissac. Schon im Mittelalter war Moissac eines der bedeutenden Etappenziele der Jakobspilger. Ich habe viel Zeit, mir die Abteikirche St.-Pierre mit dem schönen Portal und dem Kreuzgang anzusehen.

xIch habe schon viele schöne Kreuzgänge gesehen, aber noch nie einen mit solchen schlanken Säulen. Der erste Kirchenbau wurde 1063 geweiht und später im 13.Jh. restauriert. Die Stadt liegt am Kanal La Tarn und hatte schon früher einen bedeutenden Hafen. Der Markt hat ein sehr mediterranes Flair, ich trinke einen Kaffee und komme mit einem Portugiesen ins Gespräch, diesmal kein Pilger, sondern ein ganz normaler Reisender aus Porto. Es ist schön, mal wieder Portugiesisch zu sprechen, ich habe aber viel vergessen. Die Gîte, in der ich gestern noch vorgebucht hatte, macht erst um 15:00 Uhr auf, sodass ich meinen Rucksack spazieren tragen darf. Es regnet nur noch wenig, ich sehe mir das Hafen- und Naherholungsgebiet an, esse und trinke ein wenig und mache (wie ein Penner) mein Mittagsschläfchen in der Abteikirche. Das gemeinsame Abendessen mit den Gastgebern zieht sich über 2 1/2 Stunden hin. Die Gastgeberin ist mit einem Weinbauern der Region verbandelt, da müssen auch seine Weine verkostet werden. Leider können alle nur Französisch, aber ich verstehe von Tag zu Tag etwas mehr. Den Preis von 32 € für die Übernachtung mit Halbpension und Familienanschluss (im Einzelzimmer) finde ich wirklich nicht zu hoch.

 

Sonntag, 15. Mai 2011
15.05. St.-Antoine

Die Regenfront hat sich verzogen, ein blauer Himmel mit ein paar Wölkchen lockt mich auf den Weg. Noch ist es etwas kühl, aber wie immer laufe ich ohne Jacke und Pullover. Der Weg führt am Kanal entlang, auf dem viele Urlauber mit ihren gemieteten Hausbooten zu sehen sind. Die Anfänger stehen quer vor der Schleuse. Dann zweigt der Jakobsweg ab, hoch in die Berge, obwohl er später wieder zum Kanal zurückgeführt wird. Die Gegend ist fruchtbar, ich wandere durch Plantagen von Kirsch-, Pflaumen- und Mandelbäumen und mein Obstbedarf ist für die nächsten Tage gedeckt (… bitte, das ist Mundraub!).

Schließlich geht es am Garonnekanal weiter, ich überquere die Garonne und bin jetzt in der Region Gascogne, der Heimat D’Artagnans aus „Die drei Musketiere“. In einer am Rande liegenden Gîte, die Getränke auf Spendenbasis anbietet, treffe ich auf zwei schwäbische Pilger, Kurt und Rudi, die erst heute in Moissac gestartet sind. Rudi, übergewichtig mit Bluthochdruck, hat einen 20-kg-Rucksack, die Hälfte des Gewichtes ist eine deftige schwäbische Brotzeit, die er genussvoll vor sich ausbreitet. Ich reserviere telefonisch für uns je ein Bett in einer Gîte im ca. 10 km entfernten St.-Antoine. Wir wollen gemeinsam hinlaufen, aber die langsame Geschwindigkeit der beiden Schwaben halte ich nicht durch und setze mich ab. Gegen 15:30 Uhr erreiche ich St.-Antoine. Die Gîte ist einfach, zweckmäßig und preiswert. Kurt und Rudi treffen eine Stunde später ein. Es geht mir gut, die Blasen sind halbwegs abgeheilt, ich merke, dass die Kondition besser und der Schweißsteigungswinkel größer wird (das ist der Grenzwinkel einer Steigung, bei der mir schon beim Anschauen der Schweiß ausbricht). Jetzt sitze ich in der Sonne bei einem Bier, freue mich, dass ich schon über 400 km geschafft habe.

Beim Abendessen lerne ich die beiden Schwaben näher kennen. Kurt, 73, hat ein Orthopädiefachgeschäft und Rudi ist Elektroinstallateur. Rudi ist (trockener) Alkoholiker, stammt aus einem Weinbaubetrieb und hat zu seinen besten Zeiten 4-5 Flaschen Wein am Tag geschafft. Sein erster Eindruck täuscht, er ist ein sehr sensibler Kerl mit einer unglaublichen Allgemeinbildung.

 

 

Montag, 16. Mai 2011
Lectoure (24 km)

Es haben etwa 20 Pilger in der Herberge geschlafen, davon etwa die Hälfte Frauen. Die, die sich kennen – und inzwischen kennt fast jeder jeden – begrüßen sich morgens mit ‚Küsschen links, Küsschen rechts‘. Diese morgendliche Abschlabberei muss wirklich nicht sein.

Um 07:30 Uhr geht es bei einer Außentemperatur von 7 Grad los. Es wird wieder ein herrlicher Sommertag. Die Landschaft ist hügelig, die Gascogne zählt bereits zum Pyrenäenvorland. Die Hügel sind meist von Feldern überzogen, die nur ab und zu von kleinen Waldflächen abgelöst werden. Hier scheint auf einem fruchtbaren Boden alles zu wachsen, Kirschen, Pflaumen, Erdbeeren, Feigen, Mandeln, Nüsse, Wein, Getreide, Gemüse …

Na, und dann ist da noch eine Spezialität der Region, der Armagnac, ein hochprozentiger Branntwein, in Eichenholzfässern gelagert. Es wäre eine Sünde ihn hier nicht zu probieren.

Es reiht sich ein hübsches Dorf (mit Überresten von Schlössern und Stadtmauern) an das andere: Flamarens, Miradoux, Casted-Arrouy… Die Dörfer sind oft als Wehranlagen im Hundertjährigen Krieg aufgerüstet worden und haben eine grausige Geschichte hinter sich.

Es macht Spaß durch diese fruchtbare und geschichtsträchtige Gegend zu laufen. In Casted-Arrouy mache ich eine kurze Kaffeepause und erreiche Lectoure gegen 13:00 Uhr. Im Mittelalter soll es in Lectoure 12 Pilgerherbergen gegeben haben. Ich habe heute Probleme überhaupt eine zu finden, nicht weil es keine gibt, sondern weil sie nicht ausgeschildert sind und die Tourist-Informationen immer dann eine lange Mittagspause haben, wenn man sie mal braucht.

Aber ich treffe Jean-François, der hat in einer kleinen Privatunterkunft (Chambre d’hôte) vorgebucht und ich beziehe mit ihm zusammen ein Zimmer. Jean-François ist ein netter Kerl, bei allen Mitpilgern beliebt und für sein Alter unglaublich fit. ‚Es macht keinen Spaß alt zu werden‘, sagt er, ‚alle Freunde und die Familie stirbt einem weg und die, die noch übrig sind, sitzen senil im Altenheim … und neue Freunde findest Du in diesem Alter auch nicht mehr.‘, tolle Aussichten …

Der Abend ist wieder schön. Mit dem Gastgeberehepaar und 4 Gästen (Pilger) sitzen wir wieder über zwei Stunden beim Abendessen und schwatzen. Ich weiß nicht mehr, wie viel Gänge insgesamt aufgetragen wurden, aber ich weiß, dass ich jetzt nur noch satt und müde bin.

 

Dienstag, 17. Mai 2011
Condom (34 km)

Morgens habe ich etwas Probleme aus Lectoure herauszukommen und den richtigen Weg zu finden. Die Landschaft ist hügelig, Getreide- und Weinfelder, unterbrochen von kleinen Wäldchen, bestimmen das Bild. Auf der ganzen Strecke gibt es wenig Schatten und keine Möglichkeit, um zwischendurch mal einzukehren. Der Himmel ist blau und wolkenlos und es wird sehr warm. Nach der Ankunft in Condom schaue ich mir die Kathedrale an, schließlich war Condom einmal Bischofssitz.

xWie ist Condom eigentlich zu seinem Namen gekommen? Als ich im Internet ein wenig recherchiere, finde ich etwas ganz anderes. Der Innenraum der Kathedrale ist durch die großen Fensterflächen überraschend hell und freundlich.

Die Herberge liegt abseits der Stadt, sehr idyllisch, aber mit einem großen Schlafraum mit Stockbetten. Das gefällt mir zwar nicht, aber ich habe keine Lust mehr, mir etwas anderes zu suchen. Morgen suche ich mir mal wieder ein Hotel …

Der „Herbergsvater“ lädt zu einer Aperitifverkostung ein, wobei die Aperitife hier aus Weiß- und Rotweinen der Region bestehen, die mit Armagnac versetzt sind. Danach werden mich heute Nacht keine Schnarcher stören können, wahrscheinlich werde ich ausnahmsweise selbst schnarchen und von den nächsten 33 km bis Eauze träumen.

 

Mittwoch, 18. Mai 2011
Eauze (33 km)

Schon morgens um 07:00 Uhr bin ich auf dem Weg, da es heute sehr heiß werden soll und tatsächlich, schon um 08:00 Uhr ist es ohne Sonnenhut nicht mehr erträglich. Der Reiseführer spricht von moderaten Steigungen, ich finde sie teilweise schon ganz schön heftig. Die Kulturlandschaft hat sich wieder mal gewandelt, es gibt ganz viel Sonnenblumenfelder (die Pflänzchen sind noch ganz klein, einen Monat später muss es hier toll aussehen) und immer mehr Wein. Zum Glück verlaufen die Wege meist im Halbschatten. Als ich durch einen Hohlweg laufe, weiß ich nicht, dass ein dahinterliegendes Weinfeld gerade bewässert wird. Der Strahl erwischt mich mit voller Wucht, sodass ich bis auf die Haut nass werde. Die Abkühlung ist schön, aber ich bin nicht sicher, ob hier mit reinem Wasser gesprengt wird.

Irgendwo werden Kirschen zum Verkauf angeboten, ein dicker Beutel voll für 2 €. Die Menge ist zwar viel zu viel, aber ich kann nicht widerstehen und so nach und nach esse ich sie auf (mit den 2L Wasser, die ich heute getrunken habe, steht einer guten Verdauung nichts im Wege).

In Montreal, wieder ein wunderschöner Ort mit Kathedrale, mache ich einen Zwischenstopp, ein kleines Schwätzchen mit einem französischen Pilgerpaar, dann geht es weiter. Es wird immer wärmer, die Beine werden schwerer und die Abstände zwischen den Pausen kleiner.

Die Wanderung ist mit 8 1/2 Stunden beschrieben, tatsächlich erreiche ich Eauze nach 8 Stunden, zufrieden, aber ziemlich erschöpft. Morgen soll es noch wärmer werden, aber da stehen nur etwas über 20 km auf dem Programm.

Das Städtchen Eauze (3000 EW) kann auf eine 2000jährige Geschichte zurückblicken, natürlich gibt es auch hier eine Kathedrale, eine uralte Altstadt, Stadtmauern usw. Die Städtchen sind wirklich schön.

Von Montreal aus hatte ich ein Hotel vorgebucht, offensichtlich wird die Zahl der Pilger immer größer, sodass ich Sorge hatte, noch ein Bett zu finden. Das Hotelzimmer hat schon mal bessere Tage gesehen, aber vielleicht entschädigt das Abendessen …

 

Donnerstag, 19. Mai 2011
Nogaro (20 km)

Die heutige Etappe ist kurz, nur 20 km liegen vor mir. Es ist warm, aber die dicken Wolken schützen ein wenig vor der immer intensiver wirkenden Sonne. Die ersten Kilometer sind immer gleich, ich stolpere über die eigenen Füße, die Schuhe drücken, die Hüften tun weh. Aber irgendwann läuft man sich ein und es funktioniert wieder alles. Wein-, Maisfelder, kleine Wäldchen und Fisch-, Frosch(?)-, Zuchtteiche wechseln sich ab.

Sanchez überholt mich mit dem Fahrrad, das hat er gestern und vorgestern auch schon getan; er scheint mit Rad die gleichen Etappen zu machen, wie ich zu Fuß. Sanchez hat die Figur eines Jockeys, ist also ungefähr 1,46 m groß und hat Packtaschen an seinem Rad, da würde er selber reinpassen. Wie gestern und vorgestern grüßt Sanchez, hält an, stellt sich vor und erzählt (wie schon zweimal) die gleiche Geschichte, dass er Spanier sei, in der Nähe von Granada wohne und eine Tochter habe und dann muss ich mir das Bild eines ziemlich fetten Babys anschauen. Dann schwingt sich Sanchez auf sein Fahrrad und fährt davon. Bis morgen … (und ewig grüßt das Murmeltier).

Vor mir dann Kiki und Jaque (Küsschen, Küsschen), dann noch ein anderes französisches Paar (Küsschen, Küsschen). Das ist besonders appetitlich, wenn alle so richtig verschwitzt sind.

Dann nähere ich mich einer größeren Gruppe von Franzosen, ich bezeichne sie als Eintagspilger, sie machen eine Gruppenreise unter dem Motto „Wir wandern auf dem Jakobsweg“. Ab und zu werden sie dann auch mal mit Tagesrucksack auf den Weg geschickt, um am anderen Ende mit dem Bus wieder aufgefangen zu werden. Ihre Muscheln auf dem Rucksack haben XXL-Format.

Im Prinzip ist da ja nichts gegen zu sagen, aber sie empfinden das Ganze wohl hauptsächlich als Schwatz- und Sauftour und sind dabei fürchterlich laut.

Eigentlich tun sie mir leid, denn sie erleben nichts von der Schönheit und der Macht des Weges. Es dauert einige Zeit, bis ich sie überholt habe und das Stimmengewirr irgendwann im Nichts verschwindet.

Dann bin ich endlich wieder allein. Ich erreiche eine kleine Kapelle (Eglise de l’Hôpital), sie ist noch ein Überbleibsel einer von den Johannitern geführten Pilgerherberge aus dem Mittelalter. Wie viel Tausende von Pilgern mögen hier schon vorbeigekommen sein? Auf dem zugehörigen uralten Friedhof esse ich noch mein Croissant vom Frühstückstisch (hier isst mir keiner mehr was weg).

Ziemlich schnell erreiche ich Nogaro, wieder ein Ort mit einer 1000 Jahre alten Kirche und einer noch älteren Geschichte. Ein Eintrag in einem ausliegenden Buch in der Kirche gefällt mir: „Mit jedem Schritt, den ich pilgere, nehme ich mich selbst weniger ernst“.

Ein wenig durchstreife ich den Ort: ein Hallo zu dem einen oder anderen Mitpilger, ein Bier mit Jean François. Wir freuen uns immer aufrichtig, wenn wir uns treffen, doch dann geht jeder wieder seine eigenen Wege.

Ein kleines Hotel neben der Stierkampfarena lockt mich. Zur Dusche muss ich zwar über den Flur, aber ich muss sie mit keinem teilen.

Jetzt bin ich bereits über 3 Wochen unterwegs und habe eigentlich das dringende Verlangen, mal einen Ruhetag einzulegen, die Zeit dazu hätte ich. Doch wenn ich dann morgens aus dem Fenster sehe und die Sonne scheint, dann zieht es mich doch wieder auf den Weg. Vielleicht kommt ja noch einmal ein Regentag, den ich so überbrücken kann.

Den ganzen Tag lief ich eigentlich dem Regen hinterher, vor mir immer eine dicke schwarze Wand, dort donnerte und blitzte es, hinter mir blauer Himmel und ich lief im Trockenen.
Abends esse ich im Hotel. So einfach das Hotel ist, so einmalig das Abendessen. Ich schlemme zusammen mit Bernard und Dominique, einem belgischen Paar, die Unterhaltung erfolgt auf Spanisch. Dann muss ich zum Abschluss auch noch einen Armagnac trinken, denn Nogaro ist das Zentrum des Armagnacs. Nicht schlecht, aber er schmeckt zu sehr nach Holzfass.

Draußen ist es pechschwarz, es donnert, blitzt und regnet, aber jetzt schlafe ich erst mal …

 

Freitag, 20. Mai 2011
20.05. Air sur l’Adour (33 km)

Die dicke Regenfront scheint durchgezogen zu sein. Da die Strecke heute lang ist, versuche ich eine vermeintliche Abkürzung zu nehmen, aber die kleine Landstraße, auf der ich laufe, verzweigt sich mehrmals, Schilder sind keine vorhanden.

Ich halte eine Autofahrerin an, um nach dem Weg zu fragen und erfahre, dass ich völlig in die falsche Richtung gelaufen bin. Sie nimmt mich wieder mit zurück und nach einer Stunde bin ich genau da, wo ich heute Morgen angefangen hatte. Jetzt halte ich mich an die Ausschilderung des Jakobsweges.

Es geht hauptsächlich über kleine Wald- und Feldwege durch eine leicht hügelige Gegend. Es muss gestern hier sehr stark geregnet haben, die Wege sind matschig und voller Pfützen. Zwischendurch gibt es keine Möglichkeit einzukehren, so dass ich die ganze Strecke ohne Pause durchlaufe. Die Gîtes in Air-sur-l’Adour sind alle ausgebucht, aber ich bekomme noch ein Hotelzimmer. Man erklärt mir, dass die Franzosen ihren Resturlaub bis Ende Mai genommen haben müssen, viele nutzen das für einen Kurzurlaub.
Zentrum der Stadt ist mal wieder eine Kathedrale, denn auch Air-sur-l’Adour war mal Bischofssitz. Rudi und Kurt, die ich schon ein paar Tage nicht gesehen habe, treffen ein und sind etwas ratlos, weil sie noch keine Unterkunft haben.

 

 

Samstag, 21. Mai 2011
Arzacq-Arraziguet (33 km)

Ich bin allein auf dem Weg, alle anderen Pilger sind wohl hinter mir. Nachdem ich aus dem Tal von Air-sur-l’Adour hinaufgestiegen bin, laufe ich durch eine Hochebene, in der ausschließlich Mais angebaut wird. Viele Kilometer laufe ich durch Maisfelder. Wird der ganze Mais gegessen, verfüttert oder zu Sprit verarbeitet? Ich weiß es nicht.

Noch ist es etwas diesig und bewölkt und die Sonne schafft es noch nicht durchzubrechen. Darüber bin ich froh, denn es ist so schon warm genug und es gibt kaum Schatten.

Es riecht intensiv hier, nach Frühling, nach Sommer, nach Gerüchen, die ich aus der Kindheit kenne und nach Gerüchen, die mir ganz unbekannt sind. Kann man Gerüche eigentlich analysieren, katalogisieren, aufschreiben?

Wenn ich ein Wort nicht kenne, egal welcher Sprache, bekomme ich seine Bedeutung heraus. Wenn ich ein Tier, eine Pflanze nicht kenne, kann ich anhand von Form und Aussehen ermitteln, worum es sich handelt. Aber bei Gerüchen? Ich habe keine Ahnung, wie man dort ansetzen könnte.

Um 10:00 Uhr erreiche ich die kleine Ortschaft Miramont-Sensacq (ca. 300 EW) mit der Kirche Saint-Jacques de Sensacq. Katja und Andreas heiraten heute, gerne wäre ich dabei gewesen. Ich schreibe ihnen einen Gruß in das in der Kirche ausliegende Buch, in das vorbeiziehende Pilger ihren Dank und ihre Wünsche und Hoffnungen eintragen.

Die im Reiseführer angebotene Möglichkeit hier irgendwo einzukehren, existiert nicht. Eine Frau fährt mit ihrem Auto gerade von ihrem Grundstück los, als sie sieht, dass ich mich suchend umschaue. Sie fragt, ob sie mir helfen könne. Als ich antworte, dass ich nach einer Bar suche, wo ich einen Kaffee bekommen kann, steigt sie aus dem Auto aus, führt mich auf ihre Terrasse und gibt mir einen Kaffee und ein paar Plätzchen. Dann meint sie, sie müsse dringend weg, wenn ich noch einen Kaffee wolle, solle ich mich in der Küche bedienen, die Terrassentür sei offen.

Als ich im Örtchen Pimbo eintreffe, sitzen dort André und Colette, ein französisches Paar, das ich seit Beginn meiner diesjährigen Wanderung immer wieder treffe. Sie waren heute nach mir gestartet, aber hatten durch eine Abkürzung etwa 6 km Strecke gespart. André blättert im „Miam Miam Dodo GR 65“, das ist „der“ Reiseführer der Franzosen, mit guten Karten und allen Unterkünften auf dem Weg, sodass der Führer, der jährlich aktualisiert wird, auf den Bestsellerlisten in Frankreich steht.

Mein Ziel, der Ort Arzacq-Arraziguet ist mit seinen 1000 EW überschaubar. Das Abendessen in einem kleinen Hotel ist OK.

 

 

  • Wann möchten Sie frühstücken?
  • So früh wie möglich, ab wann ist es machbar?
  • Jederzeit, so wie sie es wünschen.
  • Um 06:00?
  • (Schweigen) …..wir machen Ihnen ein Tablett mit Ihrem Frühstück fertig, das können Sie gleich mit aufs Zimmer nehmen.

 

So, jetzt (21:38 Uhr) steht mein Frühstück bereit. Ob der Kaffee in der Thermoskanne morgen noch warm ist, weiß ich nicht.

 

Sonntag, 22. Mai 2011
Arthez-de-Béarn (29 km)

Wieder geht es durch Wiesen und Felder, auf kleinen Nebenstraßen durch eine wunderschöne Landschaft. Der Jakobsweg macht große Umwege, aber ich traue mich nicht, vermeintliche Abkürzungen zu nehmen, denn es gibt keine Beschilderung, keine Orte, sondern nur namenlose Gehöfte und Weiler. Viele schöne alte Häuser und Bauernhöfe sind leer und dem Verfall preisgegeben. Also folge ich brav der guten Beschilderung des Weges, würde so gern mal zwischendurch einen Kaffee trinken, aber dazu gibt es keine Möglichkeit. Da ich sehr früh gestartet bin, treffe ich nicht einen Mitpilger.

Bis auf eine kurze Pause bin ich 7 Stunden auf den Beinen. Als ich das „Zentrum“ des Zielortes erreiche und mich nach der vorgebuchten Gîte durchfrage, darf ich wieder einen Kilometer zurücklaufen. In der Gîte ist niemand anwesend, und als ich mit meinem schlechten Französisch anrufe, sprechen sie auf der anderen Seite nur Baskisch. Aber irgendwann kommt jemand vorbei, um mir zu zeigen, in welchem Zimmer ich schlafen kann. Nach und nach treffen die anderen Pilger ein (Küsschen, Küsschen …).

Da die Gîte etwas abseits liegt, stellen sie Fahrräder zur Verfügung, z.B. um das 2 km entfernte Restaurant zu erreichen. So mache ich noch eine kleine Fahrradtour rund um den Ort, mit einem Mountainbike, und das macht richtig Spaß.

Die Zahl der Pilger nimmt von Tag zu Tag zu, beim Abendessen sind wir mit 25, wobei sicher die gleiche Anzahl nicht essen geht.

 

Montag, 23. Mai 2011
Navarrenx (30 km)

Frühstück gibt es in der Backstube des Bäckers des Ortes, der auch die Betten der Gîte vermietet. Bernard ist von dem gestrigen Weg noch völlig geschafft, er gibt auf und will nur noch heim.

Ich starte gegen 07:30 Uhr. Zusammen mit François laufe ich eine Abkürzung. Die ist zwar ca. 3 km kürzer als der offizielle Weg, aber statt 3 Stunden über schöne Wanderwege zu laufen, marschieren wir 2 Stunden am Rand einer stark befahrenen Landstraße. Warum habe ich mich eigentlich darauf eingelassen? Danach folge ich allein der Beschilderung. Ich überhole die mir bekannten Pilger, die weit vor mir (ohne Frühstück) gestartet sind.

 

  • Ça va?
  • Ça va, et toi?
  • Ça va bien!
  • (Küsschen, Küsschen
  • á tout á l’heure!

 

xEs gilt noch eine französische Wandergruppe von ca. 50 Personen zu überholen, dann bin ich endlich wieder allein in der Natur. Und die verlangt mir heute etwas ab. Dieses Vorland der Pyrenäen ist so zerklüftet, dass es ständig steil bergauf und bergab geht. Ich überhole noch eine Wandergruppe aus Neuseeland. Dort hat ein Bericht über die Via Podiensis so eingeschlagen, dass sich viele Neuseeländer auf den Weg gemacht haben.
Von Weitem sehe ich die zum Teil schneebedeckten Gipfel der Pyrenäen. Auf meinen Fotos sind sie aber nicht zu erkennen, das menschliche Auge ist doch noch besser als die Optik und Elektronik (m)eines Fotoapparats.

Erschöpft und zufrieden erreiche ich Navarrenx. Hauptattraktion des Ortes ist ein gewaltiger Mauerwall mit seiner gesamten Wehrarchitektur und den wuchtigen Eingangspforten. Innerhalb der Stadt trifft man auf weitere militärische Bauwerke wie den Pulverturm, eine Kaserne und das Zeughaus.

Die kommunale Gîte ist hässlich und dreckig, im einzigen kleinen Hotel finde ich aber noch ein Zimmer.

 

Dienstag, 24. Mai 2011
Oloron-Ste-Marie (22 km)

Bis gestern habe ich noch gezögert, ob ich die Via Podiensis weiterlaufen soll, d.h. von St.-Jean-Pied-de-Port über den Pass nach Roncesvalles laufe, oder ob ich über den Somport-Pass gehe.

Jetzt habe ich mich für die zweite Variante entschieden, obwohl das der wesentlich anstrengendere Weg sein soll, aber auch, sofern das Wetter mitspielt, die schönere. So habe ich heute die Via Podiensis verlassen und damit auch alle mir bekannten Mitpilger und mich nach Oloron-Ste-Marie durchgeschlagen. Dort treffe ich auf einen von Arles kommenden Zweig des Jakobsweges (GR 653), der über den Col de Somport führt. Unterwegs – zwischen Navarrenx und Oloron-Ste-Marie – gibt es natürlich keine Wegmarkierung und keine Mitpilger. Der Reiseführer sagt, dass man auf dem Weg einen phantastischen Blick auf die Pyrenäen hat, aber die verstecken sich vor mir hinter Dunst und Wolken. Als ich Oloron-Ste-Marie erreiche, suche ich – wie immer – zuerst das Tourist-Office und als ich es endlich finde, rasseln vor mir gerade die Rollgitter runter: geschlossen.

xIch finde ein kleines Hotel und treffe auf ein Pilgerpaar, das auch über den Somport will. Veronica kommt aus Chile, wohnt in Frankreich und ist mit dem Fahrrad unterwegs. Daniel kommt aus London und wandert. Beide haben sich auf dem Weg kennengelernt und seit dem schiebt sie ihr Fahrrad. Wir trinken ein Bier zusammen und unterhalten uns prima auf Spanisch-Englisch-Französisch.

Ab morgen geht es dann richtig ab in die Pyrenäen, ich freue mich riesig drauf, aber mir wird ein wenig anders, wenn ich an die Steigungen denke. Hoffentlich spielt das Wetter mit.

 

Mittwoch, 25. Mai 2005
Bedous (31 km)

Der Tag ist sonnig und klar und zum ersten Mal sehe ich die Gipfel der Pyrenäen vor mir liegen. Es ist etwas schwierig aus Oleron herauszufinden, aber dann bin ich auf einer der schönsten Wanderstrecken, die ich bisher erlebt habe. Nachdem ich gestern ganz viele Pilger in der Stadt gesehen hatte, war die Befürchtung, dass der Weg überlaufen ist, aber auf der ganzen Strecke treffe ich nur eine Mitpilgerin aus Belgien. Die Masse lässt sich wohl mit dem Bus nach Spanien fahren. Der Weg führt parallel zu einer vielbefahrenen Durchgangsstraße, teilweise ist er in die steilen Berghänge hineingeschlagen, was meiner fehlenden Schwindelfreiheit nicht gerade entgegenkommt. Mitunter ist er durch Erdrutsche verschüttet, auf manchen Stellen geht es nur auf allen Vieren weiter, was mit dem Rucksack nicht ganz einfach ist.

xNach ca. 20 km erreiche ich die kleine Ortschaft Sarrance, will in einem Hotel-Restaurant eigentlich nur etwas trinken, aber da Mittagszeit ist, bekomme ich automatisch das Menü des Tages serviert. Ich kämpfe mit mir, ob ich nicht einfach für heute Schluss mache, denn die Sonne ist extrem heiß und eigentlich habe ich schon genug geschafft, aber ich rappele mich noch einmal auf, um Bedous (noch 11 km) zu erreichen. Der Weg führt an einem reißenden Fluss entlang (Aspe) und ist wieder teilweise in den steilen Abhang hineingeschlagen, er ist anstrengend, aber traumhaft schön. In der sehr schlichten Gîte von Bedous treffe ich tatsächlich noch auf vier französische Pilger, die heute ihre erste Wanderung hinter sich haben. Gemeinsam gehen wir abends noch etwas essen, dann geht es ab in den Schlafsack. Zum Glück bin ich allein auf dem Zimmer.

 

Donnerstag, 26. Mai 2011
Col de Somport (30 km)

Der Himmel sieht schwarz aus, aber, um es gleich zu sagen, es bleibt den ganzen Tag trocken. Wolken, Sonne und Nebel wechseln sich ab.

Zumindest der Anfang ist schwierig zu laufen, folge ich dem Jakobsweg, so versinke ich teilweise im Schlamm oder muss an Steilhängen herumkraxeln, laufe ich auf der Landstraße, stehe ich jedes Mal Ängste aus, wenn die Lkws an mir vorbeidonnern. Erst als ein Abzweig kommt, bei dem 99,9 Prozent der Autos durch den Tunnel fahren, habe ich die Passstraße fast für mich allein. Und ab hier wird die Landschaft immer schöner. Ich hatte mir für heute fest vorgenommen, die Etappe zum Somportpass auf zwei Tage zu verteilen, da ich noch immer 3 Puffertage zur Verfügung habe, aber Laufen macht süchtig, ich habe es wieder nicht geschafft, einfach abzubrechen und habe die über 1000 Höhenmeter problemlos überwunden. Kurz vor Erreichen der spanischen Grenze werde ich von Wolken eingehüllt und sehe fast die Hand vor Augen nicht mehr, aber 100 m hinter der Grenze liegt die erste spanische Pilgerherberge.

xEs trifft noch ein Spanier ein, der aber keinen Jakobsweg läuft, sondern den französischen Weitwanderweg GR 11, der quer durch die Pyrenäen vom Atlantik bis zum Mittelmeer verläuft. Dann kommt noch Sandrine. Sandrine, gebürtige Französin, ist in Kanada verheiratet, hat 3 Kinder (15, 18, 20) und hat bei der Hochzeit mit ihrem Mann vereinbart, dass sie jedes Jahr eine Auszeit von 6 Wochen bekommt, in der sie allein mit Rucksack in der Welt herumreist. Diesmal sollte es der Jakobsweg sein, sie wollte in Pamplona starten, ist aber sofort vor der Masse der Pilger geflüchtet. Eigentlich wollte sie nach Südspanien, aber hat sich wohl in den falschen Bus gesetzt und die Endstation war der Somport-Pass. Es hat eine Zeit gedauert, bis sie kapiert hat, wo sie sich überhaupt befindet. Wir haben zu dritt einen lustigen Abend. Sandrine hat Charme aber schnarcht wie ein Bär.

 

Freitag, 27. Mai 2011
Jaca (34 km)

Wir sind in Spanien, dort geht man ohne Frühstück in den Tag. Als ich aufwache (06:00 Uhr) ist der Spanier schon weg und Sandrine schnarcht noch. Um 06:30 Uhr geht es bei mir auch los. Der Tag begrüßt mich mit leichtem Schneeregen, Nebel und einem eiskalten Wind. Mein zweites Paar Socken dient wieder mal als Handschuhe. Ich bin eigentlich ganz optimistisch, dass das Wetter weiter unten besser ist.

xSo ist es auch, schrittweise lasse ich die Handschuhe weg, ziehe die Regen-/Windjacke aus und hole den Sonnenhut heraus, weil die Sonne so sticht. Ein Erlebnis auf dem Weg ist der Bahnhof von Canfranc, der Ort ist ein Dörfchen. Das 1928 im neoklassizistischen Stil gebaute, gigantische Bahnhofsgebäude ist das größte Bahnhofsgebäude, das ich je gesehen habe. Es hat nur ganz kurz als internationaler Bahnhof große Zeiten gesehen, dann ist es in der Bedeutungslosigkeit verschwunden. Heute dient der Bahnhof noch als Endstation eines Regionalzuges, der zweimal täglich fährt.

Während meiner Wanderung vom Somportpass nach Jaca treffe ich insgesamt 3 Pilger/Wanderer.

Als ich in Jaca eintreffe, ist die Herberge bereits überfüllt, d.h., die meisten reisen wohl über den Somportpass mit dem Bus an und starten dann ihre eigentliche Wanderung in Jaca. Dann wird es ja morgen lustig werden.

Ich nehme ein Hotelzimmer, die sind hier in Spanien wesentlich billiger als in Frankreich. Jaca ist mal wieder ein schönes Städtchen, mit mittelalterlichem Kern, natürlich einer Kathedrale, viel Touristenrummel und einem schönen Blick auf die Pyrenäen.

Meinen „Café con leche“ trinke ich im Schatten, da man es in der Sonne nicht aushält. Das hätte ich mir heute Morgen nicht träumen lassen …

 

Samstag, 28.Mai 2011
Santa Cilia de Jaca (16 km)

xNach den anstrengenden letzten Tagen lasse ich es heute mal ganz gemütlich angehen. Frühstück um 08:00 Uhr und Abmarsch um 08:45 Uhr. Nachdem ich Jaca hinter mir gelassen habe, geht es bei strahlend blauem Himmel über schöne Waldhöhenwege Richtung Westen. Die Ausblicke auf die Pyrenäen sind phantastisch, es blüht in allen Farben, es summt, trillert und piepst und am Himmel kreisen riesige Greifvögel.

Ein einziger Pilger überholt mich auf dem Weg. Sind die anderen schon alle vor mir weg?

Der Reiseführer empfiehlt eine Nebenroute über das Kloster San Juan de la Pena, aber das hieße ein extrem steiler Aufstieg und rund 18 km mehr. Der Weg soll vor allem ein großes Naturerlebnis sein. Ich habe heute keine Kraft dazu.

In einem sehr schönen Hotel mit riesigem Garten mache ich meine erste Kaffeepause. Sie locken mit Pilgersonderpreisen für ihre Zimmer. Hier einfach den Rest des Tages abzuhängen, wäre auch nicht schlecht, aber ich laufe den kleinen Rest noch weiter bis Santa Cilia de Jaca, ein kleines Nest mit einer Bar und einer Pilgerherberge.

 

 

  • 14:00 Uhr: Die Herberge ist offen, niemand ist da, aber ich belege schon mal ein Bett.
  • 17:00 Uhr: In der Herberge hat sich noch keiner sehen lassen, weder ein Mitpilger, noch ein Verantwortlicher für die Herberge. Die Bar hat geschlossen, ein Lebensmittelgeschäft gibt es nicht. Ob ich heute noch etwas zu essen bekomme, weiß ich nicht.
  • 19:00 Uhr Maite, die Betreuerin der Herberge lässt sich sehen und meint, dass sie mir etwas zu essen machen könne, so gegen 20:00 Uhr.
  • 19:30 Uhr: Sandrine aus Kanada trifft ein. Sie hat den empfohlenen Umweg über San Juan de la Pena gemacht und ist völlig fertig.
  • 20:15 Uhr: Maite beginnt das Abendessen vorzubereiten, ehe wir wirklich essen können, ist es 21:00 Uhr.
  • 22:00 Uhr: Wie immer falle ich todmüde ins Bett, zum Glück haben wir getrennte Schlafräume, denn Sandrine schnarcht.

Fazit: Sie ist eine der schönsten Herbergen, die ich bisher gesehen habe, aber leider sehr ungepflegt. Die Mülleimer quellen über, in der Küche klebt es und die Passwörter für die vorhandenen PCs und den W-LAN-Zugang sind so geheim, dass sie niemand weiß.

 

Sonntag, 29. Mai 2011
Artieda (33 km)

Da es heute sehr heiß werden soll, hatte ich mir den Wecker um 06:00 Uhr gestellt. In der Küche finde ich zumindest noch ein paar Teebeutel und mache mir noch einen Tee, bevor ich starte. Ob Sandrine schon vor mir weg ist oder noch schläft, weiß ich nicht.

Nach etwa 8 km zweige ich vom Jakobsweg ab, um in der Ortschaft Puente la Reina de Jaca einen Kaffee zu trinken und ein Stück Tortilla zu essen (lecker!).

Dann geht es weiter auf meist ebenen, aber sehr steinigen Wegen durch die Flusslandschaft des Rio Aragon. Die Landschaft ist einmalig schön, Natur pur, riesige Greifvögel kreisen über mir. Und immer wieder phantastische Fernblicke auf die Pyrenäen.

xEin Hinweisschild lockt mich vom Jakobsweg weg zu einem Mirador (Aussichtspunkt), wo man die Vögel aus nächster Nähe beobachten können soll. Aber als ich dort ankomme, sehe ich nichts außer ein paar Spatzen. Diesen Umweg hätte ich mir sparen können.

Es wird heiß und heißer und der Weg bietet keinen Schatten. Nach etwa 28 km treffe ich die erste Pilgerin, Carola aus Unna, sie sitzt im Schatten unter einem Baum und ist fix und fertig. Knapp 5 km trennen uns noch vom Ziel. Das Ziel, die Pilgerherberge von Artieda liegt natürlich wieder ganz oben auf einer Bergspitze. Aber der steile Aufstieg wird entschädigt durch den Blick, den man von hier oben hat. Ich bekomme ein Bett in einem Zimmer mit 3 Stockbetten (und Balkon mit Fernblick). Kurz nach mir trifft ein Spanier ein, der heute 48 km gelaufen ist. Dann: Duschen, Wäschewaschen … Meine Hose und meinen Sonnenhut wasche ich auch fast jeden Tag, da ich immer völlig durchgeschwitzt bin.

Wir sind zu viert in der Herberge, da hat jeder so viel Platz, wie er will. Ich bin mit Jorge auf einem Zimmer. Jorge ist 69 und läuft durchschnittlich 45-50 km am Tag. Santiago will er in 17 Tagen erreichen (das sind von hier aus noch 797 km). Er ist das reinste Muskelpaket. Jorge schwärmt von „Hamburgo“, da hat er mal seinen Bruder besucht. Das war aber auch das einzige Mal, dass er im Ausland war. Dann sind da noch Sandrine und Carola. Carola ist zertifizierte Problemhundeberaterin. Leider kommen wir gar nicht dazu, über ihre Arbeit zu reden. Es hätte mich schon interessiert, welche Menschen und Hunde mit welchen Problemen zu ihr kommen. Es gibt schon komische Berufe (wau!).

 

 

Montag, 30. Mai 2011
Undues de Lerda (23 km)

Gestern hat mich Jorge beim Zubettgehen gebeten, ob er mal in meinen Reiseführer schauen dürfe. Als ich heute Morgen um 06:00 Uhr wach werde, ist Jorge schon weg und mein Reiseführer leider auch. Ich glaube nicht, dass er ihn absichtlich eingesteckt hat, aber jetzt habe ich wirklich ein Problem. Hier auf den Dörfern gibt es keinen neuen zu kaufen.

xAlso laufe ich heute ohne Zusatzinformationen den gelben Pfeilen nach. Die ersten 10 km verlaufen fast eben durch den Wald. Ich erreiche Ruesta, ein gespenstischer Ort, bestehend aus einer halbverfallenen Burg, einer kaputten Kirche, 5 verlassenen und teilweise zerfallenen Häusern und einer Herberge mit angeschlossener Bar. Ich weiß nicht, wie die von den paar Pilgern existieren können. In der Herberge treffe ich Veronica und Daniel wieder. Sie ist mit dem Fahrrad unterwegs und er zu Fuß.

Er erzählt mir, dass er gestern zwei Stunden lang seine Kamera gesucht hat, die er in einem Kornfeld verloren hatte (was treiben die Zwei auch im Kornfeld?). Er hat sie wiedergefunden.

Der Verlust meiner Kamera würde mich mehr schmerzen als der Verlust meines Reiseführers.

Soweit ich mich noch erinnern konnte, hatte mein Reiseführer geraten, für die nächsten 13 km genügend Wasser einzustecken, da die Strecke sehr anstrengend sei. In der Tat steigt ein fast schattenloser Weg von ca. 300 m auf fast 900 m an. Da komme ich schon ins Schnaufen. Zum Glück ist es im ersten Teil des Weges noch bewölkt, aber dann kommt die Sonne heraus und verbrennt mir den Nacken.

Der Weg ist ein Naturwunder, so viele Blumenarten, die ich noch nie gesehen habe und Tausende von Schmetterlingen in allen Größen und Farben.

Ich treffe das Trio Gerhard, Pierre und Jean. Gerhard ist fast 2 m groß und die beiden Franzosen, mit denen er läuft, ca. 1,60 m. Wir treffen uns fast täglich und es ist jedes Mal ein großes Hallo.

Pierre läuft seit gestern mit Sandalen, da seine Füße so geschwollen sind, dass er nicht mehr in seine Wanderschuhe passt.

Nach dem Anstieg des Weges geht es steinig und steil bergab und das Dorf Undués de Lerda kommt in Sicht. Das liegt natürlich aus strategischen Gründen wieder auf dem Gipfel eines Berges. Ziemlich durstig erreiche ich die Bar des Ortes, von der aus auch die Herberge betreut wird. Für die letzten 13 km habe ich fast vier Stunden gebraucht.

In der Herberge bin ich der erste Gast und habe die Auswahl zwischen 3 Zimmern und 18 Betten. Um 18:00 Uhr erscheinen noch Veronica und Daniel. Prima, dann brauche ich heute Abend nicht allein essen.

Das gemeinsame Abendessen ist schön. Daniel hat ein gutgehendes Golfgeschäft in London, aber er meint, dass dies nicht sein Lebensinhalt sein kann, und will auf dem Weg überlegen, was er anders machen kann.

Um 21:00 Uhr lasse ich die Beiden allein, denn für mich ist es Zeit in meinen Schlafsack zu krabbeln, zum Glück bin ich allein im Zimmer.

 

 

Dienstag, 31.Mai 2011
Sangüesa (12 km)

Bis heute habe ich mich an meine vorbereitete Planung gehalten und bin tatsächlich nur ca. 12 km gelaufen. Jetzt bin ich fast 5 Wochen unterwegs, habe noch keine Pause eingelegt, da tut die kurze Strecke mal gut.

xDie Nacht über hat es geregnet und entsprechend verschlammt sind die Wege heute Morgen. Der Tag beginnt mit einem engen Hohlweg, unten Schlamm, oben nasses Gebüsch, durch das man sich durchkämpfen muss. Als ich nass und verkratzt den Hohlweg verlasse, stelle ich fest, dass keine gelbe Pfeile mehr auftauchen, irgendeinen Abzweig habe ich verpasst. Ohne Karte, ohne Reiseführer versuche ich die Richtung zu erahnen. Zum Glück habe ich richtig geahnt, erreiche nach ca. zwei Stunden Sangüesa und gehe erst einmal frühstücken.

Die Herberge wurde gerade von den letzten Pilgern verlassen, als ich sie erreiche. Ich checke ein, stelle fest, dass sie scheußlich ist, und überlege ernsthaft, ob ich mir nicht etwas anderes suchen soll. Aber wo kann man schon für 5 € übernachten, duschen und seine Wäsche waschen?

Gestern hatten wir groß Abschied gefeiert, Veronica, Daniel und ich. Heute sehen wir uns wieder, trinken noch einen Kaffee zusammen, dann folgt „Abschied, die Zweite“.

Als ich irgendwo mein „Menu del Dia“ esse, wer erscheint? Veronica und Daniel. Der dritte Abschied dauert bis 17:00 Uhr.

Danach folgt mein geplanter Frisörbesuch. Wahrscheinlich sind die spanischen Frisöre der Meinung, dass das Trinkgeld proportional der abgeschnittenen Haarmenge ist. Ich komme mir so nackt vor, wie die geschorenen Schafe, die ich neulich noch bedauert habe.
Wie geht es jetzt eigentlich weiter? Da ich noch keinen meiner eingeplanten Puffertage verbraucht habe, kann ich noch ein wenig weiter wandern, als ursprünglich geplant. Wahrscheinlich werde ich bis Puente la Reina gehen, dort trifft mein Weg auf den Camino Francés. Und dann? Ich weiß es nicht, außer dass am 07.Juni ein Flugzeug nach Düsseldorf fliegt.

Mein Ziel, von Le Puy en Velay aus zu laufen und über den Somport-Pass die Pyrenäen zu überqueren, habe ich erreicht. Den Rest sehe ich jetzt völlig entspannt.

Als ich in die Herberge zurückkomme, ist sie völlig überfüllt. In den Gängen wurden noch ein paar Matratzen ausgebreitet, jetzt kann man kaum noch laufen.

 

Mittwoch 01. Juni 2011
Izco (20 km)

Gestern Abend wurden mit einer Gruppe von Franzosen und Spaniern (und Carola, der Hundeberaterin) noch ein paar Flaschen Rotwein leer gemacht. Das hat mir geholfen die Nacht zu überstehen, denn das Geschnarche war schauerlich.

xAls ich um 06:00 Uhr wach werde, ist die Hälfte der Leute schon weg. Um 06:30 Uhr starte ich auch. Es geht wieder kräftig durch die Berge. Nachdem die Temperaturen in den letzten Tagen um die 28 Grad lagen, ist es heute auf einmal so kalt, dass ich mein zweites Paar Socken mal wieder als Handschuhe missbrauche. Dazu weht ein eisiger Gegenwind. So wird jeder Tag völlig anders als erwartet. Um 11:00 Uhr erreiche ich – nach einer schönen Wanderung – Izco (20 Häuser, 1 Kirche und die sehr schöne, gepflegte Herberge mit angeschlossener Bar).

Jetzt wird erst einmal gefrühstückt. Warmes Essen wird hier nicht angeboten, ein Geschäft gibt es auch nicht, aber man kann sich abends zumindest ein paar Nudeln kochen.

Sybille und Carola treffen ein. Sybille arbeitet bei einer Autovermietung in München und nebenbei in einer Diskothek. Dann sind da noch zwei Jungs aus Polen, die nur Polnisch sprechen.

Der Nachmittag wird lang in einem Dorf, das man in drei Minuten umkreist hat. Draußen ist es so kalt und stürmisch, da habe ich auch keine Lust, herumzulaufen. Also krabbele ich in meinen warmen Schlafsack und verschlafe den Nachmittag.

 

Donnerstag, 2. Juni 2011
Tiebas (24 km)

Ich laufe weiter in Richtung Camino Francés. Es ist für Juni ausgesprochen kalt und der Wind ist so stark, dass man sich mit voller Körperkraft gegen stemmen muss. Parallel mit mir laufen Sybille und Simon. Simon ist IT-Spezialist und will in Kürze eine neue Stelle bei der Deutschen Bank in Frankfurt antreten. Er ist einer der wenigen Pilger, die den Weg überwiegend aus religiösen Gründen laufen. Er erzählt mir, wie er in einem streng katholischen, westfälischen Elternhaus groß geworden ist und schon mit seinen Eltern viele Wallfahrten unternommen hat.

Nach ein paar Stunden des gemeinsamen Kampfes gegen den Wind checken wir in der Herberge ein und spielen in der kleinen Bar des Ortes Mau Mau.

 

 

Freitag, 3. Juni 2011
Puente la Reina (24 km)

xEin idealer Tag zum Wandern, der Wind hat sich gelegt. Der Himmel ist blau und die Temperatur einfach ideal. Sybille, Simon und ich laufen gemeinsam (jeweils im Abstand von 200 m), treffen uns dann wieder bei einer Pause und erreichen Eunate, die sagenumwobene mystische Kirche, die mich schon vor 6 Jahren in ihren Bann gezogen hat. Auch diesmal ist diese Kirche ein spirituelles Erlebnis für mich. Man soll sie barfuß linksherum siebenmal umrunden. Ich versuche es erst gar nicht, Sybille und Simon geben nach dem zweiten Mal auf, da der Untergrund zu steinig ist.

Gemeinsam laufen wir noch nach Puente la Reina. Hier mündet der aragonische Weg, den ich seit dem Somportpass gelaufen bin, auf den Camino Francés. Wir essen noch etwas zusammen, dann verabschiedet sich Simon, der noch weiterlaufen will. Die Wege von Sybille und mir werden sich morgen trennen, sie will noch eine Station weiterlaufen, um von dort aus – mit Zwischenaufenthalt in San Sebastian – heimzukommen. Ich werde entgegen dem Pilgerstrom versuchen, nach Pamplona zu laufen. Mal sehen, wie das funktioniert.

Die Herberge fasst ca. 100 Personen und ist gegen 16:00 Uhr bis auf das letzte Bett ausgebucht. Es gibt noch 2 andere Herbergen in Puente la Reina. Nach der Stille des aragonischen Weges ist das erst mal eine Umstellung.

Die Stadt Puente la Reina ist wunderschön, beim letzten Mal hatte ich sie morgens um 06:00 Uhr durchkreuzt, da ist der Eindruck natürlich ein anderer.

 

Samstag, 4. Juni 2011
Pamplona (34 km)

Das Geraschel in der Herberge beginnt um 05:00 Uhr, wo sich die ersten bereit machen, um mit der Taschenlampe ihre Wanderung zu beginnen. Um 06:00 Uhr stehe ich auch auf, da man bei den Geräuschen der sich anziehenden und kramenden Mitpilger sowieso nicht mehr schlafen kann. Ein Problem dieser großen Herbergen ist häufig, dass der Sanitärbereich zu klein ist, sodass man morgens vor der Toilette Schlange stehen muss.

Um 07:00 Uhr noch ein Kaffee mit Sybille, dann trennen sich auch unsere Wege. Der Weg nach Pamplona ist eine lustige Angelegenheit, da mich die entgegenkommenden Pilger alle etwas verwirrt ansehen, es kommt so selten vor, dass jemand den Weg entgegengesetzt läuft. Schwierig für mich wird es immer dann, wenn mal keine Pilger zu sehen sind, da die Ausschilderung nur in einer Richtung erfolgt.

In einem kleinen Dorf fragt mich ein entgegenkommendes Mädel, ob sie oder ich mich verlaufen hätte. Sie stammt aus Korea und ist die jüngste (allein laufende) Pilgerin, die ich gesehen habe. Sie ist 14, sieht aus wie 12 und trägt Zahnspangen. Wir quatschen ein wenig in einer Bar. Was denn ihre Eltern dazu sagen würden, frage ich sie. Die hätten das Ganze initiiert, erzählt sie mir. Sie dürfe anschließend nur dann auf eine XYZ-Eliteschule (auf die sie gerne möchte), wenn sie den Weg nach Santiago schafft. Das Mädel fasziniert mich, sie ist völlig offen, spricht perfekt Englisch und auch noch ein wenig Französisch und Spanisch. „Die“ schafft das, da bin ich mir sicher.

Es muss auch einen koreanischen Hape Kerkeling geben, denn so viel Koreaner wie heute habe ich noch nie gesehen.

xIn Pamplona gehe ich in ein Hotel, das ist auch mal wieder schön. Als ich vor 6 Jahren hier war, hatte ich zu wenig Zeit mir die Stadt ausführlich anzusehen, das hole ich heute nach. Die Stadt und das Ambiente begeistern mich wieder. Pamplona ist sicher eine der schönsten Städte Spaniens. Ich laufe auch noch mal zur „Casa Paderborn“, der schönen Pilgerherberge, in der ich beim letzten Mal war. Sie und auch die städtische Herberge (112 Betten) sind restlos ausgebucht. Der Strom der Pilger ist gewaltig.

Am späten Nachmittag esse ich ein paar Tapas, oder Pintxos, wie sie hier heißen, das sind kleine Happen, die in den Bars angeboten werden.

Das wird sicher auch mein Abendessen werden, die sind so lecker, das kann ich mir doch nicht entgehen lassen.

 

Sonntag, 5. Juni 2011
Bilbao (Autobus)

Heute wird es (leider) nur ein Spaziergang zum Busbahnhof. Auf dem Weg treffe ich ein japanisches Pilgerpaar, ich denke beide sind schon weit über 70. Sie sprechen kein Englisch, kein Spanisch, sondern nur Japanisch. Sie wollen von mir wissen, wo der Weg nach Santiago entlang geht. Pamplona ist sicher in dieser Hinsicht die Stadt mit den besten Markierungen, da alle 5 Meter ein Muschelschild in den Boden eingelassen ist. Ich zeige es Ihnen, sie machen „Aah“ und „Ooh“, kapieren es aber trotzdem nicht. Ich begleite sie noch ein wenig, weise immer wieder auf die Symbole hin und schenke Ihnen noch meinen Stadtplan. Ob sie jetzt aus der Stadt hinausfinden, weiß ich nicht.

Danach fällt mir ein, dass ich den Plan eigentlich nutzen wollte, um zum Busbahnhof zu finden, aber ich frage mich durch und es klappt auch so. Das einzige Problem auf den Busbahnhöfen ist, dass es viele unterschiedliche Gesellschaften gibt, die alle einen eigenen Verkaufsschalter für ihre Fahrkarten haben. Aber irgendwann habe ich das richtige Ticket in der Hand. Die Fahrt von Pamplona nach Bilbao ist Nonstop und dauert zwei Stunden.

Ich dachte, ich kenne mich ein wenig in Bilbao aus, aber das dachte ich auch nur und verlaufe mich hoffnungslos. Es dauert 2 Stunden, bis ich in der Ecke bin, wo es viele kleine Hotels und Pensionen gibt. In einer dieser Pensionen miete ich mich für 2 Nächte ein.

Die Altstadt ist (am Sonntagnachmittag) voller Leben und ich habe Probleme irgendwo einen freien Platz zu finden, um endlich etwas zu essen, inzwischen ist es 17:00 Uhr und der Magen knurrt. Leckere Tapas trösten mich.

 

 

06. Juni 2011
Bilbao

Jetzt bin ich zum dritten Mal in Bilbao und wie zuvor, es regnet. Ich schlendere etwas lustlos durch diese so schöne Stadt, schaue mir ein paar Kirchen und die Markthalle an, die gerade umgebaut wird.

Die Kombination von mittelalterlichen Palästen, Kirchen und Brücken mit modernster Architektur, wie die des Guggenheim-Museums machen Bilbao zu einer aufregenden Stadt.
Aber bei mir ist die Luft raus, das Guggenheim-Museum ist geschlossen (Montag) und ich habe keine Lust mehr, noch etwas zu unternehmen.

Zumindest finde ich noch ein gutes „Menu del Dia“ (Fischsuppe, geschmorter Ochsenschwanz mit Beilage, Profiteroles, incl. Wein für 12 €)

Zeit also Bilanz zu ziehen: Es war eine wunderschöne Wanderung, die sechs Wochen gingen viel zu schnell herum und das Wetter war nahezu ideal. Ich bin dankbar und froh, dass ich die knapp 1000 km ohne gesundheitliche Probleme geschafft habe. Viele interessante Menschen habe ich kennengelernt, auch solche, die unter einer rauen Schale ganz dünnhäutig waren.

François meinte einmal, als ich nebenbei sagte, dass ich gleich noch zu Hause anrufen möchte,

 

„Du hast es gut, Du hast Jemanden, den Du anrufen kannst“.