2012 Camino de Levante

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Map of the route “2012 Camino de Levante”: 683.799 m. It starts at 39.46977, -0.37638 and ends at 41.51598, -5.74604 (latitude, longitude).

Vorwort

Der „Camino de Levante“ ist einer von vielen Jakobswegen in Spanien. Von Valencia aus starteten in früheren Zeiten die Pilger, die am Mittelmeer lebten. Der Legende nach soll der Apostel Jakobus während seiner Missionierung Spaniens diesen Weg selbst begangen haben. In Zamora führt der Weg auf die „Via de la Plata“.

Der „Caminho Português“ ist eine Bezeichnung eines Jakobsweges, der in Porto (Portugal) beginnt und über Valença, Tui, Pontevedra nach Santiago führt.Ich möchte beide Wege miteinander kombinieren. Da Zamora und Porto nur über vielbefahrene Straßen verbunden sind, beabsichtige ich, diese Etappe mit dem Bus zu überbrücken.

 

01. Mai 2012
Valencia

In den letzten Tagen hatten die Piloten von Iberia gestreikt, sodass bis heute nicht sicher war, ob die Flüge durchgeführt werden. Aber es klappt alles ohne Probleme. Gegen 13:30 Uhr bin ich im Zentrum von Valencia.

Die Stadt hat viel zu bieten, die paar Stunden, die ich für sie eingeplant habe, werden ihr nicht gerecht. Da ist einmal das imposante Zentrum mit der Kathedrale. Die 5 Euro Eintritt spare ich mir, denn man hat auch vom Eingangsbereich einen guten Einblick.

xDann gibt es in Valencia die „Stadt der Kunst und Wissenschaft“, ein riesiges Gelände, mit vielen futuristischen Bauten. Hier haben sich wohl alle Stararchitekten der Welt austoben dürfen. Wie das ganze Ensemble bei der Finanzlage Spaniens erhalten werden soll, ist mir ein Rätsel.

Zum Meer muss ich auch noch wandern, denn wenn ich schon einmal meine Wanderung am Mittelmeer beginne, muss ich doch zumindest meine Finger eintauchen.

Gegen 19:00 Uhr beziehe ich mein vorgebuchtes Hotelzimmer, es ist ein Loch mit Ausblick auf einen engen, muffigen, überdachten Hinterhof.

Die Restaurants öffnen in dieser Gegend erst um 21:30 Uhr, so lange will ich nicht warten, so begnüge ich mich in einer Bar mit einem Bocadillo. Am Nebentisch sitzen 4 junge Mädchen, deren Konversation darin besteht, dass jede für sich mit ihrem Handy telefoniert. Vielleicht verabreden sie sich jeweils mit einer anderen Gruppe, um von dort aus die Mädel anzurufen, mit denen sie jetzt am Tisch sitzen.

 

02. Mai 2012
Valencia – Algemesi (35,2 km)

Es gibt Dinge, auf die man gut verzichten kann, zum Beispiel auf den Weg von Valencia nach Algemesi, es sei denn, man liebt Vorstädte, Industrie- und Gewerbegebiete und endlose Obstplantagen, die aber nicht nach ihren Blüten, sondern nach viel Dünger und noch mehr Chemie stinken. Wer behauptet hier, dass Obst gesund sei? Mein Bedarf ist für die nächsten Tage gedeckt.

Kurz vor Algemesi treffe ich die ersten Mitpilger, ein österreichisches Paar, Herbert und Karin. Wir bleiben die einzigen Gäste in der recht netten städtischen Herberge.

 

03. Mai 2012
Algemesi – Xativa (30 km)

Ich merke, dass ich noch nicht richtig in Form bin, außerdem macht mir noch eine Erkältung zu schaffen, die Nase läuft wie ein Wasserfall.

Der Weg war zwar schöner als gestern, aber er führt immer noch durch viele Gewerbegebiete. Am Ziel in Xativa soll das Bett im Schlafsaal der Herberge 18€ und ein Einzelzimmer 20€ kosten, ich nehme das Einzelzimmer. Die Herberge liegt in einer alten Burg und ist sehr hübsch.

Im Moment habe ich Probleme etwas Essbares zu bekommen, morgens gibt es sowieso nichts, mittags bin ich unterwegs und abends haben die Restaurants meist zu.

Das Paar aus Österreich ist auch da, ich treffe es bei der Suche nach etwas Essbarem, beide sind 74 Jahre alt und noch in Topform. Wir landen schließlich in einer schlechten Pizzeria.

 

04. Mai 2012
Xativa – Moixent (28 km)

xAllmählich ändert sich die Landschaft, sie wird hügeliger. Die Apfelbäume werden weniger, dafür gibt es Mandelbäume, Olivenbäume und Weinreben. Wir tauchen in das Gebiet der Serra Grossa ein.

Auch hier ist die Landschaft zerschnitten von Schnellstraßen, Autobahnen und Trassen von Hochgeschwindigkeitszügen, die offensichtlich garnicht benötigt werden, denn die Straßen sind fast leer.

Mittags finde ich endlich mal ein im Reiseführer empfohlenes Restaurant und esse mich satt.

Am Ziel, in Moixent, soll man sich bei der Polizei melden, um sich den Schlüssel zur Herberge geben zu lassen. Aber die Polizisten sind weder auf der Wache anwesend, noch telefonisch erreichbar. Als ich etwas dumm herumstehe und nicht weiß, wie ich weiter vorgehen soll, fragt mich eine junge Frau, ob ich ein Zimmer in einer Finca haben wollte. Ich sage sofort zu, sie fährt mich hin und ich werde von der Eigentümerin, einer Peruanerin mit dem typisch spanisch klingenden Namen „Kelly“ begrüßt. Die Finca ist riesig groß und Kelly erzählt mir, dass sie das Haus nur halten kann, wenn sie nebenbei Zimmer vermietet. Abends werde ich noch bekocht und zahle für Zimmer mit Halbpension 23 Euro.

 

05. Mai 2012
Moixent – La Font de la Figuera (21 km)

Es wird hügeliger, wir bewegen uns zwischen 500 – 700 m, Eichen und ein paar schwarze Schweine tauchen auf. Ich schaffe es zum ersten Mal vor den Österreichern am Zielort einzutreffen. Es ist noch ein weiterer Pilger erschienen, Remis aus Paris. Auch Remis ist nicht mehr der Jüngste.

Wir gehen zusammen essen und beziehen dann unsere Miniherberge, sie enthält genau 2 Stockbetten.

 

06. Mai 2012
La Font de la Figuera – Almansa (27 km)

Remis macht sich um 6 Uhr auf den Weg, Karin und Herbert ziehen um 7 Uhr los, bei mir wird es fast 8 Uhr. Am Anfang macht das Wandern richtig Spaß, aber dann müssen wir über Stunden gegen einen eiskalten Gegenwind ankämpfen. Das kostet soviel Kraft, dass ich total erschöpft in Almansa eintreffe.

xDer Reiseführer verweist an die „netten Mitarbeiter im Rathaus“, die einem bei der Quartiersuche gerne helfen werden, aber heute ist Sonntag und alles ist zu. Die Spanier, die ich wegen eines Hotels anspreche, wissen selbst nicht Bescheid oder schicken mich in die falsche Richtung.

Endlich kann eine Kellnerin in einem Restaurant helfen. Auf dem Weg zum Hotel gelange ich noch in einen Festzug, auf dem Konfetti geworfen wird. Auf meiner verschwitzten Haut und meinen verschwitzten Haaren bleibt alles kleben.

Die Dame an der Rezeption sieht mich etwas irritiert an; verständlich, als ich in den Spiegel schaue, sehe ich aus, als hätte ich die Masern.

 

07. Mai 2012
Almansa – Alpera (25 km)

Eigentlich wollte ich gestern Abend noch etwas essen, aber ich bin eingeschlafen, und als ich mitten in der Nacht wach wurde, war es selbst für spanische Verhältnisse zu spät. Am Morgen gab es dann immerhin ein „Tostada“ zum Frühstück, das ist getoastetes Weißbrot mit Olivenöl.

Um 8:00 Uhr mache ich mich auf den Weg, von meinen Mitpilgern ist nichts zu sehen. Der Weg ist einsam, er steigt stetig an, führt durch die Sierra del Mudron, auf eine Höhe von ca. 900 m, die Sonne ist sehr intensiv, aber die Luft ist kühl.

Auf der ganzen Strecke begegne ich keinem Menschen, nur Karnickel und Hasen kreuzen meinen Weg. Nachdem ich, seit gestern schon, stundenlang an der Flanke eines riesigen Tafelberges entlang gelaufen bin, öffnet sich plötzlich der Blick und ich habe eine gewaltige Sicht auf die unendliche Weite der „La Mancha“. Das ist die Gegend, in der Don Quijote gegen die Windmühlen-Flügel gekämpft hat. Seitdem ich als Kind davon gelesen habe, wollte ich diese Landschaft einmal sehen, es hat ein paar Jahre gedauert.

Der Nachteil dieser unendlichen Weite ist, dass man sein Ziel, in diesem Fall das Dorf Alpera, schon stundenlang sieht, bevor man es erreicht. Ich checke im empfohlenen Hostal „Stop“ ein und zahle für ein riesiges Zimmer in 4-Sterne-Qualität gerade mal 15 Euro, für ein fantastisches Menü kommen dann noch einmal, einschließlich der Getränke, 8 Euro dazu. Abseits der Touristenpfade ist Spanien wirklich noch spottbillig. Pilger oder Wanderer habe ich den ganzen Tag nicht gesehen, aber damit habe ich auf dieser Route gerechnet.

 

08. Mai 2012
Alpera – Higueruela (21 km)

Die Strecke, die ich heute vor mir habe ist, überschaubar, darum lasse ich mir viel Zeit, ehe ich mich auf den Weg mache. Es geht stetig über eine einsame Landstraße, alle 20 Minuten begegnet mir mal ein Auto. Das einzige Gespräch, das ich während meiner heutigen Wanderung führe, ist mit einem alten Schäfer. Er kann nicht verstehen, warum ich hier durch Spanien laufe. Ob es denn in Deutschland nicht auch schön sei?

Ich frage ihn, ob er den noch nie den Wunsch gehabt hat, mal in eine andere Gegend zu reisen. Doch, er wäre einmal in Higueruela gewesen (das ist das Ziel meiner heutigen Wanderung, das Dorf hat 1200 Einwohner). Die vielen Menschen dort hätten ihm gereicht.

Ich mache Rast vor uralten verlassenen Wohnstätten, die in die Felsen gegraben wurden. Die Gegend war schon zur Steinzeit besiedelt. Es liegen ein paar alte Keramikscherben herum, aber ich weiß nicht, ob sie 5 oder 5000 Jahre alt sind. Unterkunft und Essen finde ich in einem Hostal, aber allmählich brauche ich mal wieder ein Schwätzchen mit einem Wanderer oder Pilger, beides scheint es hier nicht zu geben.

Abends will ich noch eine Kleinigkeit essen, schließlich hat das Hostal eine große Auswahl an Tapas. Ich entscheide mich für einen Kartoffelsalat und ein Schälchen mit Gulasch. Der Kartoffelsalat schmeckt wie erwartet, während mein Gulasch eine eigenartige Konsistenz aufweist. Ich frage den Wirt, was ich hier eigentlich esse, da beginnen seine Augen zu leuchten: „Spezialität der Region, testicules de mouton, gebackene Schafshoden“. Die anderen Gäste grinsen, ich gebe mich cool und schiebe mir Gabel für Gabel hinein. Es entsteht eine Diskussionsrunde, ob Schafshoden wirklich eine leckere Spezialität seien. José, zu meiner Linken meint, sein Hund Pepe sei ein Feinschmecker, aber Schafshoden lässt er liegen. Ich verdrücke mich auf die Toilette, würge alles wieder raus und habe Hochachtung vor Josés Hund. Obwohl, schlecht geschmeckt hat es überhaupt nicht, aber der Kopf macht nicht mit.

 

09. Mai 2012
Higueruela – Chinchilla de Monte Aragon (30 km)

Der Morgen beginnt mal wieder ohne Frühstück, nach zwei Stunden erreiche ich die erste Bar und ich bekomme meinen Kaffee. Danach kommen viele Stunden in einem einsamen schattenlosen Gelände, doch es geht mir gut und macht Spaß. Gegen 3:00 Uhr erreiche ich Chinchilla, ein traurigeres Dorf am Rande einer Autobahn. Ich bekomme etwas zu essen, aber nicht das, was ich meinte bestellt zu haben. Der zweite Gang ist die Keule eines Vogels, dessen Herkunft ich nicht kenne. Huhn, Gans, Ente, Puter scheiden aus, es ist ein relativ großes Tier. Vielleicht war es ein Storch.

 

10. Mai 2012
Chinchilla de Monte Aragon – Albacete (21 km)

xIch starte schon gegen 7:00 Uhr, denn ab Mittag wird es jetzt unerträglich heiß. Dazu kommt, dass die Gegend immer flacher wird und kein Baum mehr Schatten spendet.

Mein Ziel, Albacete, kann ich schon sehen, als ich losgehe. Der Weg führt über viele Autobahnbaustellen und ist nicht besonders schön. Dafür überrascht die Stadt Albacete mit supermodernen Vorstädten, einer schönen Innenstadt und einer Kathedrale aus dem 16. Jh. sowie schönen alten Gebäuden. Am Nachmittag steigt die Temperatur auf 36 Grad und es ist nur noch im Schatten auszuhalten. Pilger sind noch immer keine zu sehen, aber zumindest habe ich ein Schwätzchen mit einer Gruppe von Studenten halten können, Albacete ist eine Studentenstadt. Die jungen Leute sehen trotz der riesigen wirtschaftlichen Probleme Spaniens so optimistisch und fröhlich in die Zukunft. Ich hoffe, sie behalten recht.

 

11. Mai 2012
Albacete – La Roda (42 km)

Die Gegend ist einfach nur flach, ich freue mich schon, wenn der Weg mal eine Kurve macht, damit ein wenig Abwechslung in die Lauferei kommt. Wenn ich zurückblicke, kann ich noch sehen, wo ich gestern gestartet bin. Gegen Mittag komme ich in „Gineta“ an, aber es gibt weder eine Herberge, noch eine andere Übernachtungsmöglichkeit, also werden noch einmal 20 km angehängt, was bei der Hitze, dem wolkenlosen Himmel und den Wegen, die absolut keinen Schatten bieten, nicht nur Freude macht. Ziemlich erschöpft erreiche ich „La Roda“ und wohne in einem Haus mit uralter Stierkampftradition. Überall gucken mich Stiere und teilweise schon verblichene Matadore an. Das Haus liegt auch noch direkt neben der Stierkampfarena. Ich denke, ich kann trotzdem gut schlafen. Allerdings habe ich den ganzen Tag noch nichts Gescheites gegessen und erfahre, dass das Restaurant erst um 22:00 Uhr aufmacht. Also beschließe ich auch diesen Tag mit Tapas.

 

12. Mai 2012
La Roda – Minaya (19 km)

Es geht immer nur geradeaus, es ist einsam, heiß und trotzdem wunderschön, etwas für Masochisten.

 

13. Mai 2012
Minaya – San Clemente (20 km)

Die Etappen sind kurz, aber ich habe unter diesen Bedingungen keine andere Wahl. Ich starte, sobald es hell wird, um die „Kühle“ des Morgens noch auszunutzen.

Und diese erste Stunde ist wirklich die schönste des Tages. Das frische Grün der Felder, der ockerfarbene Boden, das Blau des Himmels und dieses unglaubliche Licht. Van Gogh hat vom Licht Südfrankreichs geschwärmt, er war wohl nie in der „La Mancha“ Spaniens.

Ab 9:00 Uhr wird es heiß. Ich bummele herum und erreiche trotzdem schon um 11:00 Uhr mein Ziel. Zu meiner Überraschung ist San Clemente ein richtig schöner Ort mit einer intakten mittelalterlichen Altstadt. Aber was stellt man die ganze Zeit an? Ich gehe ins Museum, steige auf einen Turm, gehe in die Kathedrale, komme sogar mit dem Pfarrer ins Gespräch, der aber offensichtlich nur Angst hat, dass ich ihn um einen Schlafplatz anbettele. Doch ich habe schon in einem im Reiseführer empfohlenen Hostal eingecheckt und passe mich den spanischen Gewohnheiten an: Mittagessen um 15:00 Uhr und danach Siesta bis 19:00 Uhr. Was soll man sonst auch machen? Die Temperaturen liegen um diese Zeit weit über 40 Grad, an Wandern ist sowieso nicht zu denken. Jetzt ist es 21:00 Uhr und so allmählich kommen die Spanier wieder aus ihren Löchern, doch die Temperatur liegt noch immer bei 28 Grad

Ich habe zwar heute mit einem Spanier geplaudert, der in absehbarer Zeit sich mal auf einen Camino machen will, aber einen Pilger habe ich auch heute nicht gesehen.

 

14. Mai 2012
San Clemente – Las Pedroneras (25 km)

Die Strecke ist sehr schön, einsam, kein Haus, kein Mensch. In der Ferne sind ein paar Bauern auf ihren Traktoren zu sehen. Ich durchwandere das verlassene Dorf Santiago de la Torre, das inklusive halb eingestürzter Burg zu kaufen ist. Zurzeit wird es nur von Krähen bewohnt. Aber ich glaube, hier ist es selbst mir zu einsam und zu heiß.

Voller Vorfreude auf ein leckeres Mittagessen erreiche ich mein Ziel, aber es gibt kein Restaurant hier. Der einzige Supermarkt macht in einer Stunde auf.

Ich quartiere mich in der Herberge des Pfarrers Isodoro ein und bleibe der einzige Gast. Leider ist sie sehr schmutzig, und wenn es nichts gibt, womit man ein wenig sauber machen kann, dann verlässt man sie noch dreckiger als sie vorher war.

 

15. Mai 2012
Las Pedroneras – El Toboso (35,6 km)

Ich starte beim Hellwerden gegen 06:45 Uhr. Es ist wieder ein wolkenloser Tag und der Sonnenaufgang ist grandios. Es ist ein schöner Tag. Die Landschaft ist ein wenig hügelig und dadurch nicht mehr so eintönig wie bisher. Die Landwirtschaft ist geprägt von Wein, Getreide, Oliven, Mandeln und vor allem von Knoblauch. In Las Pedroneras findet einmal im Jahr die größte Knoblauch-Messe der Welt statt und ein „Muss“ ist ein jahrhunderte altes Knoblauch-Geschäft, das aber leider geschlossen hat, als ich vorbeikomme. Ich wandere durch einige sehr schöne alte Dörfer, der Ort Mota del Cuervo ist bekannt durch den Anblick von 7 alten Windmühlen aus dem 16.Jh., aber ich kann mich nicht aufhalten, da ich noch El Toboso erreichen will. Etwa 5 km vor El Toboso hält auf einem Feldweg neben mir ein Autofahrer und will mich mitnehmen. Als ich dankend ablehne, kann er es nicht verstehen. Nachdem er weg ist, kann ich mich selbst nicht verstehen, denn ich habe schon 30 km hinter mir, es ist heiß und der Weg bietet absolut keinen Schatten. Doch ich erreiche den Ort auch ohne fremde Hilfe.

xEl Toboso ist ein typisch manchegisches Dorf mit seinen gekalkten Häusern und Innenhöfen, gesäumt von hohen Grundstücksmauern und versehen mit hübschen Holztüren und Toren. Der Ort scheint dem Buch „Don Quijote“ entsprungen zu sein. So findet man Textpassagen daraus in Eisenschrift geschrieben an Häusern, als Don Quijote und Sancho Panza auf der Suche nach Dulcinea waren.

Ich quartiere mich in einem sehr schönen und preiswerten Hostal ein und treffe Herbert und Karin aus Österreich wieder. Das ist ein großes Hallo, denn auch sie haben, nachdem wir uns aus den Augen verloren haben, keine anderen Pilger mehr gesehen. Wir schwatzen und trinken ein Bier zusammen und gehen davon aus, dass wir uns morgen wieder treffen werden.

 

16. Mai 2012
El Toboso – La Villa de Don Fadrique (27 km)

Die Landschaft muss heute Nacht jemand besonders platt gebügelt haben. Noch Stunden, nachdem ich El Toboso verlassen habe, sehe ich noch den Kirchturm in der Ferne. Soweit das Auge reicht, sind nur riesige Weinfelder zu sehen. Wer soll da alles trinken? Ab und zu sieht man mal einen Weinbauern, der mit seinem Traktor zwischen den Rebstöcken fährt. Wir grüßen aus der Ferne, es muss ein sehr einsamer Beruf sein.

Jetzt laufe ich bereits 14 Tage und allmählich merke ich, dass ich eingelaufen bin. In den ersten Tagen hat mein Körper nur rumgemeckert: Das Knie tut weh, die Hüfte tut weh, der Rücken ist verspannt, die Schuhe sind zu weit/eng geschnürt. Inzwischen schaffe ich es, diese Meckerei auszublenden, oder es tut mir wirklich nichts mehr weh und ich gerate beim Laufen in einen richtigen Trancezustand. Erst jetzt genieße ich das Laufen wirklich.

In La Villa de Don Fadrique gibt es laut Reiseführer nur die Möglichkeit in einer Sporthalle zu übernachten. Doch ich werde von einem Privatmann angesprochen, der gerade mehrere Zimmer seines Hauses zu Fremdenzimmern umbaut. Er hat sich ein sehr schönes altes Haus mit traumhaftem Innenhof gekauft. Noch sieht alles ein wenig unfertig aus, doch da seine Frau mir auch noch die Wäsche waschen will, sage ich zu. Ich werde mit Wein und Oliven verwöhnt, was will ich mehr?

 

17. Mai 2012
La Villa de Don Fadrique – Tembleque (35 km)

Im Nachhinein frage ich mich, ob die heutige Wanderung schön war. Nein, sie war nicht schön, eigentlich ging es nur immer geradeaus, links und rechts gab es Weinfelder oder Olivenbäume und sonst nichts, es war heiß und es gab keinen Schatten. Der Weg war wesentlich länger als im Reiseführer angegeben, er war steinig und ich kam recht erschöpft am Ziel an.

Ich treffe Herbert und Karin aus Österreich wieder, sie waren ein Teil der Strecke mit dem Bus gefahren. Ihm geht es gar nicht gut, ein Bein ist dick angeschwollen und blau, sodass ich vermute, dass sie abbrechen müssen, obwohl sie sich das selber noch nicht eingestehen wollen.

Trotzdem war der heutige Tag hochinteressant. Seit hundertern von Jahren gibt es in der La Mancha „Subterraneas“, das sind Wohnungen, die horizontal unter der Erde ausgegraben wurden. Noch Mitte des 20.Jh. soll es in dieser Gegend über 2000 Wohnungen gegeben haben, einige kann man noch heute besichtigen und das habe ich heute auch getan. Ich habe zwar schon in anderen Orten der Welt Wohnungen gesehen, die waagerecht in den Fels gehauen wurden, aber diese senkrechte Bauweise ist mir neu.

Der Ort Tembleque ist u.a. durch seinen schönen Marktplatz bekannt.

 

18. Mai 2012
Tembleque – Mora (32 km)

Tembleque bezeichnet sich als das Tor zur La Mancha, was für mich das Ausgangstor bedeuten würde, aber die nächsten 20 km sind noch einmal La Mancha pur. Die steinige Piste scheint mit dem Lineal gezogen, über die gesamte Strecke sehe ich keinen Menschen, aber immerhin zwischendurch ein verlassenes Haus.

Links und rechts hauptsächlich Wein- und Getreidefelder, die natürlich keinen Schatten bieten. Ich erreiche das Dorf Villanueva de Bogas, hier gibt es sogar eine richtig schöne Herberge. Der Betreiber der Herberge, José Luis, fängt mich ein, wir trinken zusammen einen Kaffee, aber ich lasse mich nicht überreden hier zu bleiben und wandere weiter. Auf einmal wechselt das Landschaftsbild total, es wird hügelig und teilweise wildromantisch, dann tauche ich in eine Bergwelt ein, in der die Berge fast bis an die Spitzen mit Olivenbäumen bepflanzt sind. Ziemlich müde erreiche ich Mora, die Kilometerangaben im Reiseführer stimmen mal wieder nicht, statt der angegebenen 25 km waren es doch weit über 32 km, was bei dieser Hitze nicht unbedeutend ist.

Den Ort Mora scheint die spanische Wirtschaftskrise wohl besonders getroffen zu haben, er ist völlig heruntergekommen, fast jedes zweite Geschäft ist geschlossen oder in Liquidation und der ganze Ort ist vermüllt.

Das Hostal, in dem ich eingecheckt habe, ist in Ordnung, aber ich scheine der einzige Gast zu sein. Herbert und Karin sind nicht erschienen, ich vermute, dass sie mit dem Bus gleich bis Toledo gefahren sind, oder ihre Wanderung ganz abgebrochen haben.

 

19. Mai 2012
Mora – Toledo

xUm 06:00 Uhr geht es los. Noch ist der Himmel blau, aber am Horizont erscheinen schon die ersten dicken schwarzen Wolken. Nach Wetterbericht soll es morgens noch trocken bleiben. Ich setze darauf, will die ersten 20 Kilometer laufen, den Rest mit dem Bus nach Toledo fahren, um die Stadt auch wochentags zu erleben, wenn die Geschäfte noch offen sind.

Meine Rechnung geht auf, beim Laufen bleibe ich noch trocken, doch kaum sitze ich im Bus, fallen die ersten Regentropfen.

In Toledo angekommen, checke ich in der dortigen Jugendherberge ein, das hatte ich mir schon vorher vorgenommen. Die Jugendherberge ist ein ehemalig arabischer Palast aus dem 10.Jh. und wurde später als Kloster genutzt. Sie ist wunderschön, noch bin ich allein in einem 4-Bettzimmer, von mir aus kann es so bleiben, wenn es auch kaum billiger ist als in einem Hotel.

Ich wandere ein wenig durch die Stadt, ich hatte viel erwartet, aber meine Erwartungen werden weit übertroffen. Die Stadt ist ein Traum. Hier leben seit Jahrhunderten Christen, Juden und Moslems (fast immer) friedlich nebeneinander und die Kulturen beeinflussen einander. Im Abstand von ein paar hundert Metern kann man Kirchen, Synagogen und Moscheen besichtigen. Ich habe noch gar nichts besichtigt und lasse mich einfach nur treiben, beschließe aber, hier einen Tag länger zu bleiben. Diese Stadt muss ich mir näher ansehen. Der Nachteil sind natürlich die vielen Touristen und die Unmengen von Souvenirshops, die alle das Gleiche anbieten, Messer, Schwerter, Ritterrüstungen, Schmuck …

Herbert und Karin habe ich natürlich auch getroffen, sie waren, wie ich vermutet hatte, gleich nach Toledo mit dem Bus gefahren. Das Bein von Herbert sieht gefährlich aus, ich glaube nicht, dass sie weiter machen können. Mal sehen, wir haben uns für heute Abend verabredet.

 

20. Mai 2013
Toledo

Den gestrigen Abend habe ich noch einmal mit Karin und Herbert verbracht. Er wollte heute früh noch einmal zum Arzt gehen, um dann zu entscheiden, ob sie heimfahren oder weiter laufen.

Heute Morgen schlafe ich erst einmal etwas länger, das ist ein ungewohntes Gefühl. Dann geht’s über diese schöne „Brücke von Alcantara“ in die Stadt hinein. Ich erinnere mich, ein gleichnamiges Buch gelesen zu haben (ich glaube, ich habe es sogar im Bücherschrank stehen), das zu der Zeit kurz vor Beginn der Reconquista spielt. Es war spannend und muss jetzt mal wieder gelesen werden.

Dann beginne ich, mich mit den unterschiedlichen Epochen und Kulturen der Stadt zu beschäftigen. Zuerst geht’s in eine Moschee aus dem 10.Jh., danach in die Synagoge „Sinagoga de Santa Maria La Blanca“, dann in das „El Greco“-Museum. Dem Museum vorangestellt ist ein Wohnhaus, welches dem eigenen Haus, in dem er gelebt hat, nachempfunden wurde, mit Wohneinrichtungen aus dieser Zeit, Gärten und wunderschönen Innenhöfen. Man hat auch im 16. Jh. schon zu leben gewusst, wenn man das nötige Kleingeld hatte.

Am Nachmittag besichtige ich die Kathedrale der Stadt. Ich habe schon viele Kathedralen gesehen, aber was hier an Größe und Prunk zur Schau gestellt wird, stellt alles in den Schatten, was ich bisher gesehen habe. Wie immer sehe ich das alles mit sehr gemischten Gefühlen, ein paar hundert Meter neben der Kathedrale ist ein Foltermuseum, dessen Besuch ich mir aber gespart habe. Aber alles zusammengefasst, Toledo ist für mich eine der schönsten spanischen Städte. Das Wetter war gemischt, mal kam ein Regenguss und danach schaute die Sonne wieder heraus. In einer Stadt stört das weniger als beim Wandern. Der Regen wird sich ja bis morgen hoffentlich verzogen haben, da will ich wieder auf die Piste.

 

21. Mai 2013
Toledo – Torrijos (35 km)

Gestern Abend bekam ich noch einen „Mitschläfer“ in meinem Zimmer der Jugendherberge von Toledo, Joe, ein junger Mann aus England, der Kunstgeschichte studiert und die Kathedralen in Spanien bereist. Wir haben uns nett unterhalten und sind abends noch zusammen essen gegangen.

Der heutige Tag beginnt perfekt. Die Regenfront ist endgültig abgezogen, es ist anfangs zwar noch recht kühl, aber wunderschön zum Wandern. Die platte „La Mancha“ habe ich jetzt endgültig hinter mir gelassen, es geht durch eine grüne Mittelgebirgslandschaft, es blüht und summt und das Laufen macht Spaß.

In Rielves treffe ich dann noch auf zwei weitere deutsche Pilger. Wir erreichen gemeinsam Torrijos und suchen nach einer Unterkunft. Mein Reiseführer beschreibt die „Herzliche Aufnahme durch Bruder Dionisio bei den Enclavos de Maria de los Pobros“, aber Bruder Dionisio weist uns recht schroff ab. Vielleicht hat er inzwischen schlechte Erfahrungen mit Pilgern gemacht.

Die örtliche Polizei hilft weiter. Eine Herberge gibt es nicht, aber im Sportzentrum sind noch zwei Liegen frei. Ich überlasse sie den Beiden, denn die Polizei vermittelt mir ein wirklich schönes Zimmer in einem Hostal für 15€. Dort, wer hätte es gedacht, treffe ich auch meine beiden Österreicher wieder. Nach nochmaligem Durchcheck hat er grünes Licht zum Weiterlaufen, aber unter eingeschränkten Bedingungen, sie werden zwischendurch viel mit dem Bus fahren.

 

22. Mai 2012
Torrijos – Escalona (25 km)

Wieder ein schöner Tag! Es geht quer durch Wiesen und Felder und vor mir taucht ein riesiges Gebirgsmassiv auf, das ich wohl in den nächsten Tagen überqueren muss. Das Wetter ist traumhaft, blauer Himmel und ab und zu ein paar Wölkchen. So kann es bleiben, obwohl mir ein paar Grad weniger lieber wären.

Escalona ist ein hübscher Ort auf dem Berg mit einer riesigen uralten Burgruine, in der sich mindestens 20 Storchenpaare niedergelassen haben und mich laut klappernd begrüßen.

Hier gibt es nur eine Herberge. Im Rathaus verweist man mich an die Polizei, die den Schlüssel hat. Die Polizisten machen gerade Mittagspause und sind erst ab 15 Uhr zu erreichen. Um 15 Uhr rufe ich an, sie verweisen mich an einen Señor XY. Señor XY ist gerade nicht zu Hause.

Um 18 Uhr habe ich endlich den Schlüssel. Kurz drauf treffen die beiden Deutschen ein, die ich gestern schon getroffen habe. Carsten (40) aus Braunschweig, der wie ich in Valencia gestartet ist und Peter (58) aus Bergisch Gladbach, der in Toledo angefangen hat.

Die Herberge ist schlicht, zweckmäßig und kostenlos und ich hoffe, dass die Zwei nicht schnarchen.

 

23. Mai 2012
Escalona – San Martin de Valdeiglesias (32 km)

Ein (fast) perfekter Tag, traumhaft schönes Wetter, eine gebirgige Landschaft, dass einem das Herz aufgeht … und ein Mitpilger, der einem permanent ein Ohr abquatscht.

Ich starte heute Morgen mit Carsten und Peter. Carsten ist konditionell so stark, dass er uns nach kurzer Zeit davonläuft. Peter, ein netter Kerl, merkt nicht, dass ich lieber allein laufe. Ich kann mein Tempo ändern, wie ich will, er passt sich an. Da er kein Wort Spanisch spricht, klammert er sich offensichtlich an Mitpilger, die sich zumindest durchfragen können. Irgendwie kann ich das ja auch verstehen.

Am Ziel angekommen treffen wir wieder auf Carsten. Die lokale Polizei vermittelt uns eine kostenlose Schlafstätte in einem Sportzentrum der Stadt. Allerdings müssen wir bis 17:00 Uhr warten, bis wir duschen können und bis 20:00 Uhr, bis wir unsere Schlafstätte, eine Gymnastikhalle beziehen können. Doch was soll’s, auch Zeit bekommt auf dem Weg eine andere Bedeutung.

Ich unterhalte mich lange mit Carsten. Das ist wieder so eine Begegnung, die es im „normalen“ Leben nie gegeben hätte. Carsten, 40, glatzköpfig, mit drei oder vier bunt gefärbten Rastalocken, arbeitet als Pfleger für Behinderte, er ist ein sensibler, lieber Kerl. Auf meine Frage, warum er mit seiner Frisur so provoziere (in der freien Wirtschaft hätte er in einem Vorstellungsgespräch keine Chance), meint er, dies wäre doch nicht sein Problem, sondern ein Problem der Gesellschaft. Ich kann der Logik nicht ganz folgen, trotzdem mag ich den Kerl, der so gar nicht in mein Weltbild passt.

Gegen 16 Uhr nehme ich mein „Menü del Dia“ zu mir, es ist hier in dieser Gegend so gut und preiswert (8,50 Euro einschließlich der Flasche Wein). Einen Teil der Vorspeise packe ich mir ein, das reicht fürs Abendessen.

Ich schlafe gut in der Turnhalle, ich bin so müde, dass ich mir keine Gedanken darüber machen kann, ob die Matte weich genug ist.

 

24. Mai 2012
San Martin de Valdeiglesias – Cebreros (19 km)

Wir starten zeitversetzt, erst Peter, eine halbe Stunde später Carsten und dann, noch mal eine halbe Stunde darauf mache ich mich auf den Weg. Das Wetter ist einmalig, das Problem ist nur, dass die Mittagstemperaturen im Moment weit über 30 Grad liegen, sodass man eigentlich so früh wie möglich starten sollte.

Was für eine schöne Landschaft, riesige uralte (kanarische) Kiefern gestalten das Bild. Viele, viele Höhenmeter sind zu überwinden. An einem Fluss mache ich Pause, ein grandioses Froschkonzert begrüßt mich, dazu das Geklapper von hungrigen Störchen. Mir unbekannte Vögel mit langen blauen Schwanzfedern schwirren herum (mein Reiseführer meint, das wären Blauelstern), es ist Natur pur, von der ich mich nur schwer trennen kann, um die letzten schweißtreibenden Höhenmeter anzugehen.

Das waren zwar nur 19 km heute, aber die hatten es in sich. In Cebreros angekommen treffe ich Carsten noch einmal, er will noch eine Etappe weiter laufen, aber mir ist es zu heiß.

Auch Peter trifft ein, wir gehen zusammen zum Ayuntamiento (Rathaus), um zu erkunden, welche Übernachtungsmöglichkeiten es hier gibt. Es gibt eine kostenlose „Herberge“ mit zwei Matten und einer ordentlichen Dusche mit warmem Wasser. Die örtliche Polizei fährt uns hin.

Nach der üblichen Prozedur, Duschen, Wäschewaschen … gehe ich noch einmal in den Ort, treffe meine Österreicher, die noch nach einer Möglichkeit suchen, hier zu übernachten. Es wird sich schon etwas finden.

 

25. Mai 2012
Cebreros – San Barolome de Valdeiglesias (18,7 km)

Das ist heute eine der schönsten Wanderungen auf der Tour.

Nach einer schlechten Nacht – ich bin es nicht mehr gewohnt auf einer dünnen Matte auf hartem Steinfußboden zu schlafen – starte ich gegen 6:30 Uhr. Peter ist schon eine Stunde vor mir im Dunklen losgegangen, um der Hitze des Tages zu entgehen. Am Anfang geht es erst einmal sehr steil bergauf, 500 Höhenmeter sind zu überwinden. Dann eröffnet sich ein landschaftlich besonders schönes Hochplateau mit Lavendel und Koniferen.

Ich mache viele Pausen, lasse mir Zeit und genieße die Landschaft. Am Horizont sind schneebedeckte Berge zu sehen. Bei diesen Temperaturen kann man darüber nur staunen.

Wie fast immer bin ich ohne Frühstück losgegangen, mein Wasservorrat, den ich mitschleppe, liegt bei 2L, den braucht man bei diesen Temperaturen auch. Außerdem habe ich es mir angewöhnt morgens auf Vorrat zu trinken, d. h., so viel Wasser zu schlucken, wie eben hineinpasst. Das tun Kamele auch, dann muss es auch bei mir erst recht klappen.

„Meine Österreicher“ sind heute mit dem Bus nach Avila gefahren, Carsten ist weg, sodass Peter als mein einziger Weggefährte bleibt. Er erzählt mir, dass sein Budget bei 8,50 Euro pro Tag liegt (einschließlich Übernachtung). Da die Herbergen hier fast alle kostenlos sind, ist das sogar machbar, aber nur, wenn man sich selbst verpflegt.

Die örtliche Herberge, zu der ich von einem Rathausangestellten hingeführt werde, hat 3 Stockbetten, wie zu erwarten sind Peter und ich die einzigen Gäste.

Der Ort hat 500 Einwohner, 2 Bars und einen Mini-Supermarkt, so richtig viel anfangen kann man hier nicht, aber die Umgebung ist ein Traum.

 

Mein Traumhaus

xIch habe heute mein Traumhaus gefunden. Na gut, ein wenig reinstecken müsste man schon, aber diese Lage(!), über 50 km freie, unverbaubare Sicht. Ich habe lange hier gesessen und ein wenig die Besitzer beneidet, die irgendwann mal hier gewohnt haben, sicherlich ohne Strom und fließend Wasser. Hättest du keine Lust, Gerda? Ich weiß, du hättest nicht, aber träumen kann man ja mal.

 

 

26. Mai 2012
San Barolome de Valdeiglesias – Avila (28 km)

Leider geht es wieder ohne Frühstück los. Gestern wollte ich noch in den Supermarkt, um für das Abendessen und das Frühstück einzukaufen, aber der örtliche Supermarkt hat nicht mehr aufgemacht.

Es geht erst einmal 200 Höhenmeter bergab und anschließend 500 Höhenmeter bergauf, bis auf eine Höhe von 1400 m. Dort oben ist es schneidend kalt.

Die Tour ist schön. Schon von Weitem kann man Avila liegen sehen, aber es vergehen Stunden (ohne Kaffeepause, ohne Bar) bis man die Stadt tatsächlich erreicht.

In der Touristeninformation treffe ich auch Peter wieder. Er kann sich nicht verständlich machen, denn hier spricht niemand Deutsch und schon gar nicht sein bergisches Platt.

Es gibt eine Herberge, aber man muss wieder einen Betreuer anrufen und Ort und Zeit der Schlüsselübergabe vereinbaren. Das ist bei meinen geringen Spanischkenntnissen oft komplizierter als es sich anhört.

Die Herberge ist sehr schön, aber leider ein wenig ungepflegt und schmutzig. Aber ich will mich nicht beschweren, immerhin war die Übernachtung in allen Herbergen der letzten Woche kostenlos.

Als ich Avila sehe, weiß ich, dass ich hier schon einmal gewesen bin. Die riesige Stadtmauer, die Kathedrale und andere Dinge erkenne ich sofort wieder. Ich weiß nur nicht, wann ich hier gewesen sein könnte. Auf einem meiner Jakobswege kann es nicht gewesen sein. Entweder in einem Urlaub oder in einem früheren Leben …

Avila ist die höchstgelegene Stadt Spaniens, war lange Zeit Heimat von Christen, Juden und Mauren und wurde 1985 zum Weltkulturerbe erklärt. Die Stadt ist voller Touristen, ich kaufe mir etwas Brot, Käse und Wein und verpflege mich heute mal selbst. Um 20:00 Uhr liege ich todmüde im Bett.

 

27. Mai 2012
Avila – Gotarrendura (25 km)

Peter und ich gehen wieder getrennt los. Da wir uns immer noch auf einer Höhe von über 1100 m befinden ist es morgens noch sehr kalt, aber wolkenlos und die Sonne übernimmt schnell das Zepter. Das Gebirge liegt hinter mir, es wird zusehends flacher. Leider gibt es auch hier zwischen Start und Ziel keine Möglichkeit einzukehren oder einzukaufen. Die Landschaft ist wunderschön, aber ich träume von leckerem Kaffee und etwas zu essen. Am Ziel angekommen treffe ich natürlich auf Peter und – oh Wunder – auf ein Pilgerpaar aus Frankfurt. Immerhin hat der Ort mit seinen 110 Einwohnern eine Bar, in der man essen kann. Die beiden Frankfurter erzählen, dass sie letzte Nacht eigentlich in einem kleinen Ort in einem Hotel übernachten wollten, aber da es das im Reiseführer angegebene Hotel nicht mehr gibt, haben sie die Nacht im Freien verbracht, bei Temperaturen, knapp über dem Gefrierpunkt.

Wir beziehen gemeinsam die wohl schönste Herberge auf der diesjährigen Wanderung, natürlich ist auch sie kostenlos. Und immerhin sind wir jetzt schon zu viert in der Herberge, solchen Andrang habe ich auch noch nicht erlebt.

 

Einkaufen auf dem Jakobsweg

Meine Nase läuft, also will ich mir ein Päckchen Papiertaschentücher kaufen, 10 Päckchen könnte ich ja auch noch unterbringen, aber es gibt sie nur in Riesengebinden, die so groß sind wie mein Rucksack.

Ich habe Appetit auf einen Joghurt. Die kleinste Einheit sind 6 Joghurts.

Eine Apfelsine wäre jetzt lecker, aber was soll ich mit einem Netz mit 20 Stück?

Mein Kamm hat nur noch 3 Zinken, das reicht für meine Lockenpracht nicht mehr aus. In einer Parfümerie wollen sie für einen einfachen Taschenkamm 16,80 Euro haben, im Supermarkt gibt es nur 10er-Packs. Was soll ich mit 10 Kämmen?

Da mache ich die Entdeckung: Ein Püppchen mit Bürste und Kamm kostet 3,98. Ich nehme den Kamm heraus, verschenke den Rest einem Mädchen. Das Kind mault, weil es den Kamm auch gerne gehabt hätte.

Das ließe sich jetzt beliebig fortsetzen, egal ob ich Wurst oder Käse kaufen will, es ist immer zu viel, denn große Reserven kann ich mir bei Temperaturen zwischen 30 und 40 Grad auch nicht anlegen.

Nachtrag:

Ein Paar meiner Socken sind durchgelaufen. Ich finde tatsächlich ein Sportgeschäft, aber auch Socken gibt es nur im 3er-Pack.

 

28. Mai 2012
Gotarrendura – Arévalo (32 km)

Gestern habe ich mich noch sehr nett mit dem deutschen Ehepaar aus Frankfurt unterhalten. Er ist 80, Literaturprofessor und gibt heute noch ab und zu Gastvorlesungen. Leider, meint er, sei seine Kondition nicht mehr so wie früher, aber die bevorstehenden 32 km wolle er doch noch gerne angehen. Er sprüht noch voller Leben und hat noch so viel Ziele, die er gerne angehen möchte. Auch seine Frau scheint mit ihren 74 noch topfit. Das macht einem Mut.

Ich starte gegen 7:30 Uhr. Es ist eigenartig, gestern habe ich mich den ganzen Tag eigentlich nur ziemlich müde durch die Gegend geschleppt, heute läuft es wie von selbst und ich brauche für die 32 km nur knapp 6 Stunden. Es geht hauptsächlich durch lichte Kiefernwälder. Die Kiefern werden wie bei den Kautschukbäumen angezapft, wobei das Harz für pharmazeutische Zwecke weiterverarbeitet wird. Nach 3 Stunden gibt es endlich Frühstück, getoastetes Weißbrot mit Olivenöl und Tomate, dazu eine dicke Tasse Café con Leche, was will ich mehr?

In Arevalo gibt es keine Herberge. Bevor Peter einläuft, suche ich mir schnell ein Zimmer, um seiner Andeutung vorzubeugen, dass man sich ja vielleicht ein Zimmer teilen könne. Dazu müsste er erst mal anfangen, sich und seine Wäsche zu waschen.

 

29. Mai 2012
Arévalo – Medina del Campo (35,4 km)

Lange, heiße, staubige, (fast) schattenlose Wege bis Medina del Campo. Hier lebte und starb Königin Isabella I., La Católica.

Mehr als sie und ihr Denkmal hat mich das Franziskaner Weizenbier, frisch vom Fass gezapft, beeindruckt …

 

30. Mai 2012
Medina del Campo – Nava del Rey (28 km)

Eigentlich beträgt die Entfernung von Medina del Campo nach Nava del Rey nur 15 km und eigentlich wollte ich auch viel weiter gehen …

Beim Herausgehen aus der Stadt treffe ich auf Peter. Wir sehen gelbe Pfeile und folgen ihnen brav. Wir hatten ausgerechnet, dass nach ca. 2 Stunden eine Ortschaft kommen müsste, in der wir Kaffee trinken können. Als nach 2,5 Stunden immer noch kein Ort auftaucht, bemerken wir unseren Irrtum: Wir sind einer Alternativroute des Jakobsweges gefolgt, die aber nicht nach Westen, sondern nach Norden verläuft.

Ohne geeignete Karte schlagen wir uns über kleine Feldwege auf unsere Route zurück. Der Umweg beträgt 13 km.

In Nava del Rey beschließe ich, die heutige Wanderung zu beenden. Peter will noch weiter gehen, da er sonst mit seinem Zeitplan nicht hinkommt. Also trinken wir noch einen letzten Kaffee zusammen, dann trennen sich unsere Wege.

Hier im Ort gibt es das „Convento de las Madres Capuchinas“, das laut Reiseführer auch Pilger aufnimmt. Ich klingele um 15 Uhr an der Pforte, aber keiner macht auf. Warten oder eine andere Übernachtungsmöglichkeit suchen? Ich beschließe zu warten und um 15:45 Uhr haben die Nonnen wohl ihr Mittagsschläfchen beendet und lassen mich ein.

Es gibt mehrere sehr schöne Schlafsäle, sehr saubere und schöne Sanitäreinrichtungen und eine Küche. Nach mir trudelt noch das Frankfurter Ehepaar, Ilse und Werner, ein.

Wir beschließen, zusammen die Kirche des Ortes zu besichtigen. Aber sie ist leider wegen Restaurierungsarbeiten geschlossen. Der Herr in der Touristen-Information rät uns, alternativ die Weinkeller des Ortes einmal anzusehen. Wir gehen tief hinab in einen solchen Keller. Die ganze Stadt scheint unterhöhlt zu sein mit über 7 km langen Gängen und Räumen, in denen Weinfässer lagern. Natürlich ist das mit einer Weinprobe verbunden. Mich begeistern vor allem die leckeren Weißweine der Region. Schade, dass man nichts mitnehmen kann.

 

Nachtrag: Einkaufen in Spanien

Die drei Paar Socken, die ich mir neulich gekauft habe, sind viel zu kurz und nicht zu gebrauchen.

Also habe ich mir heute noch einmal welche gekauft. Auch die gab es nur im 3er-Pack. Bald kann ich einen Sockenladen aufmachen, denn eigentlich brauche ich nur ein Paar, das ich tagsüber trage und abends auswasche.

 

31. Mai 2012
Nava del Rey – Castronuño (20 km)

Ich habe gut geschlafen im „Convento de las Madres Capuchinas“. Heute Morgen gab es sogar noch einen Kaffee, ein paar selbst gebackene Plätzchen und den Segen einer kleinen Nonne mit strahlenden, gütigen Augen.

Die Etappe ist kurz, doch ich muss mich nach den Orten und Übernachtungsmöglichkeiten richten. Die Gegend ist hügelig, Wein- und Getreidefelder umgeben mich.

Castronuño liegt auf einem Hügel und bietet einen fantastischen Blick auf eine Schleife des Rio Duero. Wenn ich jetzt dem Fluss einfach folgen würde, käme ich auch in Porto aus. Leider bekomme ich nicht heraus, ob dass machbar ist, sonst würde ich am Fluss weiterwandern.

Das einzige Hostal im Ort ist belegt, aber ich bekomme ein schönes Zimmer in einer „Casa Rural“. Man sieht, es findet sich immer eine Lösung und die Leute sind außerordentlich hilfsbereit.

Morgen werde ich Toro, die Partnerstadt Dormagens, erreichen.

 

01. Juni 2012
Castronuño – Toro (25 km)

Der Weg ist schön, er geht am Rio Duero entlang. Aber leider haben Mücken wohl das gleiche Schönheitsempfinden, riesige Schwärme begleiten mich und auch den Qualm meiner Pfeife scheinen sie zu genießen. Kurz vor 12:00 Uhr erreiche ich Toro, das Thermometer zeigt 36 Grad, es hat keinen Sinn, noch weiter zu gehen.

Toro ist die Partnerstadt von Dormagen, eine wirklich hübsche Stadt, die ich vor 4 Jahren, als ich auf der „Via de la Plata“ gewandert war, schon einmal besucht hatte. Ich treffe das Frankfurter Ehepaar wieder, das aufgrund der hohen Temperaturen die Strecke mit dem Bus gefahren ist. Wir gehen zusammen essen.

Gegen 15:00 Uhr setzt ein heftiges Gewitter ein, wobei ich das Gefühl habe, das alle über den Regen glücklich sind, da die Temperatur etwas absinkt.

Die beiden Frankfurter, Ilse(72) und Werner(80) beeindrucken mich. Er macht gerade Pläne, wie er mit einem Frachtschiff nach Südamerikas kommt, damit er einmal die Galapagos-Inseln bereisen kann. Schön, wenn man mit 80 noch solche Pläne schmiedet.

 

02. Juni 2012
Toro – Zamora (36 km)

Der erste Teil meiner diesjährigen Wanderung ist vorbei. Da es heute fast denn ganzen Tag bewölkt war, sind die Temperaturen nicht so extrem angestiegen und ich konnte ohne Probleme durchlaufen. Die ersten 10 Kilometer gingen am Ufer des Rio Duero entlang. Schwärme von Mücken versuchten mir das Leben schwer zu machen. Da es gestern kräftig geregnet hat, waren die Wege matschig und schwer zu begehen. Interessant fand ich, dass hunderte oder tausende von Schnecken (mit Haus) meinen Weg kreuzten. Wo haben die Schnecken vorher gesteckt, als es wochenlang nur heiß und trocken war?

Dem Matschweg schloss sich dann kilometerlanges Laufen auf dem Asphalt der Straße an. Zamora ist eine hübsche Stadt. Als ich das letzte mal hier war, bin ich nur durchgelaufen, jetzt habe ich Zeit, sie genauer zu erkunden. Da der Weg hier in Zamora auf die Via de la Plata führt, ist die Herberge mit 17 Pilgern gut gefüllt. Ja, da ist es wieder, dieses internationale Flair des Caminos. Ich sitze lange mit zwei Jungs aus den USA zusammen, sowie mit 2 Radfahrern aus Neuseeland. Es ist schön, mal wieder jemand zum Reden zu haben.

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Morgen früh geht es mit dem Bus nach Salamanca und dann muss ich sehen, wie ich nach Porto komme.