Map of the route “2007 Camino del Norte”: 853.964 m, 15.501 m of climbing and 15.258 m of descent, elevation between 20 m and 729 m. It starts at 43.34290, -1.79913 and ends at 42.88646, -8.51478 (latitude, longitude).
Vorwort
Die Packliste blieb fast unverändert, weggelassen habe ich das aufblasbare Kopfkissen. Ein Handy habe ich auch diesmal nicht mitgenommen. Doch einen Luxus habe ich mir geleistet, ich habe mein Navigationssystem mitgenommen, eigentlich mehr aus Spieltrieb, doch später hat es mir tatsächlich gute Dienste geleistet. Das Gewicht meines Rucksacks betrug 8,5 Kilogramm (ohne Wasser). Um Gerda, die aus gesundheitlichen Gründen nicht mitlaufen kann, ein wenig mit einzubeziehen, vereinbarten wir, dass wir am Anfang ein paar Tage in Bilbao verbringen und uns am Ende des Pilgerweges noch einmal in Santiago de Compostela bzw. am Kap Finisterre treffen.So sind wir am 25. April 2007 von Köln nach Bilbao geflogen und haben uns die Stadt und die Umgebung angesehen. Am 29. April ist Gerda wieder nach hause geflogen. Ich hatte geplant, mit dem Bus nach Irun/Hendaye zur französisch/spanischen Grenze zu fahren, um meinen Pilgerweg dort zu starten. Für den 09. Juni war Gerdas Flug nach Santiago gebucht.
Irun – Hendaye – San Sebastian (32 km)
Sonntag, 29. April 2007
Um 04:00 Uhr klingelt der Wecker in unserem Hotelzimmer in Bilbao, da ich um 05:15 Uhr den Bus nach Irun nehmen will. Vom Regenschutz des Rucksacks zieht sich noch ein Band heraus, das Gerda in letzter Minute mühsam wieder einfädelt. Dann in aller Eile der Abschied für einige Wochen.
Draußen ist es stockdunkel und nieselt. Natürlich verlaufe ich mich. Aber für solche Fälle habe ich ja mein Navi dabei (denke ich), drücke aber auf den falschen Knopf, es macht erstmal ein RESET, was 3 Minuten dauert. Dann findet es die Satelliten nicht…
Ich traue mich um diese Zeit nicht die herumlungernden Typen nach dem Weg zu fragen, und die „anständigen“ Typen wechseln die Straßenseite, wenn sie mich mit meinem Rucksack auf dem Buckel ankommen sehen (warum eigentlich?). Endlich meldet sich mein Navi und zeigt mir den Weg. Ich bin natürlich viel zu weit gelaufen. Den Busbahnhof erreiche ich noch pünktlich und um 05:15 Uhr geht es los.
Um 07:00 Uhr weckt mich der Fahrer in Irun (gut, dass hier Endstation ist). Ich gehe in die Bahnhofswirtschaft. Draußen hängen tiefschwarze Wolken und es nieselt und ich habe überhaupt keine Lust loszumarschieren. Aber Bahnhofswirtschaften sind auch keine Orte der Gemütlichkeit, also Regenschutz auf den Rucksack und los geht’s…
Aber ich will vorher noch nach Frankreich, da ich mir vorgenommen habe, in Hendaye zu starten. Mehrere Leute machen mich darauf aufmerksam, dass ich, wenn ich den Camino gehen will, in die falsche Richtung laufe. Endlich eine Brücke, der Grenzpfahl, ich umrunde ihn einmal und gehe fast das gleiche Stück zurück.
Mein Reiseführer empfiehlt, dass man unbedingt den abseits der Route liegenden Ort Hondarrabia besuchen muss. Also verlasse ich nach einigen Kilometern schon wieder den Jakobsweg, um mir den Ort anzusehen. Es soll die schönste Kleinstadt des Baskenlandes sein. Sie ist wirklich sehr schön und hat eine vollständig erhaltene mittelalterliche Altstadt, mit bunt geschmückten Fischerhäusern und einer ehemaligen Burg Karls V.
Dann gehe ich zurück auf den Weg, der erstmal ständig bergauf geht. Ich bin vollkommen nass, außen vom Nieselregen und innen vom Schwitzen. Nach ca. 20 km auf und ab führt der Weg wieder auf Meereshöhe nach Passaia.
Die Bucht, von hohen Bergen umgeben, hat eine spektakulär kleine Einfahrt zu einem dahinter liegenden großen Hafen. Inzwischen ist die Sonne da. Vor einem Hafenrestaurant trinke ich ein Bier und treffe den ersten Pilger (aus Polen). Danach geht es mit der Fähre auf die andere Seite und dann wieder endlos steil nach oben. Inzwischen ist es sonnig und warm, der Küstenweg wird immer schöner und die Ausblicke sind gewaltig. Mein Ziel ist die am östlichen Stadtrand von San Sebastian gelegene Herberge. Als ich dort ankomme, ist sie geschlossen. Ich treffe auf eine Gruppe von Spanierinnen, die für ein paar Tage wandern wollen. Ihnen hat sich Marc aus Kanada angeschlossen hat, der auch nach Santiago will. Gemeinsam gehen wir über die endlos lange Strandpromenade zum anderen Ende der Stadt. Die dort liegende Herberge ist voll. Man empfiehlt uns ein kleines Hostal gegenüber; ich teile mir mit Marc ein Zimmer. Ehe wir uns alle durch das eine Badezimmer geschleust und geduscht haben, vergehen 2 Stunden (wir Männer haben 10 Minuten gebraucht). Nach einem gemeinsamen Bummel durch die Stadt gehen wir zusammen essen. Um 22:00 Uhr falle ich müde ins Bett.
San Sebastian – Orio (13 km)
Montag, 30. April 2007
Um 07:00 Uhr werde ich wach. Da meine spanisch/kanadischen Mitwanderer heute eine sehr große Tour vorhaben, beschließe ich, wieder alleine weiterzulaufen. Die Spanierinnen bieten zwar endlich die Möglichkeit, mein Spanisch anzuwenden, aber auf der anderen Seite quatschen sie mich tot. Gestern Abend hatte ich noch meine Wäsche gewaschen und gehofft, sie wäre heut morgen trocken, aber sie war noch so nass wie am Vorabend. In der Herberge gegenüber existiert ein Trockner, in die ich meine Wäsche stopfe. Was ich nicht weiß, das ein solcher Trockenvorgang eine Stunde dauert. Trotz eines Warnschildes, dass man den Trockenvorgang auf keinen Fall unterbrechen darf, unterbreche ich nach langweiligen 45 Minuten.
Das heutige Ziel ist Zarautz. Das sind etwas über 20 km und müsste eigentlich gut zu schaffen sein. Denke ich!
Aber falsch gedacht. Es ist heiß und sonnig und geht erstmal kilometerweit bergauf. Ich treffe auf eine französische Wandergruppe, wir laufen für eine halbe Stunde zusammen, aber eine Konversation ist aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse schwierig. Ich lasse sie hinter mir. Die versprochenen Bars und Berggasthöfe, in denen ich irgendwo frühstücken wollte, sind alle geschlossen.
Ich treffe auf einen am Straßenrand stehenden Tisch, auf dem Wasser, Süßigkeiten und Informationsmaterial für Pilger stehen … und ein Schild „Bitte kein Geld zur Bezahlung da lassen“. Wenn ich hätte bezahlen können, hätte ich mir ein Wasser genommen, aber so war es mir zu peinlich, was ich später bedauert habe.
Nach 200 Metern treffe ich auf den Eigner des Tisches. Er erzählt mir, dass er den Weg bisher 7-mal gegangen ist und seitdem macht seine Frau jeden Tag ein Blech mit einer Mandel-Zucker-Masse, die sie dann kostenlos für die Pilger hinstellt. Also muss ich noch einmal zum Tisch zurück um wenigstens zu probieren.
Es wird heißer und ich wechsle auf „kurze Hose“. Den Weg nach Orio (ca. 13 km) bezeichnet mein Reiseführer als „Spaziergang“. Für mich scheint es eher ein Übungsparcour für Bergziegen, aber die Ausblicke auf die Küste sind fantastisch. Mein Wasser wird knapp. Endlich erreiche ich die versprochene Quelle. Allerdings ist das abenteuerliche Rohrsystem, mit dem das Wasser in einen Auffangbehälter geleitet wird, defekt. Es spritzt in alle Richtungen. Es gelingt mir nur mühsam, meine Flaschen zu füllen. Danach bin ich auch pitschnass.
Am Himmel zeigen sich plötzlich sehr dicke schwarze Wolken und der Wind frischt unangenehm kalt auf. Im Schutze eines Bauernhauses mache ich mich regenfest. Zwei riesige Hunde kommen angerannt, bellen … und lassen sich streicheln. Der Bauer kommt heraus, weil er mit dem Auto weg muss. Er meint, es würde gleich ein Unwetter kommen und bietet mir an, mich in eine in der Nähe liegende Gaststätte zu fahren, um erst mal Schutz zu haben. Die Verständigung ist äußerst schwierig, da er nur baskisch spricht (wofür habe ich eigentlich Spanisch gelernt?). Ich nehme sein Angebot an, nicht wissend, dass die Gaststätte völlig abseits meines Weges liegt.
Kaum dort angekommen, fängt es an zu regnen und zu stürmen, dass ich heilfroh bin, das Angebot angenommen zu haben. Ich will etwas essen, aber auch hier versteht man nur baskisch. Schließlich bekomme ich 1/2 Meter mit Rührei und Schinken belegtes Baguette und einen Spezialwein der Gegend. Draußen stürmt und regnet es, so dass ich mir Zeit lasse. Irgendwann aber lässt es dann doch etwas nach, ich mache mich wetterfest und mit einem etwas unguten Gefühl auf den Weg.
Nach ca. 4 1/2 Stunden reiner Gehzeit für angeblich 13 km erreiche ich Orio. Hier gibt es eine Herberge und ich beschließe zu bleiben. Ich habe Glück, dass noch ein Platz frei ist. Durch den 1. Mai als Brückentag sind viele Spanier unterwegs. Inzwischen tobt draußen ein Gewitter und Unwetter, dass ich froh bin, ein Dach über dem Kopf zu haben. Nach dem Duschen und Wäschewaschen mache ich ein Schläfchen und sehe mir danach den Ort an. Es ist sehr kalt geworden und ich friere.
Abends treffen meine Spanierinnen und mein Kanadier ein. Sie waren bis Zarautz gelaufen, haben dort keine Unterkunft gefunden und sind mit dem Zug zurück gefahren. Wir essen zusammen das von der Herberge angebotene Abendessen (Salat-/Gemüseteller und Hähnchen in Tomaten/Knoblauch, Obst und Rotwein) für 6,50 €. Wir sitzen noch einige Zeit zusammen und quatschen. Zum Schluss sitze ich noch mit einer der Spanierinnen (Gotzone Aranaga), einer Architektin aus Bilbao, allein da und wir konstruieren altengerechte Wohnungen.Aber auch heute ist um 22:00 Uhr Feierabend. Im Schlafraum liegen ca. 10 Personen, keiner schnarcht und ich schlafe herrlich.
Orio – Zarautz (8,5 km)
Dienstag, 1. Mai 2007
Um 07:00 Uhr werde ich von einem dicken Gewitter geweckt, es regnet in Strömen und ist kalt. Ich frühstücke zusammen mit meinen spanisch/kanadischen Gefährten. Sie machen sich auf den Weg und wollen, da sie gestern schon in Zarautz waren, mit dem Zug dort hin fahren, um ihren Weg fortzusetzen. Also noch einmal großer Abschied, wieder sehen werden wir uns diesmal sicher nicht mehr.
Etwa eine Stunde später ziehe ich mir meinen Regenponcho über und wandere auch los. Eigentlich macht es keinen Spaß, es ist kalt, nass und die Wege sind glibberig. In Zarautz werfe ich das Handtuch und mache schon früh Feierabend. Ich gehe zur Jugendherberge und bekomme dort einen „Pilgersonderpreis“ von 18,50 € incl. Frühstück. So viel habe ich im vorigen Jahr nie bezahlt, aber die Jugendherberge ist sehr gut und hat Hotelcharakter. Jetzt werde ich mir noch ein wenig die Stadt ansehen und etwas essen. Vor Jahren habe ich mit Gerda und Susanne mal hier übernachtet, kann mich aber an nichts mehr erinnern. Vermutlich hat sich auch seit damals viel geändert.
Da es in Strömen regnet, verweile ich notgedrungen in Cafes und Kneipen. Zarautz ist wohl das Zentrum des Baskenlandes und der ETA. In einer Kneipe wird mir mulmig. Sowohl der Wirt als auch die Gäste tragen ETA-T-Shirts. An der Wand hängen Plakate von ETA-Terroristen/Freiheitskämpfern (je nach Sichtweise). Als ich meinen Wein auf „spanisch“ und nicht auf baskisch bestelle, werde ich schief angesehen. Ich wechsle schnell das Lokal.
In der Jugendherberge ist inzwischen Jimmy eingetroffen. Jimmy ist 53 Jahre alt, stammt von Manchester und hat vor ein paar Monaten sein Haus, sein Auto und alles verkauft und will jetzt durch die Welt tingeln. Alle seine Besitztümer (bis auf das Bankkonto) befinden sich in einem Rucksack. Jimmy ist ein interessanter Typ. Er war 20 Jahre lang bei der englischen Armee mit Einsatz in Kuwait. Er spricht fließend arabisch. Seine Söhne sind/waren auch beide bei der Armee, beide im Irak, der eine ist inzwischen desertiert. Nach seiner Armeezeit hat Jimmy eine Versicherungsagentur gegründet, gutes Geld verdient und viel gearbeitet bis zum ersten Herzinfarkt. Inzwischen hatte ihn auch seine Frau verlassen. Wir unterhalten uns über das Buch „Simplify your Life“. Jimmy hat es nie gelesen, aber die Grundgedanken mehr als konsequent umgesetzt. Er hat sein Leben und, wie er sagt, damit auch seinen Kopf entrümpelt.
Ich werde zumindest mal mit den Schubladen und Schränken in meinem Arbeitszimmer beginnen, wenn ich wieder zuhause bin.
Jimmy will heute Abend unbedingt ein Fußballspiel (Manchester/Liverpool) sehen. Wir gehen zusammen in die Stadt und er fragt in jeder Kneipe, ob sie das Spiel zeigen.
Endlich hat er Glück. Wir trinken 1-3 Bier und können uns prächtig unterhalten. Dann trennen wir uns, er geht zu seinem Spiel, ich will etwas essen. Als ich gerade bestelle, schiebt sich Jimmy durch die Tür. Er habe es sich überlegt. Fußballspiele wird es noch mehr geben, aber eine Plauderei mit mir, könne er wohl nicht mehr so schnell haben….
Zarautz – Deba (22 km)
Mittwoch, 2. Mai 2007
In der Jugendherberge von Zarautz sind wir insgesamt vier Gäste. Wir frühstücken um 09:00 Uhr. Das Frühstück ist so spartanisch wie überall in Spanien, abseits der Touristengebiete, Kaffee, Baguette und Marmelade.
Es ist sonnig und Jimmy wandert die ersten Kilometer mit mir. Trotz Bauch hat er eine bessere Kondition als ich. Wir trennen uns mit dem Versprechen, in Kontakt zu bleiben. Seine Folgeziele sind Südspanien, Zypern, Jordanien und Ägypten. Von Zarautz bis Deba sind es laut Reiseführer 23 Kilometer. Das muss leicht zu schaffen sein, denke ich. Für die 23 Kilometer brauche ich fast 7 Stunden, da es ständig bergauf und bergab geht. Keinen Berg und keinen Ort auf Meereshöhe lässt der Weg aus. Aber er ist wunderschön und wenn man oben angekommen ist und die Aussicht genießt, sind alle Strapazen vergessen. Zwischendurch dann ein total verschlammter Weg. Meine Schuhe sehen aus wie Matschklumpen. Dann übersehe ich wohl eine Wegmarkierung und muss noch einen Umweg von 3 km auf einer stark befahrenen Landstraße laufen. Das ist lebensgefährlich und ich muss mehrmals in den Seitengraben springen.
Ich erreiche Deba, suche erstmal die Touristeninformation, um zu erfragen, wo die Herberge ist, aber die hat nur vormittags auf. Ich frage den Dorfpolizisten. Bei ihm bin ich genau an der richtigen Adresse, denn er verwaltet nebenbei auch die Herberge. Ich gehe mit ihm aufs Revier, um mir den Schlüssel geben zu lassen.
Die Herberge ist äußerst primitiv, aber es gibt immerhin eine Dusche und warmes Wasser; wie bescheiden die Ansprüche werden. Ein französisches Ehepaar ist da, sie sprechen natürlich nur französisch. Auf dem heutigen Weg habe ich übrigens weder Wanderer, geschweige denn Pilger getroffen. Das wäre auf dem „Camino Francés“ nicht möglich. Auch die Cafés, Bars, Restaurants, die auf dem Weg liegen, waren alle geschlossen. Bei den wenigen Pilgern lohnt es sich wohl nicht.
Jetzt versuche ich noch etwas zu essen zu bekommen, aber es sieht nicht gut aus in dem Kaff. In einer Bar sagt man mir, dass ich ab 21:00 Uhr etwas bekommen kann. Also warte ich solange und esse dann schlecht, fettig und teuer (17 €). Als ich in die Herberge zurückkomme, liegt das französische Paar schon im Bett. Außer uns ist keiner da. Auch ich bin todmüde und gehe schlafen.
Deba – Gernika
Donnerstag, 3. Mai 2007
Ich wache gegen 07:00 Uhr auf. Noch ist es trocken, aber am Himmel hängen dicke schwarze Wolken. Die beiden Franzosen tragen keine Rucksäcke, sondern haben sich eine Karre gebastelt, vor die sie sich beide spannen, um sie zu ziehen. Ich bin überzeugt, die beiden schon im vorigen Jahr gesehen zu haben, aber sie sagen (nach reichlicher Diskussion), dass sie im Vorjahr die „Via de la Plata“ gegangen sind, ein Weg, der von Südspanien kommt. Sie laufen seit 15 Jahren Jakobswege und meinen, dass die „Via de la Plata“ bisher der schönste Weg war.
Ich frühstücke in einer Bar, dann ziehe ich los, obwohl es inzwischen angefangen hat zu regnen. Ich habe etwas Sorge vor der Strecke, die 28 km lang ist bei einem Höhenprofil von
0 m – 338 m – 202 m – 465 m – 94 m – 176 m – 311 m.
Ich bin froh, dass ich mir noch eine Regenüberhose gekauft habe. Der Regen wird stärker. Das Wetter ist so schlecht, dass ich keinen Blick mehr für die Landschaft habe, sondern nur noch auf den Weg achten muss.
Nach 6 km endet der Weg in einem unendlichen Schlammloch. Mitten drin stecken meine Franzosen. Die Frau steckt bis zum Knie im Schlamm. Ich helfe so gut ich helfen kann und kehre vermatscht und entmutigt nach Deba zurück. Nach 3 Stunden bin ich genau dort, wo ich heute angefangen habe. Ich entschließe mich mit dem Zug (mit Umsteigen in Lemea) nach Gernika zu fahren. Ein Picasso-Gemälde mit dem Namen Guernica geht mir im Kopf herum. Ist es das gleiche? Ich weiß es nicht.
Ich sehe in meinem Reiseführer nach: Gernika wurde am 26. April 1937 durch einen dreieinhalbstündigen Bombenangriff der deutschen Legion Condor vernichtet. Die Deutschen griffen damals als Hilfstruppen der aufständischen spanischen Militärs unter dem Oberbefehl von General Franco in den spanischen Bürgerkrieg ein.
Vorrangiges Ziel der Legion Condor war die Erprobung des neuen Kriegsgeräts und der modernen Taktik des Luftkrieges zur Vorbereitung auf den zweiten Weltkrieg. Die Bombardierung von Gernika war der erste massive Luftangriff auf eine ungeschützte und nicht direkt am Kriegsgeschehen beteiligte Stadt und ihre Zivilbevölkerung, die von den Flugzeugen aus sogar unter Maschinengewehrfeuer genommen wurde.
Die Spreng- und Brandbomben zerstörten das gesamte Stadtzentrum und Hunderte fanden den Tod. Pablo Picasso verewigte das Grauen des modernen Krieges in seinem Bild „Guernica“ (in der damals noch gebräuchlichen spanischen Schreibweise), dem berühmtesten Gemälde des 20. Jahrhunderts.
Angesichts der Tragödie ist es umso bemerkens- und anerkennenswerter, dass Deutsche heutzutage gern gesehene Gäste sind und keinerlei Hass zurückgeblieben ist, sondern nur der ehrliche Wille zur Versöhnung.
Ich besuche das Friedensmuseum (Museo de la paz), das mich tief beeindruckt. Besonders ein Raum, eingerichtet wie ein Wohnzimmer der damaligen Zeit: Die Tür geht zu (ich bin der einzige Besucher), eine Stimme aus dem „off“ schildert die Momente vor und bei dem Angriff. Ganz normale Geräusche des Alltagslebens sind zu hören, spielende Kinder … Dann Sirenen, … minutenlang das Surren und Krachen der Bomben. Zwischendurch wird es stockdunkel. Und als es wieder still und hell wird … sitzt man inmitten einer Trümmerwüste…
Der Schwerpunkt des Museums liegt aber nicht in der Vergangenheit, sondern ist in die Zukunft gerichtet, mit allen Bemühungen der Welt (Regierungen/Organisationen) um Frieden, auch im Baskenland.
Ich gehe – noch mit einem dicken Kloß im Hals – durch die Stadt, die mir außerordentlich sympathisch ist. Inzwischen hat es auch aufgehört zu regnen und die Sonne lugt hervor.
In einer Bar – es ist 17:00 Uhr -, eigentlich zu spät zum Mittagessen und viel zu früh zum Abendessen, frage ich, ob ich etwas zu essen haben kann.
Naturalmente … Ich werde gar nicht gefragt, was ich will, bekomme eine Literflasche mit Rotwein hingestellt (ich habe sie nicht ganz ausgetrunken), dann eine Terrine Linsensuppe (die für 6 Personen gereicht hätte) als „primero plato“ und irgendein Fleisch mit viel Knoblauch und gedünsteten Paprikas als „secundo plato“. Auf den Nachtisch verzichte ich und bezahle für alles 9 €.
In der Herberge bekomme ich noch den letzten Platz. Es ist eng und ich muss in einem Raum mit ca. 20 Personen schlafen. Viele, die nach mir kommen (hauptsächlich normale Wanderer und keine Pilger) müssen abgewiesen werden.
Ich treffe Marc, den Kanadier wieder. Aber sympathischer ist er mir immer noch nicht geworden. Er ist Kinderpsychologe, und – wie einige Psychologen, die ich kenne – täte ihm selbst mal eine Behandlung ganz gut. Marc will mit mir ins Städtchen gehen, aber ich lasse mir eine Ausrede einfallen.
Abends esse ich gar nichts, da ich immer noch vom Nachmittag voll bin. In der Herberge plaudere ich mit einer deutschen Jugendgruppe, Abiturienten aus Pforzheim mit Leistungsfach Spanisch, die hier in Gernika eine Woche verbringen. Es macht richtig Spaß, so ganz normale Jugendliche zu erleben.
Wie es morgen weiter gehen soll, weiß ich noch nicht. Bis Bilbao ist es zu weit, dazwischen gibt es keine Herberge und außerdem ist für die nächsten Tage kräftiger Regen angesagt.
Aber darüber mache ich mir erst morgen Gedanken…
Gernika – Bilbao
Freitag, 4. Mai 2007
Gegen 06:30 Uhr werde ich durch das Rascheln von Tüten und Schlafsäcken meiner Mitschläfer wach. Es regnet nicht, sondern es schüttet. Das muss ich mir nicht antun, bei diesem Wetter zu wandern, zumal es bis Bilbao ca. 35 km sind und die einzige dazwischen liegende Herberge noch nicht geöffnet hat.
Ich frühstücke in einer Bar in Gernika, schaue immer wieder aus dem Fenster, in der Hoffnung, dass die Wolken auf einmal weggezaubert sind und die Sonne scheint, aber Zauberern ist es wohl auch zu nass.
Also setze ich mich in den Zug, fahre ein Teil der Strecke, die ich gestern gekommen bin wieder zurück und dann nach Bilbao. Zugfahren ist billig. Durch den Umweg bin ich über eine Stunde gefahren und das Ticket hat 2,10 € gekostet. Nicht nur Wanderer, sondern auch Züge müssen bei diesen vielen Bergen ganz schön schnaufen. Bei den steilen Anstiegen muss immer wieder Sand auf die Gleise geschüttet werden.
Am frühen Vormittag komme ich in Bilbao an, es regnet. Der Bahnhof ist nicht der, den ich erwartet habe. Ich gehe zu dem Hotel, in dem ich vorige Woche mit Gerda war, aber es ist ausgebucht. Sie verweisen mich auf einige günstige Hotels und Pensionen in der Altstadt. Das erste (günstige?) 2-Sterne-Hotel will 70 € für ein Einzelzimmer, die nächste Pension ist ausgebucht und in einer weiteren Pension, riecht es so nach Schimmel (… und mehr), dass ich dankend ablehne. Ich wäre eigentlich gerne in der Innenstadt geblieben, aber dann entschließe ich mich doch, die etwas außerhalb der Stadt liegende Jugendherberge aufzusuchen. Und siehe da, der Regen hört auf und ab und zu blinkt die Sonne durch.
Ich entschließe mich, zu laufen, damit ich es nicht ganz verlerne. Es sind von der Innenstadt etwa 8 km. Ich komme noch einmal am Guggenheim-Museum vorbei und denke mit Schaudern an einen Ausstellungsraum, den ich neulich mit Gerda gesehen habe.
Zurzeit ist dort gerade eine Ausstellung des Deutschen „Anselm Kiefer“. In einem Raum stehen Bettgestelle mit Bleidecken überzogen; die auf den Betten liegenden Menschen sind unsichtbar. Aber die Vertiefungen sind zu sehen und in den Vertiefungen scheinen irgendwelche Körperflüssigkeiten zu schimmern. An der Wand dann jeweils ein Schild der Person, die in dem Bett liegt (irgendwelche historische französische Frauengestalten). Was will uns der Künstler damit sagen? Ich weiß es nicht, kann nichts damit anfangen und habe neulich schlecht davon geträumt. Zum Glück haben sie noch Platz in der Jugendherberge, ich kann aber noch nicht aufs Zimmer, aber zumindest den Rucksack dalassen. Eigentlich sind Jugend- oder Pilgerherbergen (letztere gibt es hier nicht allzu viel) viel besser als Hotels und Pensionen, da sie die Infrastruktur haben, dass man seine Sachen reinigen und trocknen kann.
Nach dem Einchecken gehe ich in den Ortskern des Stadtteils Basuro. Hier war es sicher einmal ganz nett, aber jetzt ist der ganze Kern von Schnellstraßen und Autobahnen umgeben. Der Krach ist gewaltig.
In einer Bar hole ich mir eine Kleinigkeit von der Tapastheke und trinke einen Wein. Das wird bis heute Abend reichen, denn ich habe schon ein schönes Restaurant für mein „Menu del Dia“ entdeckt.
Nach einem Mittagschläfchen in der Jugendherberge gehe ich in die Stadt ins „Museo de Bellas Artes“, wo neben moderner Kunst viele alte spanische Meister zu sehen sind. Als Rentner (Jubilado) zahle ich auch immer ermäßigte Preise. Gegen 21:00 Uhr bin ich zurück in der JH, entschließe mich dort zu essen, aber als ich das Essen sehe und erfahre, dass man noch nicht mal einen Wein dazu bekommen kann, gehe ich doch in das o.g. Restaurant. Das Menü kostet 16 € (am Wochenende werden die Preise jeweils angehoben, dafür lässt die Qualität dann auch nach). Alles scheint hier etwas teurer als auf dem Camino francés.
Abends treffe ich ein Paar aus Chile, José und Ana. Sie spielen eine dreidimensionale Variante von „Scrabble“. Sie versuchen es mir zu erklären, aber ich kapiere es nicht. Ana und José sind Puppenspieler. Für jeweils 2 Monate im Jahr gehen sie auf Tournee, diesmal sind sie auf dem Weg nach Paris. Sie meinen, dass sie von dem, was sie in diesen zwei Monaten einnehmen, für den Rest des Jahres gut leben können … und mehr wollen sie auch nicht. Wir plaudern noch lange und es ist ein richtig schöner Abend. Als ich aufs Zimmer komme, liegt neben mir „Marc“, der kanadische Psychologe. Diese JH hat ca. 50 Zimmer, warum muss er ausgerechnet bei mir landen?
Außerdem sind noch drei Franzosen da, die ich in der letzten Herberge kennen gelernt habe. Einer von ihnen hat irgendwo in einer Herberge aus Versehen einen Schuh eines anderen Wanderers angezogen, jetzt läuft er mit einem braunen und einem grauen Schuh herum, was aber kaum auffällt, da beide Schuhe total vermatscht sind. Als ich mich heute entschlossen hatte, mit der Bahn zu fahren, sind die Franzosen gelaufen und im Matsch stecken geblieben.
Bilbao – Portugalete
Samstag, 5. Mai 2007
Gegen 07:00 Uhr werde ich wach. Die drei Franzosen geben auf und fahren heute noch nach hause. Ich frühstücke in der Herberge und treffe noch einmal auf Ana und José. E-Mail-Anschluss? Feste Adresse? Nein, so was haben sie alles nicht. Jetzt haben sie >24 Stunden Busfahrt nach Paris vor sich. Es wird ein herzlicher Abschied.
Als ich aus dem Fenster schaue, beschließe ich zu bleiben. Draußen tobt ein Gewitter, es stürmt und ist kalt. Ich nutze die Gelegenheit, um alle meine Wäsche durch die Waschmaschine und den Trockner zu schicken. Aber auch danach regnet und stürmt es noch. Ich gehe trotzdem in die Stadt und bin pitschnass, trotz guter Regenkleidung.
In einem Internetcafé sehe ich mir den Wetterbericht an, er verheißt auch für morgen nur Dauerregen. Allmählich stelle ich die ersten Überlegungen an, aufzugeben…
Ich halte ein kurzes Schläfchen und siehe da, der Regen hat nachgelassen, es nieselt nur noch. Also beschließe ich nach Portugalete zu laufen und von da aus mit der Bahn zurückzufahren. Portugalete ist nur 13 km von der Herberge entfernt, ohne Rucksack muss das leicht zu schaffen sein. Die Tour ist landschaftlich nicht besonders schön, aber interessant. Bilbao und Umgebung war früher ein Eisen- und Stahlzentrum und man sieht teilweise noch die alten Fabrikanlagen und Arbeitersiedlungen. Es erinnert mich stark an das Ruhrgebiet. Mein Reiseführer sagt, ich solle am linken Flussufer lang laufen. Nach ungefähr einer Stunde, sehe ich auf meinem Navi nach, wie weit ich gelaufen bin. Jetzt sind es nicht mehr 13, sondern 18 km, ich Depp bin in die falsche Richtung gelaufen. Also kehrt, zum Glück hat der Regen ganz aufgehört und die 18 km schaffe ich in 3 h.
Portugalete ist der Ort, der mit Getxo, dem Ort, den ich mit Gerda besucht habe, durch die historische Transportbrücke verbunden ist. Ich fahre mit der U-Bahn zurück und esse abends in der Jugendherberge, nicht besonders gut.
Bilbao – Castro Urdiales (30 km)
Sonntag, 6. Mai 2007
Ich werde wach und schaue aus dem Fenster. Da hängen zwar dicke graue Wolken, aber es regnet nicht, und so ab und zu ist auch ein Stück blauer Himmel zu sehen. Gestern Mittag hatte ich mir schon einen Rückflug herausgesucht (Sonntag 19.00 Uhr), ihn dann aber doch nicht gebucht. Sollte es heute etwa trocken bleiben? Ich will laufen!!!
Ich frühstücke erst mal gemütlich, damit mein Kanadier Zeit hat loszuziehen und einen genügenden Vorsprung hat. Vorher hat er aber noch eine Deutsche Pilgerin auf mich aufmerksam gemacht, die sich an meinen Tisch setzt und mir zwischen Toast und Müsli ihre gesamte Lebensgeschichte erzählt (3 Kinder, inzwischen aus dem Haus, geschieden, Lebenskrise …) Sie wartet darauf, dass ich sie frage, ob wir gemeinsam weiter laufen wollen. Ich will mich nicht während des Wanderns vollquasseln lassen, außerdem hat sie Waden wie Schwarzenegger und ich würde wahrscheinlich nur hinterher hecheln. Unter einem Vorwand verziehe ich mich.
Da ich gestern schon das Stück nach Portugalete gelaufen bin, mache ich es heute noch einmal mit der Bahn und starte von dort aus meine Wanderung. Die dicken Wolken verziehen sich immer mehr und die blauen Stellen am Himmel werden größer. Bis zu meinem Ziel („Castro Urdiales“) sind es rund 30 Kilometer. Vom offiziellen Weg weiche ich aber teilweise ab, da ich befürchte, dass die kleinen Waldwege verschlammt sind. Also gehe ich hauptsächlich Landstraße. Da parallel eine kostenfreie Autobahn führt, ist die Landstraße weitgehend leer. Über 10 km kann ich auch eine ehemalige Bahntrasse nutzen, die als Wander- und Radweg umgebaut ist (übrigens sind Hunde auf dem Weg verboten). In Las Arenas, etwa auf der Hälfte des Weges mache ich meine erste Pause (Krabbenbrot, Café con Leche, Weißwein). Es geht mir gut.
Auf dem Weiterweg überfällt mich wieder – wie im Vorjahr mein Heißhunger auf saftiges Obst, besonders Apfelsinen. Ich wollte mir gestern welche kaufen, aber es gab sie nur in riesigen Netzen. Da sehe ich plötzlich vor mir (hinter einer Mauer) einen riesigen Apfelsinenbaum mit vielen herrlichen Früchten. Dann, das Glück scheint vollkommen, ein Schild „Se vende …“ (zu verkaufen …). Das muss sich auf Apfelsinen beziehen. Mir läuft das Wasser im Mund zusammen. Ich komme näher, um das Schild richtig lesen zu können. „Se vende un perro“ (Hund zu verkaufen). Ich hab ihn nicht gekauft.
Die Strecke geht wie üblich auf und ab. Ich glaube ich war 4-mal an irgendwelchen Stränden und anschließend dann wieder weit oben in den Bergen. Dazwischen die hässliche Autobahn, die mehrmals über- oder unterquert werden musste. Auf der ganzen Strecke habe ich nicht einen Pilger oder Wanderer gesehen.
In Castro Urdiales angekommen, gehe ich erst mal zur Touristinformation. Die hat natürlich zu. In meinem Reiseführer steht, dass Pilger in den Umkleideräumen des Sportstadions schlafen können. Das ist nicht gerade das, wovon ich träume. Also suche ich mir ein Zimmer in einer Pension (mit Bad und WC für 30 €, klein aber sauber, ordentlich und zentral). Nach dem üblichen Ritual (Duschen, Wäsche waschen, Schläfchen) sehe ich mir die Stadt an, die mir richtig gut gefällt. Es ist sonnig, aber die Temperatur dürfte maximal bei 15 Grad liegen, außerdem weht ein frischer Wind.
‚Nein‘, sagt man mir auf meine Frage, ‚ein Internetcafé gibt es hier nicht‘. Da fällt mir plötzlich ein großer blauer Autobus einer spanischen Telefongesellschaft auf, der für Internetzugang wirbt. Man kann es hier ausprobieren. Der Bus hat auf jeder Seite 12 PCs, einer ist noch frei, an den anderen sitzen Kittys im Alter von 10-12 und spielen Autorennen und googeln. Ich setze mich zu ihnen, um mein Tagebuch zu schreiben.
Mit einem guten Abendessen wird es nichts. Es ist Sonntagabend und sonntags haben sehr viele Restaurants geschlossen. Die, die auf haben, bieten Menüs ab 30 Euros an, das ist mir zu teuer. Ich finde einen Türken und esse zum ersten Mal in meinem Leben einen Döner (es war gar nicht schlimm).
Castro Urdiales – Laredo (30 km)
Montag, 7. Mai 2007
Heute Nacht habe ich prima geschlafen. Als ich wach werde, fröstele ich und habe gar keine Lust aufzustehen. Mein Fenster weist auf einen Hinterhof und ich kann nicht abschätzen wie das Wetter ist. Gegen 08:00 Uhr quäle ich mich aus dem Bett. Meine Wäsche, die ich ins Fenster zum Trocknen aufgehängt habe, ist tatsächlich trocken.
In der Pension, die übrigens sehr empfehlenswert ist, frühstücke ich.
La Sota
La Correria, 1
39700 Castro Urdiales (Cantrabria)
Tel. 942871188-942871362
Als ich das Frühstück, das nicht im Pensionspreis eingeschlossen ist, bezahlen will, lehnt die Pensionswirtin ab. Ich solle in Santiago für sie beten; es rollen ihr dicke Tränen die Wangen herunter. Hinter diesen Tränen steckt sicher eine lange Geschichte, die ich nie erfahren werde.
Heute habe ich eine weite Strecke vor mir, die ersten Kilometer sind hauptsächlich Landstraße, dann kommt ein wunderschönes Stück eines kleinen Weges an der Küste entlang. Ein Schild weist darauf hin, dass es hier u.a. viele Sperber, Wiesel und Füchse gibt. Der erste Fuchs, dem ich begegne, ist schwarz-weiß und in Wirklichkeit ein Dachs. Er schaut mich verwundert an und verschwindet dann im Unterholz. Ich wüsste nicht, schon mal einen Dachs in freier Natur gesehen zu haben.
Danach kommen wieder viele Kilometer Landstraße. Mein Reiseführer empfiehlt sie, da sie eine Abkürzung des Jakobsweges ist, ansonsten wäre die Strecke heute ca. 45 km lang.
Dann aber – auch eine Empfehlung des Reiseführers in Abweichung vom eigentlichen Weg – Natur pur -, ein herrlicher Küstenweg, der für alle Strapazen der Landstraße entschädigt. Allerdings verlaufe ich mich und kehre nach ca. 3 km, die ich falsch gelaufen war, wieder um. Das sind hin und zurück 6 Kilometer und schmerzt, wenn einem die Füße sowieso schon wehtun. In Laredo beschließe ich Schluss zu machen, nachdem ich ca. 34 km gelaufen war (mit vielen Höhenmetern). Ich gehe zur Touristeninformation und frage nach einer Herberge. Sie nennen mir zwei. Ich steuere die nächstgelegene an. Es handelt sich um ein Frauenkloster und vor mir steht eine hübsche Nonne, die mir ein Einzelzimmer (für 10 Euro) zuweist. Alles ist blitzsauber. Ich glaube ich bin der einzige Gast, auch heute habe ich noch keinen Pilger getroffen.
Ein schöner Tag geht zu Ende, ich bin den ganzen Tag im T-Shirt gelaufen, nachmittags war strahlend blauer Himmel, jetzt, gegen Abend, überwiegen die Wolken und es ist auch recht kühl. Ich hoffe, ich finde heute Abend etwas Gescheites zum Essen.
Nachtrag: Das Essen war gut.
Laredo Güemes (31 km)
Dienstag, 8. Mai 2007
Morgens ist es wieder so kalt, dass ich Mühe habe, mich aus meinem kuscheligen Schlafsack zu quälen. Bei den Nonnen gibt es kein Frühstück, also nehme ich meinen Kaffee in einer Bar und starte gegen 09:00 Uhr. Wie habe ich es eigentlich im Vorjahr immer geschafft, so früh aufzubrechen?
In Laredo habe ich in der Altstadt geschlafen, wo sich abends das Leben auf der Straße und in den Bars abspielt. Heute gehe ich die lange Strandpromenade von Laredo entlang (ca. 5 km). Dahinter liegen Ferienwohnungen und Hotels, kilometerlang, mehrstöckig, aber alles unbewohnt, noch im Winterschlaf. Es sind Geisterstädte, die die schöne Landschaft kaputtmachen. Am Ende der langen Promenade gibt es eine Personenfähre nach Santoña. Ob sie jetzt (mitten im Winter) fährt, kann mir keiner sagen. Als ich ankomme, sehe ich sie natürlich gerade wegfahren, aber der Fährmann kommt auch für mich alleine und setzt mich über.
Auf der anderen Seite treffe ich zwei kanadische Pilgerinnen, wir trinken einen Kaffee zusammen und dann laufe ich weiter. Nach ein paar Kilometern treffe ich …Marc.
Für den Rest des Tages laufen wir zusammen. Wir erklimmen an der Steilküste zusammen einen Hügel und dann geht es an den langen Strand von Noja, es ist ein Bilderbuchstrand, touristisch zum Glück noch nicht erschlossen. Von Noja geht der Weg dann wieder ins Landesinnere, die Landschaft wird lieblich, die Wolken verziehen sich und es wird heiß.
Gegen 17:00 Uhr, nach mehr als 30 km, erreichen wir die Herberge in Güemes. Sie ist so liebevoll ausgestattet. Geführt wird sie vom Pfarrer des Ortes, der Partnerschaftsprojekte in aller Welt hat und hier die Herberge und ein kleines Museum führt. Dann werden wir auch noch bekocht (Knoblauchsuppe, Makkaroni, Salat, Sardinen, Brot, Wein). Danach sitzen wir zusammen am Kamin, denn abends wird es kalt. Alles läuft auf Spendenbasis. Die Herberge liegt so schön, dass ich Lust hätte hier ein paar Tage zu verschnaufen. Neben Marc und mir, sind noch 2 deutsche Pilger und eine Pilgerin aus Finnland da.
… noch 612 km bis Santiago
Güemes – Santander – Boo de Piéglas (29 km) (Torrelavega)
Mittwoch, 9. Mai 2007
Gegen 08:30 Uhr starten wir, nach einem Frühstückskaffee, zwei Plätzchen und einem Apfel, alle zusammen von Güemes aus in Richtung Santander. Wir, das sind die 5 Pilger, die in der Herberge geschlafen haben. Aber die Reihe zieht sich aufgrund unterschiedlicher Marschgeschwindigkeiten schnell auseinander und irgendwann bin ich wieder allein. Bis Santander sind es nur 13 km, teils durch die Landschaft, teils am Strand entlang bis zu der Ortschaft Somo. Von dort kann man mit einer Personenfähre nach Santander übersetzen. Wenn man die Bucht auslaufen würde, wären das über 20 km mehr. Kurz vor der Fähre treffe ich einen der deutschen Mitschläfer wieder, er ist 71 Jahre alt und hat ein höheres Marschtempo als ich.
Wir suchen nach einer schönen Bootsfahrt zusammen die Herberge in Santander auf. Sie ist aber noch geschlossen und öffnet erst gegen 15:00 Uhr.
Es ist heiß, eigentlich habe ich keine Lust auf „Stadt“ und überlege weiterzulaufen. Das wären allerdings mindestens noch einmal 15 km bis zur nächsten Ortschaft, in der es dann hoffentlich eine Übernachtungsmöglichkeit gibt.
Ich entschließe mich weiterzuwandern, nachdem ich mir zuvor noch den Dom ansehe. Dann laufe ich zuerst auf Prachtavenidas aus der Stadt heraus. Was dann kommt, und das ist in fast jeder größeren Stadt so, ist nervend … Vorstädte, Gewerbezentren, Industrie-gebiete. Und wenn man dann denkt, man hätte es geschafft, tauchen Neubaugebiete auf. Der „Camino Francés“ war gekennzeichnet durch seine verlassenen Dörfer, der „Camino del Norte“ durch seine Neubausiedlungen.
Bis zur nächsten Herberge sind es von Santander aus 34,8 km. Das schaffe ich nicht und beschließe bis Boo de Piéglas zu laufen. Dort soll es ein Hotel geben. Billig? Teuer? Keine Ahnung. Als ich im Ort ankomme, sagt man mir, dass das Hotel noch einmal 3 km abseits liegt. Als ich dort ankomme, ist es belegt. Man rät mir, mit dem Zug nach Torrelavega zu fahren, dort gäbe es mehrere Unterkünfte. Inzwischen ist es schon 18:00 Uhr. Der Bahnhof ist 4 km entfernt. Aber was bleibt mir übrig? Ich laufe zum Bahnhof und nehme den nächsten Zug.
In Torrelavega angekommen, nehme ich das erste Hotel, das ich sehe und esse recht ordentlich im Bahnhofsrestaurant.
Torrelavega – Santillana del Mar – Altamira (11 km)
Donnerstag, 10. Mai 2007
Irgendwie schaffe ich es nicht, zeitig aus den Federn zu kommen. Ich bin völlig abseits des Jakobsweges und weiß nur, dass die Höhlen von Altamira hier irgendwo in der Nähe sein müssen. Die grell geschminkte Rothaarige an der Rezeption hat noch nie etwas davon gehört (so sieht sie auch aus). Also gehe ich zum Touristenbüro. Ab 09:30 Uhr geöffnet, steht an der Tür. Na gut, eine halbe Stunde kann ich warten. Um 09:45 Uhr kommt dann tatsächlich jemand müde angeschlichen. Man sagt mir, ich solle in Richtung Santillana del Mar laufen, dort läge es nach ca. 8 km auf dem Weg.
Auf dem unschönen Weg gehe ich an einem riesigen Chemiewerk mit Namen „Solvay“ vorbei. Solvay-Verfahren, das war … Es dauert einige Zeit, dann habe ich es mit allen Formeln wieder beisammen. Aber es ist alles nicht mehr so parat wie früher, das ärgert mich.
Nach ca. 3 Stunden erreiche ich, nachdem ich über einen riesigen Buckel gelaufen bin, Santillana del Mar, von Höhlen weit und breit nichts zu sehen. Im dortigen Touristenbüro erfahre ich, dass ich noch mal 3 km in eine andere Richtung laufen muss. Dort angekommen, zahle ich – als Rentner – 2,40 € Eintritt. Das sind wirklich humane Preise hier. Vor 28(?) Jahren wollten wir (Gerda, Susanne und ich) die Höhlen schon einmal besichtigen, damals waren sie geschlossen. Der Besucherandrang war so stark, dass die Gefahr bestand, dass die wunderbaren Felszeichnungen zerstört wurden. Deshalb hat man eine exakte Kopie des gesamten Höhlenkomplexes (maximale Abweichung
1 mm) gebaut, durch die man heute die Besucher schleust. Ich finde die Höhlen mit den Zeichnungen (obwohl Kopie), sowie das angeschlossene Museum beeindruckend.
Anschließend sehe ich mir „Santillana del Mar“ an, das spanische Rothenburg. Allerdings gibt es um diese Zeit kaum Touristen und alles ist noch ruhig. Im Sommer muss hier der Teufel los sein und Eintrittskarten für Altamira müssen mindestens 3 Tage im Voraus bestellt werden. Zwischendurch knicke ich mit dem rechten Fuß um. Es tut höllisch weh und mir wird klar, wie schnell es mit der Wandrerei vorbei sein kann.
Ich miete mich in einer Hostelaria ein, ein schönes Zimmer mit Dusche/WC für 20 €.
Um 21.45 Uhr gehe ich in ein Hotelrestaurant des Ortes. Zuerst bin ich der einzige Gast in einem riesigen Speiseraum. Dann kommt eine Schulklasse (14-jährige) mit ihren Lehrern. Mich wundert, wie viel Gänge die Kinder aufgetischt bekommen und wie gut sie sich benehmen. Dann taucht noch ein älteres japanisches Ehepaar auf. Ich bin so neugierig, dass ich sie frage, ob ich mich kurz zu ihnen setzen darf. Sie stimmen erfreut zu, denn sie sitzen völlig hilflos vor der spanischen Speisekarte und der Ober kann natürlich kein Englisch. Ich helfe, so gut ich kann. Es stellt sich heraus, dass der Mann Archäologe ist und mit seiner Frau eine Rundreise durch Höhlen und Ausgrabungsstätten Südfrankreichs und Spaniens macht. Als er erfährt, dass ich aus dem Raum Köln/Düsseldorf komme, meint er, dass ich doch ein sehr glücklicher Mensch sein müsse, weil ich in der Nähe einer der wichtigsten Stätten der Weltgeschichte wohne – dem Neanderthal. Komisch, unter diesem Aspekt habe ich meinen Wohnort noch nie gesehen. Wir trinken 2 Flaschen Rotwein zusammen, seine Frau nickt nur immer fleißig, „Hai, Hai“. Ob sie irgendetwas verstanden hat, weiß ich nicht.
Santillana del Mar – Cobreces – Comillas (26 km)
Freitag, 11. Mai 2007
Nachdem ich gestern Abend gut eingeschlafen war, werde ich gegen 02:30 Uhr wach, warum weiß ich nicht. Höhlenbilder und Japaner und Neanderthaler gehen mir durch den Kopf…
Gegen 08:00 Uhr wandere ich los. Warum passen Schuhe an einem Tag wunderbar und am nächsten Tag drücken sie überall? Der rechte Fuß tut weh, mit dem ich gestern umgeknickt bin. Ich humpele mehr, als ich gehe. Außerdem bekomme ich in Santillana del Mar kein Frühstück. Knatschig und humpelig und hungrig fange ich an zu laufen. Alle Cafés, Bars, Restaurants sind geschlossen, doch dann baut mich eine wunderschöne Landschaft allmählich wieder auf. Sie erinnert ein bisschen an den Chiemgau, nur dass man hier zwischendurch immer wieder das Meer sieht. Inmitten einer fruchtbaren Landschaft liegen zahlreiche, halbverfallene Adelspaläste. In Novales soll es die dicksten Zitronen Spaniens geben, was mit dem speziellen Mikroklima zusammenhängt.
Es macht wieder Spaß zu laufen. Ich werde oft gefragt, ob es denn nicht langweilig oder einsam ist, alleine zu gehen. Nein, das ist es absolut nicht. Ich denke, ich brauche die Zeit für mich allein, um nachzudenken und mal wieder ein wenig Ordnung in meine (mitunter chaotische) Gedankenwelt zu bekommen, so, als wenn man zu Hause eine Schublade aufräumt.
Manchmal habe ich das Gefühl, dass viele Menschen Angst davor haben, alleine zu sein. Sie rennen vor sich selbst davon, brauchen ständig Action, Lärm, Ablenkung. Für mich liegt die innere Zufriedenheit in der Stille, in der Muße.
Nach 3 1/2 Stunden erreiche ich Cobreces mit einem schönen Zisterzienserkloster, in dem auch Pilger übernachten können. Ich habe aber keine Lust zu übernachten, ich will „frühstücken“. Endlich finde ich ein Restaurant und esse ein riesiges „bocadillo con jamon“. So gestärkt geht es dann noch einmal 11 km nach Comillas. Der kleine Ort liegt direkt am Meer, hat natürlich keine Herberge und ich gönne mir ein Hotelzimmer mit Meerblick. Der ganze Tag war wolkenlos, jetzt gegen 16:30 Uhr zieht es sich allmählich zu. Hoffentlich hält das Wetter noch ein bisschen.
Ich esse im Hotel zu Abend, da ich zu müde bin, um noch einmal in das Städtchen zu laufen, das oben auf dem Hügel liegt. Außerdem hat es mal wieder angefangen zu regnen.
Morgen muss ich sehen, dass ich mal wieder etwas billiger unterkomme. Die Hotels werden auf die Dauer zu teuer.
Comillas – Unquera (32 km)
Samstag, 12. Mai 2007
Mein rechter Schuh drückt schon die ganze Zeit auf dem Spann. Mit Umschnüren und Rumzerren an der Lasche habe ich bisher versucht, es einigermaßen auszugleichen, aber es drückt. Heute früh sehe ich, dass die Druckstelle grün und blau ist. Ich reiße die Geleinlage aus dem Schuh, vielleicht hilft das. Nach dem Frühstück geht’s los. Ich halte mich nicht an den offiziellen Jakobsweg, denn der führt über das Landesinnere. Der Küstenweg ist viel schöner. Die Ausblicke sind traumhaft, dazwischen immer wieder einsame Strände. Ich glaube, hier könnte ich wohnen. Ich wandere ca. 4 km am Strand entlang, ganz am Ende sehe ich die Fähnchen eines Restaurants und freue mich schon darauf. Was ich nicht weiß, dass dazwischen eine Hafeneinfahrt liegt und ich das Hafenbecken von San Vincente de la Barquera ziemlich weiträumig umlaufen muss.
Irgendwann komme ich aber im Zentrum des Städtchens an. Es ist ein Traumort, auf der einen Seite Meer, dann Seen, eine Burg und eine Kirche auf dem Hügel und im Hintergrund schneebedeckte Berge.
Ich will hier bleiben, aber irgendwo in der Region ist ein Feiertag und beim Verkehrsverein sagt man mir, dass ich keine Chance hätte ein Zimmer zu bekommen.
Also tippele ich weiter. Der offizielle Jakobsweg ins nächste Städtchen Unquera ist 16,5 km lang, der Weg über die Landstraße 12 km. Ich wähle die Landstraße. In Unquera (so ziemlich der hässlichste Ort, den ich bisher auf dem Weg gesehen habe) gibt es in einer ehemaligen Klosterschule einen Schlafsaal.
Empfangen werde ich von einer Gruppe Marrokanern, die weder Spanisch, noch Englisch oder Deutsch können.
Es dauert eine Zeit, ehe ich die Zusammenhänge begreife. Es scheinen Immigranten zu sein, die für die Stadt arbeiten und dafür in den Räumlichkeiten übernachten dürfen. Nebenbei kümmern sie sich um die Pilger.
Die Unterkunft ist kostenlos (das ist der Ausgleich zu gestern). Es ist allerdings alles etwas heruntergekommen und ich verzichte das erste Mal aufs Duschen. Außer mir ist nur noch Manfred da, ein deutscher Pilger. Auf dem heutigen Weg bin ich nicht einem begegnet.
Ich frage Manfred, ob er mit mir essen geht. Er geht nicht mit und erzählt mir, er will mit 15 € pro Tag auskommen. Er geht in kein Hotel, läuft lieber noch mal 20 km bis zur nächsten, vielleicht kostenlosen Herberge. Er geht in kein Restaurant, sondern verpflegt sich selbst, er trinkt keinen meiner geliebten „Café con leche“, keinen Wein, kein Bier. “Dies gehört zum Pilgern dazu“, meint er. Ich kann ihn verstehen, würde es aber trotzdem nicht tun.
So gehe ich allein essen, obwohl es in Gesellschaft mehr Spaß gemacht hätte.
Unquera – Llanes (26,5 km)
Sonntag, 13. Mai 2007
Im Schlafsaal der ehemaligen Klosterschule wache ich verstört auf. In der Ecke steht noch eine alte Schiefertafel. Ich habe von den Kindern geträumt, die hier einmal gelebt haben, im Traum gehörte ich dazu. Ich hörte ihr Lachen, ihr Weinen und spürte ihre Ängste. Sie waren bestimmt nicht glücklich hier. Von der vergilbten Stuckdecke scheint noch ihr Flüstern widerzuhallen. Der Geruch erinnert mich an ein Kinderheim, an das ich selbst keine guten Erinnerungen habe, ein Gemisch aus Angstschweiß, Urin und Malzkaffee.
Mein Bedürfnis mich doch noch zu duschen vergeht, als ich sehe, dass es bei den schmuddeligen Duschen nur kaltes Wasser gibt.
In die Küche, in der man sich theoretisch einen Kaffee kochen könnte, trau ich mich nicht, da alles klebt. Also mache ich mich, wie so oft, hungrig auf den Weg. Es fängt an zu regnen, doch da kommt nach 1,5 Stunden das rettende Café, das mich vor Regen und Hungertod bewahrt. Nach dem leckeren Frühstück kommt die Sonne heraus und es ist ein schöner Tag.
Dem Reiseführer folgend laufe ich nicht auf dem Jakobsweg, sondern über den etwas weiteren Küstenweg. Es ist eine Traumlandschaft hier. Auf der einen Seite das Meer, dazwischen leichtes Mittelgebirge und im Hintergrund gehen die Berge bis auf 2700 m.
Zwischendurch wandere ich etwa eine Stunde mit drei Franzosen, die etwas Spanisch können.
Ich komme in der Herberge in Llanes an. Dort wartet bereits ein deutscher Pilger. An der Tür der Herberge ist ein Schild, dass man eine bestimmte Telefonnummer anrufen soll.
Als ich dort anrufe, meint ein freundlicher Herr, dass es noch etwas dauern würde, bis er käme, da er sich gerade auf einer Familienfeier befinde. Nach etwa zwei Stunden erscheint er mit dem Schlüssel.
Die Herberge ist sehr schön, und für uns insgesamt 4 Besucher stehen 6 Badezimmer zur Verfügung. Alles ist pieksauber und ordentlich.
Danach gehe ich durchs Städtchen und warte bis es endlich 21:00 Uhr wird, denn ich habe einen Bärenhunger…
Abends esse ich sehr gut ein „Menu del Noche“ für 9,50 € (Pan y vino incluido). Ich sitze zusammen mit einem spanischen Radfahrer, der auch in der Herberge untergekommen ist. Leider spricht er einen solchen Dialekt, dass ich kaum ein Wort verstehe. Die Herberge hat vier 10-Bettzimmer, in jedem schläft genau ein Gast.
Llanes – Piñeres (20,5 km)
Montag, 14. Mai 2007
Der Himmel ist von dunklen Wolken verhangen, ich weiß nicht wie das Wetter wird. Ich trödle, mein Schuh drückt und um 08:00 Uhr sitze ich erst mal in einer Bar und frühstücke. Erschreckend wie viel Männer hier morgens schon rumhängen, Wein trinken, Löcher in die Luft starren und offensichtlich darauf warten, dass der Tag irgendwie vorbei geht.
Meine Sachen, die ich gestern gewaschen habe, sind nicht trocken geworden. Ich hoffe, dass die Sonne richtig herauskommt, dann hänge ich sie an den Rucksack.
Gestern habe ich mir eine neue Unterhose gekauft, nicht weil die alte nicht mehr modisch genug war, sondern sie zwickte und zwackte und ich bekam vom Schwitzen wunde Stellen zwischen den Beinen. Dann habe ich alle Gummibänder herausgerissen, jetzt ist sie zwar sehr bequem, aber leider etwas ausgefranst und es ist mir peinlich sie auf die Leine zu hängen.
Um 09:00 Uhr starte ich endlich. Nach 20 Minuten kommt der erste Regenguss. Meine Regenüberhose, die ich mir gekauft habe, schützt zwar, aber als ich sie wieder ausziehe, ist die normale Hose vom Kondenswasser klitschnass. Beim nächsten Regenschauer lasse ich sie aus, aber dann klatscht die nasse Hose an den Beinen, das macht auch keinen Spaß. Der ganze Tag ist ein Wechsel von Regengüssen und Sonnenschein, zum Schluss laufe ich in kurzer Hose, lieber nasse Beine, als nasse Hosen, die an den Schenkeln kleben. Die Herberge, die ich in Piñeres ansteuere, soll irgendwo in der Einsamkeit liegen. Deshalb esse ich nachmittags in Nueva zu Mittag und steuere gegen 16:00 Uhr dieHerberge an. Es ist keiner da, nur eine Telefonnummer, die man anrufen soll. Zum ersten Mal bedauere ich, kein Handy dabei zu haben. Ich gehe zurück zur nächsten Bar, dort verlangt man 1,50 € für ein Ortsgespräch. Was bleibt mir übrig?
Ich erreiche „Rosa“, die Herbergsmutter, die kurz darauf in der Herberge erscheint. Sie redet mit solcher Geschwindigkeit (und Dialekt) auf mich ein, dass ich kein Wort verstehe. Ich bin der einzige Gast. Die Duschen und Sanitäranlagen sind exzellent, so dass ich mich und alle meine Sachen sauber und trocken bekomme. Ich schlafe ein und werde irgendwann von Rosa geweckt, die auf mich einredet (was sie wollte, weiß ich bis jetzt noch nicht). Meine Uhr zeigt 08:00 Uhr, abends oder morgens? Ich weiß es nicht. Am Himmel hängen dunkle Wolken, so dass mir auch der Sonnenstand nichts verrät. Da fällt mir ein, dass mein Fotoapparat ja auch die Zeit anzeigt, es ist noch Abend. Ich gehe noch einmal in die Bar, in der sie mich beim Telefonieren abgezockt haben und trinke ein Bier, das ist billiger als ein Telefongespräch. Zu essen bekomme ich heute nichts mehr…
Piñeres – La Isla (30 km)
Dienstag, 15. Mai 2007
Es ist schon 09:00 Uhr als ich starte. Ich war die ganze Nacht alleine in einer einsamen Herberge, Rosa hat wohl ein paar Kilometer entfernt gewohnt. Das Wetter wird schön, den Füßen geht es einigermaßen gut und die Landschaft ist einmalig schön. Nach vier Stunden Wanderung treffe ich die erste Bar, in der ich erstmal genüsslich frühstücke. Da ich gestern Abend nichts mehr bekommen habe, war mein Hunger entsprechend groß. Durch das ewige „Auf“ und „Ab“ liegt meine Durchschnittsgeschwindigkeit bei ca. 3 km/h.
Ich erreiche Ribadesella, wieder ein schöner Ort am Meer, aber auch diese Orte wirken weitgehend ausgestorben, Saison scheint es hier nur im Juli/August zu geben. Ich wandere einen endlos langen Anstieg nach San Esteban, hier gibt es zwar eine Herberge, aber weder eine Bar, noch ein Restaurant und auch kein Geschäft. Also weiter, noch einmal 12,6 km mit dem Ziel La Isla. Die Orte sind so klein, dass mein Navi sie nicht kennt, obwohl es mir, wenn ich da bin, sogar die Straßennamen richtig anzeigt. Der Weg führt von hoch oben runter an den Strand des idyllischen Badeortes „La Vega“ (das 5. La Vega, das ich bisher auf dem Weg getroffen habe).
Aber auch dort, sowie im nächsten Dorf Berbes sind noch alle Restaurants und Bars zu. Meine Zunge klebt am Gaumen und ich träume von einem leckeren Bier. Ich verlasse den Jakobsweg und gehe auf der Landstraße N632 weiter, in der Hoffnung hier eine Tankstelle zu finden, wo man etwas zu trinken bekommen kann. Aber bei einer Verkehrsdichte von 1 Auto/5 Minuten lohnt sich das wohl auch nicht.
Als ich mich eine lange Steigung heraufquäle, hält ein Auto. Jorge, das ist der Fahrer, bietet mir an, mich mitzunehmen, ca. 2 km vor meinem Ziel. Jorge ist verheiratet und hat zwei Kinder, seine Frau arbeitet im Rathaus und er betreibt einen Getränkehandel. Jorge lädt mich zum Essen ein. Wir bekommen gegen 15:15 Uhr noch problemlos ein Mittagessen, dann muss ich noch die Schnäpse der Region probieren.
Jorge will mich unbedingt noch nach Gijon fahren (ca. 50 km), dann hätte ich es doch nicht mehr so weit bis Santiago. Er kann es absolut nicht verstehen, dass ich den „ganzen“ Weg laufen will. Wir tauschen die Adressen und er fährt mich zur „Albergue“ in La Isla. Ich frage mich durch nach „Angelita“, das ist die Betreuerin der Herberge, bei der man den Schlüssel holen kann. Angelita begleitet mich zur Herberge, dort treffe ich einige bekannte Gesichter wieder. Die Herberge läuft auf Spendenbasis, sie ist traumhaft schön, am Meer gelegen, mit viel Platz und guten Sanitäreinrichtungen. Dann das Übliche, Duschen, Wäsche waschen…
Im Supermarkt hole ich mir etwas für das Abendessen, Obst, Brot, Wurst und eine Flasche Rotwein… Mehr als die Hälfte des Weges (450 km) sind geschafft. Noch 420 km bis Santiago und evtl. noch 100 km bis Kap Finisterre.
La Isla – Villaviciosa (23 km)
Mittwoch, 16. Mai 2007
Heute Nacht habe ich wunderbar geschlafen. Eigentlich schlafe ich immer hervorragend, mitunter 12 Stunden pro Tag (Nachmittagsschläfchen eingerechnet). Heute früh bin ich froh, gestern Brot und Wurst eingekauft zu haben und freue mich, dass ich mal vor dem Losmarschieren etwas essen kann, aber meine Wurst ist weg. Ich durchsuche meinen Rucksack, sie ist und bleibt verschwunden. Also belasse ich es bei einer Apfelsine.
Renate, eine deutsche Pilgerin aus Nürnberg, will mir etwas von Ihrem Brot abgeben, nein danke. Renate ist Hypochonder (oder Hypochonderin?). Sie erzählt mir von ihren Leiden die sie hat, haben könnte, bekommen könnte… Das ist das Letzte was ich hören will. Sie will sich an mich klammern, doch wie werde ich sie los?
Der Reiseführer erwähnt zwei Wegalternativen, einen sehr schönen Weg, bei dem allerdings die Gefahr sehr groß ist, dass er verschlammt ist und einen weniger schönen über die Landstraße. Ich schicke Renate vor – durch den Sumpf – und gehe selber die Landstraße. Hinterher habe ich ein sehr schlechtes Gewissen.
Der Weg ist – nach dem Stück Landstraße – sehr schön. Bis auf ein klein wenig Nieselregen scheint hauptsächlich die Sonne. Ich weiß, dass Renate bis Sabrayo wandern wollte, also muss ich unbedingt noch ein bisschen weiter.
Die Entfernungen sind zwar nicht sehr groß (heute ca. 22 km), aber sehr anstrengend durch das ewige Auf und Ab. Villaviciosa erreiche gegen 15:00 Uhr und falle in das erste Restaurant, das ich finde. Es ist das beste „Menu del Dia“, das ich bisher hatte:
- Fischsuppe mit Muscheln und Garnelen
- gemischter Salat
- Seezunge mit Pommes
- Nachtisch
Den Nachtisch lasse ich weg, obwohl er so lecker aussieht und bezahle einschließlich einer Flasche Wein und Kaffee 9,50 €.
Ich suche mir ein sehr schönes Hotelzimmer für 30 €, Duschen, Wäsche waschen… Meine Hose, die ich irgendwo bekleckert habe, wasche ich mit Shampoo durch, das funktioniert auch.
Morgen stehen ca. 36 km bis Gijon an. Dazwischen gibt es keinen Ort, keine Herberge, nichts, nur Landschaft. Mein rechter Fuß muckert und ich weiß noch nicht so recht, wie ich das machen soll. Aber mir wird schon etwas einfallen, zur Not hüpfe ich auf dem linken.
Im Hotel ist noch ein deutsches Paar abgestiegen, Andreas und Sabine, mit denen ich mal vor ca. 200 km ein Schwätzchen gehalten habe. Sie machen eine Teiletappe des „Camino del Norte“ von Santander bis Gijon mit Gepäcktransport. Er war mir aufgefallen, weil er offensichtlich eine körperliche und sprachliche Behinderung hat.
Abends komme ich mit ihm näher ins Gespräch (sie muss Koffer packen). Andreas war Hochleistungssportler und hatte irgendwann einen schweren Skiunfall, der eine Gehirnverletzung zur Folge hatte. Die Ärzte hatten ihm keine Überlebenschance gegeben. Er hat überlebt, aber sein Körper blieb halbseitig gelähmt. Mit ungeheurem Willens- und Energieaufwand hat er wieder gehen gelernt, wobei er das gelähmte Bein jeweils durch eine Hüftdrehung nach vorne schleudert. … Und er läuft heute auf dem Jakobsweg ca. 20 km pro Tag. Welche Energie und welchen Lebenswillen manche Personen haben. Ich komme mir dann ganz klein vor, wenn ich über mein dickes Bein knatsche…
Villaviciosa
Donnerstag, 17. Mai 2007
Zwangspause
Leider muss ich eine Zwangspause machen. Mein Fuß ist so dick angeschwollen, dass ich keinen Strumpf mehr darüber kriege und barfuss kann man schlecht in Wanderschuhen laufen.
Das Hotel www.vivirasturias.com/hotelcarlos1 ist klein aber fein, mit wunderschönen Antiquitäten ausgestattet und einer richtig lieben Eigentümerin. Außerdem soll in meinem Zimmer mal der frühere deutsche Kaiser Karl V geschlafen haben (gerochen habe ich nichts mehr).
Ich frühstücke noch mit Andreas und Sabine. Sie fahren noch mit dem Taxi, das ihr Gepäck transportiert ca. 15 km mit und laufen dann die restlichen 20 km bis Gijon. Es ist ihr letzter Tag. Bei dem herzlichen Abschied vergessen wir unsere Adressen auszutauschen.
In einer „Farmacia“ kaufe ich eine Salbe für meinen Fuß, ich kann mir zwar nicht vorstellen, dass sie helfen kann, aber ich habe zumindest das Gefühl, alles getan zu haben, um dem Fuß zu helfen.
Den restlichen Tag gammele ich herum, mache einen kleinen Spaziergang durch das hübsche Städtchen, doch hauptsächlich liege ich im Bett, das Bein hochgestreckt, um es zu schonen.
Übrigens habe ich meine Wurst wieder gefunden. Sie war in der Plastikdose, die ich mir extra für solche Fälle mitgenommen habe. Aber wie kann ich ahnen, dass ich ein so ordentlicher Mensch bin…
Villaviciosa – Gijon
Freitag, 18. Mai 2007
Nach dem Frühstück humpele ich los, aber nach ca. 5 km gebe ich auf, es hat keinen Zweck, der Fuß macht nicht mit. Ich setze mich in den Autobus und fahre nach Gijon. Ob ich dieses Teilstück noch zu Fuß nachhole oder einfach auslasse, weiß ich noch nicht.
Vom Busbahnhof aus frage ich mich durch nach der Jugendherberge. Sie liegt weit draußen, am Stadtrand, so dass ich doch noch einige Kilometer laufe.
Ich will zwei Nächte hier bleiben, um mir Gijon anzusehen. Die Stadt scheint es wert zu sein. Heute werde ich noch einmal einen Gammeltag einlegen.
Die Jugendherberge liegt recht abseits der Stadt. Sie lag wohl mal mitten im Grünen, inzwischen ist ein riesiger Siedlungskomplex mit Mehrfamilienhäusern und Hochhäusern darum entstanden. Der ganze Stadtteil wirkt sehr steril. Man merkt, dass es kein gewachsener Stadtteil ist, sondern dass er auf dem Reißbrett entworfen wurde.
Was mich immer wieder erstaunt, dass es hier außerordentlich sauber ist, die Strassen, die Grünflächen und auch die Spielplätze. Ich sehe keine herumgammelnden Jugendlichen, werde nicht angepöbelt und es gibt (fast) keine Graffitis.
Wenn man das mit ähnlichen Wohnsiedlungen (z.B. Köln-Chorweiler) vergleicht, so kann ich nur staunen. Irgendetwas läuft hier wesentlich besser als bei uns. Ich weiß nicht, woran es liegt. Gegen 15:00 Uhr esse ich irgendwo mein „Menu del Dia“, gut und preiswert, bleibe aber in dem Vorort von Gijon, um mein Bein zu schonen.
In der Jugendherberge gibt es einen kostenlosen Internetzugang, so dass ich etwas herumsurfe.
Um 21:00 Uhr liege ich im Bett…
Gijon
Samstag, 19. Mai 2007
Heute Nacht habe ich allein im 4-Bett-Zimmer (mit Dusche/WC) in der JH geschlafen.
Ab 08:00 Uhr gab’s Frühstück, das ich zusammen mit ca. vierzig 6-8-jährigigen hatte. Wieder hat mich die Disziplin und Aggressionsfreiheit der Kinder beeindruckt. Die Kinder waren fröhlich und lustig, aber es gab kein Geschrei und Gezanke, wie man das bei uns so häufig sieht. Eine Lehrerin erzählt mir, dass die Kinder schon in der Vorschule (Kindergarten?) grundsätzlich ganztägig betreut werden, was sich später in der Schule fortsetzt. Vielleicht sollte ich meine bisher negative Einstellung zu Ganztagsschulen doch noch mal überdenken.
Eine 6-jährige schenkt mir einen Apfel (jetzt kann ich mir aussuchen, ob sie mich so nett fand, oder ob sie keine Äpfel mag).
Draußen regnet es heftig. Ich hänge etwas fest, denn entweder gehe ich im Regen barfuss mit Sandalen in die Stadt (in die Wanderschuhe passe ich noch nicht), oder ich bleibe auf dem Zimmer. Ich habe auch nichts zu lesen dabei und hier habe ich nur „Moby Dick“ auf Französisch und einen Stadtplan von Istanbul gefunden, beides nicht so interessant…
Ich entdecke doch noch im Turmzimmer eine kleine Bibliothek, natürlich fast alles auf Spanisch und so gut ist mein Spanisch denn doch nicht, um ohne Wörterbuch (und ich habe keins bei) Romane lesen zu können. Ich entscheide mich für ein englischsprachiges Buch (On the Beach / Nevil Shute) und verwechsle es mit „The Beach“. Das Buch beschreibt die letzten Tage der noch Überlebenden eines nuklearen Weltkrieges.
Sie befinden sich in Südaustralien, die radioaktive Wolke kommt allmählich auf sie zu und es gibt keine Möglichkeit mehr zu entkommen.
Wer mal so richtig Lust hat, in eine tiefe depressive Phase zu fallen, sollte dieses Buch lesen.
Nachdem ich das Buch ausgelesen habe, regnet, nein schüttet es draußen immer noch und ich habe noch nichts von Gijon gesehen. Also mache ich mich halbwegs wetterfest und auf den Weg. Aber nach einer Stunde Stadtbummel kapituliere ich, es regnet und regnet…
Abends esse ich irgendwo in einer Bar. In der Jugendherberge treffe ich endlich mal wieder auf eine Pilgerin. Jolanda, ca. 26 Jahre, kommt aus Zürich, hat eine Lehre, dann ihr Abitur nachgemacht und arbeitet jetzt in einem Ökoladen. Sie will morgen weiter laufen, obwohl die Wetteraussichten düster aussehen. Da ich noch gut in der Zeit liege, beschließe ich, noch einen Tag hier zu bleiben.
Gijon
Sonntag, 20. Mai
Jetzt regnet es schon seit mehr als 50 Stunden ununterbrochen. Habe mich heute Morgen mit Jolanda um 08:00 Uhr zum Frühstück verabredet, doch ich verschlafe und als ich um 08:45 Uhr erscheine, ist keine Jolanda mehr da.
Doch, siehe da, sie hat bei dem Wetter auch nicht aus den Federn gefunden und erscheint um 10:30 Uhr im Regenponcho und hat so recht keine Lust loszugehen. Um 11:00 Uhr macht sie sich auf den Weg, 25 km liegen (in strömendem Regen) vor ihr.
(Ich habe Jolanda nicht mehr wieder getroffen, an Hand der Gästelisten in den Herbergen konnte ich sehen, dass sie mir immer zwei Tage voraus war.)
Gegen 13:00 Uhr lässt der Regen etwas nach und ich fahre mit dem Bus noch einmal in die Stadt, in der Hoffnung, doch noch etwas zu sehen. Das, was ich sehe, ist beeindruckend, doch gegen 14:00 Uhr wird der Regen wieder so stark, dass ich mich zum Mittagessen in ein Restaurant flüchte. Dann fahre ich mit dem Bus wieder zurück, trinke irgendwo einen Kaffee und gehe zurück in mein Jugendherbergszimmer. Ein Ringelnatzgedicht fällt mir ein:
Landregen
Der Regen rauscht. Der Regen
rauscht schon seit Tagen immerzu.
Und Käferchen ertrinken
im Schlamm an den Wegen.
Der Wald hat Ruh.
Gelabte Blätter blinken.
Im Regenrauschen schweigen
alle Vögel und zeigen
sich nicht.
Es rauscht urewige Musik.
Und dennoch sucht mein Blick
ein Streifchen helles Licht.
Fast schäm ich mich, zu sagen:
Ich sehne mich nach etwas Staub.
Ich kann das schwere, kalte Laub
nicht länger mehr ertragen.
Abends hänge ich noch etwas im Aufenthaltsraum herum. Da ist „Jana“ aus Polen, die sich auf dem glitschigen Weg ein Bein gebrochen hat und hier ausharren will, bis sie wieder weiter wandern kann. Dann eine 14-jährige schüchterne Spanierin, die allein für vier Wochen auf Wandertour ist, drei Frauen aus Korea, die weder Englisch noch Spanisch können. Ich weiß nicht, wie die den Weg hier hin gefunden haben, vielleicht haben sie sich ins falsche Flugzeug gesetzt. Und dann ist da noch Paul, der sich nach seiner Pensionierung für sieben Monate von seiner Frau verabschiedet hat, um mit dem Fahrrad durch Europa zu fahren. Paul strotzt vor Selbstbewusstsein und Selbstgefälligkeit, dass ich es nicht lange ertragen kann. Um 21:00 Uhr gehe ich schlafen…
Gijon – Aviles
Montag, 21. Mai 2007
Um 06:00 Uhr werde ich wach, draußen regnet es noch immer in Strömen. Seit drei Tagen war bisher noch keine Pause. Ich beschließe, da es hier eine Waschmaschine und einen Trockner gibt, meine gesamte Wäsche durchzuwaschen und zu trocknen.
Um 08:30 Uhr duftet alles frühlingsfrisch. Nach dem Frühstück hänge ich noch etwas herum und weiß nicht, was ich machen soll. Ich entschließe mich, mit der Eisenbahn weiterzufahren. Von Gijon nach Aviles sind es mit dem Bummelzug dreizehn Stationen, nach der dritten Station sehe ich, dass der Regen fast aufgehört hat und steige aus, um den Rest (ca. 18 km) zu laufen, denn ich bekomme Entzugserscheinungen, wenn ich nicht laufe. Doch die Wege sind so vermatscht und glitschig, dass ich wieder auf die langweilige Landstrasse zurückkehre.
Ich erreiche Aviles, der Himmel ist noch immer wolkenverhangen und es regnet nur ab und zu ein bisschen. Die Herberge besteht aus einem Raum, in den man soviel Matratzen, Bettgestelle und Betten gestellt hat, wie eben hinein gehen. Die Sanitäranlagen sind einigermaßen in Ordnung, aber wohl fühlen kann man sich hier nicht. Ich gehe durch die Stadt, mit der ich auch nicht warm werden kann. Viel schöne alte Bausubstanz, verschandelt mit schrecklichen, nicht dazu passenden Neubauten. Es ist kalt (ca. 12 Grad) und feucht und ich sehne mich nach einer Sauna.
Gegen 15:00 Uhr esse ich mein Menu del Dia, trinke in einer Einkaufspassage einen Kaffee und hoffe, dass der Tag irgendwie vorbeigeht. Es kann nur besser werden … (oder auch nicht, die Wettervorhersage, die für die nächsten Tage eigentlich ganz gut aussah, hat sich dramatisch verschlechtert).
Da mir kalt ist, gehe ich in das Kulturhaus und lande im Theater. Da wird von den Kindern der Stadt gerade das „IV Festival de Verano, Teatro, Música y Danca“, aufgeführt. Das ist so richtig schön und baut mich wieder auf.
Abends treffe ich „Christa“ wieder. Ihr deutscher Mitwanderer – beide habe ich in der Herberge von Güemes kennengelernt – hat sie sitzen lassen und jetzt muss sie alleine weiterwandern. Christa (ca. 67) ist in Frankreich gestartet und bereits seit 3 Monaten unterwegs. Sie hat auch wegen eines dicken Fußes 4 Tage aussetzen müssen. Dann ist da noch eine Belgierin, die auch gerade wegen eines geschwollenen Beines aussetzt und zwei junge Mädels aus Berlin/Heidelberg, beide Sozialarbeiterinnen, die von zu hause aus mit dem Rad gestartet sind. Außerdem schlafen da noch zwei Männer, sie schlafen als ich ankomme (nachmittags) und als ich am anderen Morgen wieder losziehe, schlafen sie immer noch. Wahrscheinlich hatten sie eine längere Etappe hinter sich.
Aviles – Cudillero (35 km)
Dienstag, 22. Mai 2007
Der Himmel hängt voller dicker Wolken. Christa beschließt die nächste Etappe mit der Eisenbahn zu fahren. Jetzt gerade nicht, ich laufe!!!
Das erste Problem ist, aus Aviles herauszufinden. Ich hatte es mir so schön auf dem Stadtplan markiert, dann aber morgens statt den Plan von Gijon den von Aviles in den Papierkorb geworfen. Es bleibt trocken, obwohl der Himmel bedrohlich aussieht. Dann geht es wieder unglaublich bergab und bergauf. Irgendwann ein langer matschiger Waldweg, über 2 km bergab, und plötzlich ist der ganze Weg von einem Hangrutsch weg. Also umkehren und (ohne Karte nach Gefühl) einen anderen Weg suchen. Mit Umwegen finde ich zurück auf den Jakobsweg, die gelben Pfeile weisen aber einen ganz anderen Weg als den, den mein Buch beschreibt. Durch den Ausbau der Autobahn, mit dem ich jetzt immer mehr zu kämpfen habe, wird der Weg im Bogen nach Süden geführt. Die zwei Rad fahrenden Mädels aus Berlin/Heidelberg tauchen auf, ein kurzes Schwätzchen und dann geht’s weiter.
Ein älterer Spanier spricht mich an und begleitet mich ein paar Kilometer. Er wohnt in der Gegend und ist seit zwei Jahren verwitwet. Er erzählt von seiner Kindheit, wie einsam das Dorf, das wir gerade durchlaufen, damals gewesen ist. Er befindet sich gerade auf dem Weg zu seinem „Garten“. Er erzählt, wie die Tomaten und Gurken zurzeit stehen, von seinem Sohn, der in Madrid wohnt, und von seinem Enkel, den er viel zu selten sieht. Die Menschen und ihre Probleme scheinen überall gleich zu sein.
Es ist inzwischen 14:30 Uhr geworden und ich habe noch keine offene Bar oder kein Restaurant gefunden. Ich habe Hunger. Ein älterer Herr zeigt mir eine Abkürzung des Weges. Nein, eine Bar gäbe es da auch nicht, aber ich solle in dem roten Haus nach Maria fragen und ihr ausrichten, Pedro hätte gesagt, sie solle mir etwas zu essen machen.
Soll ich wirklich? Aber ich habe Hunger und bin neugierig, was passiert. Maria scheint noch nicht mal überrascht (wahrscheinlich passiert ihr das häufiger). „Pero cierto …“ Sie macht eine Tortilla und stellt mir eine „Jarra“ Rotwein hin. Als ich bezahlen will, lehnt sie empört ab.
Ich erreiche Cudillero, ein hübscher Hafenort, der Hafen liegt eingezwängt, die Häuser drängen sich die Hänge hinauf. Im Hafen befinden sich einige nette Restaurants. Eigentlich habe ich bisher wenig Fisch gegessen, aber als ich die Preise sehe, verzichte ich auch hier. Inzwischen ist es 18:00 Uhr, ich bin mindestens 35 km gelaufen. Die nächste Herberge ist in Soto de Luiña, nochmals 13 km, das schaffe ich nicht mehr. Ich gehe zum Bahnhof, noch mal 3 km, der nächste Zug fährt um 21:30 Uhr, Hotels und Pensionen im Ort halten noch Winterschlaf, ein Hotel (noch mal 3 km) soll noch aufhaben. Ich erreiche es um 20:00 Uhr (Hotel Rural Lupa) und lege mich erst mal in die Badewanne… Als ich die Wäsche aufhänge, fängt es an zu regnen. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie bis morgen trocken wird, ist nicht sehr groß.
Aber ich habe geduscht, bekomme noch eine Kleinigkeit zu essen und zu trinken, bin müde, aber mit dem heutigen Tag rundum zufrieden. Und morgen? Morgen ist ein neuer Tag.
Cudillero – Soto de Luiña – Cadavedo (37 km)
Mittwoch, 23. Mai 2007
Ich frühstücke im Hotel, da das Frühstück im Hotelpreis eingeschlossen ist (1 Kaffee, 1 Croissant, 1 Saft). Ich weiß nicht, wie das Wetter sich entwickelt, im Moment sitzen wir einfach mitten in einer dicken Wolke und es nieselt so vor sich hin. Aber so schlimm sieht es trotzdem nicht aus, also Rucksack auf und los. Gleich der erste Waldweg ist vermatscht, ich laufe 500 m, dann wieder zurück, versuche es über die Landstraße, frage, werde hin und hergeschickt und verlaufe mich. Gegen 13:30 Uhr erreiche ich Soto de Luiña. Also weiter nach Cadavedo.
Der Reiseführer schreibt über diese Etappe:
Diese Etappe ist glücklicherweise nicht lang (21,4 km) denn sie ist ausgesprochen anstrengend – steigt bis fast 700 m an – und die Wegmarkierungen sind oft dermaßen von Vegetation überwuchert, dass sie kaum zu erkennen sind.
Ich weiß nicht, wo ich langgegangen bin, wie viel Höhenmeter ich gemacht habe, war zweimal am Strand und zweimal ganz oben (davon einmal auf 700 m). Irgendwann gehe ich (schleppe ich mich) auf der Landstraße weiter, die natürlich noch einen Umweg macht.
Meine Wäsche habe ich gestern nass einpacken müssen. Obwohl es heute wenig geregnet hat, liegt die Luftfeuchtigkeit bei 99,9% und da die Temperatur auch nicht über 14 Grad liegt, kann man zwischendurch kaum im Freien längere Pausen machen, dafür ist es einfach zu kalt.
Irgendwann erreiche ich Cadavedo. In einer Bar hole ich mir den Stempel für mein „Credential de Peregrino“ und werde zur Herberge geschickt. Kurz vor der Herberge fängt mich eine Frau ab, sie habe den Schlüssel für die Herberge, aber, es täte ihr leid, leider gibt es in der Herberge Probleme mit dem Wasser, es regnet rein und wäre schmutzig, aber glücklicherweise könne sie mir helfen, sie hätte da noch ein Zimmer, das sie ausnahmsweise vermietet (14 €). Ich bin so kaputt, dass ich (fast) jedes Zimmer zu jedem Preis genommen hätte. Nur allmählich steigt die Vermutung in mir auf, dass sie mich gelinkt hat. Ich sehe mir später die Herberge noch an, sie scheint völlig in Ordnung zu sein. Abends will ich noch etwas essen, aber außer Pinchos (belegte Brote), gibt es nichts. Der zweite Tag ohne gescheites Essen. Ich schlafe zwischen Spitzendeckchen und Nippes. Das Zimmer ist so voll davon, dass ich nicht weiß, wohin mit meinen Sachen.
(Später erzählt mir ein Mitpilger, dass die Herberge in der Tat sehr schmutzig und heruntergekommen war.)
Morgen wird die Tour kürzer, nehme ich mir beim Einschlafen vor. Ich schlafe 12 Stunden.
Cadavedo – Luarca (19 km)
Donnerstag, 24. Mai 2007
Gegen 08:00 Uhr werde ich wach. Die gewaschene Wäsche ist feucht und kalt, sie muss auf der Haut trocknen. Draußen ist es nebelig und ich bin schon wieder in den Wolken (wenn so der Himmel aussieht …).
Die Wegbeschreibung ist in den letzten Tagen nicht mehr zu gebrauchen. Durch den Ausbau der Autobahn stimmt nichts mehr, auch mein Navi kennt die neuen Strassen nicht.
Gefühlsmäßig laufe ich einen Kilometer nach rechts, mein Navi schickt mich in die entgegengesetzte Richtung. Die Landstrasse ist verdächtig leer … und nach 5 km lande ich auf einer Grossbaustelle. Ein Baggerfahrer meint, ich könne trotzdem durchgehen. Es dauert eine Stunde, bis ich die Baustelle bewältigt habe. Neben der alten existiert eine neue Landstrasse und teilweise eine ganz neue Autobahn. Endlich ein gelber Pfeil, zwei Kilometer folge ich ihm, dann lande ich auf der nächsten Baustelle. Später erreiche ich eine Bar, ich treffe zwei Radfahrer, die ich gestern schon einmal getroffen hatte, sie fahren seit einem Tag schon im Kreis.
Endlich erreiche ich wieder die „alte“ Landstrasse, die eine Ausschilderung nach Luarca hat. Eigentlich will ich da gar nicht hin, aber wenn ich Luarca erreiche, habe ich zumindest wieder eine Orientierung, wie ich mich weiterbewegen kann. Nach wieder vielen Höhenmetern erreiche ich die Ortschaft. Sieben Brücken überspannen den Fluss, der mit der Mündung im Hafen und dem zwischen Bergen eingezwängten Stadtzentrum ein sehenswertes Stadtbild ergibt.
Da die nächste Herberge nur kaltes Wasser zu bieten hat, suche ich mir ein preiswertes Hotelzimmer und esse seit Tagen mal wieder ein gescheites „Menu del Dia“. Bei einem Spaziergang durch den wirklich hübschen Ort fängt es erst an leicht zu regnen und dann zeigt sich doch tatsächlich (für 3 Minuten) einmal die Sonne.
Der Wetterbericht verheißt für die nächsten Tage viel Feuchtigkeit, aber manchmal irrt er sich ja auch. Es geht mir gut, meine Schuhe haben sich inzwischen an meine Füße gewöhnt (oder umgekehrt), mein Bein ist etwas abgeschwollen. Mir fällt ein, dass ich in den letzten zwei Tagen nicht einen Pilger getroffen habe. Allmählich brauchte ich mal wieder ein Schwätzchen, denn, so gerne ich auch alleine gehe, die Schwätzchen zwischendurch gehören einfach dazu und ich genieße sie.
Luarca – Navia (20 km)
Freitag, 25. Mai 2007
Beim Blick aus dem Fenster fällt es mir schwer aufzustehen, es nieselt. Erstmal frühstücke ich lange, vielleicht verziehen sich ja die Wolken, aber nichts…
Um 09:30 Uhr starte ich. Warum tut man das eigentlich? Ich hätte ja auch schön gemütlich in der Bar sitzen bleiben können, hätte dann den Bus genommen und wäre dann eine Stunde später für ein paar Cent (Busfahren ist hier außerordentlich billig) am gleichen Ziel, das ich mir so mühsam erlaufe. Ich weiß es nicht.
Anfangs sind da noch gelbe Pfeile, aber offensichtlich haben sie sich auch im Nebel aufgelöst. Endlich treffe ich ein Paar, das ich fragen kann. Sie meint, ich müsse der Straße folgen, er meint, ich müsse zurück und an der nächsten Kreuzung links. Was nun? Ich höre auf die Frau und ernte von dem Mann giftige Blicke.
Nach 20 Minuten ist der Weg zu Ende. Ich hole mein Navi heraus, die nahe gelegenen Ziele kennt es nicht (sie bestehen auch meist nur aus 5 Häusern). Ich gebe die nächst größere Ortschaft ein, aber es schüttelt mit den Elektroden und sagt „ERROR“, Systemabsturz. Nach einem RESET sagt es mir, dass ich mich irgendwo im „Nichts“ befinde. Prima, das weiß ich auch so. Aber immerhin weiß ich jetzt die Richtung, in die ich ungefähr muss. Nach 1,5 Stunden bin ich ungefähr da wo ich angefangen habe.
Jetzt laufe ich Landstrasse, die B634 und ich sind allmählich gute Freunde, zum Glück ist der Randstreifen breit, denn die Strasse ist stark befahren, da hier die Autobahn noch nicht fertig ist. Der Nebel wird immer dichter, so dass mir nicht ganz wohl auf der Strasse ist.
Nach weiteren zwei Stunden die erste Kaffeepause, es hellt sich etwas auf und mittags guckt sogar ab und zu die Sonne heraus, und … das Laufen macht Spaß. Irgendwo werden da Endorphine ausgeschüttet, die einem trotz des Sauwetters Glücksgefühle vermitteln.
Um 14:30 Uhr erreiche ich Navia, das angeblich 20 km entfernt sein soll. In einem Restaurant esse ich sensationell gut und billig (Fischsuppe mit Scampis und Krebsen, Seezunge, 1 Flasche Wein, Brot, Nachtisch für 6,50 €). Ich treffe zwei Brüder aus Bayern, die am gleichen Ort wie ich gestartet sind, aber noch zwei Stunden länger gebraucht haben. Jetzt nehmen sie den Bus, um weiterzukommen.
Ich nehme mir ein Zimmer (Duschen, Wäschewaschen …) und sehe mir den Ort an. Obwohl er an einem Fluss liegt, ist er seltsam gesichtslos. Es können nicht alle Orte schön sein.
Navia – Tapia de Casariego (22 km)
Samstag, 26. Mai 2007
Es regnet. Die Temperatur liegt bei 11 Grad. Trotzdem freue ich mich aufs Laufen. Also Regenponcho an und los … Die Gegend ist nicht mehr ganz so gebirgig und auf kleinen Küstenstraßen schlage ich mich durch (der Jakobsweg ist nicht zu finden). Aus dem starken Regen wird Nieselregen und irgendwann ist es sogar trocken. Die 25 km laufe ich in fünf Stunden und bin schon um 14:00 Uhr in Tapia. Hier will ich unbedingt bleiben, weil die Herberge so schön sein soll.
Die Herberge liegt wirklich in spektakulärer Lage an einer Steilküste. Ich rufe „Maria Jesús“ mit der an der Tür angegebenen Telefonnummer an. Sie erscheint 15 Minuten später mit dem Schlüssel und begrüßt mich herzlich. So wie es aussieht, werde ich wohl ganz allein in meinem Häuschen am Meer übernachten. Nach einem guten Mittagessen und -schläfchen ist die Welt voll im Lot. Nachmittags kommt sogar die Sonne heraus und ich hänge meine Sachen auf die Leine. Endlich bekomme ich mal trockene Kleidung. Der Ort ist im Gegensatz zum gestrigen außerordentlich schön. Ein schöner Fischerhafen mit Leuchtturm und fantastischen Stränden und einem Internetcafé.
Dort komme ich mit zwei Jugendlichen ins Gespräch, die im Internet „Second life“ spielen(?). Second Life ist eine von den Benutzern gestaltete virtuelle 3D-Welt, in der Menschen interagieren, spielen, Handel betreiben und anderweitig kommunizieren können. Es gibt inzwischen mehr als 8 Millionen registrierte Nutzer. Nachdem man sich selbst als „Bewohner“ erschaffen hat, kann man mit anderen Personen in Kontakt treten und/oder sich gegenseitig virtuelle Waren oder Dienstleistungen anbieten. Die Kommunikation erfolgt per öffentlichem oder privaten Chat.
Auf meine Frage, was sie an dem Spiel(?) reizt, sagen sie mir, dass es interessant ist, einmal eine ganz andere Identität anzunehmen. Außerdem ist es leichter als im „richtigen Leben“ mit Anderen Kontakt aufzunehmen. Bei allem Unbehagen, dass ich empfinde, dass diese virtuelle Welt für sie offensichtlich interessanter ist als die echte, werde ich es trotzdem einmal ausprobieren.
Und irgendwo gibt es auch Parallelen zum Verhalten auf dem Jakobsweg. „Dies ist nicht das richtige Leben“, war ein gängiger Ausspruch, den ich im letzen Jahr auf dem Weg häufig gehört habe. Das heißt, man verhält sich auf dem Weg anders als im „richtigen Leben“. Man geht direkter auf andere Personen (Pilger) zu und kommt unproblematisch ins Gespräch.
Nachdem ich mein „Tagebuch“ in dem Internetcafé auf den letzten Stand gebracht habe, gehe ich zurück zu „meinem“ Häuschen am Strand. Ich bleibe der einzige Besucher und kann mir zwischen 24 Betten eins aussuchen.
Inzwischen ist der Himmel ganz klar und der Blick von „meiner“ Terrasse so unglaublich schön, dass er allein alle Mühen, den Regen und die Kälte der vergangenen Tage belanglos werden lässt.
Das sind Momente, die man nie vergisst. Mit einer Flasche Wein, Käse und Brot genieße ich den Abend ganz für mich allein.
Hoffentlich ist das Wetter morgen einigermaßen trocken, denn ich will nicht den Jakobsweg, sondern den etwas weiteren Küstenweg nach Ribadeo laufen.
Tapia de Casariego – Ribadeo (16 km)
Sonntag, 27. Mai 2007
Das Hochgefühl des gestrigen Abends weicht, als ich aus dem Fenster schaue. Es weht ein scharfer Wind, nein, es stürmt und am Himmel ballen sich dunkle Regenwolken.
Ich zögere meinen Start hinaus, esse noch eine Apfelsine, feile mir die Fingernägel, packe meinen Rucksack um, immer in der Hoffnung, dass, wenn ich das nächste Mal aus dem Fenster sehe, die Wolken weg sind. Aber sie sind nicht weg und als ich schließlich die Herberge abgeschlossen und den Schlüssel in den dafür vorgesehenen Briefkasten geworfen habe, fängt es an zu schütten.
Ich laufe durch den Ort, in der Hoffnung, ein Café zu finden, das schon auf hat, aber es ist noch alles zu. Schließlich rette ich mich in die Kirche. Es ist gerade eine Messe und der Pfarrer begrüßt mich von der Kanzel persönlich und freut sich, dass ein Pilger den Weg in seine Kirche gefunden hat. Jetzt sitze ich in der Falle, denn ich traue mich nicht, nach fünf Minuten wieder wegzulaufen. Zum Glück ist nach einer halben Stunde alles überstanden und ein Café hat geöffnet.
Aber auch nach dem Frühstück weiß ich nicht, wie ich mich entscheiden soll. Es gibt drei Möglichkeiten:
- Küstenweg (16 km)
- Landstrasse (12 km)
- Autobus
Natürlich würde ich am liebsten den Küstenweg laufen, aber es stürmt so stark, dass ich, nachdem mir gestern schon an den Klippen ein wenig flau wurde, ein bisschen Angst habe.
Ich entscheide mich für die Landstrasse und – siehe da – der Regen hört auf und nach einiger Zeit biege ich doch auf den schönen Küstenweg ab.
Ribadeo, mein erstes Ziel in Galicien, ist durch eine sehr breite Flussmündung von Asturien getrennt. Die Flussmündung wird von einer Brücke überspannt. Als ich die Brücke erreiche, sind dort gerade Bauarbeiten und sie ist für Fußgänger gesperrt. Ich kehre um, frage irgendwelche Leute, wie ich denn auf die andere Seite kommen kann und sie sagen mir, ich solle ruhig auf dem Mittelstreifen über die Brücke gehen, denn heute sei Sonntag (Pfingsten), da würde sowieso keiner arbeiten. Ich gehe über die Brücke, der „Mittelstreifen“ ist mit Baumaschinen gepflastert, außerdem sind Löcher in der Brücke, so dass ich das weit darunter liegende Wasser sehen kann. Mir ist nicht wohl bei der Sache. Als ich schließlich die andere Seite erreiche, komme ich nicht wieder herunter und bin in einem Netz aus Schnellstrassen, Autobahnen, usw. gefangen. Ich mache einen Umweg von ca. 1,5 Stunden, um schließlich die Stadt zu erreichen. Dort angekommen, sehe ich, dass ich mit einer kleinen Fähre mein Ziel in ein paar Minuten erreicht hätte.
Jetzt bin ich in Galicien und Galicien empfängt mich mit „Regen“. Eigentlich hätte ich Lust, noch ein bisschen weiterzulaufen, aber innerhalb der nächsten 22 Kilometer gibt es keine Unterkunft. Also entscheide ich mich, die hiesige Herberge aufzusuchen. Die Touristen-Information hat ausnahmsweise auf, aber sie wissen nicht, wo sich die Herberge befindet. Ich frage mich durch und sie liegt wunderschön, fast unter der Brücke, die ich so mühsam überschritten habe.
Ich lerne Doris kennen, sie pausiert hier gerade (natürlich wegen eines dicken Beines). Wir gehen zusammen essen. Doris ist verwitwet, ihr Mann starb bei einem Verkehrsunfall, als ihre Kinder 3 und 6 Jahre alt waren. Sie war Lehrerin für Physik und Mathematik. Jetzt befindet sie sich seit 5 Wochen auf dem Weg und hat ein schlechtes Gewissen, weil sie noch eine Mutter zuhause hat, die sie betreut. Aus der „Anwesenheitsliste“ ersehe ich, dass auch Christa sich in der Herberge befindet. Marc, der Kanadier, war vor einem Tag hier, ihn habe ich gerade verpasst.
Der Nachmittag ist ein Wechsel aus Regen und Sonne. Ich gehe noch einmal an der Küste entlang zu einem Leuchtturm und nehme vorläufig Abschied vom Meer, da der Weg morgen ins Landesinnere führt. Der Abend ist fast wolkenlos.
In der Herberge – mit Blick aufs Meer – und der Brücke, die die Mündung der Ria des Flusses EO überspannt, treffen abends noch vier spanische Radfahrer ein, außerdem eine Engländerin, die zusammen mit einer Kanadierin hier in Ribadeo ihre Pilgerreise starten will. Die Kanadierin ist so übergewichtig, dass ich meine Zweifel habe, ob sie jemals in Santiago ankommt.
(Nachtrag: sie ist angekommen, allerdings mit dem Bus.)
Ribadeo –Gondan (22 km)
Montag, 28. Mai 2007
Unser englisch/kanadisches Paar startet schon um 06:00 Uhr. Ich sehe aus dem Fenster, erblicke dicke schwarze Wolken und drehe mich noch einmal um, um weiterzuschlafen.
Christa packt provozierend langsam ihren Rucksack und wartet wohl darauf, dass ich fertig werde und mit ihr wandere. Ich kann noch langsamer packen. Als sie weg ist, gehe ich erst noch in den Ort, um einen Kaffee zu trinken. Es nieselt und die Temperatur liegt bei 10-12 Grad. Etwa eine Stunde, nachdem ich von der Bar losgewandert bin, treffe ich das englisch/kanadische Paar, das nach ein paar Kilometern schon völlig „groggy“ ist und „Christa“. Jetzt habe ich sie am Bein. Wir wandern den Rest des Tages durch die schöne galicische Bergwelt, das Wetter wird besser. Bei einer Kaffeepause macht die Wirtin darauf aufmerksam, dass in dem Dorf A PONTE gerade ein Fest gefeiert wird, das wir uns doch ansehen sollten.
Das Dorf (20 Häuser) ist geschmückt und wir gehen in die Kirche. Der Pfarrer freut sich, dass auch Pilger zu dem Fest erscheinen und schenkt uns ein Heiligenbildchen der „NOSA SENORA DAS VIRTUDES“. Er ist geknickt, als ich mich weigere, irgendein Reliquienschränkchen zu küssen. Dann werden die SENORA und der heilige Jakob siebenmal um die Kirche getragen, begleitet von einem Orchester (Dudelsack, Tamburin, Flöte), Böllerschüssen und Kirchengeläut. Der heilige Jakob ist als Maurentöter dargestellt. Er sieht aus, als habe er Gelbsucht und die Figur fände ich selbst auf einer Kirmes peinlich.
Gegen 16:00 Uhr erreichen wir die schön gelegene Herberge und sind (und bleiben) die einzigen Gäste. Da das Wetter gut ist, wasche ich auch mal meine Hose durch, die schon so oft durchgeschwitzt wurde. Bei Sonne und Wind wird alles blitzschnell trocken.
Außer einem Croissant zum Frühstück gab es heute noch nichts und ich hoffe, dass es in der drei Kilometer entfernten Bar etwas Essbares gibt. Christa entdeckt einen fahrbaren Supermarkt und wir essen Kichererbsensuppe mit Hackklößchen zum Abendbrot.
Nachts wütet ein Orkan um unser Haus, den ich jedoch verschlafe.
Gondan – Mondoñedo (17,5 km)
Dienstag, 29. Mai 2007
Wir starten gegen 09:30 Uhr. Durch die verbliebenen Reste des „Orkans“ müssen wir uns kräftig gegen den Wind stemmen. Den ganzen Tag erleben wir einen Wechsel aus Wolken und ab und zu ein wenig Sonnenschein. Und wieder gibt es viele, viele Höhenmeter, jeder Berg wird mitgenommen.
Wir passieren VILANOVA DE LOURENCA mit seiner schönen Kathedrale, die an Santiago erinnert, aber nicht ganz so gewaltig ist. Leider ist auch sie abgeschlossen. In Mondoñedo muss man sich zuerst bei der örtlichen Polizei melden, damit ein Polizist einen dann zur Herberge führt, um sie aufzuschließen. Die Herberge ist zwar wirklich sehr schön, aber es gibt nur kaltes Wasser, also wird heute nicht geduscht, sondern nur ein bisschen Katzenwäsche durchgeführt.
Als ich das Haus inspiziere, finde ich im Keller den Lichtschalter nicht, übersehe die letzte Treppenstufe und knicke böse mit dem Fuß um.
Mondoñedo soll – laut Reiseführer – einer der schönsten Orte des Weges sein. Wahrscheinlich hat der Autor hier besonders nette Erlebnisse gehabt, mich hat der Ort nicht vom Hocker gerissen. In der Bar „El Peregrino“ darf ich mir ein Heiligenbildchen aussuchen. Vielleicht hat dies bewirkt, dass meine Warze an der rechten Hand plötzlich verschwunden ist. Heute Nacht sind wir zu dritt. Zwei schnarchen, jeder der zwei beschwert sich am anderen Morgen bei mir, dass der andere soviel geschnarcht hat. Ich (Nichtschnarcher) habe von allem nichts mitbekommen und tief und fest geschlafen.
Mondoñedo – Vilalba (36,9 km)
Mittwoch, 30. Mai 2007
Jetzt habe ich „Christa“ schon den dritten Tag am Bein und weiß nicht, wie ich sie loswerden kann. Sie ist nicht unsympathisch, aber ich will allein laufen. Gestern ist sie gestolpert und hat sich fast in den daneben fließenden Bach gelegt und ich habe („heiliger Jakob, verzeih mir“) gehofft, dass sie zumindest eine Bänderzerrung hat, um etwas pausieren zu müssen. Aber nichts da… (Gibt es da keinen Heiligen, der für solche Fälle zuständig ist?)
Wie jeden Morgen brauche ich erst eine Zeit, um in meinen Laufrhythmus zu kommen. Mal tut ein Bein weh, mal die Hüfte, dann stolpere ich über meine Stöcke, aber nach ein paar Kilometern scheint alles geschmiert zu sein und ich finde meinen richtigen Takt. Das Wetter ist schön, ein Wechsel aus dicken Wolken und Sonnenschein, das Wandern ist schön und es geht mal wieder stark bergauf und bergab. Überall blüht im Moment der Ginster, die ganze Landschaft ist gelb.
Vilalba scheint ein langweiliger Ort zu sein, aber immerhin hat er ein Internetcafé, in das ich allein gehen kann. Die Herberge, die ganz am Ortsanfang liegt, ist ein dunkles, kubisches Gebäude, das bei jedem Architektenwettbewerb den letzten Platz geholt hätte. Aber innen hat es alles, was ein Pilgerherz begehrt.
Wir essen in einer neben der Herberge liegenden „Fernfahrerkneipe“, gut und preiswert.
… noch 129 km bis Santiago
Vilalba – Baamonde (22,7 km)
Donnerstag, 31. Mai 2007
Den ganzen Tag April-Wetter, Regen, Sonnenschein, Regenjacke an, Regenjacke aus. Beim Laufen ist die Temperatur angenehm, aber man kann im Freien keine Pause machen, dafür ist es zu kühl. Wir passieren das verlassene Dorf Ponte Rodruigez und den sehenswerten Friedhof von Alba. Der blühende Ginster, der mich schon im letzten Jahr begeistert hat, ist wieder da. Dann geht es im Wechsel links und rechts der Nationalstrasse, der Autobahn und auch auf der Nationalstrasse entlang (weniger schön). Gegen 14.30 Uhr erreichen wir („Christa“, ein Spanier und ich) die Herberge von Baamonde. Da es in den Waschbecken kein warmes Wasser gibt, wasche ich die Wäsche unter der Dusche und rasiere mich unter der Dusche. Im Restaurant „Galicia“ essen wir gegen 16:30 Uhr unser Menu del Dia. Der Besitzer, offensichtlich ein galicischer Poet setzt sich zu uns und zeigt und deklamiert seine Werke. Wir lernen noch Margot und Roland kennen.
Der Poet weist uns noch auf einen seiner 12 Brüder hin, der ein in Spanien bekannter Bildhauer ist. Natürlich gehen wir hin. Er wohnt ganz in der Nähe und hat sein Haus und den Garten in ein Museum verwandelt.
Der Garten ist ein Traum, mitten in eine wunderschönen Landschaft, voller Skulpturen, die einen verzaubern, ein Paradies. Er führt uns in sein Haus, ebenfalls ein Traum. Danach trinken wir noch ein Bier in einer uralten Kneipe, der Abend ist perfekt.
Baamonde – Miraz (15,7 km)
Freitag, 1. Juni 2007
Wir wandern die Strecke zu viert, Margot, Roland, Christa und ich. Margot und Roland kommen aus der Schwäbischen Alb, haben 3 Kinder (17, 19, 21). Sie sind in Santander eingestiegen und haben – aus Zeitgründen – einige Etappen mit dem Bus zurückgelegt.
Der Himmel ist fast den ganzen Tag bedeckt, aber es bleibt trocken und der Weg, leicht hügelig, ist schön. Blühender Ginster bestimmt die Landschaft. Die Herberge in Miraz wird laut Reiseführer als sehr einfache Unterkunft bezeichnet, aber – so schnell kann sich so was ändern – sie ist eine der schönsten Herbergen, die wir bisher hatten, gute Schlafräume und Sanitäranlagen und ein riesiger Garten. Sie wird von zwei Engländern geführt, von Martin, einem älteren Herrn, der sich fortlaufend entschuldigt, das dies und jenes nicht so ist wie es sein sollte (dabei ist fast alles perfekt) und Matthew, einem 20-jährigen Sunny-Boy, der Politik-Wissenschaften in den USA studiert und für eine gewisse Zeit hier in der Herberge ehrenamtlich arbeitet. Vor ein paar Tagen hatte ich die Mutter von Matthew getroffen, ebenfalls eine Pilgerin, die unbedingt bis zum 31. Mai, Matthew´s Geburtstag, hier sein wollte. Heute erfahre ich, dass sie es geschafft hat.
Wir kochen alle zusammen (von dem was wir in der Küche und im Garten finden) und essen abends im Freien. Inzwischen ist auch noch die Sonne herausgekommen, ein richtig schöner Abend.
Miraz – Sobrado dos Monxes (26,4 km)
Samstag, 2. Juni 2007
Nach vielen Regentagen und schlechtem Wetter haben wir auch mal Sonnenschein verdient. Die Temperatur steigt und es ist ein herrlicher Sommertag. Unsere Vierergruppe hat Bestand und wir wandern durch eine sehr schöne Ginster- und Heidelandschaft. Es erscheint paradox, aber durch die „Gruppe“ habe ich wieder die Möglichkeit allein zu laufen, indem ich vorgehe, oder mich zurück fallen lasse. Bei den Pausen sind wir dann wieder alle zusammen, das ist OK so.
Margot macht so kleine, schnelle Schritte, dass, wenn wir auf Asphalt laufen, sie mich durch ihr „tak tak tak…“ stets aus meinem Lauftakt bringt. Ich muss an Oskar aus der Blechtrommel denken, der mit seiner Trommel eine ganze Militärkapelle aus dem Takt gebracht hat.
Endlich ist es so warm, dass man auch Pausen im Freien machen kann. Der Geruch der Bäume, Sträucher und Blumen erinnert mich an meine Kindheit, aber ich weiß nicht mehr, wo ich diese Gerüche erlebt habe. Unterwegs essen wir irgendwo zu Mittag. Es wird gar nicht gefragt, was wir essen wollen, sondern nur Gang auf Gang aufgetischt. Und hinterher zahlen wir einschließlich aller Getränke und dem Schnaps zum Kaffee, 8 Euro pro Person.
Das Ziel des heutigen Tages ist das Zisterzienserkloster „Sobrado dos Monxes“, mit Gebäudeteilen aus dem 13. Jahrhundert.
„Die Übernachtung in der Herberge des Klosters Sobrado dos Monxes ist ein absolutes Muss“ schreibt der Reiseführer. Auf dieses „Muss“ hätte ich gerne verzichtet, die gesungene 19:00 Uhr Vesper, an der wir Pilger teilnehmen können, ist noch ganz schön, aber ansonsten ist es einfach nur schmutzig und dreckig. Es gibt auch keine Utensilien, mit denen man selber ein bisschen sauber machen könnte. Uns irritiert, das relativ viele Pilger in der Herberge übernachten, wir aber auf dem Weg keinen einzigen getroffen haben. Ich habe das Gefühl, dass viele „Pilger“ so manche Strecke mit dem Bus oder Zug überwinden, denn manche sind noch da, wenn wir weg gehen und schon in der nächsten Herberge, wenn wir ankommen.
Sobrado dos Monxes – Arzúa (22,3 km)
Sonntag, 3. Juni 2007
Der Abschied von dem dreckigen Kloster fällt nicht schwer. In einer Bar des Ortes frühstücken wir und ich putze mir dort auf dem Klo die Zähne (es gab zwar eine Küche und Sanitäranlagen im Kloster, aber darüber möchte ich lieber nicht berichten). Dann geht es – ähnlich wie gestern – durch Ginster- und Heidelandschaft. Die Sonne meint es heute sehr gut mit uns und es wird richtig heiß. Insgesamt ist es ein schöner Tag, mit vielen Schwätzchen am Wegesrand mit den Einheimischen.
Santiago rückt näher und näher, und – das gleiche Phänomen, das ich im letzten Jahr schon beobachtet habe – keiner freut sich darüber, sondern es macht sich eine gewisse Traurigkeit breit, dass das Ziel schon so bald erreicht wird.
Wir erreichen Arzúa und die Einsamkeit des Küstenweges ist auf einmal zu Ende, wir befinden uns jetzt – die letzten 40 km vor der Kathedrale – auf dem Hauptweg.
Als wir in die offizielle Herberge kommen (46 Liegen + 17 Matratzen), ist sie voll. Aber inzwischen gibt es in dem kleinen Ort (vier!!!) zusätzliche private Herbergen. Wir mieten uns in einer privaten Herberge ein (10 Euro/p.P.) und haben dort allen Komfort und alle Sauberkeit, die man sich wünschen kann.
Das Städtchen ist voller Pilger, hauptsächlich Deutsche. Das habe ich im letzten Jahr in dieser Ballung nicht erlebt. Das Buch von Hape Kerkeling hat wohl noch einmal einen Schub verursacht. Der Charakter des Weges wird sich durch diese steigenden Pilgerzahlen ändern.
Und die Restaurants hier haben sich schon an die Essgewohnheiten der deutschen Pilger gewöhnt, es gibt ab 19:00 Uhr Abendessen.
Arzúa – Monte do Gozo (36,8 km)
Montag, 4. Juni 2007
Um 09:30 Uhr wandern wir von Arzúa los, nachdem wir vorher noch in einer Bar gefrühstückt haben. Auch heute stelle ich fest, dass der Strom der Pilger im Vergleich zum Vorjahr tatsächlich noch einmal zugenommen. Es sind viele „Luxuspilger“ dabei, die mit dem Bus von Hotel zu Hotel fahren, ihr Gepäck transportieren lassen und dann durchgestilet ab und zu mal einen kleinen geführten Spaziergang machen.
Wir kommen zu einer Bar, die ich vom letzten Jahr kenne. Letztes Jahr war ich allein mit einem Engländer, heute sind mindestens 50 Personen hier, was natürlich auch Zufall sein kann.
Gegen 13:00 Uhr essen wir zu Mittag und erreichen unser eigentliches Ziel, Santa Irene gegen 14:30 Uhr. Dort erzählt man uns, dass auf dem Weg nach Monte do Gozo noch eine Herberge aufgemacht hat.
Wir beschließen bis dorthin weiterzulaufen, aber es war eine Fehlinformation. Also bleibt nichts anderes übrig als bis Monte do Gozo durchzulaufen, so dass wir insgesamt auf 34 km kommen. Der Himmel ist den ganzen Tag blau und es ist warm. Entsprechend müde kommen wir in Monte do Gozo an. Von Monto do Gozo, das auf einem Hügel liegt, soll man die Kathedrale sehen können. Wir recken uns die Hälse aus, können sie aber nirgends entdecken.
Monte do Gozo ist ein riesiger, unpersönlicher Hotel- und Herbergenkomplex mit insgesamt 5000 Betten, 100 davon sind belegt. Wir essen noch in einem sterilen Selbstbedienungs-restaurant und fallen dann nach einer Flasche Wein todmüde ins Bett.
Aber es war wieder, trotz aller Müdigkeit, ein schöner, unvergesslicher Tag.
Monte do Gozo – Santiago de Compostela (5 km)
Dienstag, 5. Juni 2007
Angekommen?
Die Entfernung von Monte do Gozo bis zur Kathedrale beträgt nur 5 Kilometer.
Nach dem Frühstück starten wir gegen 09:30 Uhr von Monte do Gozo und erreichen nach zwei Kilometern schon die nächste Herberge, in der wir für die nächste Nacht einchecken. In Monte do Gozo kann man nur eine Nacht bleiben. Die Herberge San Lazaro liegt zwar etwas außerhalb, aber sie hat allen Komfort von dem ein Pilger träumt (Bettwäsche, Handtücher, Küche, Aufenthaltsraum, saubere Sanitäranlagen). Die Kapelle von San Lazaro war früher Endstation für leprakranke Pilger. Weiter durften sie nicht laufen.
Dann wandern wir (schon ohne Rucksack) nach Santiago hinein und holen uns im Pilgerbüro unsere Urkunde. Man hatte uns vorgewarnt, dass die Wartezeiten teilweise bis zu drei Stunden betragen können, aber bei uns ist nach einer Viertel Stunde alles erledigt.
Danach geht es zur Kathedrale und als ich auf dem Kathedralvorplatz stehe, habe ich doch wieder feuchte Augen. Christa will so schnell wie möglich in die Kathedrale, um gute Plätze bei der Pilgermesse zu sichern, aber das geht mir zu schnell, ich muss mich erst mal besinnen, muss erst einmal die Kathedrale umrunden, ehe ich eintreten kann. Alle gehen mit. Jetzt sind die guten Plätze natürlich weg und ich ernte einen giftigen Blick (sie hätte ja nicht mitgehen müssen).
Der Ablauf der Messe scheint der gleiche zu sein wie im Vorjahr.
Eine Nonne (dieselbe wie letztes Jahr) singt mit einer wunderschönen Stimme und stiehlt den Priestern die Show.
Für heute Nachmittag setze ich mich von der Gruppe ab, mit der ich in den letzten Tagen gepilgert bin. Außer mir wollen jetzt erst mal alle ein paar Tage in Santiago bleiben, ich will morgen früh gleich weiter in Richtung Finisterre, um rechtzeitig dort zu sein, wenn Gerda kommt.
Angekommen? Nein, so richtig angekommen bin ich noch nicht, das bin ich erst, wenn ich in Finisterre das Meer sehe, also noch ca. 100 km.
Ich schlendere durch die Strassen von Santiago, die Stadt ist schön, aber der Touristenrummel nervt und ich freue mich schon auf morgen, wenn ich wieder in der Natur sein kann.
Mit Pedro, einem spanischen Mitpilger, mit dem ich außer einem „Ola“, bisher keine Wort gesprochen habe (und der mich mal eine halbe Nacht vollgeschnarcht hat), trinke ich ein Bier, wir verstehen uns richtig gut und beim „Adios amigo“ kullern ihm die Tränen.
Noch ein Kaffee mit einem Ehepaar aus Korschenbroich. Sie sagen, schon fast alle Jakobswege in Spanien gemacht zu haben. Doch immer, wenn wir dreckig, verschwitzt unser Ziel erreicht hatten, saßen sie schon feingemacht in einem Straßencafé, sie, als ob sie gerade vom Frisör gekommen wäre. Komischerweise haben wir sie nie beim Wandern getroffen. Irgendetwas stimmt hier nicht. Der Mann will die Adressen tauschen, doch ich vergesse glatt ihm meine zu geben.
Am Abend (unsere Gruppe ist inzwischen um einen Olaf gewachsen) essen wir noch unser Pilgermenü, nehmen aus dem Restaurant noch ein paar Flaschen Wein mit (1,80 € / Flasche), um in der Herberge noch einen „Gutenachtschluck“ zu haben.
Santiago – Negreira (23 km)
Mittwoch, 6. Juni 2007
Abschied von Christa und Olaf. Christa will nach 3 Monaten Pilgerei noch mit dem Bus zum Mittelmeer fahren, um noch ein bisschen in Frankreich zu laufen. Olaf muss heute heim, er kommt aus Süddeutschland. Margot und Roland wollten eigentlich noch ein paar Tage in Santiago bleiben, aber haben jetzt schon keine Lust mehr auf „Stadt“ und ich denke, wir werden uns in Finisterre wieder sehen. Dann steht Marc, der Kanadier, auf einmal neben mir. Ich glaube, wir haben uns am 8. Mai zuletzt gesehen. Er hatte Santiago schon vor einer Woche erreicht, war bereits in Finisterre und fährt heute mit dem Bus nach Frankreich (36 Stunden), um dort noch Verwandte zu besuchen.
Ich ziehe morgens los, so in Gedanken versunken, über all die Begegnungen, die man gehabt hat, dass mir die 22 km unter den Füßen zerrinnen und ich auf einmal ganz erstaunt bin, schon in Negreira zu sein. Und ich merke, dass ich ganz vergessen hatte, zu frühstücken. Das hole ich erst mal nach. Die Herberge ist sehr schön, ich kenne sie vom letzten Jahr. Da ich der erste „Ankömmling“ bin, belege ich auch mein Bett vom letzten Jahr. Ich würde gerne noch ein bisschen laufen, um die nächste Etappe von 34 Kilometern zu entschärfen, aber dazwischen soll es nur in Vilaserío eine Notunterkunft mit kalten Duschen geben.
(Später erfahre ich, dass meine Information veraltet ist, die Herberge in Vilaserío ist inzwischen ausgebaut und soll richtig schön sein.)
Also werde ich morgen möglichst sehr zeitig starten, denn es ist inzwischen so heiß geworden, dass man in der Mittagshitze kaum laufen kann.
Am Abend ist die Herberge restlos voll. Da es warm ist, wandern viele auf die Wiese vor der Herberge aus. Christine, eine Pilgerin aus Kolumbien, kommt angehumpelt. Sie ist am Vortag aus Kolumbien über London nach Santiago geflogen, nur um das Teilstück Santiago – Finisterre zu laufen.
Dazu gesellt sich Jan, ein Sportlehrer aus Holland, der morgen bis Cée durchlaufen will (über 50 km). Der Rucksack von Jan wiegt nur 5 kg. Er hat keinen Fotoapparat und führt auch kein Tagebuch. Er hat die Bilder im Kopf, meint er. Alles andere würde dazu führen, dass er sein Gedächtnis vernachlässige und ist zusätzlicher Ballast für Rucksack und Seele.
Irgendwo muss ich ihm Recht geben. Aber ich will meine Bilder zuhause auch zeigen, andere teilhaben lassen können, was ich gesehen und erlebt habe. Natürlich ist es zusätzlicher Ballast, den ich mir hier aufbürde, denn die spätere Bearbeitung der Bilder und Texte wird noch einmal viel Zeit kosten. Interessiert es dann eigentlich noch jemanden?
Die Nacht ist ein Horror, links und rechts bin ich von Schnarchern eingerahmt und diagonal schläft eine dicke Amerikanerin, die abends wohl zuviel Fabadas (weiße Bohnen) gegessen hat…
Um 03:00 Uhr nachts wandere ich auf die Wiese vor dem Haus aus (warum habe ich das nicht schon früher gemacht?). Mit einem klaren Sternenhimmel werde ich belohnt.
Schon um 05:00 Uhr werden die ersten Pilger aktiv, um loszuwandern.
Negreira – Olveiroa (34 km)
Donnerstag, 7. Juni 2007
Um 06:15 Uhr – es dämmert gerade – starte ich mit 2 Spaniern und Christine aus Kolumbien. Einer der beiden Spanier hat eine dicke Taschenlampe dabei, so dass ich mich gerne anschließe. Nach einer halben Stunde stellen wir fest, dass wir uns hoffnungslos in den Eukalyptuswäldern verlaufen haben, keine gelben Pfeile, nichts.
Mit Hilfe meines Navis gelingt es uns zumindest, die Grobrichtung, in der wir laufen müssen, festzustellen und nach ca. 4 km Umweg finden wir den Jakobsweg wieder. Ich setze mich ab und laufe ein Stück mit einer Dozentin aus Dallas, die dort Englisch lehrt.
Dann gehe ich wieder alleine. Manchmal denke ich, nicht „ich gehe“, sondern „es geht mich“, ich gerate in eine Art Trancezustand.
Bilder aus meinem Berufsleben tauchen auf. Habe ich eigentlich irgendetwas bewirkt oder verändert? Da bleibt nicht viel übrig, von dem, für das man gekämpft und sich eingesetzt hat. War es das wert? Die Jahre sind vorbeigerauscht. Hätte man etwas anders machen können? Egal, Vergangenheit…
Das „Jetzt“ ist viel wichtiger und das Jetzt ist hier auf dem Weg unglaublich intensiv. Für Momente bin ich absolut im Gleichgewicht mit mir und der Natur und ich fange an zu singen. In der Mittagszeit singe ich „Abendstille überall …“, doch da meine Stimme ungeübt ist, fange ich an zu kieksen und sehe mich verschämt um. Es hat keiner gehört.
Zum Glück ist es nicht so heiß, wie am Vortag, aber für die 34 km (+4 km Umweg) brauche ich doch 9 Stunden reine Gehzeit und 2 Pausen von ca. 15 Minuten.
Olveiroa wird im Reiseführer als malerischer alter Ort und würdiges Etappenziel beschrieben, ich würde es als gottverlassenes Nest bezeichnen, das einzige interessante sind die uralten Hórreos (Maisspeicher). Nach der Schnarcherei von gestern, will ich mal wieder durchschlafen und nutze das Angebot der kleinen Bar im Ort, die auch Zimmer vermietet. Der Besitzer nutzt allerdings seine Monopolstellung schamlos aus. Die Preise für Getränke, Essen und Übernachtung sind völlig überzogen.
Ein kleiner Plausch mit Mutter, Vater, Tochter aus der Eifel. Die „Tochter“ hat selbst schon Familie. Auf ihre Kinder passt zuhause der Mann auf.
Am Nebentisch sitzen 8 junge Menschen aus 6 unterschiedlichen Ländern. Sie vereinbaren, dass jeder ein Lied seines Landes singt. Es ist eine schöne Stimmung, obgleich nicht jeder gut singen kann.
Die meisten wollen morgen bis Finisterre durchlaufen (35 km). Ich weiß noch nicht, wie weit ich gehe. Da es dazwischen noch eine Herberge gibt, werde ich es von meiner Lust und vom Wetter abhängig machen.
Olveiroa – Fisterra (35 km)
Freitag, 8. Juni 2007
Ich hätte doch besser in der Herberge geschlafen. Die halbe Nacht war ich auf Fliegen- und Mückenjagd und heute Morgen sehe ich aus wie ein Streuselkuchen.
Als ich um 06:30 Uhr aufstehe, sind schon alle weg. Ich bin der Einzige, der das ab 07:00 Uhr angebotene Frühstück nutzt.
Am Morgen ist es noch relativ klar, aber dann zieht dichter Nebel auf. Der fehlt noch in meiner Camino-Wettersammlung, denn ansonsten habe ich von Schneeregen bis 33 Grad bei blauem Himmel alles gehabt. Ich trödele den schönen Wanderweg entlang und mir wird bewusst, dass dies wohl die letzte größere Wanderung des Weges ist.
In einer Bar treffe ich auf Noa (ich weiß nicht, ob das richtig geschrieben ist), ein hübsches Mädchen, ca. Mitte 20. Sie kommt aus Israel, wohnt in Tel Aviv und ist den Hauptweg von St.-Jean gelaufen. Wir schwatzen bestimmt eine Stunde und kommen natürlich zu der Frage, was hat der Weg gebracht und was können wir daraus lernen? Warum empfindet man so viele Glücksmomente auf dem Weg, obwohl die äußeren Umstände (Regen, Kälte, Anstrengung) eigentlich das Gegenteil erwarten lassen? Da wir beide am liebsten allein wandern, trennen wir uns und sind fest überzeugt, uns noch einmal zu begegnen. Bis dahin wollen wir über die Fragen nachdenken und die Antworten tauschen.
Ich gehe über schöne Wanderwege und durch viele verbrannte Wälder. Als im letzten Jahr die Waldbrände in Portugal waren, hatte es (das wusste ich nicht) auch in Galicien sehr stark gebrannt. Die Schäden sind erschreckend, ich weiß nicht ob irreparabel, aber es wird zumindest Jahre dauern, bis sich die Natur erholt hat.
Ich gehe bis Cée, da dort eine Herberge ist, finde die Herberge nicht und lande in Corcubión, einem Ort an der Küste. Ich esse dort etwas und danach fühle ich mich so stark, um bis Fisterra durchzulaufen.
Kurz vor Fisterra – an der Playa Langosteira – treffe ich Noa wieder. Wir trinken zusammen einen Kaffee und setzen das Gespräch von heute morgen fort. Wir kommen zu dem Schluss, dass unsere „Glücksgefühle“ dadurch entstanden sind, dass wir uns ein Ziel gesetzt haben, das uns viel Mühe gekostet hat, es zu erreichen. Die Überwindung der bisherigen persönlichen Leistungsgrenzen scheint die Voraussetzung für diese Glücksmomente zu sein. Wir folgern für das „wirkliche Leben“: Es ist wichtig, sich Ziele zu setzen, die anspruchsvoll, aber erreichbar sind: private Ziele, berufliche Ziele und Ziele, sich gesellschaftlich/sozial einzusetzen.
Gemeinsam gehen wir zu der nahe gelegenen Herberge, die aber erst ab 18:00 Uhr aufmacht. Vor der Herberge eine große Pilgerschar, die auf Einlass wartet.
Da ich keine Lust mehr habe, in einer Herberge zu übernachten, suche ich mir ein preiswertes Hotelzimmer (Duschen, Wäschewaschen …). In der Herberge hole ich mir mein „Certificado“, das besagt, dass ich bis Fisterra gelaufen bin.
Noch fehlen mir 3,5 km. Das ist die Entfernung vom Ort Fisterra bis zum Kap Finisterre. Erst dort steht der Kilometerstein mit der Marke „0.000 km“. Ich werde heute Abend noch hingehen und dann sind die 1000 km voll.
Fisterra
Samstag, 9. Juni 2007
Um 09:30 Uhr verlasse ich meine Unterkunft, um in der Pension
Doña Lubina
C/San Roque – Playa Langosteira
Fisterra
Telefono 981 740311
einzuchecken, eine wirklich schöne Pension, mit Blick aufs Meer.
Ich vertrödele den Tag, treffe den einen oder anderen Mitpilger. Gestern Abend war ich doch nicht mehr am Kap und ich beschließe, heute oder morgen mit Gerda gemeinsam hinzugehen. Pünktlich um 16:30 Uhr kommt Gerda mit dem Bus an.
Nach einem Kaffee machen wir einen ersten Strandspaziergang an der Playa Langosteira, dem Strand vor unserer Pension. Er ist übersät mit Muscheln und Gerda findet „ihre“ Jakobsmuschel. Wir treffen Noa, die allein am Strand hockt und laden sie zum Abendessen ein. Sie sagt zu, erscheint dann aber doch nicht. Abends essen wir in unserer Pension richtig lecker, wir sind die einzigen Gäste. Den Spaziergang zum Kap verschieben wir noch einmal auf morgen.
Fisterra
10.- 12. Juni 2007
Heute pilgern wir endlich bei herrlichem Wetter zum Kap und zum 0.000 km-Stein des Weges Santiago – Finisterre. Das ist der eigentliche Abschluss einer anstrengenden, teilweise nassen, aber unvergesslich schönen Pilgerwanderung. Margot und Roland tauchen noch auf und wir machen noch einige schöne Spaziergänge.
Wie im Vorjahr gefällt es mir, hier in der wunderschönen Landschaft des Kaps das Ganze ausklingen zu lassen, diesmal gemeinsam mit Gerda.
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Rückreise
Am 12. Juni fahren wir mit dem Bus zurück nach Santiago. Wir wohnen im Hotel www.25deJulio.com (Tel. 981-582295), das ganz in der Nähe der Kathedrale liegt und wirklich sehr nett ist. Am nächsten Tag besuchen wir noch einmal gemeinsam eine Pilgermesse und bummeln durch die Altstadt. Die Stadt ist schön, aber zwei Tage reichen aus. Am Donnerstag, dem 14. Juli geht es dann wieder mit RyanAir nach Hause.
Vergleich zwischen dem Küstenweg und dem „Camino Francés“:
- Der Weg ist anstrengender, da viele Höhenmeter zu überwinden sind.
- Er ist, da er viel an der Küste verläuft, zum großen Teil unglaublich schön, aber es gibt auch hässliche Abschnitte, zum Teil bedingt durch den Bau der Autobahn.
- Es sind kaum Pilger unterwegs, so dass man teilweise den ganzen Tag allein ist.
- Die Herbergendichte ist wesentlich kleiner, so dass man häufiger auf Hotels ausweichen muss.
- Es gibt, wenn nicht gerade ein Feiertag in Spanien ist, keine Probleme in den Herbergen einen Platz zu bekommen.
- Die Beschilderung ist in manchen Regionen gut, in anderen katastrophal.
- Man braucht ein bisschen mehr Eigeninitiative, um sich zurechtzufinden. Ohne ein paar Spanischkenntnisse wird es schwierig.
- Die „Spiritualität“ des Camino Francés ist hier nicht zu spüren, dort gibt es in jedem Ort, jeder Kapelle, Geschichten, Sagen, Erzählungen, die mit dem Pilgerwesen zu tun haben.
- Es gibt (statistisch) mehr Regentage.
- Es ist teurer.
Vielleicht sollte man die zwei Wege gar nicht miteinander vergleichen, es ist etwas völlig anderes.