Map of the route “2013 Deutschland Ost – West”: 835.053 m. It starts at 51.15117, 14.96887 and ends at 51.09604, 6.82452 (latitude, longitude).
Vorwort
Nachdem ich in den letzten Jahren hauptsächlich auf Jakobswegen in Spanien und Frankreich gewandert bin, möchte ich in diesem Jahr einmal Deutschland von Ost nach West durchqueren und dies – soweit möglich – auf alten, historischen Wegen.
– Der Ökumenische Pilgerweg
Die VIA REGIA ist ein Name der ältesten und längsten Landverbindung zwischen Ost- und Westeuropa. Sie existiert seit mehr als 2.000 Jahren und verläuft mit 4.500 km von Kiew in der Ukraine über Polen, Deutschland, Frankreich nach Santiago de Compostela in Spanien.
Der Ökumenische Pilgerweg ist ein rund 450 km langer, deutscher Teil der VIA REGIA. Er führt von Görlitz an der deutsch-polnischen Grenze durch Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen bis nach Vacha an der thüringisch-hessischen Grenze.
– Elisabethpfad
Elisabethpfade sind Pilgerwege, die zur Grabkirche der heiligen Elisabeth in Marburg führen.
Eisenach, Köln und Frankfurt sind jeweils die Startpunkte.
Ich möchte den Weg von Eisenach nach Marburg und dann in entgegengesetzter Richtung nach Köln wandern.
– Jakobsweg Köln-Aachen
Der Jakobsweg von Köln-Aachen ist Teil eines Jakobsweges, der von Wuppertal-Beyenburg nach Aachen/Belgien führt. Danach laufe ich noch ein Stück zurück auf einem Jakobsweg, der über Paderborn nach Aachen verläuft.
29. April 2013
Görlitz (12,0 km)
Gerda bringt mich zum Flughafen Köln, der Flieger nach Dresden startet pünktlich um 06:45 Uhr. Es geht weiter mit der S- und Regionalbahn und bereits um 10:00 Uhr stehe ich in Görlitz am Bahnhof. Es regnet und ist kühl …
Görlitz, von dieser Stadt wusste ich bisher eigentlich gar nichts, ich habe allenfalls eine Verknüpfung zu DDR-Plattenbauten gespeichert.
Natürlich habe ich mir vor Beginn meiner Reise einige Informationen beschafft, dort wurde Görlitz als eine der schönsten Städte oder die schönste Stadt Deutschlands bezeichnet. Ob es die schönste Stadt Deutschlands ist, möchte ich dahingestellt sein lassen, aber die Altstadt ist eine absolute Sehenswürdigkeit.
Sie hat so viele schöne alte Gebäude, Plätze und Kirchen, dass man nicht weiß, wo man beginnen soll. Ich beginne erst gar nicht …
Offensichtlich sind die Gebäude der Stadt vom Krieg weitgehend verschont geblieben. Zu DDR-Zeiten sind sie dann zum Großteil so weit verfallen, dass ein Abriss geplant war. Zum Glück kam die Wende und die Sanierung der Stadt.
Trotz des schlechten Wetters wandere ich stundenlang durch Görlitz und das polnische Zgorzelec. Die zwei Städte gehören eigentlich zusammen, sind aber durch einen Fluss und eine inzwischen offene Grenze voneinander getrennt.
Meinen ersten Stempel hole ich mir in der St. Peter und Paul Kirche und mein erstes Quartier ist im Gästehaus Lisakowski, das ich vorgebucht hatte.
Morgen geht es dann richtig los, ich freue mich aufs Wandern.
30. April 2013
Görlitz – Weißenberg (31,9 km)
Der morgendliche Blick aus dem Fenster verheißt nichts Gutes. Es regnet und die Temperatur liegt bei 3º C. Eigentlich jagt man bei diesem Wetter keinen Hund vor die Tür, aber ich bin kein Hund und kann mir einreden, dass Wandern Spaß macht. Also stülpe ich mir meinen Poncho über und los geht’s.
Es geht durch eine Mittelgebirgslandschaft, mit Orten, die bei Sonnenschein sicher nett aussehen.
Der starke Regen geht in Nieselregen über und die Temperatur steigt auch ein wenig.
Mein Ziel, Weißenberg, macht einen hübschen Eindruck. Mein Hotel (Hotel am Bahnhof) liegt natürlich am äußersten Ende des Städtchens, sodass ich abends im Regen keine Lust mehr habe, mir den Ort genauer anzusehen.
Einen schönen Spruch habe ich heute gelesen:
„Worte sind wie Vögel, die man frei lässt.
Man kann sie nicht mehr einfangen. „
01. Mai 2013
Weißenberg – Bautzen (24 km)
Beim Frühstück in Weißenberg – ich bin der einzige Gast – plaudere ich lange mit dem Chef des kleinen Hotels. Er ist noch relativ jung und mit Erschrecken stelle ich fest, dass für ihn die DDR schon Geschichte ist, die seine Eltern betroffen hat. Er war zur Wende noch zu jung, um es richtig zu begreifen.
Ich starte gegen 09:30 Uhr, es ist kühl, grau und windig, zum Glück bleibt es aber den ganzen Tag trocken. Es geht durch sehr schöne Örtchen, die meisten befinden sich in einem Zustand, der unserem West-Standard gleichkommt. Dazwischen immer wieder alte Schlösser und Güter, viele in Privatbesitz und in einem hervorragenden Zustand.
Warum sind die Orts- und Straßenschilder eigentlich alle zweisprachig, deutsch und polnisch? Ich weiß nicht, was hier mal wann zu wem gehört hat. Eine Bildungslücke, die ich daheim schließen muss.
Das Laufen fällt mir heute schwer, ich merke, dass ich den ganzen Winter über gefaulenzt habe und dann muss ich auch noch eine dicke Speckrolle auf den Hüften mit mir herumschleppen. Das wird wohl diesmal eine Zeit dauern, bis ich meinen Rhythmus wiedergefunden habe.
Mühsam erreiche ich Bautzen. Von dieser Stadt weiß ich nur, dass unter den Nationalsozialisten und während des SED-Regimes 1000e von Gefangenen ihr Leben gelassen haben. Aber diese Stadt hat noch eine andere Geschichte und heute eine sehr schöne wiederaufgebaute Altstadt.
Die Tourist-Information empfiehlt mit die „Pension Zum Echten“.
Das Zimmer und das Abendessen sind gut und am Abend verzichte ich bei dem kalten Wetter auf einen Stadtrundgang und schaue mir das Spiel Bayern gegen Barcelona an.
02. Mai 2013
Bautzen – Kamenz (30,9 km)
Bevor ich starte, schaue ich mir die Stadt Bautzen doch noch etwas genauer an und werfe noch einen Blick in das sorbische Nationalmuseum. Die Stadt ist wunderschön restauriert und einen Besuch wert. Der Weg zwischen Bautzen und Kamenz ist unspektakulär, die Landschaft leicht hügelig mit einigen zwar hübschen, aber scheinbar ausgestorbenen Ortschaften. Es geht durch Raps- und Senffelder. Eigentlich müsste jetzt alles gelb blühen, aber es ist noch zu kühl. Der Himmel zeigt sein Einheitsgrau, aber ich denke, dass ich irgendwann die Sonne noch einmal sehen werde.
Das kleine Städtchen Kamenz hat sogar eine eigene Touristeninformation. Ich glaube nicht, dass sich heute außer mir noch ein anderer Tourist hierhin verirrt hat, aber als Pilger werde ich mit einem Heiligenbild und einem Täfelchen Schokolade begrüßt. Man vermittelt mir ein Zimmer in einer kleinen Pension, zum Glück funktioniert die Heizung. Es soll auch eine Pilgerherberge geben, aber ohne Heizung und ohne Dusche.Der Ort ist nett, uralt, mit viel Geschichte, aber nach 20 Minuten hat man das Wesentliche gesehen. Ich plaudere länger mit meiner Pensionswirtin, die wohl in erster Linie Zimmer vermietet, um jemanden zum Reden zu haben.
03. Mai 2013
Kamenz – Tauscha (24 km)
Beim Frühstück in Kamenz erzählt mir die Eigentümerin der kleinen Pension ihre Lebensgeschichte. Es ist interessant einen kleinen Einblick in den Alltag der früheren DDR zu erhalten. Ost und West haben sich doch recht unterschiedlich entwickelt. Wir reden so lange, dass es schon fast 09:30 Uhr ist, bis ich meinen Rucksack packe.
Die Tour ist schön, es ist trocken, aber der Himmel ist immer noch grau, bisher habe ich die Sonne noch nicht zu Gesicht bekommen. Die Temperatur liegt bei 8ºC. Gegen Mittag erreiche ich Königsbrück. Der Ort ist nett, aber ich entschließe mich, noch ein wenig weiter zu laufen, obwohl meine Kondition alles andere als gut ist. Es rächt sich, wenn man den ganzen Winter nichts getan hat.
Tauscha ist ein Dorf. Ich lande auf einem „Pferdehof“ mit ca. 15 Zimmern, aber bisher bin ich der einzige Gast. Der Besitzer scheint sich hoffnungslos übernommen zu haben. Später kommt noch ein zweiter Pilger dazu, Olaf, aus Chemnitz. Olaf arbeitet auch in der chemischen Industrie bei einer Tochter der BASF und ist für eine Woche auf dem Weg. Wir gehen zusammen etwas essen, in dem einzigen Gasthaus des Ortes – wir sind auch die einzigen Gäste. Die Besitzerin sagt uns, dass noch ein dritter Pilger auf unserer Route ist, ein Russe, der in Kiew gestartet ist und bis Santiago durchlaufen will. Es wäre schön, wenn ich den noch mal treffen würde. Die Preise in den Gaststätten sind erheblich niedriger als bei uns. Für ein leckeres Abendessen zahle ich 6,50 € und für ein Weizenbier 2 €.
04. Mai 2013
Tauscha – Großenhain (28 km)
Nach einem guten Frühstück starten Olaf und ich getrennt. Wir wollen beide allein laufen, hoffen aber, dass wir uns irgendwo wieder treffen werden.
Oh Wunder, die Sonne scheint, allmählich fing ich an zu zweifeln, ob es in Sachsen überhaupt eine Sonne gibt. Der Weg ist weitgehend eben, es geht hauptsächlich über kleine Asphaltstraßen und durch kleine Dörfer. Nach etwa zwei Stunden erreiche ich das wildromantische Schloss Schönfeld.
Es ist in Privatbesitz und lässt sich leider nicht besichtigen. Gegen Mittag zieht es sich doch wieder zu und ich werde von einem Regenschauer überrascht.
Gegen 15:30 Uhr bin ich in Großenhain, eine der ältesten Städte Sachsens. Der Ort hat den Zweiten Weltkrieg unbeschädigt überstanden, sodass er sich heute mit einer prächtigen Altstadt präsentieren kann. Es gibt auf dem Weg tatsächlich Pilgerherbergen, aber die sind so primitiv, dass ich drauf verzichten kann. Es ist aber kein Problem, nette und preiswerte Pensionen zu finden.
Morgen soll der Tag sonnig und warm werden, ich lasse mich überraschen …
05. Mai 2013
Großenhain – Strehla (30 km)
Die Sonne scheint den ganzen Tag. Gleich ist es so warm, dass man sich in den Schatten flüchtet. Der Weg ist überwiegend eben, ich passiere kleine nette Dörfer, aber nirgendwo gibt es die Möglichkeit einzukehren. Dann verpasse ich noch einen Abzweig, das kostet mich noch ein paar Kilometer zusätzlich. Der Weg führt mich zum Elberadweg. An der Elbe bin ich geboren und nach mehr als 60 Jahren wandere ich jetzt an diesem Fluss entlang. Der Kreis hat sich geschlossen, ich hoffe, noch nicht vollständig.
Der Durst plagt, da sehe ich ein Schild „Pension zum …“ Ich will zwar nicht dort übernachten, aber frage über den Gartenzaun, ob ich ein Bier bekommen könne. „Selbstverständlich“, ich werde hineingebeten, plaudere mit dem „Chef“ des Hauses, seine Frau kommt dazu, bietet mir Kaffee und Kuchen an, die Kinder und Schwiegereltern erscheinen. Als ich bezahlen will, schaut man mich völlig irritiert an, ich bin in keiner Pension gelandet, sondern in einer ganz normalen Familie. Das Schild war nur ein Hinweis auf eine Pension in 2 km Entfernung. Das wäre ihnen schon häufiger passiert, meinten sie, und es wäre immer wieder lustig. Natürlich wollten sie kein Geld haben.
Mit der Fähre geht es auf die andere Seite der Elbe nach Strehla, wieder ein sehenswerter Ort mit viel Geschichte. Strehla gehört zu den Orten, die es bei dem Jahrhunderthochwasser 2002 besonders hart getroffen hat. Ich gehe in eine kleine Pension am Markt. Mal hat man Glück, mal weniger. Heute habe ich es nicht so gut erwischt, aber ich bin zu müde, um mir etwas anderes zu suchen. Immerhin gibt es in dem Ort ein Restaurant, das sogar geöffnet ist, ich esse gut und preiswert und probiere zum ersten mal sächsischen Wein, er ist noch nicht mal schlecht.
06. Mai 2013
Strehla – Dahlen (16 km)
Beim Frühstück lerne ich eine Mitpilgerin, Anett, kennen. Sie ist wie ich in Görlitz gestartet und hat noch zwei Wochen Zeit, um dem Weg zu folgen.
Mein erster Gang an diesem Morgen führt mich erst mal zum Zahnarzt, gestern war mir ein Stück Zahn weggebrochen. Die Zahnärztin flickt den Zahn provisorisch, ist aber mehr an meinem Weg als an meinem Zahn interessiert. Sie nimmt sich ganz viel Zeit zum Reden.
Um 10:00 Uhr geht es endlich auf die Piste. Um 11:00 Uhr treffe ich Anett, die unter einem Baum sitzt und ihr Tagebuch schreibt. Eine halbe Stunde später komme ich an einer alten Mühle vorbei. Ein älterer Herr, wohl der Hüter der Mühle, lockt mich hinein und erzählt mir die Geschichte der Mühle und „seine“ Geschichte. Die Wende hatte ihn erst mal für 3 Jahre arbeitslos gemacht und aus der Bahn geworfen.
Eine weitere Stunde später treffe ich auf ein altes Bauerngehöft, der Chef erklärt mir, dass er die Feldwirtschaft aufgegeben hat und sich auf die Zucht von schottischen „Highlandrindern“ spezialisiert hat, daneben betreibt er eine Schankwirtschaft, die er aber nur dann öffnet, wenn er Lust hat. Ein Bier, Weizen vom Fass, hat er mir aber trotzdem verkauft. Es ist schon 15:30 Uhr, als ich das gerade mal 16 km entfernte Dahlen erreiche. Ich habe heute mehr geschwatzt, als dass ich gelaufen bin. Hier finde ich eine richtig schöne Pension. Der Preis beträgt 12 € ohne Bettwäsche und Frühstück oder 18 €, mit Bettwäsche und Frühstück, ich entscheide mich für die zweite Variante.
Im Ort gibt es eine Pizzeria, die einzige Möglichkeit, um etwas zu Essen zu bekommen. Wo Anett gelandet ist, weiß ich nicht. Irgendwo und irgendwann werde ich sie wiedersehen, oder auch nicht…
07. Mai 2013
Dahlen – Wurzen (22 km)
Es gibt doch noch Pilger/Wanderer auf der Strecke. Beim Frühstück lerne ich zwei Brüder kennen, die für ein paar Tage auf Tour sind. Dann ist das noch Kirsten, sie und ihre Tochter hatten völlig unabhängig voneinander entschieden, den Weg zur gleichen Zeit zu laufen, allerdings auf keinen Fall zusammen. Jetzt laufen sie über eine halbe Etappe getrennt hintereinander her und telefonieren pausenlos miteinander.
Der Weg ist etwas eintönig, es geht hauptsächlich über kleine Asphaltstraßen. Ich entschließe mich, mal in einer im Reiseführer angegebenen Pfarrei – gegen eine Spende – um Unterkunft nachzufragen. Den Pfarrer erlebe ich, wie er gerade einem polnischen Pilger die Tür weist, das wären sowieso alle Sozialschmarotzer, meint er. Ich bedanke mich für so viel Nächstenliebe und gehe. Dann unterstütze ich lieber eine kleine Pension.
Wurzen ist die Geburtsstadt von Joachim Ringelnatz. Ein schreckliches Denkmal ziert den Marktplatz, sein Geburtshaus ist nur von außen zu besichtigen. Aber wie jedes Jahr ein Ringelnatz-Gedicht:
Aus meiner Kindheit
Vaterglückchen, Mutterschößchen
Kinderstübchen, trautes Heim,
Knusperhexlein, Tante Röschen,
Kuchen schmeckt wie Fliegenleim.
Wenn ich in die Stube speie,
Lacht mein Bruder wie ein Schwein.
Wenn er lacht, haut meine Schwester.
Wenn sie haut, weint Mütterlein.
Wenn die weint, muß Vater fluchen.
Wenn er flucht, trinkt Tante Wein.
Trinkt sie Wein, schenkt sie mir Kuchen:
Wenn ich Kuchen kriege, muß ich spein.
08. Mai 2013
Wurzen – Leipzig (30 km)
Der Tag beginnt trübe, aber dann klart es auf und es wird ein richtig schöner Sommertag.
Nach 2 Stunden erreiche ich Machern, verlasse den Weg, um das viel gepriesene Schloss Machern zu sehen. Das Schloss kann ich zwar nicht von innen besichtigen, dafür begeistert mich der zum Schloss gehörende Landschaftsgarten. Der ursprüngliche Barockgarten wurde 1782 in einen Landschaftsgarten nach englischem Vorbild umgestaltet.
Über kleine reizvolle Wege und Dörfer geht es weiter Richtung Leipzig, aber als die langweiligen Vororte und Industriegebiete beginnen, setze ich mich in einen Bus und fahre ins Zentrum. Ich habe Glück und finde schnell ein preiswertes Hotel; in der kommenden Woche ist Leipzig aufgrund einer Messe total ausgebucht.
Das Zentrum hat sich sehr verändert seit dem wir zuletzt dort waren. Ich sehe mir die Highlights an (Gewandhaus, Auerbachs Keller, Nikolaikirche …) Das Zentrum ist einfach schön, wie es in den Vororten aussieht, vermag ich nicht zu sagen.
Großstadt ist schön, besonders wenn am nächsten Tag wieder „Natur“ wartet.
09. Mai 2013
Leipzig – Merseburg (31 km)
Um aus der Stadt herauszukommen, fahre ich die ersten Kilometer mit dem Bus, leider nicht weit genug, denn es geht noch endlos durch Industriegebiete, bevor es dann doch noch nett wird. Heute ist Vatertag, hier wird er als „Männertag“ bezeichnet. Hunderte von Radfahrergruppen sind unterwegs. Teils haben sie ihre Getränke dabei, teils kehren sie irgendwo ein. Wenn ich alle Einladungen heute angenommen hätte, wäre ich nicht sehr weit gekommen.
Das Wetter ist durchwachsen, oft sonnig, aber immer wieder kommt es zu kurzen Schauern. In Merseburg gibt es wieder ein Schloss und einen Dom zu besichtigen, Pilger oder Wanderer habe ich keine gesehen.
10. Mai 2013
Merseburg – Freyburg (32 km)
Ein schöner Tag zum Wandern, der Himmel ist leicht bedeckt. Ich kann ohne Jacke laufen, nur wenn ich eine Pause einlege, hänge ich mir etwas über, um mich vor dem kühlen Wind zu schützen. Ab und zu ein Schwätzchen über den Gartenzaun, einmal werde ich hineingebeten, um einen Kaffee zu trinken. Die DDR-Chroniken ähneln sich. Nach der Wende sind viele, die dageblieben sind, erst mal in ein tiefes Loch gefallen, manche waren über Jahre arbeitslos und viele fühlen sich auch heute noch über den Tisch gezogen und weinen der DDR noch immer nach. Aber diese Generation stirbt langsam aus.
Kurz vor Freyburg liegt das Schloss Neuenburg, das ich aufgrund der Empfehlung meines Reiseführers auch noch mitnehme. Es ist unglaublich, wie viele Schlösser und Burgen es hier auf engem Raum gibt. Offensichtlich hat es schon immer viel Leute mit viel Geld und Macht gegeben.
Freyburg ist ein richtig schönes Weinstädtchen. Auch den Wein aus dieser Region muss ich noch probieren.
11. Mai 2013
Freyburg – Naumburg (23 km )
Heute will ich eine ganz kleine Etappe machen. Von Freyburg nach Naumburg sind es gerade mal 10 km, allerdings sind es 10 ganz bezaubernde Kilometer. An schroffen Weinbergen geht es an den Ufern der Unstrut und Saale entlang. Die Saale wird mit einer Gierfähre überquert und schon ist Naumburg in Sicht. Die Gegend ist touristisch sehr erschlossen, vor allem für Radfahrer, die an der Elbe, Saale, Mulde und Unstrut fahren. Ich glaube, es ist ein Traumziel für Radfahrer. In Naumburg versuche ich, über die Touristen-Information ein Zimmer zu bekommen. „Keine Chance“, sagt man mir, „alles ist ausgebucht“, trotzdem finde ich 10 Minuten später ein Zimmer in einer Pension.
In der Stadtkirche St. Wenzel höre ich mir ein Orgelkonzert an. Es ist eine Orgel, auf der schon Bach gespielt hat, und in der Kirche hat Martin Luther gepredigt. Danach besuche ich noch den Dom, er beeindruckt mich weniger als St. Wenzel.
Auf dem Marktplatz dann noch ein Konzert eines Akkordeonorchesters www.happy-junior-band.de. Die Jugendlichen haben mich mit ihrer Musik begeistert…
12. Mai 2013
Naumburg – Eckartsberga (23 km)
Die ersten 10 Kilometer sind noch richtig schön, obwohl der Weg ganz schön hügelig ist. Dann wird der Himmel immer schwärzer, es fängt an zu regnen und ich muss gegen einen eiskalten Wind ankämpfen. In Eckartsberga angekommen hat das einzige kleine Hotel zum Glück noch ein Zimmer frei und ich wärme mich erst mal unter der heißen Dusche auf … und schlafe ein Stündchen.
Gegen Abend dann derVersuch etwas zu essen zu finden, der Ort hat drei Restaurants und zwei Schnellimbisse, alles hat zu. Man verweist mich auf ein drei Kilometer entferntes Restaurant.
Der Wetterbericht sagt für morgen wieder viel Regen voraus, zumindest sollen die Temperaturen steigen.
Jetzt bin ich fast zwei Wochen unterwegs und allmählich merke ich, dass meine Kondition zurückkommt. Wie immer beginnt es so ab der zweiten Woche richtig Spaß zu machen, bis dahin nerven die Zipperlein, die Hüften, der Rücken, das Knie …ich sage ihnen den Kampf an.
13. Mai 2013
Eckartsberga – Buttelstedt – Stedten (26 km)
Ich schaue morgens aus dem Fenster, ‚Hurra‘, blauer Himmel, die Sonne scheint. Doch nach einem ausgiebigen Frühstück ist es mit der Freude schon wieder vorbei, der Himmel ist schwarz, es stürmt, ist kalt und regnet, und so bleibt es auch den ganzen Tag.
Nichtsdestotrotz mache ich mich auf den Weg, was soll ich auch sonst machen. Ich beschließe bis Buttelstedt zu laufen, dort soll es zwei Pensionen geben. Dort angekommen hat die erste Pension kein Zimmer mehr frei und die zweite existiert offensichtlich nicht mehr.
Was tun? In 6 Kilometer Entfernung gibt es eine Pilgerherberge, allerdings habe ich vom Komfort der hiesigen Pilgerherbergen bisher nicht viel Gutes gehört. Ich rufe trotzdem an und man rät mir, mich vorher mit Lebensmitteln einzudecken, da es im Ort weder ein Geschäft noch ein Restaurant gibt.
Also decke ich mich ein und wandere weiter. Auf der Strecke komme ich an einem kleinen Bistro vorbei, esse ein Würstchen und unterhalte mich lange mit dem Eigentümer, einem jungen Mann. Es wäre nicht sein Traum, dieses Bistro zu führen, aber es gibt im Umkreis keine Arbeit und weiter weg könne er nicht, da er sich um seine Eltern kümmern müsse.
Ich erreiche Stedten, ein Dorf mit 150 Einwohnern und einer kleinen Kirche. Die Pilgerherberge befindet sich im Turmzimmer der Kirche. Es existiert zwar eine Küche und eine Toilette, aber es gibt weder eine Dusche, noch warmes Wasser, noch eine Heizung. Aber dafür habe ich die ganze Kirche für mich allein, ich glaube nicht, dass sich noch ein zweiter Pilger sehen lässt.
Morgen stehe ich vor der Entscheidung, ob ich mir die Gedenkstätte des KZ Buchenwald ansehe, es wäre kein großer Umweg. Egal wie ich mich entscheiden werde, es kann nur falsch sein. Gehe ich hin, weiß ich, dass ich es nicht aushalten kann, gehe ich nicht, werde ich mit einem schlechten Gewissen weiterlaufen, mich vor diesem Teil unserer Geschichte gedrückt zu haben.
14. Mai 2013
Stedten – Erfurt (25 km)
Ich habe in meiner kalten Kirche doch ganz gut geschlafen. Allerdings war es gespenstisch, nachts den Weg zur Toilette zu finden. Trotzdem danke ich dieser kleinen Gemeinde, solche Möglichkeit zur Verfügung zu stellen.
Am Morgen ist es zwar immer noch bewölkt und windig, aber nicht mehr ganz so kalt. Die Gedenkstätte Buchenwald schaue ich mir nicht an. Die Landschaft ist immer noch leicht hügelig mit vielen Getreide- und Rapsfeldern und hübschen kleinen Dörfern aber auch vielen Schweine- und Geflügelmastanlagen. Entsprechend stinkt es auch auf den Feldern. Die Vorstädte von Erfurt ziehen sich endlos, es ist schon 14:30 Uhr bis ich endlich im Zentrum an der Touristen-Information bin, um nach einem Zimmer zu fragen. Erfurt sei total ausgebucht, sagt der nette Mann an der Information, hängt sich aber sofort ans Telefon, braucht aber bestimmt 20 Anrufe, bis er dann doch noch etwas findet. Hoffentlich geht das jetzt nicht so weiter.
Erfurt ist wunderschön, wir waren zwar schon mal hier, aber so schön hatte ich es nicht in Erinnerung. Inzwischen ist es auch sonniger und wärmer geworden, sodass sich das Leben draußen abspielt. Ich kämpfe mit mir, ob ich nicht noch einen Tag hier bleibe, das werde ich morgen früh entscheiden.
…für Gerda
Ein Problem war, dass meine Bausteine immer wegkriechen wollten.
Das Wunder des Rastplatzes
So alle zwei Stunden muss ich auf meinen Wanderungen mal eine Pause machen, mich mal irgendwo setzen. Dann halte ich Ausschau nach einem Mäuerchen, einem Baumstumpf, einem Stein, wo man sich niederlassen kann, denn ganz platt, auf einer Wiese sitzen, das geht nicht mehr.
Ich kann sicher sein, nachdem ich meine mehr oder weniger ungemütliche Pause beendet habe, taucht 500 m weiter ein wunderschöner Rastplatz auf, mit Tischen und Bänken und Regenschutz und allem Komfort, den man sich erträumt.
Ignoriere ich aber mein Mäuerchen oder meinen Baumstumpf im Vertrauen auf den kommenden Rastplatz, so taucht dieser niemals auf. Ich frage mich, wer lässt ihn verschwinden?
15. Mai 2013
Erfurth – Gotha (24,6 km)
Bevor ich loslaufe muss ich doch noch mal schnell in den Dom von Erfurt. Die Stimmung ist beeindruckend, wenn man ihn noch ganz für sich alleine hat.
Ausnahmsweise ist das Wetter mal richtig gut, trocken, sonnig und sommerlich warm (für morgen ist allerdings schon wieder das Gegenteil angesagt).
In Gotha war ich schon zweimal und ich liebe das Städtchen. Ich bekomme ein schönes Einzelzimmer im Augustinerkloster zu einem Pilger-Sonderpreis. Hier soll schon Martin Luther übernachtet haben. Dass Zimmer ist ideal, ruhig, mit Blick auf den Kreuzgang des Klosters. Durch einen Zufall spricht mich Ulrike Behr an, das ist die Pastorin des kleinen Kirchleins von Stedten, wo ich vor zwei Tagen übernachtet habe. Sie war maßgeblich dafür verantwortlich, dass das Kirchlein auch als Herberge genutzt wird. Ich habe ihr nicht erzählt, wie ich in dieser Nacht gefroren habe. Wir haben ein sehr nettes, langes Gespräch über die Pilgerei, die Herbergen und die Stellung der evangelischen Kirche.
Im Ort, in einer Kneipe, dann ein Gespräch mit Einheimischen. Komischerweise sind die Kommentare immer sehr ähnlich. Wie schön es doch damals in der DDR war, wie schlecht es ihnen heute geht und wie man sie doch beschissen hat. Wenn man sieht, was hier geschaffen wurde, kann man über solche Äußerungen nur die Wut kriegen.
Die Straßen und die Infrastruktur scheinen in einem Top-Zustand, überall hängen Schilder, was gerade mit Mitteln des Bundes oder der EU gefördert wird. Ich rate ihnen, sich mal in den Vorstädten der West-Industriegebiete umzusehen. Aber wahrscheinlich ist das eine Generation, bei der mit Logik nichts mehr zu machen ist. Hoffen wir auf die Jüngeren.
Am Abend gehe ich dann noch sehr lecker essen. Eine Portion Spargel mit Parmaschinken, Kartoffeln und Salat, dazu ein großes Bier, alles zusammen für 9,60 €, da kann man nicht meckern.
Die ganze Diskussion des niedrigeren Lohn- und Rentenniveaus im Osten muss man auch im Verhältnis zu den Lebenshaltungskosten sehen.
16. Mai 2013
Gotha – Eisenach (34 km)
Es ist trocken. Sonne und Wolken wechseln sich ab und es ist schön zu laufen. Hinter Gotha kommt der Krieberg, dieser unbewaldete Höhenzug war sehr lange Zeit militärisches Sperrgebiet. Dass das Betreten strengstens verboten war, hatte für Flora und Fauna positive Auswirkungen. Insbesondere für seltene Vogelarten und Amphibien ist der Krieberg ein perfekter Lebensraum. Dann geht es zum Großen Hörselberg. Hier soll das Zuhause von „Frau Holle“ sein. Sie hat sogar ihren eigenen Briefkasten. Obwohl ich heute schon genug geschnauft habe, muss ich, gerade in Eisenach angekommen, auch noch zur Wartburg rauflaufen, obwohl sie morgen sowieso auf meinem Weg liegt. Ich verlasse an der Wartburg den ökumenischen Pilgerweg und beginne mit einem Elisabethpfad, der mich zuerst einmal nach Marburg führen soll.
17. Mai 2013
Eisenach – Creuzburg – Ifta (27,2 km)
Das Wetter ist gut. Hinter Eisenach geht es vorbei an den Werkshallen der Firma Opel, dann kommt der kleine Ort Hörschel. Hier startet direkt am Ufer der Werra der „Rennsteig“, ein Fernwanderweg in Thüringen. Ich aber halte mich jetzt an die Ausschilderung des Elisabethpfades, oder des Jakobswegs. Beide führen, teilweise gemeinsam, mitunter getrennt, zuerst einmal nach Marburg.
Es geht an dem schönen Ufer der Werra entlang. Ich nehme einen Umweg von ca. 5 km in Kauf, um über den Ort und die gleichnamige Burg Creuzburg zu laufen. Dann geht es praktisch auf der anderen Seite der Werra zurück bis nach Ifta. Hier übernachte ich im traditionsreichen Gasthaus „zum roten Hirsch“, das, immer im Familienbesitz, seit 1732 existiert. Ich unterhalte mich lange mit der Mutter der jetzigen Chefin. Sie hat die DDR-Zeiten noch bewusst miterlebt. Damals lag das Gasthaus noch am äußeren Ende der DDR, die Grenze nach Hessen ist nur 2 km entfernt. Jetzt liegt es in der Mitte Deutschlands.
Nach einem schönen sonnigen Tag regnet und gewittert es jetzt heftig. Ich war gerade noch im Trockenen angekommen und hoffe, dass es sich über Nacht wieder beruhigt.
18.05. 2013
Ifta – Waldkappel (36,2 km)
Das Wetter hat sich über Nacht nicht beruhigt. Der Himmel ist wolkenverhangen und es regnet. Ich frühstücke gemeinsam mit der Seniorchefin. Sie erzählt mir, dass der Ort Ifta ein Sperrbezirk war, der nur mit besonderem Ausweis betreten und verlassen werden durfte. So ist sie zu DDR-Zeiten wenig aus dem Ort herausgekommen und wenn Verwandte zu Besuch kommen wollten, mussten diese das frühzeitig schriftlich beantragen.
Ich hätte gerne noch lange mit der alten Dame geplaudert, aber irgendwann muss ich mich dem Wetter stellen und losmarschieren. Das Laufen im Regen ist eigentlich nicht weiter schlimm, wenn nicht die Sorge im Nacken säße, dass der Regen schlimmer wird und man überlegt, ob und wie man seine Kleidung trocknen kann.
Ich erreiche die ehemals deutsch-deutsche Grenze. Vom sogenannten Todesstreifen ist nicht mehr viel zu sehen, die Natur hat sich bereits viel zurückgeholt. Gut zu erkennen ist aber noch der Fahrweg, der seinerzeit von den DDR-Grenztruppen zur Überwachung der Grenzanlage genutzt wurde.
In einem Kirchlein in Lüderbach bewundere ich einen Schnitzaltar, der, wie mir der Pfarrer erklärt, um das Jahr 1500 hergestellt wurde. Außerdem meint der Pfarrer, er habe eben mit dem Herrgott geredet, um 12:00 Uhr würde es aufhören zu regnen. Es wird schließlich 13:00 Uhr bis es tatsächlich aufhört.
Die Landschaft ist einmalig schön. Es geht über einen geteerten Fahrradweg, darüber bin ich heute richtig froh, denn die Wald- und Wiesenwege sind nach dem Regen total verschlammt.
Mit dem Laufen geht es gut heute. Als ich mich entschließe, bis Waldkappel durchzulaufen, versuche ich in der einzigen dortigen Pension anzurufen, aber es meldet sich niemand. Alternativ ist die Nummer eines Pfarrbüros angegeben. Ich rufe dort an und der Pfarrer meint, ich könne im Gemeindehaus schlafen, allerdings gäbe es keine Dusche und kein warmes Wasser.
In Waldkappel angekommen, zeigt mir der Pfarrer mein Domizil, in solchen Situationen schraube ich meine Ansprüche ganz schön zurück und bin glücklich, dass eine funktionierende Heizung da ist. Ich habe ein nettes Gespräch, bis er unruhig wird und meint, er müsse noch an seiner Pfingstpredigt arbeiten.
Sollte ich vielleicht morgen mal in seinen Gottesdienst gehen?
Abends esse ich eine (schlechte) Pizza, aber ich bin froh, überhaupt etwas zu finden. Nach den vielen Kilometern werde ich gut schlafen…
19. Mai 2013
Waldkappel – Spangenberg – Malsfeld (32,4 km)
Es ist kalt, der Himmel ist bedeckt, aber zumindest ist es trocken. Am Anfang ist der Pilgerweg identisch mit einem Fahrradweg, d.h., die Steigungen sind moderat. Dann aber zweigt mein Weg ab. Nach der Karte ist es eine Abkürzung, aber der Weg führt steil auf einen Berg, der Abstieg ist mühsam, da die Wege vermatscht und voller Brennnessel sind. Die Abkürzung hat mich viel Zeit, Schweiß und Energie gekostet. Ich hatte bis Spangenberg (20 km) vier Stunden kalkuliert, aber sechs gebraucht. Nach dem trüben Vormittag kommt mittags die Sonne heraus und es wird ein richtig schöner Tag. Spangenberg scheint ein Bilderbuch-Fachwerkstädtchen zu sein. Allerdings sind alle Hotels und Pensionen ausgebucht, so muss ich mich noch einmal auf die Beine machen, um das 12 km entfernte Malsfeld zu erreichen. Das Hotel ist voll von Radfahrern, ich bin der Einzige, der zu Fuß unterwegs ist. Die Gegend (Werra, Fulda) ist zum Radfahren aber auch ideal.
20. Mai 2013
Malsfeld – Homberg/Efze (19 km)
Dicke schwarze Wolken, ein kräftiger Wind und es ist arg kalt (8º C, gefühlt -5ºC).
Über Nacht hatte es die ganze Zeit geregnet, aber zumindest jetzt ist es trocken. Ich versuche dem Pilgerweg zu folgen, am Anfang funktioniert das auch, aber dann werden die Wege immer schlammiger, ich gehe zurück und wandere über kleine Landstraßen. Der Wind frischt so auf, dass ich kaum dagegen ankomme. Es gibt Tage, da macht Wandern auch mit viel gutem Zureden keinen Spaß.
In Homberg/Efze angekommen, reicht es mir für heute. Die Touristeninformation hat sogar heute, am Pfingstmontag geöffnet. Die nette Dame erklärt mir, dass das ehrenamtlich erfolgt, ein solch kleiner Ort könne sich das sonst nicht leisten. Sie vermitteln mir ein Zimmer im lutherischen Jugendgästehaus, ich bin der einzige Gast, habe eine Küche, einen Fernsehraum, Duschen und eine funktionierende Heizung. Homburg/Efze ist wieder so ein Bilderbuchstädtchen mit einer völlig intakten mittelalterlichen Altstadt. Allerdings ist es so kalt und windig, dass es wenig Freude macht, herumzulaufen. Abends suche ich nach einem Restaurant, ich finde ungefähr zehn, davon sind acht Italiener und zwei Türken.
Es ist schon befremdlich, dass in solchem Ort, der typisch deutscher gar nicht sein kann, es kein deutsches Restaurant mehr gibt. Das letzte hat, sagt man mir, vor einem halben Jahr Konkurs anmelden müssen. So lande ich bei einem Türken, das Essen ist gut, aber ich hätte viel lieber irgendeine hessische Spezialität gegessen.
21. Mai 2013
Homberg/Efze – Frielendorf (19,9 km)
Es ist kalt und nass und im Moment macht das Wandern ehrlich gesagt keinen Spaß. Ich bin zwar schon mittags in Frielendorf angekommen, hatte aber keine Lust noch weiter zu laufen. Leider sagt der Wetterbericht auch nichts, dass es sich bessern könnte. Ich träume von der La Mancha in Spanien.
22. Mai
Frielendorf – Ziegenhain – Treysa (20 km)
Heute hat es zwar nur wenig geregnet, aber es wird von Tag zu Tag kälter. Für heute Nacht sind 1ºC angesagt. Zum ersten Mal wandere ich mit Pullover und Regenjacke. Eigentlich ist die Gegend sehr schön, aber mein Blickwinkel ist eingeschränkt auf nassen Asphalt und matschige, glitschige Wege.
Ich komme nach Ziegenhain, ein Schmuckstück an Fachwerkkunst, aber ich verzichte auf Kultur und flüchte in ein Café mit Heizung und einem heißen Milchkaffee. In Treysa finde ich ein schönes Zimmer in einer Pension mit Blick auf den Hexenturm, hier hat mal eine der Hexerei angeklagte Frau eingesessen. Auch dieser Ort ist wieder ein Schmuckstück, fast jedes Haus blickt auf eine Geschichte von ein paar hundert Jahren zurück.
In der Kirche plaudere ich mit dem Pfarrer, er bietet mir an, dass ich umsonst im Gemeindehaus schlafen könne, aber ohne heiße Dusche, nein danke.
Zum ersten Mal habe ich heute an „Aufhören“ gedacht, da eine Wetterbesserung nicht in Sicht ist und ich zudem Probleme mit dem rechten Fuß habe. Vielleicht lege ich auch nur einfach mal eine Pause ein. Bis Marburg will ich es zumindest schaffen.
23. Mai 2013
Treysa
Wie jeden Morgen begrüßt mich mein Handy-Wecker mit seinen subtilen Aufwachgeräuschen, das leise Plätschern eines Bächleins, Bienen summen, Vöglein zwitschern, Harfenklänge …
Ich mag die Augen nicht aufklappen, um die Realität zu sehen. Als ich es doch tue, was sehe ich? Blauer Himmel, Sonnenschein, Wanderwetter …
Ich stürze ins Badezimmer, Zähne putzen, rasieren …
… und als ich erneut aus dem Fenster schaue, regnet es schon wieder in Strömen. Das einzige Wolkenloch von ganz Hessen muss sich für 20 Sekunden über der „Pension zum Hexenturm“ aufgetan haben.
Was tun? Dass das Frühstück für eine fünfköpfige Familie reicht, hilft mir auch nicht weiter. Erst mal die Zeitung lesen, einschließlich Lokalteil von Ziegenhain, Schwalmstadt, Treysa… Es regnet immer noch in Strömen. Ich entscheide mich noch einen Tag hierzubleiben, schließlich hat mein Zimmer einen schönen Balkon mit Sitzgruppe, Sonnenschirm und Blick auf den Hexenturm.
Aber was macht man den ganzen Tag? Ich brauche was zum Lesen und stelle fest, dass es im Ort zwar 7 Bäcker, 5 Apotheken, 3 Drogeriemärkte, 2 Tätowierläden und 2 Nagelstudios gibt, aber nicht eine Buchhandlung. Als ich schon die Überlegung anstelle, mit dem Bus in den nächstgrößeren Ort zu fahren, fällt mir ein, warum ich mir vor zwei Jahren eigentlich ein Smartphone in der Größe einer Tafel Schokolade gekauft habe: damit ich es auch als E-Book nutzen kann.
Also lese ich den lieben langen Tag: „Cuentos de Amor de Locura y de Muerte (Geschichten von Liebesglück und Tod)“. Es ist eigentlich das erste Mal, dass ich wirklich elektronisch ein Buch lese, es riecht zwar nicht nach Druckerschwärze, aber es funktioniert.
Und der Inhalt weckt Sehnsüchte nach der Hitze und Trockenheit Spaniens …
24. Mai 2013
Treysa – Stadtallendorf (22 km)
Es war richtig, dass ich gestern eine Pause eingelegt habe, denn es hatte den ganzen Tag ununterbrochen geregnet und abends lag die Temperatur bei 2ºC.
Heute ist es zwar noch kühl, aber immerhin trocken und das Laufen macht wieder Spaß. Allerdings sind die Wege durch den gestrigen Dauerregen total vermatscht.
Ich treffe auf einen älteren Herrn, der dabei ist Kräuter und Blüten zu sammeln. Als ich neugierig bin, wozu er das mache, macht er mit mir eine kleine Kräutersammeltour und erklärt mir, welche Kräuter und Blüten gegen welche Krankheiten wirken. Ich traue mich nicht, ihm zu gestehen, dass ich die meisten Kräuter und die meisten Krankheiten gar nicht kenne. Aber schön war es trotzdem mit dem alten Herrn zu plaudern, der interessanterweise vor seiner Pensionierung Admiral bei der Bundeswehr war. Irgendwie bin ich bei der diesjährigen Wanderung entspannter als früher, es stört mich nicht, Zeit zu verquatschen. Es ist mir egal, ob ich mein Ziel um 14:00 Uhr oder 18:00 Uhr erreicht, es ist mir egal, ob ich 20 oder 30 Kilometer am Tag laufe.
In einem Dorf fragt mich ein Mädchen:
„Bist Du ein Pilger?“
„Ja“
„Hast Du was Böses getan?“
„Nein, warum?“
„Unsere Lehrerin hat erzählt, dass die Leute früher, wenn sie was Böses getan haben, nach Marburg oder Spanien laufen mussten.“
Die Altstadt von Stadtallendorf (hier hatte ich kalkuliert ein Nachtquartier zu bekommen) besteht aus einer Kirche, einem geschlossenen und einem voll belegten Hotel. Also geht es noch mal 2,5 km weiter in die Neustadt, die ist ähnlich aufregend wie Dormagen: Lidl, DM-Markt, C&A, ein Sanitätshaus und drei Apotheken.
Da mein rechter Fuß nach wie vor Probleme bereitet und immer dicker wird, suche ich Rat in einer der drei Apotheken.
„Viel trinken!!!“ sagt die Apothekerin.
(Stimmt, mir fehlt meine Flasche Rotwein am Abend. Daheim habe ich nie einen dicken Fuß.)
Dann füllt sie meinen Rucksack mit Gratisproben von Calcium- und Magnesiumsalzen und „Pferdesalbe“.
„Vor allem“, sagt sie „viel trinken!“
Zum Abendessen im „Hotel Milano“ habe ich damit begonnen …
25.05. 2013
Stadtallendorf – Marburg (28,3 km)
Es ist eine schöne Wanderung zwischen Stadtallendorf und Marburg, obwohl der rechte Fuß ganz schon wehtut und geschwollen ist. Das Wetter spielt mit, es ist zwar kühl, aber – bis auf ein paar wenige Regentropfen – trocken.
Marburg ist eine beeindruckende Stadt, ich bin zum ersten Mal hier und ganz begeistert. Die Elisabethkirche ist das Ziel des Elisabethpfades Eisenach-Marburg. Da sich jetzt sogar ab und zu mal die Sonne sehen lässt, sind die Straßencafés alle voll. Nach der Wanderung laufe ich noch so viel durch die recht hügelige Stadt, dass ich zum Schluss meinen geschwollenen Fuß kaum noch aus dem Schuh bekomme.
Das Hotel (Marburger Hof) liegt in der Preisklasse über meinem durchschnittlich angesetzten Budget, aber etwas anderes war nicht zu bekommen.
Heute ist das Champions League Endspiel (München – Dortmund). In der Stadt sind alle Lokale, die einen Fernseher haben, ausgebucht. Selbst ich werde mir das Spiel ansehen.
26. Mai 2013
Marburg (0 km)
Dauerregen! Ich beschließe, einen Tag länger in Marburg zu bleiben. Es regnet ununterbrochen in einer Stärke, dass ich den ganzen Tag nicht vor die Tür komme. Wie es morgen weitergehen soll, weiß ich auch noch nicht.
27. Mai 2013
Marburg – Holzhausen (20 km)
Jetzt bin ich auf dem Elisabethpfad, der von Köln nach Marburg führt, aber in entgegengesetzter Richtung. In Richtung Köln ist er mehr schlecht als recht als Jakobsweg ausgeschildert. Allmählich wird die Gegend bergiger, d.h. auch anstrengender.
eigentlich mein Ziel sein, aber ich zweige vorher nach Holzhausen ab, um meinen Fuß nicht überzustrapazieren. Hier in Holzhausen gibt es ein Seminarhaus der evangelischen Kirche, das auch Pilgern Unterkunft bietet. Als ich ankomme, ist das Haus voll von jungen Leuten, die aber gerade dabei sind abzureisen. Ich plauderte ein wenig mit dem Pfarrer des Ortes, der auch für das Haus zuständig ist. Er weist mich kurz ein und verschwindet dann auch, d.h. abends und nachts bin ich allein im Haus. Die beiden Gaststätten des Ortes haben geschlossen, aber zumindest gibt es einen kleinen Supermarkt. Der Ort fällt auf durch den besonderen Stil der Fachwerkhäuser, der wohl im Umkreis häufiger zu finden ist, aber nicht in dieser geballten Form.
Übrigens, es ist den ganzen Tag trocken geblieben …
28. Mai 2013
Holzhausen – Steinbrücken – Eibelshausen (24 km)
Dem Gästehaus in Holzhausen gegenüber liegt ein wunderschönes Waldschwimmbad. Als Pilger käme ich sogar kostenlos hinein, aber 16ºC Wassertemperatur sind mir zu wenig. Ich unterhalte mich abends noch mit dem Bademeister und er erzählt mir, dass das Bad, seit der Öffnung zum 1.Mai genau 6 Gäste hatte, heute war noch niemand da.
Mein Schlaf ist gut, allein in dem riesigen Gebäude. Der Bäcker des Ortes hat bereits um 07:30 Uhr geöffnet, sodass ich dort frühstücken kann. Da ich mich abseits des Jakobsweges befinde, muss ich erst mal drei Kilometer laufen, um wieder auf der Spur zu sein. Das Wetter ist gut, das Laufen macht Spaß, obwohl es ein stetiges Auf und Ab ist, wir sind schließlich im Bergland. Zum Glück ist meine Kondition nach vier Wochen Wandern besser geworden. Die Möglichkeiten der Übernachtung gestalten sich momentan etwas problematisch, die Ortschaften sind extrem klein.
In einem Ort war die Kirche aktiv, da lagen sieben Privatadressen aus, aber es war noch viel zu früh. „Mein Pfarrer“ hatte mir einen Gasthof in Mandel empfohlen, allerdings läge er 3 km abseits des Weges. Vorsichtshalber will ich vorher anrufen. Keine Netzverbindung! Also laufe ich hin und erfahre: Das Haus ist ausgebucht. Also geht es noch mal 3 km zurück und 2 km in die andere Richtung, dort soll es den „Gasthof zur alten Post“ geben. Als ich dort ankomme, ist alles verriegelt und verrammelt und telefonisch meldet sich auch niemand. 200 m weiter entdecke ich ein Schild eines italienisch geführten „Hotel-Restaurante“. Als ich dort ankomme, sehe ich das Schild „Heute geschlossen“. Ich klingele trotzdem. Luigi erscheint und ich überrede ihn, mir ein Zimmer zu geben. ‚Ein weiteres Restaurant gibt es in diesem Ort allerdings nicht‘ meint er. Als ich mich schon damit abfinde, wieder ohne gescheites Essen ins Bett zu gehen, höre ich eine Stimme aus dem Hintergrund : „Luigi, Du willst den Opa (… ups) doch wohl nicht verhungern lassen.“ Das mit dem Opa tut weh, aber alles andere hört sich gut an.
Und plötzlich sitze ich im Kreis einer italienischen Großfamilie bei einem ganz leckeren Gemüse-Fleisch-Eintopf. Warum haben die so etwas nicht auf ihrer Speisekarte?
Es ist wirklich ein herzliches Zusammensein und einmal mehr stelle ich fest: Es gibt (fast) immer eine Lösung!
29. Mai 2013
Eibelshausen – Siegen (30 km)
Es regnet und regnet und regnet. Trotzdem werfe ich mir den Poncho über und mache mich auf den Weg, denn Eibelshausen ist so ein trauriges Nest, dass man es nicht länger hier aushält. 20 Kilometer weiter habe ich eine Adresse, wo man übernachten kann. Dort angekommen ist alles verschlossen und telefonisch meldet sich auch niemand. Da ich eh nicht mehr nasser werden kann, laufe ich durch bis Siegen.
Nach Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Hessen bin ich wieder in NRW. Siegen ist sicher eine schöne Stadt und der Weg führt automatisch zu allen Sehenswürdigkeiten, aber bei dem Wetter registriere ich nicht mehr viel. Die Touristeninformation vermittelt mir ein Zimmer in einem Gasthof (Hotel-Gasthof-Meier). Dort gibt es eine Heizung, eine heiße Dusche und etwas zu Essen. Das interessiert mich im Moment mehr als alle Kultur.
30. Mai 2013
Siegen – Freudenstadt – Friesenhagen-Bettorf (31 km)
Es hat aufgehört zu regnen und ist auch nicht mehr so kalt. Am Himmel zeigen sich zwar immer noch bedrohlich schwarze Wolken, aber es bleibt den ganzen Tag trocken. Wir sind im Siegerland und „Bergischen Land“ und die Höhenunterschiede sind beträchtlich. Der Weg aus Siegen heraus ist wunderschön. Beim Rasthof Siegerland unterquere ich die Autobahn A45. Die Lärmverschmutzung ist mindestens 5 km breit. Aber ich bin diese Autobahn ja selbst schon oft genug gefahren. Beim Wandern verschiebt sich die Perspektive gewaltig.
In Freudenberg treffe ich tatsächlich auf eine Gruppe Wanderer. Vier Frauen sind über das verlängerte Wochenende auf Tour.
Telefonisch versuche ich in einem Forsthaus in Friesenhagen ein Zimmer zu bekommen. Die Dame am Telefon ist zuerst etwas zögerlich, aber als sie hört, dass ich Pilger bin, sagt sie sofort zu. Es gäbe im Ort allerdings keine Gaststätte, aber ihr Mann, der sowieso lieber Koch als Förster geworden wäre, würde mir schon etwas machen.
Als ich in Friesenhagen ankomme, muss ich feststellen, dass Friesenhagen-Bettorf noch einmal 5 Kilometer entfernt ist, aber die 5 Kilometer haben sich gelohnt.

Das Haus, der Garten und mein Zimmer sind ein Traum und das Ehepaar Nussbaum vermittelt mir das Gefühl, mich mit offenen Armen zu empfangen. Herr Nussbaum kocht ein leckeres Menü, wir essen zusammen, reden und finden schnell zueinander. Ein schöner Abend, danke!
Am 23. Juni öffnen sie ihren Garten für Besucher im Rahmen von „Offene Gärten 2013“. Ich hoffe, dass wir hinfahren können.
31. Mai 2013
Friesenhagen-Bettorf – Bierenbachtal (21,0 km)
Das ist ein herzlicher Abschied nach einem gemeinsamen Frühstück.
Es regnet mal wieder. Ich kämpfe mich quer durch den Wald, um zu meinem Jakobsweg zurück zu finden. Die Wege sind matschig, da es auch in der Nacht viel geregnet hat. Zwischendurch einige trockene Phasen, da macht das Laufen wieder richtig Spaß.
Mein Ziel war die Drabenderhöhe, aber als der nächste Guss einsetzt laufe ich nach Bierenbachtal, da gibt es eine „Evangelische Erholungs- und Bildungsstätte“.
Das Haus ist sehr schön. Hier die Adresse, vielleicht kann man so was ja mal brauchen, da sie auch viele Gemeinschafts- und Gruppenräume haben:
Haus Bierenbach, Freibadstraße 1, 51588 Nümbrecht
Gegen Abend klart der Himmel auf, vielleicht gibt es morgen mal einen richtig schönen Tag.
01. Juni 2013
Bierenbachtal – Overrath (25 km)
Auch heute ist es nichts mit der erhofften Sonne, es ist nur grau und kalt, die Temperatur liegt bei 8ºC, und das am 1. Juni.
Die Strecke ist am Anfang sehr schön, aber es ist zu kalt, um zwischendurch einmal Pause zu machen. Meine erste Pause mache ich in einer kleinen Kapelle in Overrath-Federrath, warum soll man in einer Kapelle nicht auch frühstücken dürfen?
In Marialinden verpasse ich einen Abzweig, laufe aus Versehen nach Kirschbaum und will über die „Mucher Straße“ Overrath erreichen. Das ist eine schlechte Idee, die Straße ist kurvig, vielbefahren und hat keinen Randstreifen für Fußgänger, es ist lebensgefährlich. Am Ortsrand von Overrath angekommen, fängt es stark an zu regnen, ich verharre ca. eine Stunde in einem Häuschen einer Bushaltestelle. Die einzige Unterkunft, die ich finden konnte, liegt fast 4 km abseits in Overrath-Kef. Morgen werde ich diese 4 km wieder zurücklaufen müssen. Dort angekommen bin ich (vorläufig) der einzige Gast, das ist ein wenig unheimlich, aber ich werde trotzdem gut schlafen…
02. Juni 2013
Overrath – Köln (32 km)
Endlich scheint einmal die Sonne, aber es ist immer noch sehr kalt und windig. Die Strecke ist schön und es sind einige Höhenmeter zu überwinden. Der Weg führt durch den Königsforst, hier war ich noch nie und bin positiv überrascht, wie schön es hier ist. Allerdings, je näher ich Köln komme, desto voller wird es auch auf den Wegen.
Zum Schluss geht es durch die rechtsrheinischen Vororte von Köln, Brück, Merheim, Kalk und Deutz. Auch hier war ich noch nie und bin erstaunt, wie viel Leben hier auf der „Scheel Sick“ herrscht.
Inzwischen ist es auch wärmer geworden und ich kann endlich mal „draußen“ einen Kaffee trinken. Für die 32 km habe ich – einschließlich Pausen – doch über 8 Stunden gebraucht und es ist schon 17:00 Uhr, bis ich den Dom erreiche. Einen Stempel bekomme ich sonntags natürlich nicht. Aber soo schön ist der Stempel des Domes sowieso nicht.
Im „Hotel Star am Dom“ habe ich ein Zimmer, klein, laut, aber ordentlich und preiswerter als eine Jugendherberge.
Damit sind jetzt auch meine Elisabethpfade beendet und morgen geht es weiter Richtung Aachen.
03. Juni 2013
Köln – Kerpen-Horrem (25 km)
Es war stickig, warm und laut in dem Kölner Hotel. Ich war froh, mich morgens auf den Weg zu machen.
Der vierte Teil meiner Pilgerreise beginnt am Neumarkt, geht am Melatenfriedhof vorbei über Braunsfeld, den Grüngürtel von Köln hin nach Brauweiler zur Abtei Brauweiler. Etwa eine Stunde nehme ich mir Zeit für diese schöne Abtei. Ich glaube, ich war noch nie hier, obwohl sie ja fast vor der Haustür liegt. Das ist noch mal ein Ausflugsziel für die nächste Zeit.
Dann geht es weiter in Richtung Kerpen.
In Kerpen-Horrem (das liegt etwa 7 km vor Kerpen) gibt es ein Bildungshaus der Salvatorianerinnen, die auch Pilger aufnehmen sollen.
Ich rufe dort an, bekomme sofort eine Zusage, schon die Stimme am anderen Ende der Telefonleitung ist so warmherzig, dass ich vermute: ‚Das wird etwas ganz Besonderes‘.
So ist es auch, ich werde ganz freundlich empfangen, bekomme für kleines Geld ein superschönes (ruhiges) Zimmer und esse als einziger Mann gemeinsam mit 35 (meist älteren) Nonnen zu Abend. Begeistert hat mich die Fröhlichkeit der Frauen, wir haben schöne Gespräche und ganz viel Neugier für jeweils das Leben des Anderen. Schade, dass sie sich irgendwann zurückziehen mussten, ich hätte noch stundenlang mit ihnen reden können.
Der Kühlschrank der Küche ist gefüllt mit Wein und Bier. Als Prophylaxe (gegen dicke Füße) habe ich mich bedient.
Schwester Hildegardis hat mir das ‚Gästebuch‘ in die Hand gedrückt, mit der stillen Aufforderung, mich zu verewigen. Hier mein Eintrag:
„Seit fünf Wochen bin ich unterwegs. In Polen gestartet, über Görlitz, Leipzig, Eisenach, Marburg, Siegen, Köln …
Jeden Tag freue ich mich darauf loszuwandern, neugierig auf die Landschaft, das Wetter, die Menschen, denen ich begegne, auf die Unterkünfte, wo ich schlafen kann. Letztere sind so unterschiedlich: schöne Pensionen, Matratzenlager, muffige Hotels, liebevolle Privatunterkünfte, Campingplätze… und ab und zu, wenn auch selten, findet man auch Perlen. Eine dieser Perlen ist das Haus der Salvatorianerinnen in Kerpen-Horrem. Danke, Schwester Hildegardis, danke allen anderen, danke, dass es so etwas noch gibt…“
04. Juni 2013
Kerpen-Horrem – Düren (28 km)
Noch ein gemeinsames Frühstück mit den Nonnen, ich empfinde viel Respekt. Die meisten von ihnen, die sich heute im Rentenalter befinden, haben Jahrzehnte ihres Lebens irgendwo auf der Welt ihr Möglichstes getan, um anderen Menschen zu helfen, in Asien, Afrika und Südamerika. Fast alle sprechen mehrere Sprachen.
Ich benötige fast zwei Stunden, um wieder auf den Jakobsweg zurück zu kommen. Morgens liegt die Temperatur noch bei 8ºC, nur zögerlich setzt sich die Sonne durch und ab Mittag kann ich dann endlich ohne Jacke wandern.
Nach 6 Stunden erreiche ich Düren, hier war mir das Hotel „Zum Nachtwächter“ empfohlen worden. Das Hotel ist schön, die Stadt Düren, zumindest das Zentrum, das ich mir anschaue, ist langweilig. So langsam werde ich die Westgrenze von Deutschland erreichen, dann muss ich mir überlegen, was ich dann mache. Weiter in Richtung Santiago wandern? Nach hause fahren, nach hause laufen? Ich weiß es noch nicht.
05. Juni 2013
Düren – Schevenhütte (18 km)
Das ist eine kleine Etappe heute, aber bei der nächsten Möglichkeit, Kornelimünster, sind mir die Übernachtungspreise zu hoch. Also werde ich es mir morgen ansehen, aber danach bis Aachen durchlaufen.
Heute ist der erste Tag, an dem ich morgens keine Jacke überziehen muss, ein richtig warmer Sommertag. Die Strecke ist nur teilweise schön, viel Asphalt am Rand einer Bundesstraße.
Mittags bin ich schon in Schevenhütte. Der Ort besteht aus einer Kirche, drei Hotels und 20 Häusern; Zeit genug, um alle meine Sachen mal wieder durchzuwaschen.
06. Juni 2013
Schevenhütte – Aachen (35 km)
Das ist ein idealer Tag heute zum Laufen. Ich starte gegen 8:30 Uhr, es ist warm und sonnig. Noch vor ein paar Tagen hätte ich es nicht geglaubt, dass ich mich über schattige Waldwege freue.
Nach 2 Stunden kommt ein Café, der Besitzer war selbst mal in Santiago. Wir plaudern mehr als eine Stunde.
Ich erreiche Kornelimünster. In der Kathedrale(?) spricht mich ein Ehepaar aus Köln an, das vor ein paar Tagen im WDR einen Bericht über den Jakobsweg Köln-Aachen-Belgien gesehen hat und das froh ist einen Pilger zu finden, der etwas über den Weg erzählen kann, da es demnächst selber loslaufen will. Auch hier verplaudere ich die Zeit; noch 10 km bis Aachen und es ist fast 17 Uhr, bis ich endlich ankomme.
In der Touristen-Information vermittelt man mir ein Zimmer im IBIS-Hotel. In einer Buchhandlung und bei einer Pilgerinformation suche ich nach gescheiten Informationen über den weiteren Verlauf des Weges in Belgien. Es ist nichts zu finden.
Dann werde ich morgen nur bis zur Grenze laufen, dann wieder zurück nach Aachen und von da aus den Heimweg nach Dormagen antreten, allerdings über eine andere Strecke als auf dem Hinweg …
07. Juni 2013
Aachen -Belgien – Kinzweiler (29 km)
Am Morgen geht es erst mal nach Belgien. Mein Ziel war ja, Deutschland einmal von Ost nach West zu durchqueren, d.h. letztlich von der polnischen Grenze bis zur belgischen Grenze zu laufen.
Anschließend geht es zurück nach Aachen und von da aus nach Kinzweiler. Dass Wetter ist hochsommerlich warm, die Strecke teilweise sehr schön, teilweise geht es aber auch am Rand von irgendwelchen Schnellstraßen entlang. In Kinzweiler bekomme ich ein sehr schönes Zimmer in der Pension Billablick und esse hervorragend in einem portugiesischen Restaurant.
8. Juni 2013
Kinzweiler – Titz (32 km)
Sonne pur, nicht allzu heiß, das ideale Wanderwetter. Die Gegend wird immer flacher, ich befinde mich im Braunkohle-Gebiet, teilweise schon in rekultivierten Zonen, die Sophienhöhe grüßt von Ferne.
In Aldenhoven will ich eine Kaffeepause einlegen. Als ich mich wundere, dass der Ort einfach nicht kommen will, stelle ich fest, dass ich einen Umgehungsweg gelaufen bin und er schon 2 km hinter mir liegt. Der Kaffeedurst ist so groß, dass ich zurück tippele, schließlich ist Aldenhoven ein Wallfahrtsort.
Dann treffe ich tatsächlich auf eine Pilgerin. Susanne aus Ratingen ist mit Hund unterwegs, hat eine Karre dabei, um auch ihr Zelt und Zubehör transportieren zu können. Wir plaudern ein wenig, aber wir laufen in entgegengesetzte Richtungen, also ‚Buen Camino‘.
Ich erreiche Jülich, das Zentrum ist ganz nett, aber es ist noch zu früh und die Unterkünfte hier sind mir zu teuer.
Die nächste Möglichkeit, wo es eine preiswerte Pension gibt, ist das Dorf Titz. Dort gibt es allerdings nichts zum Essen. Also esse ich in Jülich und schlage mich durch nach Titz. Durchschlagen ist das richtige Wort, denn die Beschilderung verläuft nur in eine Richtung, d.h. entgegengesetzt.
Die Pension ist nett, ich unterhalte mich mit dem Eigner über die braunkohlenbedingte Umsiedlung von Dörfern. Er scheint fast ein wenig traurig zu sein, dass es sein Dorf nicht betrifft, denn er meint, dass die Betroffenen von den Umsiedlungen nur profitiert hätten und heute wesentlich besser wohnen als früher.
09. Juni 2013
Titz – Kaster – Grevenbroich (30 km)
Der Weg von Titz nach Kaster ist ziemlich eintönig. Es geht durch Rüben- und Getreidefelder. In der Ferne sieht man die riesigen Bagger des Braunkohlenabbaugebietes und die qualmenden Schornsteine der Kraftwerke.
Das hübsche mittelalterliche Städtchen Kaster wird durchquert, danach wird der Weg schön und geht überwiegend an der Erft entlang. In Grevenbroich brauche ich eine Zeit, um eine (bezahlbare) Unterkunft zu finden.
Morgen werde ich den Jakobsweg endgültig verlassen und mich nach Dormagen durchschlagen.
10. Juni 2013
Grevenbroich – Dormagen (25 km)
Jetzt habe ich den Jakobsweg verlassen und wandere über Widdeshoven und Straberg gen Heimat. Eine letzte Pause mache ich noch auf einer Bank im Knechtstedener Wald. Da sie keine Lehne hat, lege ich mich lang und schlafe ein.
Auf meiner Tour habe ich viele schöne Landschaften gesehen, aber auch der linke Niederrhein hat seinen Reiz. Gegen 14:00 Uhr komme ich zu Hause an.

Fazit
Es fällt mir immer so schwer nach so kurzer Zeit ein Fazit zu ziehen. Ich bin einfach nur dankbar, dass alles gut verlaufen ist, dankbar über die Gespräche, die ich mit anderen Menschen führen geführt habe, aber auch über das Alleinsein mit mir selber.