Map of the route “2010 Dormagen – Le Puy”: 900.953 m. It starts at 51.09363, 6.82872 and ends at 45.04749, 3.87858 (latitude, longitude).
Vorwort
Einmal den Jakobsweg von der Haustür aus starten. Davon träume ich schon seit Jahren. Diesmal mache ich es wahr.
Die erste Etappe führt bis Köln. Dort beginnt die „Via Colonensis“, ein Weg, der quer durch die Eifel nach Trier führt. Von hier aus habe ich die Wegvariante Trier – Dijon – Le-Puy-en-Velay gewählt. Vor mir liegen rund 1200 km, die ich in einer Zeit von knapp sieben Wochen schaffen möchte.
Der Rucksack ist schnell gepackt. Inzwischen weiß ich, welche Minimalausstattung ich benötige, damit er nicht zu schwer wird. Da ich keine Wanderkarten mitnehme, habe ich mir ein Navigationsgerät mit den zugehörigen Karten von Deutschland und Frankreich zugelegt, allerdings fehlt mir noch jede Erfahrung im Umgang mit diesem Gerät. Ein wenig Sorge bereiten mir meine schlechten Französisch-Kenntnisse. Meine guten Vorsätze, vorher noch kräftig zu lernen, habe ich leider nicht in die Tat umgesetzt.
Um einen Rotwein zu bestellen, wird es schon reichen…
Sonntag, 18. April 2010
Dormagen – Köln (26 km)
Um 10:00 Uhr geht es los, zusammen mit Gerda, Hans und Martin. Gerda begleitet uns ein paar Kilometer, Hans und Martin wollen bis Köln mitlaufen. In der Nacht habe ich schlecht geschlafen und war zappelig wie ein kleiner Junge vor Weihnachten.
Die Strecke nach Köln ist uns gut bekannt, mit dem Fahrrad sind wir sie schon mehrmals gefahren, aber zu Fuß macht es auch Spaß. Am Anfang sind sogar die Markierungen des Jakobsweges zu sehen, aber nach der Hälfte der Strecke verschwinden sie im Nichts. Heute stört mich das nicht, da man nur den Biegungen des Rheins folgen muss. Obwohl es heute Morgen noch sehr kalt war, steigt die Temperatur sehr schnell an, so dass man keinen Pullover benötigt. Der Himmel ist strahlend blau (und leer, da wegen des Vulkanausbruchs des Eyafjallajökull auf Island keine Flugzeuge fliegen).
Ich merke, dass ich außer Training bin und ein paar Kilo zu viel auf den Rippen habe. Das soll sich in den nächsten Wochen ändern.
Um 16:00 Uhr erreichen wir den Dom, wo Uschi und Reinhard auf uns warten. Nachdem ich mir im Dom meinen ersten Stempel für den Pilgerpass geholt habe, trinken und essen wir noch etwas gemeinsam, dann heißt es auch hier Abschied nehmen.
Ich verziehe mich auf mein Zimmer im vorgebuchten kleinen Hotel (Löwenbräu) in der Altstadt. Es ist ordentlich und billiger als in der Jugendherberge. Heute Nacht werde ich gut schlafen.
Montag, 19. April 2010
Köln – Bornheim (27 km)
Der Weg aus Köln heraus macht nicht sehr viel Spaß, nur Häuser und vielbefahrene Straßen. Eigentlich könnte man sich in die Straßenbahn setzen, aber das macht ein rechter Pilger nicht. Erst hinter Hürth wird die Besiedlung etwas dünner. Im Gegensatz zu gestern ist es heute ziemlich kühl (10°C) und dabei auch noch recht windig.
Ein kurzer Blick auf das Schloss Augustusburg in Brühl, aber bei dem Wetter habe ich keine Lust auf eine Besichtigung. Nach einer kurzen Rast setze ich meinen Weg fort nach Walberberg. Den Ort kenne ich, da wir dort früher im Zisterzienserkloster Seminare durchgeführt haben. Dort wurden auch Zimmer an Pilger vermietet. Leider ist das heute nicht mehr der Fall und die Hotels im Ort sind ausgebucht. Drei Kilometer weiter finde ich ein Bett in Bornheim. Der Ort liegt abseits der Pilgerroute, aber ich werde morgen auf den rechten Pfad zurückfinden.
Dienstag, 20. April 2010
Bornheim – Euskirchen (25 km)
Endlich bin ich raus aus den dicht bebauten Gebieten. Da ich abseits des Jakobsweges gelandet bin und nicht nach Walberberg zurück laufen möchte, suche ich mir eine Querverbindung nach Weilerswist. Mit Hilfe meines Navis gelingt das gut. Es geht durch leicht hügeliges Gelände. Erste Kaffeepause in Weilerswist, danach verläuft der Weg immer an der Erft entlang bis nach Euskirchen. Das Wetter ist gut, sonnig, bei Temperaturen um die 15° C, geradezu ideal zum Wandern.
Leider habe ich zum ersten Mal Probleme mit Blasen und Druckstellen an den Füßen. Die Blasenpflaster sind zwar wirklich sehr gut, aber leider nicht wasserfest, wie in der Beschreibung angegeben. So ziehe nach dem Duschen nicht nur das Pflaster ab, sondern auch die darunterliegende, entzündete Haut. Eine Apothekerin rät mir, die Pflaster ein paar Tage draufzulassen. Doch wie kann man sich Duschen, ohne sich die Füße nasszumachen?
Mittwoch, 21. April 2010
Euskirchen – Bad Münstereifel (19 km)
Es ist grau und kalt, als ich aus dem Fenster sehe. Ich drehe mich noch einmal in meinem warmen Bett um und schlafe weiter.
Mein Zimmer zeigt direkt zu den Glocken der St. Martinskirche, die haben die ganze Nacht versucht, mich um den Schlaf zu bringen, haben es aber nicht geschafft.
Um 09:00 Uhr ziehe ich los, Frühstück gibt’s hier nicht, aber das stört mich nicht weiter. Euskirchen schläft noch um diese Zeit (übrigens ein hübscher Ort). Im nächsten Dorf finde ich einen Bäcker, der auch Kaffee verkauft.
Der Weg ist schön, wieder geht es durch nette Orte an der Erft entlang. Die Mittagstemperatur liegt bei 5° C und es fängt an zu regnen. Der Rucksack wird wasserdicht gemacht und das Laufen macht trotzdem Spaß. Gegen 13:00 Uhr erreiche ich bereits Bad Münstereifel. Was soll ich hier bei dem Wetter anstellen? Heino besuchen?
Der nächste Ort wäre Roderath, noch neun Kilometer, das würde mir passen. Aber in Roderath gibt es nur eine Unterkunft und als ich dort nachfrage, ist alles belegt. Also muss ich doch hierbleiben, ich finde schnell ein Privatzimmer bei einer netten alten Dame. Es folgt ein kleiner Stadtrundgang. Die Stadt kenne ich, aber auf der Burg war ich noch nicht. Im Burgrestaurant gibt’s ein ordentliches Menü für 9,50 €, leider ohne die Flasche Wein wie in Spanien. Auf meiner bisherigen Strecke habe ich noch keinen Wanderer oder Pilger gesehen, höchstens Menschen, die ihre Hunde ausführen. Wenn das so weitergeht, wird es wohl doch ein wenig einsam.
Donnerstag, 22. April 2010
Bad Münstereifel – Blankenheim (22 km)
Als ich um 08:00 Uhr zum Frühstück komme, hat meine Zimmerwirtin Tränen in den Augen, ihre Blümchen sind heute Nacht erfroren, das Thermometer zeigt -5° C. Sie macht mir trotzdem ein schönes Frühstück und packt mir auch noch eine Wegzehrung ein.
Ich stülpe mir meine Reservesocken (frisch gewaschen) über die Finger und pilgere los. Es geht erstmal einen Kilometer steil bergauf, so dass mir schnell warm wird. Es ist sonnig und zum Laufen einfach ideal. Nach einigen Kilometern treffe ich auf vier Wanderer, die nach dem Weg suchen, und… einer hat eine Muschel an seinem Rucksack. Es sind vier Luxemburger, die als „Trainingstour“ von Köln nach Luxemburg laufen und im Herbst den Camino Francés gehen wollen. Wir laufen ein Stündchen zusammen, dann setze ich mich ab. Sie sind mir zu langsam. Meine erste Pause will ich in einem vom Reiseführer empfohlenen Café in Roderath machen, aber es hat zu. So esse ich meine Brote im Freien, inzwischen hat die Temperatur schon die Null-Grad-Marke geknackt. Am frühen Nachmittag erreiche ich Blankenheim. Wieder die gleiche Situation wie gestern. Eigentlich könnte ich noch weiterlaufen, aber im nächsten Ort ist kein Bett mehr frei. Ich quartiere mich in einem netten kleinen Hotel ein und esse auf der Terrasse in der Sonne einen Speckpfannekuchen.
Meinen Pilgerstempel hole ich mir in einem Nonnenkonvent. Die freuen sich, einen Pilger zu sehen und laden mich zum Kaffee ein. Ich solle auch in Santiago für sie beten. Ich traue mich nicht, ihnen zu sagen, dass ich gar nicht so weit laufe. Ein Gebet in der nächsten Kapelle wird auch ankommen, denke ich.
Freitag, 23. April 2010
Blankenheim – Kronenburg (25 km)
Mein Zimmer wackelt, wenn die Glocken des Kirchturms erklingen, der direkt vor meiner Pension steht, aber, oh Wunder, ab 20:00 Uhr ist Ruhe.Das alte Fachwerkhaus ist so schief, dass meine Bettdecke immer den Gesetzen der Schwerkraft folgt, aber ich schlafe trotzdem gut.
Der Tag beginnt nicht ganz so kalt wie gestern und von Stunde zu Stunde wird es wärmer. Die Gegend ist schön, aber die Natur ist hier auf einer Höhe von 500-550 m noch weit zurück. Die Bäume und Sträucher sind noch kahl und nur vorsichtig zeigen sich die ersten Triebe. Auf meinem weiteren Weg nach Südwest wird sich das sicher noch ändern.
Auf der Gesamtstrecke von 25 km gibt es keine Möglichkeit mal irgendwo einzukehren oder etwas Essbares einzukaufen.
Am Zielort, Kronenburg, sieht es verpflegungstechnisch schlecht aus. Ein „normales“ Restaurant hat heute geschlossen, ein zweites gehört zu einem Luxushotel und passt nicht in mein Budget, bleibt nur ein Cafe, wo ich wenigstens ein Süppchen essen kann. Geschäfte gibt es auch nicht, so wird mein Abendessen aus ein paar restlichen Keksen bestehen.
Nach dem Einchecken in einer kleinen Pension treffe ich die vier Luxemburger wieder, bei ihnen hat es mit der Vorreservierung der Zimmer nicht geklappt, jetzt müssen sie noch 9 km weiter laufen. Sie wirkten gar nicht fröhlich. Für sie ist morgen schon der letzte Tag ihrer Wanderung. So bin ich wohl wieder der einzige Pilger (und Wanderer) auf dem Weg.
Ich schaue mir die Umgebung des Ortes an, da kommen so ganz nebenbei noch einmal 5-6 km zusammen. An einem Kiosk einer Minigolfanlage bekomme ich immerhin einen Kaffee.
Ansonsten geht es mir gesundheitlich von Tag zu Tag besser, die Schmerzen in den Hüften beginnen jetzt erst bei 12 km. Der Kopf wird frei, so frei, dass ich schon seit Stunden darüber grübele, wie denn die Geheimzahl meiner Kreditkarte lautet.
Samstag, 24. April 2010
Kronenburg – Prüm (28 km)
Müde – erschöpft – zufrieden
Im Frühstücksraum unterhalte ich mich mit einem Paar (um die Vierzig), die einen Tag vor mir in Köln gestartet waren, mit dem Ziel, bis Santiago durchzupilgern. Inzwischen sind sie aber wohl zu der Erkenntnis gekommen, dass sie sich da wohl zu viel vorgenommen haben, denn sie sind jetzt schon am Ende. Nun wollen sie zwei Tage in Kronenburg bleiben, um zu klären, ob sie weiter machen. Also wieder keine Mitpilger!
Der Tag ist sonnig, schon nach kurzer Zeit laufe ich ohne Jacke und Pullover. Auf der ganzen Strecke treffe ich nur einen älteren Herrn, der einen Rundweg von ein paar Kilometern macht. Gibt es keine Wanderer in der Eifel mehr? Der Weg ist schön, aber durch das viele Auf und Ab, für mich sehr anstrengend. Zum Glück habe ich genug Zeit und mache viele Pausen.
Den Pilgerstempel soll es in der Touristeninformation oder in der Basilika geben. Erstere hat natürlich (Samstagnachmittag) geschlossen. Also auf zur Basilika. Tatsächlich gibt es dort eine Dame, die mir nicht nur gerne den Stempel gibt, sondern mich darüber hinaus beglückwünscht, dass ich an einem der ganz seltenen Tage gekommen bin, an dem ein besonderer Schrein geöffnet ist, in dem die Sandalen Jesu zu sehen sind. Die Dame ist beeindruckend lieb und überschüttet mich mit Informationen über die Sandalen und über das Grab Kaiser Lothar 1., über die für mich so wichtige Statue des Jakobus… und ich, träume die ganze Zeit mit schlechtem Gewissen von einem Weizenbier. Erst im Nachhinein frage ich mich, wie ein so kleines Städtchen wie Prüm zu einer so gewaltigen Basilika kommt. Das muss ich klären, wenn ich wieder daheim bin.
Das kleine Hotel, in dem ich ein Zimmer vorgebucht hatte, liegt etwas außerhalb. So werde ich leider gar nicht mehr dazu kommen, mir die Stadt anzusehen, schade. Die Chefin des Hotels erzählt mir, dass in der vorigen(!) Woche eine Gruppe von Pilgern angekommen sei, total entkräftet, da sie auf der Strecke, die ich heute bei sonnigem Traumwetter gegangen bin, nur Sturm und Schneeregen hatte. Die Gruppe hat daraufhin das Pilgern abgebrochen.
Sonntag, 25. April 2010
Prüm – Waxweiler (31 km)
Heute habe ich den Eindruck, dass ich meine Leistungsgrenzen erreicht bzw. überschritten habe. 31 km am platten linken Niederrhein scheinen doch etwas anderes zu sein als in der hügeligen Südeifel.
Trotzdem, es ist ein so phantastischer Tag. Gleich am Anfang treffe ich auf eine Wandergruppe, die mit dicken Pflanzenbestimmungsbüchern die Wälder durchforsten. Es macht Freude mit Ihnen, obwohl ich mir wie ein Analphabet vorkomme. In den Wäldern gibt es Unmengen an Bärlauch, dass es wirklich zum Himmel „riecht“, ansonsten ein Landstrich voller Mythen, Märchen und Sagen. Waxweiler selbst sagt mir auf den ersten Blick nicht viel. Ich finde eine sehr gute Unterkunft im Hotel am Schwimmbad.
Montag, 26. April 2010
Waxweiler – Mettendorf (29 km)
Wieder ein wunderschöner und sehr anstrengender Wandertag. Am Himmel zeigen sich zwar dicke, dunkle Wolken, aber die Sonne siegt und es bleibt trocken. Der Weg ist Anstrengung pur. Während sich die die Ortschaften verbindenden Straßen in moderaten Steigungen auf- und abwinden, kraxelt der Jakobsweg immer an steilen Hängen kurvenreich nach oben, um bei der nächsten Ortschaft wieder herabzustürzen. Das führt dazu, dass die Entfernungen über den Jakobsweg oft doppelt so weit sind, wie über die Straße. Das Unfaire an der Geschichte ist, das die ursprünglichen Jakobswege sicherlich den uralten Handelswegen folgten. Diese sind heute ersetzt durch Autobahnen und Schnellstraßen und die heutigen Jakobswege werden weitläufig darum herum geführt.
Den ersten Ort, den ich nach fast zwei Stunden Kraxelei erreiche ist Krautscheid. Meine Hoffnung, hier einen Kaffee zu bekommen stirbt sehr schnell. Die vorhandenen Gasthöfe sind um diese Zeit geschlossen, Geschäfte gibt es nicht mehr. Auch hier wurde alles durch die Discounter verdrängt und die liegen in irgendwelchen Gewerbegebieten, an denen ich nicht vorbeikomme. Seit Tagen will ich mir ein wenig Obst kaufen, aber es gibt keine Geschäfte. Gegen 16:00 Uhr erreiche ich mein heutiges Ziel, Mettendorf. Jetzt heißt es erstmal Duschen, Wäsche waschen. Vielleicht werde ich noch ein wenig den Ort ansehen, aber ich vermute, da ist nicht viel Ort…
Dienstag, 27. April 2010
Mettendorf – Minden (31 km)
Wieder ein blauer Himmel, angenehme Temperaturen, ein schöner Tag zum Laufen. Aber zuerst heißt es wieder einige Höhenmeter zu überwinden. Nach 3 1/2 Stunden erreiche ich Bollendorf, wo ich bei einem Cappuccino meine erste Pause einlege. Der Ort ist hübsch gelegen, an der Sauer, die hier die Grenze zwischen Deutschland und Luxemburg bildet.
Der Weg folgt der Sauer Richtung Echternach. Ich genieße diesen Weg am Fluss, der Frühling erschafft ein Blütenmeer, überall zwitschert und summt es und es riecht nach Frühling. Ich genieße es auch, dass ein Weg am Fluss keine Steigungen hat. Zwischendurch geht es über eine alte überdachte Holzbrücke auf die luxemburger Seite und ich erreiche Echternach. Es gibt hier so viel zu sehen, dass sich ein längerer Aufenthalt lohnen würde. Die Stadt hat eine über 2000jährige Geschichte. Ein kurzer Blick in das Zentrum, ich weiß nicht wo ich anfangen soll und beschließe, gar nicht anzufangen. Einer solchen Stadt wird man mit einer oder zwei Stunden Besuchsdauer nicht gerecht.
Ich gehe über eine Brücke auf die deutsche Seite nach Echternachbrück und wandere dann noch einmal 4 km nach Minden. Im Gasthaus Ferring bekomme ich ein Zimmer und mit dem Juniorchef bespreche ich Wegalternativen für den morgigen Tag.
Mittwoch, 28. April 2010
Minden – Trier (30 km)
Für einen Tag werde ich dem hl. Jakob untreu. Der Matthiasweg soll schöner und kürzer sein. Das heißt, dass ich heute noch Trier erreichen könnte und einen Tag einspare. Das kommt meinem engen Zeitplan entgegen. Die ersten 10 km verlaufen noch an der Sauer entlang, dann geht es irgendwann weg von der schönen Flusslandschaft und es sind wieder einige Bergetappen angesagt. Irgendwann sehe ich ein Schild „Trier 4 km“. Gläubig wie ich bin, folge ich der Ausschilderung des hl. Matthias, die sich dann aber im Wald in Nichts auflöst. Als ich dem Wald nach 1 1/2 Stunden entkomme, treffe ich auf den Hinweis „Trier 6 km“. Morgen höre ich wieder auf den Jakob.
Im Dom von Trier hole ich mir meinen letzten Stempel der „Via Colonensis“, die hier in Trier endet. Insgesamt eine wundervolle Strecke, besonders bei dem Traumwetter, wie ich es bisher überwiegend hatte.
Jetzt sitze ich in Trier in einem Straßencafé, es ist so warm, dass sich schon wieder alle auf Schattenplätze flüchten. Morgen werde ich, nachdem ich die Via Colonensis geschafft habe, den kleinen Rest bis Le Puy angehen…
Donnerstag, 29. April 2010
Trier – Konz – Merzkirchen (32 km)
Heute soll es richtig warm werden. 28° C sind angesagt. Noch ein kleiner Rundgang durch Trier. Es gefällt mir richtig gut hier. Natürlich war ich schon mal in Trier, aber außer an die Porta Nigra kann ich mich an nichts mehr erinnern. Dann geht es 10 km an der Mosel entlang. Um 10:30 Uhr sitze ich auf dem Marktplatz von Konz und will irgendwo einen Kaffee trinken. Es gibt nichts um diese Zeit. Ich laufe weiter ins 5 km entfernte Tawern, entdecke eine Bäckerei mit Stehcafé. Dort gehen gerade die Rollläden runter – 12:00 Uhr – Mittagspause. Auf dem weiteren Weg nach Merzkirchen komme ich durch einige Dörfer, die Gasthäuser haben alle geschlossen.
In Merzkirchen gibt es tatsächlich eine Pilgerherberge. Ich rufe vorher an. Ja, ein Bett sei frei, aber sie, die Herbergsmutter, müsse abends weg und könne sich nicht um mich kümmern. Sie würde mir aber noch etwas zum Essen vorbereiten. Nachdem ich dort angekommen bin und geduscht habe, stellt sie mir freudestrahlend ein dickes aufgewärmtes Eisbein mit einem Kanten Brot auf den Tisch. Ich bin weiß Gott nicht wählerisch und esse eigentlich alles, aber als ich das Fettgeschwabbel sehe, bekomme ich einen leichten Brechreiz. Ich lasse das Ganze heimlich verschwinden. Dann müssen eben meine Plätzchen reichen, denn Alternativen gibt es auch hier im Ort nicht.
Freitag, 30. April 2010
Merzkirchen – Perl (19 km)
Das ist eine kleine, aber feine Etappe heute, durch den Saargau, eine mir bisher weitgehend unbekannte Gegend. Sicherlich bin ich schon mit dem Auto hier durchgebraust, aber was sieht man da schon? Mir wird wieder einmal bewusst, auf welch geschichtsträchtigem Boden ich hier wandere. Da gibt es Hinweise auf Hexentanz und -verbrennungsplätze, da tauchen alte Grenzsteine und Kreuze aus dem 16. Jh. auf. Die Straße über die ich jetzt laufe wurde von den Römern im ersten Jahrhundert als Verbindung zwischen Metz und Trier angelegt. Dann gab es natürlich die vielen Millionen Pilger, in deren Fußstapfen ich heute trete. Meine Wanderung wird heute kürzer als ursprünglich geplant, da es im ursprünglichen Zielort (Sierck-les-Bains) keine Übernachtungsmöglichkeit gibt.
Zum Ausgleich mache ich noch eine kleine 3-Länder-Wanderung (ohne Rucksack). Zuerst geht’s nach Apach in Frankreich, dann ein Stück zurück an der Mosel und über die erste Brücke nach Schengen in Luxemburg. Von dort aus geht meine Route dann zurück nach Perl in Deutschland.
Dort werden vor meinem Gasthof gerade Verkaufsbüdchen und Karussells aufgebaut. Ich weiß nicht, ob sie heute noch in Aktion treten, morgen ist der 1. Mai. Es könnte laut werden heute Nacht.
Samstag, 1. Mai 2010
Perl – Kedange-sur-Canner (28 km)
Die ganze Nacht regnet es. Auch am Morgen ist der Himmel grau verhangen. Ich bin unschlüssig, was ich machen soll. Fast 30 km durch strömenden Regen zu gehen, dazu habe ich keine Lust. Notfalls bleibe ich noch eine Nacht hier. Nach dem Frühstück (08:00 Uhr) regnet es immer noch. Ich setze mir eine Frist, wenn es bis 10:00 Uhr eine Regenpause gibt, versuche ich zu Laufen. Um 09:55 Uhr hört es auf, ich gehe los… und, es bleibt den ganzen Tag trocken.
Die Landschaft ist hinter der deutsch-französischen Grenze eigentlich die gleiche wie vorher. Es ist eine dünnbesiedelte Mittelgebirgslandschaft, mit Wiesen, Feldern und viel Wald. Man rät mir in der Touristeninformation von Sierck-les-Bains nicht den „offiziellen Jakobsweg“ zu gehen, der sei wohl nach dem Regen der letzten Nacht nicht begehbar. Innerhalb von sieben Stunden schlage ich mich durch nach Kedange-sur-Canner. Ich glaube, dass es nicht die kürzeste Verbindung war. Das Hotel ist nur funktionell, ohne Flair; das Abendessen auch…
Sonntag, 2. Mai 2010
Kedange-sur-Canner – Metz (34 km)
Der Himmel ist bedeckt, aber der Wetterbericht hat keinen Regen gemeldet. So starte ich voller Optimismus. Als eine halbe Stunde später leichter Nieselregen einsetzt, kann mich das noch nicht weiter schrecken. Die Landschaft ist schön, eine Mittelgebirgslandschaft, sehr einsam, sie könnte irgendwo sein. 17 km weiter erreiche ich Vigy, oh Freude, ein Café ist geöffnet, die Sonne erscheint, ich trinke meinen Kaffee auf der Terrasse.
Fünf Kilometer weiter werde ich zum ersten Mal richtig nass, ein Gewitterguss setzt ein und mitten im Gelände habe ich keine Chance mich unterzustellen. Jede Schutzkleidung ist ein Kompromiss aus „atmungsaktiv“ und „wasserdicht“. Da beides nur eingeschränkt möglich ist, bin ich nach 20 Minuten bis auf die Haut nass. Die Sonne kommt raus. Ich trockne, jubiliere, dann kommt ein Hagelschauer. Wenn meine Kapuze nicht so hagelabweisend gewesen wäre, hätte ich wohl keine Ohren mehr.
Vor lauter Jubilieren habe ich einen Abzweig meines Weges verpasst. Die nächsten 10 km laufe ich am Randstreifen einer vielbefahrenen Schnellstraße in Richtung Metz. Fußgänger sind in unserer Gesellschaft nicht vorgesehen. Die Kreuzungen und Kreisverkehre sind die Hölle. Ich komme mir vor wie ein Wildschwein auf der Treibjagd. Aber ich erreiche Metz. Die Touristeninformation vermittelt mir ein Einzelzimmer in einer Jugendherberge für 23 Euro incl. Frühstück. Das Innere der Kathedrale ist phantastisch, mit ihren riesigen Kirchenfenstern erinnert sie mich an die von Leon. Als dann noch ein Chor auftritt, kullern mir die Tränen.
Montag, 3. Mai 2010
Metz – Vandieres (31 km)
In der Jugendherberge von Metz gibt es Frühstück von 07:00 Uhr bis 08:00 Uhr. Also frühstücke ich schon um 07:00 Uhr und um 08:00 Uhr geht es los. Einmal muss ich noch in den Dom. Morgens um 08:00 Uhr habe ich ihn noch für mich alleine. Ich genieße es. Dann geht es los. Die Mosel ist hier ein völlig unübersichtliches Flussdelta mit Kanälen, Inseln, Halbinseln. Es ist unmöglich, sich hier nicht zu verlaufen. Irgendwann lasse ich Metz hinter mir, auf wunderschönen Auenlandschaften. Die Wegbeschreibung in meinem Buch stimmt schon lange nicht mehr überein mit dem Weg, den ich tatsächlich laufe. Warum sieht man das am Ende eines Tages alles so gelassen, während man während des Tages oft verzweifelt den Weg sucht? Es ist relativ kühl, ich bin verschwitzt und kann deshalb nirgendwo eine Pause einlegen. Sieben Stunden bin ich ohne Pause unterwegs, bis ich Vandieres erreiche. Zum Glück bekomme ich sofort ein Zimmer. Nach dem Duschen und Wäschewaschen schlafe ich erst mal für eine Stunde tief und fest. Zum Abendessen bekommt man halt irgendetwas auf den Tisch, ich bin froh, nicht auswählen zu müssen. Dann treffe ich tatsächlich noch zwei Mitpilger, es sind Verkäufer von Globetrotter in Köln, die das Stück Trier – Vézelay in sieben Etappen laufen wollen.
Dienstag, 4. Mai 2010
Vandieres – Dieulouard (19 km)
Die heutige Etappe ist kurz, aber die nächste Unterkunft wäre erst wieder in Toul, 30 km weiter. Es geht zuerst recht steil hinauf in die Berge, der Weg folgt jetzt dem GRP Metz-Nancy, von hier aus hat man einen phantastischen Blick hinab in das Moseltal. Der Himmel ist ziemlich schwarz, nur ab und zu blinkt mal kurz die Sonne durch. Ich mache einen kurzen Abstecher nach Pont-a-Mousson, d.h. einmal von den Bergen herunter, Städtchen ansehen und anschließend wieder hinaufkrabbeln.
Das Ziel, Dieulouard, ist so ziemlich der langweiligste Ort, den man sich vorstellen kann. Ein Supermarkt, ein Tabakladen, eine Kirche, ein Hotel (gibt es eigentlich auch negative Sterne?).
Mit dem Autobus fahre ich nach Nancy, um eine französische SIM-Karte zu kaufen. Die Stadt ist schön, aber es ist kalt und windig.
Als besondere Überraschung gibt es bei mir im Hotel zum Abendessen das Gleiche wie gestern in Vandieres, gebratene Entenkeule.
Mittwoch, 5. Mai 2010
Dieulouard – Toul (30 km)
Es regnet, es ist kalt, es ist windig und ob die Gegend schön ist, vermag ich nicht zu sagen, da ich sie nur durch einen grauen Regenvorhang sehe. Eigentlich hat das Laufen heute keinen Spaß gemacht, aber nach so vielen schönen Tagen in den ersten zwei Wochen, musste es ja auch mal so kommen. Leider sollen die Temperaturen in den nächsten Tagen noch weiter nach unten gehen und die Regenmenge zunehmen.
Toul wirkt auf mich auch nur grau und verfallen, aber vielleicht würde ich es bei besserem Wetter anders sehen. Vorhin habe ich noch die Globetrotter-Wanderer getroffen, auch sie schienen ziemlich genervt.
Mein Hotel, in dem ich abgestiegen bin, setzt noch einen oben drauf, kein freundlicher Empfang, sondern ein Automat vor der Tür, dem man seine Übernachtungswünsche eintippt. Danach will er meine Kreditkarte und spuckt völlig gefühllos den Schlüssel (Karte) für ein Zimmer aus.
Jetzt habe ich genug gemault…
Donnerstag, 6. Mai 2010
Toul – Autreville (30 km)
Die ganze Nacht regnet es und am Morgen weiß ich erst mal nicht, was ich machen soll. Beim Frühstück in einer Bar treffe ich Vater und Sohn aus Schottland, die auf einer Fahrradtour nach Barcelona sind. Es ist ein lustiges Gespräch, obwohl der Sohn (ca. 14 Jahre alt) so recht gar keine Lust zu haben scheint.
Und… es wird noch ein richtig guter Tag. An Stelle der angekündigten 5° C Höchsttemperatur steigt das Thermometer sogar auf 6° C (schließlich ist ja Frühling), der starke Wind lässt nach und der Starkregen geht über in ein leichtes Nieseln. Das stört mich nicht weiter und das Laufen macht wirklich Freude.
Die Landschaft (Felder, Wiesen, Wälder, Obstbäume) ist leicht hügelig. Die Obstbäume stehen im Moment alle in voller Blüte, schade nur, dass die Bienen sich bei dem Wetter nicht heraustrauen.
Unterwegs hält auf einer Landstraße ein spanischer Lkw neben mir. Ob ich nach Santiago wolle? Er müsse jetzt nur noch mal nach Marseille, dann könne er mich bis Spanien mitnehmen. Angesichts des Wetters zögere ich sogar ein wenig, ob ich das Angebot nicht annehmen soll, aber nur ein wenig.
Die Unterkunft in Autreville ist schön. Sie hat einen großen Garten, der bei dem Wetter natürlich nicht viel nützt. Abendessen gibt es hier auch, da freue ich mich jetzt schon, denn außer meinem Frühstückscroissant hatte ich noch nichts.
Freitag, 7. Mai 2010
Autreville – Neufchâteau (29 km)
Die Unterkunft war gut, das Essen auch, aber teuer. Doch es gibt in dieser einsamen Gegend keine Alternativen. Abends habe ich mit einem holländischen Paar zusammengesessen, die ein paar Etappen des Weges laufen wollen. Die Globetrotter-Mitpilger sind verschollen, wahrscheinlich sind sie heim gefahren, denn bei den wenigen Hotels müsste man sich wieder treffen.
Die ersten 15 km der heutigen Wanderung sind wirklich schön, das Wetter kühl und (fast) trocken. Dann geht es am Randstreifen einer vielbefahrenen Schnellstraße weiter. Nach einem Kilometer auf einmal ein im Führer nicht vermerktes Abzweigschild für den Jakobsweg. Ich jubele, endlich weg von dieser gefährlichen Straße. Eine Stunde (ca. 5 km) laufe ich der Markierung nach, um letztlich doch wieder auf der Schnellstraße zu landen, etwa 500 m hinter dem Abzweig. Also geht es weiter am Randstreifen, zwischen Hundehaufen und Müll und vorbeidonnernden Lkws. Genervt erreiche ich Neufchâteau.
Mein Reiseführer droht, dass die ersten 11 km des morgigen Tages genauso aussehen. Ich versuche herauszufinden, ob man dieses Stück nicht irgendwie mit dem Bus überbrücken kann, es gibt ein Bus-Informationsbüro, doch deren Mitarbeiter strotzen vor Inkompetenz.
Der Abend ist nett. Ich mache der Chefin des Hotels klar, dass ich endlich mal kein Steak, keinen Salat, sondern irgend etwas mit ganz viel Gemüse essen möchte und sie zaubern mir ein Gemüsepotpourri, mit ein paar Stückchen Fleisch, sooo lecker. Dann komme ich noch mit einem jungen Franzosen ins Gespräch, der auch seit Jahren Jakobswege läuft und jetzt, da ich wieder auf meinem Zimmer bin, überlege ich, in welcher/n Sprache(n) wir uns eigentlich unterhalten und verstanden haben?
Samstag, 8. Mai 2010
Neufchâteau – Bourg-Sainte-Marie (28 km)
Beim Frühstück treffe ich das holländische Ehepaar (Ron und Mattie) wieder. Sie haben im selben Hotel geschlafen wie ich. Wir quatschen länger miteinander, so dass ich erst kurz vor 10:00 Uhr losgehe. Das Ziel meiner heutigen Etappe ist eigentlich Graffigny-Chemin. Da es in diesem Ort und auf den weiteren Kilometern des Jakobsweges gar keine Übernachtungsmöglichkeit gibt, muss man den Jakobsweg zwangsweise verlassen, um sich irgendwo in den Nachbardörfern etwas zu suchen. Mein Domizil, das ich ansteuern werde, liegt 5 km abseits des Weges.
Es bringt nicht viel, sich vorher Gedanken/Sorgen über einen Weg zu machen. Meine Befürchtungen 10 km am Rand einer sehr stark befahrenen Schnellstraße laufen zu müssen, haben sich in sofern als unbegründet erwiesen, als dass heute französischer Nationalfeiertag ist. Lkws fahren gar keine und die Pkw-Franzosen schlafen wohl alle erst mal aus, so dass die Straße fast leer ist. Mein Reiseführer weist darauf hin, dass sich auf dieser alten Römerstraße (die heute asphaltiert ist) schon Tausende von römischen Legionären, mittelalterlichen Pilgern und französischen Bauern zu Fuß die Steigung hinaufgequält haben. Ich fühle mich ihnen tatsächlich irgendwie verbunden und frage mich, wie viele von den Legionären oder Pilgern nie mehr nach Hause gekommen sind. Nach dieser schnurgeraden Asphaltlinie wird der Weg richtig schön und schlängelt sich durch eine sehr schwach besiedelte Mittelgebirgslandschaft. Dann kommt auch noch die Sonne heraus, es wird warm, so dass ich endlich mal wieder eine richtige Pause einlegen kann. Dann wird der Himmel schwarz und schwärzer, dicke Gewitterwolken türmen sich auf und ich habe noch 10 km vor mir. Es gibt nichts zum Unterstellen, aber alles geht gut. Fünfzehn Minuten nach dem ich meine Unterkunft erreicht habe, kommt der Platzregen.
Sonntag, 9. Mai 2010
Bourg-Sainte-Marie – Montigny-le-Roi (31 km)
Bourg-Sainte-Marie liegt abseits des Jakobsweges. Es dauert erst einmal eine Stunde, bis ich wieder auf der richtigen Spur bin. Danach ist der Weg gut zu finden, obwohl es seit Tagen keine Markierungen gibt. Eine schöne, leicht hügelige Landschaft mit wenig Menschen und vielen Kühen.
Mehrmals überquere ich die Meuse, hier noch ein kleines Bächlein, das 950 km als Maas in den Niederlanden in die Nordsee mündet.
Das Wetter spielt mit, bis auf ein paar Regentröpfchen, ist es überwiegend schön. Montigny-le-Roi liegt auf einem Hügel und bietet einen phantastischen Ausblick in die Landschaft. Der Ort wirkt wie ausgestorben. Es ist Sonntag und es ist noch zu kühl, so dass sich das Leben noch nicht draußen abspielt.
Montag, 10. Mai 2010
Montigny-le-Roy – Langres (25 km)
Das ist heute wieder ein sehr schöner Weg über kleine Landsträßchen, durch hübsche Dörfer, durch Wald und Feld.
Vor Langres wird es dann noch mal richtig anstrengend, das Städtchen liegt wie immer, aus strategischen Gründen auf einem Hügel und es fängt auch noch stark an zu regnen. Ich miete mich in der örtlichen Jugendherberge ein. Die letzten Übernachtungen waren so teuer, dass ich das mittlere Preisniveau mal etwas drücken muss.
Langres ist eine mittelalterliche Stadt, umgeben von einer 3,5 km langen, begehbaren Stadtmauer. In der Jugendherberge werde ich wohl zum ersten Mal meine Ohrstöpsel einsetzen müssen. Von irgendwo her klingt den ganzen Abend Rap-Musik mit dröhnenden Bässen.
Dienstag, 11. Mai 2010
Langres – Auberive (36 km + Taxi)
Es gibt Tage, die findet man erst hinterher interessant. Jetzt, wo ich geduscht und sauber im Trockenen sitze, kann ich fast drüber lachen.
Der Reihe nach: Der im Reiseführer von Langres aus beschriebene Weg ist (vielleicht durch irgendwelche Wege-/Straßenänderungen) nicht zu finden. Aber ich habe ja mein NAVI dabei und gebe das nächste Zwischenziel ein. Es findet einen wunderhüschen Weg, steil bergan durch einen Wald. Nach einer halben Stunde ist der Weg nur noch ein enger Pfad und irgendwann ist dieser so zugewuchert, dass ein Durchkommen nicht mehr möglich ist. Also zurück und eine andere Variante probieren. Diese funktioniert, sie ist zwar ein wenig weiter und führt mich in weitem Bogen über Felder in meine gewünschte Richtung. Um mich herum grollt es, der Himmel wird immer schwärzer und dann setzt ein Gewitter ein, dass ich nach kurzer Zeit völlig nass bin. Dazu verwandelt sich der Weg in eine riesige Schlammpfütze. Triefend erreiche ich das nächste Dorf und stelle mich an einer Bushaltestelle unter. Nach etwa einer Stunde muss ich weiter marschieren, weil mir sonst zu kalt wird. Ich bin wieder auf dem im Reiseführer beschriebenen Weg. Anfangs ist es noch ein Asphaltweg, dann Schotter, dann Schlamm… kein Durchkommen mehr. Ich gehe zurück zu meiner Bushaltestelle (von der leider kein Bus mehr fährt) und versuche eine für Fahrradfahrer beschriebene Route. Die funktioniert, aber sie bedeutet, was ich überlesen habe, einen Umweg von 20 km. Da es zwischen Langres und Auberive keine Übernachtungsmöglichkeit gibt, wird mir allmählich klar, dass ich es zu Fuß bei dem Wetter nicht mehr schaffe, zurück zu laufen oder ans Ziel zu kommen, denn ich bin schon fast 8 Stunden auf den Beinen, außerdem hat gerade wieder ein sintflutartiger Regen angefangen.
Wie bekomme ich auf einer kleinen Landstraße ein Taxi? Es gibt keine zentralen Taxirufnummern. Vielleicht kann man mir im nächsten Dorf weiterhelfen. Ich finde zwar ein Dorf (5 Häuser), aber keine Menschen, bis auf zwei alte Männer, aber die verstehen nicht, was ich will.
Ich rufe die Notrufnummer 112 an. Die geben mir die Nummer einer Taxigesellschaft, die, wie sich später herausstellt, 100 km entfernt ist. Aber der Mann am anderen Ende versteht mein Problem, allerdings ist mein Französisch schlecht, die Qualität der Telefonverbindung noch schlechter. Er schlägt vor, dass ich ihm eine SMS mit den Daten schicke. Gar nicht so einfach, denn ich habe noch nie mit meinem Telefon gesimst, nach einiger Zeit klappt es. Er ruft zurück, sagt mir, dass er ganz weit weg sitze, aber er würde sich kümmern und mich wieder anrufen.
Er ruft tatsächlich nach einiger Zeit zurück, dass ein Taxi auf dem Weg sei. Nach einer weiteren halben Stunde kommt eine Taxifahrerin. Ich hätte sie knutschen können. Sie mich sicher nicht, so nass, verschwitzt und verdreckt ich war, aber sie vermittelt mich in Auberive weiter an ein Hotel in einer uralten Burganlage. Die Atmosphäre erinnert mich alte Frankensteinfilme. Nachdem ich mich und all meine Sachen gesäubert habe, sitze ich zum Abendessen völlig allein in einem riesigen mittelalterlichen Saal, umgeben von uralten Gobelins, Statuen, alten Portraits würdig dreinschauender Menschen, die mich alle etwas vorwurfsvoll ansehen. Ich esse ausgezeichnet für verdächtig wenig Geld. Mal sehen, was die Nacht bringt…
Mittwoch, 12. Mai 2010
Auberive – Grancey-le-Château (24 km)
Der Himmel ist grau, anfangs nieselt es noch ein wenig, aber dann bleibt es trocken. Man rät mir ab, den Jakobsweg zu laufen, der sei zu vermatscht und die Strecke sei teilweise gefährlich steil. Also suche ich mir Alternativwege und heute klappt es erstaunlich gut. Es geht über Forst- und Waldwege und kleine, kaum befahrene Sträßchen.
Nach 4 Stunden ist Grancey-le-Château schon erreicht, aber die Unterkunft, die ich angepeilt hatte, ist verschlossen und auch telefonisch meldet sich niemand. Im Reiseführer ist noch als Ausweichmöglichkeit ein Reiterhof angegeben, der von einem deutschen Ehepaar geführt wird. Ich versuche die „Ferme de Borgirault“ anzurufen, aber auch dort meldet sich niemand. Ich laufe trotzdem hin und bekomme ein sehr schönes preiswertes Quartier.
Nachmittags raffe ich mich auf, um noch einmal in den kleinen Ort zu gehen. Es gibt dort eine 1100 Jahre alte Kirche und eine Burganlage aus dem 18 Jh., zu sehen, aber als ich vor die Tür trete, ist es so kalt und windig, dass ich darauf verzichte.
Zwei Stunden später treffen auch Ron und Mattie, das holländische Paar ein. Die größte Überraschung ist das Abendessen, ein Mehrgangmenü, das manchem Sternerestaurant den Rang ablaufen könnte. Außer uns ist nur noch eine weiteres junges holländisches Paar da, das hier Reiterferien macht. Ron und Mattie werden morgen auf einer Alternativroute in Richtung Dijon weiterlaufen, um von dort heim zu fahren. Also ist niemand mehr auf meiner Strecke.
Donnerstag, 13. Mai 2010
Grancey-le-Château – Coutrivron (25 km)
Es ist anfangs grau und kalt (2° C), doch ab und zu reißt der Himmel ein wenig auf und die Sonne lässt sich blicken. Mein Reiseführer verspricht, dass es anstrengend wird und in der Tat sind viele Höhenmeter zu überwinden. Doch ich merke, dass nach jetzt fast vier Wochen Pilgerei meine Kondition zugenommen hat. Zudem habe ich nicht mehr ganz so viel zu schleppen, wie am Anfang, da die Speckringe am Bauch ein wenig abgeschmolzen sind.
Mittags mache ich auf einem Picknickplatz mal eine ausgedehnte Pause, die Temperatur lässt es gerade so zu.
Eine Beschilderung des Jakobsweges wie in Spanien gibt es nur stellenweise. Da ich keine Lust habe, ständig der Wegbeschreibung des Reiseführers zu folgen, die teilweise auch nicht eindeutig ist, verlasse ich mich hauptsächlich auf mein NAVI, das mich zu 95 Prozent auch toll führt, aber manchmal hat es (bzw. die hinterlegten Karten) auch seine Tücken. Ich bin noch etwa 3 km von meinem Zielort entfernt und folge einem kleinen Waldpfad, der auf einen breiteren Weg münden soll. Der breitere Weg ist zu sehen, aber durch einen 2,50 m hohen Zaun abgesperrt. Vermutlich ein Wildschutzzaun, denke ich und klettere auf die andere Seite (was mit Rucksack gar nicht so einfach ist). Nach einiger Zeit – das NAVI führt mich schön weiter – bemerke ich, dass ich mich mitten in einem riesigen Tiergehege befinde. Rehe und Wildschweine sehen mich erstaunt an. Mir bleibt nichts übrig, als meinem Weg zu folgen, der zum Ausgang führt, der natürlich wieder durch einen hohen Zaun und ein Tor verschlossen ist. Also heißt es nochmals klettern. Am Tor entdecke ich ein großes Schild „Privatgelände / Betreten strengstens verboten“. Ich schleiche mich schnell davon und erreiche, die „Auberge“ mit Bar und Restaurant, bei der ich mich gestern telefonisch angemeldet hatte. Alles ist zu, telefonisch erreiche ich niemand. Ein Opa aus dem Dorf sagt mir, dass sie wahrscheinlich gegen 18:00 Uhr öffnen werden, das sind noch 3 Stunden und es ist kalt, wenn man sich nicht bewegt. Die Frau, mit der ich gestern telefoniert hatte, hatte mir viel erzählt, von dem ich das meiste nicht verstanden habe. Ich hätte doch mehr Französisch lernen sollen.
Um 17:00 Uhr erscheint sie und zeigt mir das Zimmer. Es ist, um höflich zu sein, sehr schlicht, aber es hat eine elektrische Heizung, die ich auf die höchste Stufe stelle und in die ich hineinkrieche. Es wird warm, was will ich mehr?
Die Qualität des Abendessens entspricht der Qualität des Zimmers. Es muss nicht immer Kaviar sein…
Freitag, 14. Mai 2010
Courtivron – Dijon (32 km)
Ich brauche Zahnpasta, deshalb entschließe ich mich bis Dijon durchzulaufen. Die ersten 20 km sind wirklich schön, wenn auch sehr hügelig. Heute folge ich meinem Reiseführer aufs Wort. Aber es ist schwierig, wenn er bei einem Waldweg sagt: „Nehmen Sie die 5. Abzweigung rechts.“ Da gibt es Wege, Trampelpfade, Reitwege, Brandschneisen. Sind das alles Abzweigungen?
Egal, heute klappt alles problemlos. Die letzten Kilometer in die Stadt sind, wie immer, ätzend. Es geht durch Industrie- und Gewerbegebiete.
Die Touristeninformation vermittelt mir ein Zimmer. Dann mache ich meine Sightseeing-Runde. Die Stadt ist wirklich sehenswert, allerdings vermiesen die eiskalten Temperaturen das Flair, nur die ganz süchtigen Raucher sitzen draußen. Ich flüchte nach McDonalds, hier ist es wenigstens warm. Bei diesen Temperaturen erwartet man eigentlich Glühwein und Weihnachtsmänner…
Samstag, 15. Mai 2010
Dijon – Morey-Saint-Denis (22 km)
Wie immer macht es keinen Spaß aus einer großen Stadt herauszulaufen. Es dauert lange, bis man die Vorstädte hinter sich hat. Hinter Dijon ändert sich das Landschaftsbild. Zur rechten Hand Berge, die sanft in eine Ebene übergehen. Ich befinde mich in einem Weinanbaugebiet. Ich folge jetzt dem „Chemin des Grands Crus de Bourgogne“, ein Weg, der Weingüter und -Orte miteinander verbindet. Der Himmel ist immer noch grau und ab und zu regnet es. Bei einem dieser Schauer flüchte ich in eine Bar (oh Wunder, es gibt eine). Ich komme mit einem Franzosen ins Gespräch, der mir erzählt, dass er nur hier zu Besuch ist und zusammen mit seiner Familie in Tokio wohnt und dass sich das Euro/Yen-Verhältnis in den letzten Jahren so verändert hat, dass das Leben in Tokio heute billiger ist als in Frankreich.
Gevrey-Chambertin ist ein schöner und nobler Weinort, den ich mir als Ziel ausgeguckt hatte. Andere Leute hatten wohl in Anbetracht des langen Wochenendes die gleiche Idee, d.h., obwohl es viele Übernachtungsmöglichkeiten gibt, es ist kein Zimmer mehr frei. Das nette Mädchen in der Touristeninformation hilft mir weiter und vermittelt mir ein Zimmer im Nachbarort.
Dort angekommen stelle ich fest, dass es dort nur ein Restaurant gibt, dessen Preisniveau weit über dem liegt, was ich auch mal in Notfällen bereit bin auszugeben. Aber es gibt noch eine kleine Bar, dort wird eigentlich kein Essen angeboten, aber die Besitzerin versteht meine Lage und kocht mir etwas. Wie man sieht, es findet sich (fast) immer eine Lösung.
Übrigens soll es morgen weniger regnen und die Temperatur auf bis zu 14° C ansteigen…
Sonntag, 16. Mai 2010
Morey-Saint-Denis – Beaune (27 km)
Der Weg geht durch die Weinberge. Wie bei unseren Weinwanderwegen geht es teilweise ziemlich steil nach oben, um dann wieder den nächsten Weinort ganz unten zu besuchen. Das Laufen ist anstrengend, da der Untergrund sehr steinig ist. Aber es ist schön und nicht mehr so kalt wie in den letzten Tagen. Die Weinorte sind geprägt durch große Weingüter, die natürlich überall zum Probieren (und Kaufen) einladen. Natürlich muss ich den Wein, um den sich hier alles dreht, auch einmal probieren.
Mit Rucksack und staubigen Schuhen komme ich mir in der vornehmen Umgebung etwas deplatziert vor. Ich bekenne gleich, dass ich nicht kaufen kann, aber gerne einmal probieren möchte. Man lässt probieren und die Weine sind schon sehr gut (kann man bei einem Verkaufspreis ab 38 € / Flasche auch verlangen).
Später sehe ich woanders auch „billigere“ Weine, aber die Mehrheit scheint sich im oberen Preissegment zu bewegen. Gibt es so viele Menschen, die so viel Geld für Wein ausgeben können?
Ich erreiche Beaune, die Hauptstadt der Burgunderweine. Der Ort ist u.a. bekannt durch das „l’Hotel Dieu des Hospices“, ein mittelalterliches Armenspital mit leuchtend bunten Dächern. Es wimmelt nur so von Touristen. Die Nacht verbringe ich in einem kleinen Hotel am „Place de Madeleine“ und als ich heute Morgen aus dem Fenster schaue, sehe ich blauen Himmel.
Montag, 17. Mai 2010
Beaune – Chagny (22 km)
Beim Frühstück treffe ich tatsächlich einen Pilger. Johannes kommt aus Stuttgart. Er erzählt mir, dass er pro Tag mindestens 40 km läuft, aber zwischendurch auch mal eine längere Strecke mit dem Zug gefahren ist. Heute Morgen ist der Himmel tatsächlich für eine kurze Zeit mal blau, doch dann kommen wieder dicke schwarze Wolken, aber es bleibt trocken. Der Weg geht wieder durch die Weinberge und ist gut zu finden. Überall wird in den Weinbergen gearbeitet und per Hand in gebückter Haltung an jedem Rebstock herumgezupft und geschnitten (wahrscheinlich kann man das professioneller beschreiben). Wenn man sieht, welche Handarbeit hier investiert wird, kann man die Preise nachvollziehen.
In Chagny mache ich relativ früh Schluss, da ich nicht ermitteln kann, ob in den folgenden Orten ein bezahlbares Quartier zu bekommen ist. Beim Telefonieren merke ich immer, wie wenig Französisch ich verstehe. Aber ein wenig Relaxen tut auch mal gut. Jetzt sitze ich auf meinem Zimmer und klicke durch die Fernsehkanäle, das Niveau scheint auch nicht besser zu sein als bei uns.
Dienstag, 18. Mai 2010
Chagny – Buxy (30 km)
Die Sonne scheint und ich kann endlich mal wieder ohne Jacke laufen und zwischendurch auch mal Pausen einlegen.
Die ersten 10 km laufe ich auf dem beschriebenen Jakobsweg. Allerdings brauche ich für diese 10 km über drei Stunden, da der Weg steinig und ein stetiges kräfteraubendes Auf und Ab in den Bergen ist. Danach wechsle ich ins Tal auf einen wunderschönen Radweg, der auf einer alten Eisenbahnstrecke angelegt wurde.
Die Touristeninformation in Buxy vermittelt mir ein Zimmer bei einer Frau, die mit Antiquitäten (und Trödel) handelt. Auch mein Zimmer ist vollgestopft mit Altertümchen, aber es hat trotzdem Stil. Neben mir ist noch ein Ehepaar aus London da, das hier eine Radtour macht, sowie ein junges französisches Paar, das in den Flitterwochen ein Stückchen Jakobsweg läuft. Wir essen abends alle zusammen bei flackerndem Kamin, es ist ein schöner Abend.
Mittwoch, 19. Mai 2010
Buxy – Taizé (28 km)
Der Himmel ist strahlend blau, wenigstens am Anfang, später kommen ein paar Wolken dazu, zum Laufen ist es herrlich. Wieder gibt es zwei Möglichkeiten zu Gehen. Ein Weg verläuft oberhalb der Weinfelder, am bzw. im Wald. Dieser Weg ist ausgesprochen schön, aber anstrengend. Die Alternative ist ein schnurgerader Fahrradweg, für Radfahrer und Skater ein Traum, für Wanderer etwas eintönig, aber man schafft Kilometer. Ich wechsle zweimal zwischen diesen Möglichkeiten und erreiche am Nachmittag Taizé.
Die Communauté von Taizé geht zurück auf Frére Roger, der sich 1940 in dem fast ausgestorbenen Dorf Taizé niederließ, um die Christen untereinander und mit anderen Religionen zu versöhnen. In und nach dem Krieg kümmerte er sich um jüdische Flüchtlinge und deutsche Kriegsgefangene. Seit 1957 ist es ein Treffpunkt für junge Leute (wie mich) aus allen Nationen.
Es ist eine schöne Stimmung hier. Es sind überwiegend Schulklassen hier, die in Gruppen zusammen sitzen, diskutieren und singen.
Am späten Nachmittag sitze ich an einem Teich in einer riesigen Parkanlage, die zur Meditation einlädt. Lauter als die innere Stimme ist das Quaken der Frösche.
Das Abendessen ist spartanisch, Kartoffelbrei mit einem Würstchen, so groß wie mein kleiner Finger. Die Abendmesse ist beeindruckend, bei den Chorälen, gesungen in vielen Sprachen der Welt bekomme ich Gänsehaut.
Ich habe mich in der Anlage einquartiert und teile ein Zimmer mit Johannes aus Stuttgart und drei Iren. Mein Entschluss mal wieder in einer herbergsähnlichen Einrichtung zu schlafen, belohnen meine Zimmerkollegen mit lautem Schnarchen. Obwohl ich weiß, dass ich Ohropax-untaugliche Ohren habe, versuche ich es immer wieder; ich knete die Dinger weich und stopfe sie so weit in die Gehörgänge, dass ich denke, dass sie jetzt nur noch operativ entfernt werden können. Dann merke ich, wie sie sich aufblasen und aufs Trommelfell drücken, danach macht es links und rechts „Blop“ und sie schießen mir wieder aus den Ohren raus.
Auch diese Nacht geht vorbei, aber morgen suche ich mir wieder ein Einzelzimmer.
Donnerstag, 20. Mai 2010
Taizé – Cluny (13 km)
Natürlich nehme ich auch noch an der Frühmesse teil. Es gibt keine Bänke oder Stühle, sondern man kniet oder sitzt im Schneidersitz auf dem Boden. Da ich beides nicht länger als zwei Minuten aushalte, helfen auch die schönsten Choräle nicht. Die Kirche ist mit ca. 600 -hauptsächlich jungen- Leuten gut gefüllt. Ein Betreuer sagt mir, dass ich Glück habe, es so ruhig zu erleben, denn in der nächsten Woche (in Deutschland gibt es Pfingstferien) liegen über 5000(!) Anmeldungen vor. Ein Bett hätte ich dann nicht mehr bekommen.
Das Frühstück ist noch schlechter als das Abendessen. Ich nehme noch an einer interessanten Einführungsveranstaltung über das Entstehen der Einrichtung teil, dann packe ich meinen Rucksack, um in das 14 km entfernte Cluny zu wandern.
Cluny ist eine wirklich schöne, mittelalterliche Stadt, entstanden im 10./11. Jh. um die Abtei von Cluny, die einmal die bedeutendste Europas war. Die Überreste sind heute noch zu besichtigen. Spielte Cluny nicht auch bei „Die Säulen der Erde“ eine entscheidende Rolle? Wenn ich heim komme, muss ich meine Geschichts- und Literaturkenntnisse mal wieder ein wenig auffrischen. Schade, dass ich das nicht vorher gemacht habe. Am Nachmittag checke ich meine E-Mails und erfahre, dass Gerdas Mutter, meine Schwiegermutter verstorben ist. Meine erste Reaktion ist natürlich Trauer, aber auch Erleichterung, dass sie es geschafft hat, denn am Ende war ihr Leben eigentlich nicht mehr lebenswert. „Wenn Du einen Menschen verlierst, verlierst Du auch immer ein Stück von Dir selbst“, hat mir mal ein früherer Chef gesagt, als mein Vater verstorben war. Ich weiß nicht, warum mir dieser Spruch gerade heute wieder in den Sinn kommt, aber es ist so, schließlich war sie fast 50 Jahre auch Teil meines Lebens. Ich bin gerade dabei mir Bus-, Zug- und Flugpläne zu besorgen, um heimzufahren, als ich Patrick treffe. Patrick ist einer der drei Iren, die mich heute Nacht zugeschnarcht haben. Patrick und ich trinken ein Bier zusammen. Er ist ein tief religiöser Mensch (was sein Äußeres nicht vermuten lässt), der einmal im Jahr für eine Woche zusammen mit Freunden nach Taizé fährt, um hier zu helfen. Natürlich erzähle ich ihm vom Tod meiner Schwiegermutter. „Dann freue dich doch“, sagt er, „sei dankbar, dass sie es geschafft hat. Sie wird Dir jetzt von oben zulächeln und Deinen Weg begleiten.“ Ich telefoniere mit Gerda, auch sie rät mir, meinen Weg fortzusetzen.
Ob es die richtige oder falsche Entscheidung ist, weiß ich im Moment nicht, aber ich werde morgen früh meinen Rucksack packen und weiter wandern.
Freitag, 21. Mai 2010
Cluny – Tramayes (20 km)
Eine relativ kurze, aber anstrengende Etappe. Cluny liegt auf 250 m Höhe, es folgen viele Auf und Abs, dann geht es rauf auf 600 m, dann wieder runter auf fast 400 m. Um den nächsten Ort zu erreichen, müsste ich noch einen Buckel von 700 m überwinden, dazu habe ich heute keine Lust. Die Kraxelei wird belohnt mit herrlichen Ausblicken, das Wetter ist optimal. Im Moment sitze ich in einem Straßencafe in Tramayes und in der Sonne ist es schon fast zu
Samstag, 22. Mai 2010
Tramayes – Ranchal (36 km)
450 m – 700 m – 400 m – 1000 m – 600 m – 800 m
Das war im Groben das Höhenprofil heute, dazu blauer Himmel und Temperaturen um die 25° C. Ein sehr schöner Wandertag in einer tollen Landschaft, aber es ist natürlich sehr anstrengend.
Entsprechend müde komme ich an meinem Ziel, Les Echarmeaux, an, um zu hören, dass in dem Hotel alle Zimmer belegt sind. Der Besitzer tut alles, um mir zu helfen, telefoniert und recherchiert im Internet. Schließlich wird er fündig und zwei Franzosen fahren mich auch noch in den ca. 8 km entfernten Ort Ranchal.
Es ist Pfingsten, Superwetter, und die Franzosen machen selber Kurzurlaub. Das Hotel ist schön und preiswert und ich beschließe, einen Tag Pause einzulegen und erst Pfingstmontag weiter zu laufen.
Sonntag, 23. Mai 2010
Ranchal (Pause)
Der Ort besteht aus ein paar Häusern, einem Tante-Emma-Laden und einer riesigen Kirche, deren Glocken schon um 06:00 Uhr loslegen.
Warum hat eigentlich jeder Ort mit mehr als 5 Häusern eine so gewaltige Kirche? Selbst wenn alle Einwohner zur gleichen Zeit in die Kirche gingen, wäre sie nicht mal zu 10 Prozent gefüllt. Aber vielleicht träumt jede Ortschaft davon, mal Bischofssitz zu werden?
Montag, 24. Mai 2010
Ranchal – Charlieu (31 km)
Ranchal liegt nicht auf dem Jakobsweg. Um wieder dort hin zu kommen peile ich Le Cergne an, der Ort liegt auf dem Weg. Bis ich dort ankomme sind ganz viele Höhenmeter zu überwinden und die Sonne scheint gnadenlos. Habe ich nicht erst vor ein paar Tagen über die Kälte gemault? Wie dem auch sei, als ich Le Cergne nach 14 km erreiche, bin ich völlig erschöpft. Ich sitze in einer Bar und kämpfe mit mir, ob ich für heute aufhören soll oder nicht.
Ich gehe weiter, doch der Abstand zwischen den Pausen wird immer kürzer. Das einzige Hotel der Stadt hat eigentlich geschlossen, doch die Besitzerin(?) erklärt sich bereit, mir ein Zimmer zu geben. Die Geschäfte und Restaurants in der Stadt sind alle geschlossen (Pfingstmontag). Nur in einem Döner-Laden finde ich noch etwas zu essen.
Auch für morgen sind Temperaturen von über 30° C angesagt. Da werde ich meine Planung einer 30 km – Wanderung wohl aufgeben müssen.
Paradox: jetzt, wo es so heiß ist, habe ich zum ersten Mal über Nacht meine Wäsche nicht trocken bekommen. Als es kalt war, habe ich sie über oder neben der Heizung aufgehängt. Heute Nacht habe ich sie ins Freie gehängt und sie ist noch genauso feucht wie vorher.
Dienstag, 25. Mai 2010
Charlieu – St.-Haon-le-Chatel (36 km)
Ein wunderschöner Wandertag. Es ist zwar immer noch heiß, aber die Steigungen sind nicht mehr so extrem wie am Vortag. In Benisson-Dieu esse ich zu Mittag, um dann den geplanten Rest bis St.-Romain-la-Motte fortzusetzen, dann käme ich auf 29 km.
Dort angekommen schaue ich noch einmal in meinem Reiseführer nach, wo die Unterkunft liegt, die ich mir ausgesucht hatte. Sie liegt völlig abseits des Weges, 5 km entfernt, das hatte ich übersehen. Ein französischer Autofahrer sieht mich wohl etwas ratlos in der Gegend herumstehen. Es stellt sich heraus, dass er selber Pilger ist. Also fährt er erst mal mit mir in sein Haus, dann setzt er sich ans Telefon und findet Platz in einer Herberge in St.-Haon-le-Châtel. Der Ort hätte morgen sowieso auf meinem Weg gelegen. Da es dort nichts mehr zum Essen gibt, versorgt er mich auch noch mit Brot, Schinken, Käse, Tomaten und Obst.
Er würde mich ja auch gerne hinfahren, aber das würde meine Pilgerehre sicher nicht zulassen, dass ich ein Stück des Weges mit dem Auto fahre. Nach 29 km in der Hitze hatte ich nicht mehr viel Pilgerehre, aber ich traue mich nicht, es zuzugeben.
Also packe ich meinen Rucksack und laufe noch einmal 7 km. Dort angekommen, lerne ich ein deutsches Paar, Margot und Gerd, kennen, das den Weg nach Santiago in Etappen jeweils in den Pfingstferien läuft.
Mittwoch, 26. Mai 2010
St.-Haon-le-Châtel –
St.Jean-St.-Maurice-sur-Loire (22 km)
Die Tour von gestern steckt mir noch in den Knochen. Obwohl die Gegend gemäßigt hügelig und die Sonne teilweise durch dicke schwarze Wolken bedeckt ist, fällt mir das Laufen heute schwer. Unterwegs werde ich noch von einem Gewitterschauer überrascht und warte unter einem Vordach, bis das Schlimmste vorbei ist. Im Ort gibt es zwei Hotels, das eine hat heute geschlossen, das andere ist ausgebucht, aber es hat eine neue Pilgerherberge aufgemacht. Ich teile mir ein Zimmer mit einem französischen Ehepaar, die für ein paar Tage auf Wanderschaft sind. Draußen haben sich die Gewitterschauer in einen Dauer-Landregen verändert. Hoffentlich ändert sich das noch bis Morgen. Der Ort mit Burg und uralten Gässchen liegt traumhaft schön an der Loire, aber ich konnte bisher noch nicht viel sehen.
Donnerstag, 27. Mai 2010
St.-Jean-St.-Maurice-sur-Loire –
St-Germain-Laval (25 km)
Ich gucke mir morgens noch das Städtchen an, das eine wunderschöne Lage an der Loire hat. Die Wanderung ist schön, es geht teils an der Loire, teils an Zuflüssen der Loire entlang. Die Übernachtungssituation wird immer ungemütlicher. Vorgesehen hatte ich eine Übernachtung in Amions, erhielt aber vorher schon die Nachricht, dass die dortige (einzige) Übernachtungs-möglichkeit nicht mehr existiert. Also laufe ich gleich weiter bis Pommiers. In meinem Reiseführer sind drei Möglichkeiten angegeben. Es stellt sich heraus, dass zwei dieser Möglichkeiten auch schon nicht mehr existieren und die dritte Unterkunft ausgebucht ist (sie hat nur 2 Betten). Im Touristenbüro weiß man auch keinen Rat. In St-Germain-Laval, das 5 km abseits der Route liegt, soll es ein Hotel geben, aber telefonisch ist keiner zu erreiche. Was bleibt mir übrig? Ich laufe hin. Dort hängt ein Schild, dass das Hotel-Restaurant erst wieder um 18:00 Uhr geöffnet wird. Ob sie ein Zimmer frei haben, weiß ich immer noch nicht. Um es kurz zu machen, um 17:00 Uhr habe ich mein Zimmer, nicht schön, aber ich habe eine Dusche und ein Bett. Das schönste an dem Ort ist sein Name. Jetzt hoffe ich, dass ich wenigstens noch etwas Gescheites zum Abendessen bekomme…
Freitag, 28. Mai 2010
St-Germain-Laval – Montbrison (33 km)
Wieder laufe ich wesentlich weiter als ich eigentlich vor habe. Das liegt erneut an der Situation der Unterkünfte. Auf der Strecke sind einfach zu wenig vorhanden. In der leicht hügeligen Gegend macht das Laufen zwar Spaß, aber bei den großen Entfernungen quäle ich mich zum Schluss doch ganz gewaltig.
Montbrison hat eine sehr schöne Altstadt und liegt vor einer gewaltigen Bergkulisse, die ich morgen/übermorgen bezwingen muss. Das Wetter weiß im Moment nicht so richtig, was es will. Es ist warm, aber meist hängen dunkle Wolken am Himmel und ab und zu regnet es ein wenig.
Samstag, 29. Mai 2010
Montbrison – Marols (24 km)
Das ist bisher eine der schönsten Wanderungen. Von Montbrison aus geht es stetig aufwärts mit gewaltigen Fernblicken, obwohl die Luft ein wenig diesig ist. Bei klarem Wetter soll man die Schweizer Alpen sehen können. Inzwischen tragen die ersten Kirschbäume Früchte. Jetzt habe ich während meiner Wanderung Kirschbäume erlebt, die gerade anfingen auszutreiben, solche in Blüte und jetzt mit saftig roten Früchten. Ich denke, so gefallen sie mir am besten. Zwei Kilo werde ich wohl im Vorbeigehen genascht haben (das ist Mundraub!).
Ich versuche in Montarcher, wo ich übernachten möchte, anzurufen. Die Verbindung ist schlecht, aber ich verstehe so viel, dass kein Bett mehr frei ist. Wieder weiche ich vom Jakobsweg ab und versuche mein Glück in Marols. Von den drei im Reiseführer angegebenen Möglichkeiten gibt es zwar nur noch eine, aber die ist wunderschön. Das Dorf Marols hat einen ganz eigenen Charakter. Zwar gibt es auch hier eine Kirche, einen Friedhof und ein paar Häuser, aber alles, jedes Haus, jedes Sträßchen ist frisch renoviert, sauber, einheitlich, wie aus einem Guss. Ich kann mir das nur so vorstellen, dass irgendein reicher Sponsor seinem Heimatdorf ein paar Millionen hinterlassen hat. Leider reichen meine Französischkenntnisse nicht, um das zu hinterfragen und Englisch kann hier keiner.
Ich esse (und trinke) außerordentlich gut hier. Interessanterweise wird mir hier als Pilger erst gar nicht die normale Speisekarte vorgelegt, sondern man schlägt mir gleich ein preiswertes und sehr gutes Pilgermenü vor.
Heute hat sich mein Fotoapparat gemeldet, dass die Batterien nicht mehr zu 100 Prozent geladen sind. Nach 6 Wochen und mehr als 1000 Aufnahmen, brauchte ich die Batterien noch nicht einmal nachladen, und das bei motorisch herausfahrbarem Objektiv. Mein Handy muss ich mindestens jeden zweiten Tag nachladen.
Sonntag, 30. Mai 2010
Marols – Ussons-en-Forez (20 km)
Es regnet in Strömen, dann schaut kurz die Sonne heraus, um vom nächsten Regenguss abgelöst zu werden. Was tun? Zeitlich könnte ich es mir erlauben, hier einen Tag abzuwettern. Aber was macht man in einem Dorf mit 50 Einwohnern? Die meisten kenne ich schon. Zu Lesen habe ich nichts. Ich mache mich regenfest und wandere los und …es macht Spaß. Zuerst geht es noch einmal von 800 m auf 1200 m, da kommt man ins Schnaufen. Als Belohnung erreiche ich ganz oben das Dorf Montarcher, von dem man einen phantastischen Rundblick genießen kann. Überall jagen Regenwolken durch die Landschaft, andere Stellen werden gerade von der Sonne beschienen. Für einen kurzen Moment kann ich das über 200 km weit entfernte Mont-Blanc-Massiv ganz deutlich in der Sonne sehen, dann wird es wieder von Wolkenschleiern verschluckt. Noch eine kurze Besichtigung einer kleinen Kirche aus dem 12.Jh., dann geht es weiter, diesmal teilweise ziemlich steil bergab über nasse verschlammte Wege. Ich weiche auf kleine Landstraßen aus.
In Usson-en-Forez will ich eigentlich nur Mittag essen, denn die Geschäfte haben alle zu und ob ich abends irgendwo etwas Essbares bekomme, weiss ich nicht.
Das einzige Restaurant ist rappelvoll und wegen „Muttertag“ für den öffentlichen Betrieb geschlossen. Der Besitzer hat aber Mitleid mit einem hungrigen Pilger, ich solle mich in die Bar setzen und sobald er Zeit finde, würde er mir etwas kochen. Nach weiteren zwei Stunden fand er Zeit und hatte auch noch ein Zimmer für mich.
Montag, 31. Mai 2010
Ussons-en-Forez – St.-Georges-Lagricol (14 km)
…nach aktuellem Wetterbericht gibt es heute Sonne mit ein paar Wolken, aber es ist trocken. Nur, das Wetter hat keinen Wetterbericht geguckt, denn es ist dunkelgrau und regnet in Strömen. Ich habe mich gerade nach dem Frühstück entschieden, noch einen Tag hier zu bleiben, da sagt mir der Chef des Hauses, dass das nicht geht, da sie für ein paar Tage zu machen.
Also muss ich gleich los, ich will nicht…
Ich hatte mit ihm vereinbart, dass ich spätestens um 10:00 Uhr weg bin. Als ich starte. regnet es gerade ein bisschen weniger und ich schöpfe Hoffnung, da kommt der nächste Guss. Zum Glück hat die Bar des Ortes schon auf. Also hocke ich in der Bar und warte auf ein Wunder. Um 12:30 Uhr gibt es hier etwas zu Essen, das nehme ich auch noch mit. Mein Tischnachbar erzählt mir von einer Herberge, die zwar nicht direkt auf dem Weg, aber nur 14 km entfernt ist. Und nach dem Nachtisch ist der Regen weg und der Himmel blau, so dass ich mich schließlich um 14:00 Uhr endlich auf die Beine mache. Die Etappe ist zwar kurz, die Wege sehr nass, aber ansonsten ist es wunderschön. Die Herberge ist groß und ich habe ein Zimmer für mich, und alle Pilger, die ich in der letzten Woche getroffen hatte (ein französisches und ein deutsches Paar) treffen auch noch ein.
Meine Wäsche hängt auf der Leine, ich bin sauber und trocken, im Lebensmittelladen gibt es Obst, Brot, Käse und Wein. Was brauche ich mehr.
Dienstag, 1. Juni 2010
St.-Georges-Lagricol – Saint Paulien (25 km)
Die Sonne weckt mich kurz vor 07:00 Uhr. Frühstück in einer kleinen Bar und um 07:30 Uhr bin ich schon auf dem Weg. Die ganze Strecke Natur pur, es geht über schöne weiche Waldwege, manchmal kreuzt der Weg ein Asphaltsträßchen, aber auf dem ganzen Weg gibt es keine Ortschaft mit mehr als fünf Häusern. Ich befinde mich immer noch auf einer Höhe von 800-900m und obwohl die Sonne scheint, ist es relativ kühl (gestartet bin ich bei 5° C).
Mir wird bewusst, dass dies meine vorletzte Etappe ist. Morgen werde ich mein Ziel, Le-Puy-en-Velay, erreichen. Umso mehr genieße ich die Landschaft, die Natur und das Laufen und trödele vor mich hin. Wie (fast) immer trifft man unterwegs keinen Menschen.
Saint Paulien, das heutige Ziel, erreiche ich gegen 14:30 Uhr, quartiere mich im dortigen Hotel ein und schlafe erst mal ein Stündchen. Etwas später tauchen auch noch die Mitpilger der letzten Tage (das französische und deutsche Paar) auf und wir essen noch gemeinsam im Hotel zu Abend.
Nahe von Paulien gibt es das „Chateau de la Rochelambert“, eine im 13. Jh. zur Kontrolle der Route der Jakobspilger gebaute Burg, die heute noch sehr gut erhalten ist, aber ich bin zu faul, dort hin zu laufen. Es gäbe noch so viel Interessantes am Wegesrand, dass man sich nicht anschaut.
Mittwoch, 2. Juni 2010
Saint Paulien – Le-Puy-en-Velay (15 km)
Als ich zur letzten Etappe aufwache, regnet es mal wieder in Strömen, aber zwischen den pechschwarzen Wolken gibt es auch Lücken, so dass ich ganz optimistisch aufstehe und als ich mich auf den Weg mache, scheint die Sonne.
Noch einmal eine schöne hügelige Landschaft mit phantastischen Fernblicken. Dann liegt Le Puy vor mir, die Stadt, auf die ich 6 1/2 Wochen zugelaufen bin. Der erste Weg führt mich in die Kathedrale, die hoch oben liegt und nur über eine sehr steile Straße und dann noch mal viele Treppen zu erreichen ist. Sie soll das eigentliche Ziel dieses Pilgerweges sein und gleichzeitig Ausgangspunkt für den weiteren Weg nach Santiago de Compostela. Für mich war nicht die Kathedrale das Ziel, sondern der Weg, insofern berührt es mich auch nicht besonders, als ich sie betrete. Andere Kirchen und Kapellen auf dem Weg haben mich mehr angesprochen.
Le Puy ist ein wichtiger Knotenpunkt für einige Jakobswege, vor allem aber Ausgangspunkt für viele Pilger. So sieht man in der Stadt relativ viele Pilger, denen man ansieht, dass sie am Start einer langen Reise sind. Die Kleidung sieht noch aus, als wären sie gerade bei Globetrotter frisch eingekleidet worden, die Schuhe sind noch geputzt und viele Rucksäcke viel zu schwer. Aber diese Erfahrung muss wohl jeder für sich machen.
Morgen früh um 07:00 Uhr ist eine Pilgermesse in der Kathedrale, ich werde hingehen…
Donnerstag, 3. Juni 2010
Le-Puy-en-Velay
Morgens um 07:00 Uhr bin ich zur Pilgermesse in der Kathedrale. Monika und Gerd, das deutsche Paar, mit denen ich in den letzten Tagen häufiger zusammen war, sind auch erschienen. Sie sind zwei Wochen gelaufen und müssen heute irgendwie nach Charlieu zurück, weil dort ihr Auto steht. Die Messe ist endlos, der Priester scheint noch nicht ausgeschlafen. Von den anwesenden ca. 80 Pilgern sind nur wir drei „angekommen“, für alle anderen ist Le Puy Ausgangsort ihrer Pilgerreise. Da ist es wieder, dieses internatonale Flair, das man auf dem Camino Francés erlebt. Neben europäischen Pilgern aus allen Ländern, Pilger aus Südamerika, USA, Japan und Korea.
Auf der einen Seite beneide ich sie, dass sie jetzt loslaufen dürfen, auf der anderen Seite überlege ich, dass vielleicht 1/3 aller Pilger, die heute von Le Puy loslaufen, in der Kathedrale sitzen. Das würde bedeuten, dass sich jeden Tag mehr als 200 Pilger von hier aus auf den Weg machen. Wie mag es da in den Hotels und Herbergen aussehen?
Der Tag ist strahlend schön. Da ich wieder in der Zivilisation angekommen bin, gehe ich erst mal zum Frisör, dann kommt der kulturelle Teil, ein Besuch der Saint-Michel d’Aiguilhe, einer Kirche aus dem 10.Jh., die mitten in der Stadt auf einer Felsspitze erbaut wurde. Hätte ich gewusst, dass der Aufstieg Schwindelfreiheit voraussetzt, wäre ich nicht hinaufgestiegen. Das Panorama, das sich dem Besucher bietet, ist phantastisch. Von den geheimen Schwingungen, die man oben empfangen und die einen in einen Trancezustand versetzen soll (was auch im Gästebuch -zigfach bestätigt wird), spüre ich nichts. Was ich empfange sind schlichte Hungergefühle.
In einem in der Nähe liegenden Restaurant esse ich sensationell gut und preiswert, so hält sich alles in der Waage, gestern Abend war’s sensationell schlecht und teuer.
Danach schlafe ich erst mal eine Runde und dann…, na ja, irgendwann muss ich mir mal eingestehen, dass ich am Ende dieser Reise bin.
Morgen werde ich nach Lyon fahren (ich weiß noch gar nicht wie…), denn übermorgen startet um 07:20 Uhr der Flieger nach Düsseldorf.
Freitag, 4. Juni 2010
Le-Puy-en-Velay – Lyon
Um 08:39 Uhr geht mein Zug nach Lyon. Auf der Fahrt schwatze ich mit einer Pilgerin aus Österreich, die in Salzburg gestartet war. In Etienne müssen wir umsteigen. Obwohl wir beide nach Lyon müssen, hat jeder einen anderen Anschlusszug und wir kommen noch nicht einmal dazu, uns zu verabschieden.
11:08 Uhr treffe ich am Bahnhof von Lyon ein und nehme die U-Bahn, um ins Zentrum zu gelangen. Ich versuche die Touristen-Information zu finden, laufe den Hinweisschildern nach, die mich im Kreis führen, aber die Information ist nirgends zu entdecken. Etwas lustlos laufe ich durch die sicherlich schöne Stadt, aber die Luft ist raus, ich habe keine Lust mehr, mir noch etwas anzusehen.
Nachdem ich etwas gegessen habe, beschließe ich, mit der U-Bahn zurück zum Bahnhof zu fahren, um von da aus mein vorgebuchtes Hotel am Flughafen aufzusuchen. Als ich mir ein Ticket für den Bus zum Flughafen kaufen will, merke ich dass mein Portemonnaie samt Kreditkarte und Personalausweis weg ist. Es ist mir ein Rätsel, wie es passieren konnte, aber ich gehe davon aus, dass man mir es in der U-Bahn gestohlen hat.
Ich finde es immer schwierig ein Fazit zu ziehen. Was ich weiß, ist, dass ich froh bin, die Wanderung gemacht zu haben. Wenn ich in diesem Bericht vielleicht auch viel geknascht habe, es ist zu kalt, es ist zu heiß, es ist zu nass…, ich habe nicht eine Sekunde bereut, losgelaufen zu sein. Rund 1200 km liegen hinter mir. Obwohl ich mich auf zu Hause freue, die restlichen 1600 km würde ich auch noch gerne laufen…, aber dann müsste ich mir ein Paar neue Schuhe kaufen, denn sie sind restlos abgelaufen.