2017 Portugal Süd

Bilder       Etappen

Mein Weg beginnt im Süden der Algarve an der spanischen Grenze und folgt der Ecovia do Litoral, einem Rad- und Wanderweg, der bis zum Südwestzipfel Portugals, dem „Cabo de São Vicente“ führt.
Danach beginnt die
Rote Vicentina, das ist ein ausgeschriebener Weg an der Westküste, der in Santiago do Cacem endet. Von dort aus möchte ich weiter bis nach Lissabon laufen.

 

03.05.2017
Vila Real de Santo Antonio

Um 12:00 Uhr sitze ich im Flieger nach Faro. Bei traumhaft schönem Wetter kreuzt er in Nordspanien den Küstenweg, den ich vor 10 Jahren gelaufen bin und ich meine, die Wilma von oben zu sehen, die im Moment gerade auf diesem Weg unterwegs ist. Wir fliegen ein Stück den Camino Francés entlang und kreuzen die Via de la Plata. Ich stelle mir vor, wie viele Pilger sich da unten gerade quälen oder glücklich vor sich hin schnurren, weil das Pilgerdasein so schön ist.
Mit dem Bus und der Eisenbahn fahre ich von Faro aus zurück zur spanischen Grenze, da ich morgen meine Wanderung von Vila Real de Santo Antonio  aus starten will.

 

04.05.2017
Vila Real de Santo Antonio – Manta Rota

Morgens bekomme ich einen Bon fürs Frühstück in die Hand gedrückt, das ich in einer benachbarten Bar bekommen soll.  Zu meiner Überraschung erwartet mich ein umfangreiches Buffet.

Den Weg möchte ich von Spanien aus starten. Dazu muss ich mit der Fähre einmal über den Ayamonte hin- und zurückfahren, aber so viel Zeit muss sein. Der an der Algarve entlang führende „Ecovia do Litoral“ ist ein Fahrrad- und Wanderweg, der überwiegend auf kleinen Wegen und Straßen entlang führen soll. Heute führt er durch Kiefernwälder in Strandnähe.

Die Sonne ist gnädig und verbirgt sich hinter einer dicken Wolkenschicht. Es ist auch so warm genug. Am Zielort angekommen möchte ich erst mal zum Strand.  Die Strandlokale sind noch alle zu, dazu ist es so windig, dass mir der Sand an die Beine gepeitscht wird.

 

05.05.2017
Manta Rota – Tavira

Ich starte um 09:15 Uhr  nach einem guten Frühstück. Über dem Meer ist der Himmel blau, aber über dem Land ballen sich dicke schwarze Wolken. Dazwischen pfeift der Wind so stark, dass die Radfahrer, die ihm entgegen fahren, keine Chance haben.

Fast laufe ich an dem Ort „Cacela Velha“ vorbei, einem hübschen kleinen Dorf, das sich auf jeden Fall lohnt anzusehen. Es liegt hoch oben über dem Meer und scheint bisher von Touristen verschont geblieben zu sein. 

Zwei Pilger kommen mir entgegen, die von Faro kommend zur „Via Lusitana“ wollen, einem Weg der in Ostportugal von Vila Real de Santo Antonio nach Ourense (Spanien) führt.

Tavira ist eine malerische Stadt, die schon zu dieser Jahreszeit von Touristen überlaufen ist.  Kaum habe ich in meinem vorgebuchten Hotel eingecheckt, tobt draußen ein gewaltiges Gewitter.

Abends gehe ich lecker essen und schwatze ein wenig mit einem (holländischen) Ehepaar.

06.05.2017
Tavira – Olhão

Der Weg führt durch ein Naturschutzgebiet. Dem Meer vorgelagert ist ein breiter Streifen mit Seen, Tümpeln, Wasservögeln und allem möglichen Getier.  

Eigentlich kann man sich nicht verlaufen. Ich schaffe es aber trotzdem. Olhão schon vor Augen, endet der Weg auf einmal im Nichts, die Beschilderung ist weg und mein Smartphone zeigt mir einen Weg wo keiner ist. 

Ich kehre um, bis ich wieder auf Besiedlung treffe und frage mich durch. Ich brauche nur den Weg neben den Eisenbahnschienen laufen, dann sei ich in einer Stunde in Olhão. 

Die Stadt kommt erneut näher, aber plötzlich gehen die Eisenbahnschienen über einen Fluss. Entweder kann man durch den Fluss waten (Tiefe und Inhalt unbekannt) oder über die Schienen von Schwelle zu Schwelle (mit freiem Blick ins Wasser) laufen. Ein mir entgegenkommender Radfahrer tut dies und trägt dabei noch sein Fahrrad. Aber ich mit meiner Höhenangst mache drei Anläufe und komme über die erste Schwelle nicht hinaus. 

Also kehre ich erneut um und laufe in weitem Bogen über eine hässliche Schnellstraße nach  Olhão. Die letzten 4 km haben mich mehr als 3 Stunden und viel Schweiß gekostet. 

Der Hafenbereich und die Altstadt von Olhão ist schön. Es sind einige Inseln vorgelagert, die man, wie man mir im Hotel beim Einchecken rät, unbedingt besuchen sollte. Vor fast 40 Jahren haben wir das mit der Familie Paulo gemacht, um dort an einem wirklich schönen Strand zu baden, aber heute muss das nicht sein.

Gegen Nachmittag stelle ich fest, dass ich auf meinen Armen einen Sonnenbrand habe.  So etwas kenne ich sonst nicht, aber die Sonne ist kräftig, aber durch den stetigen Wind merkt man es nicht. Da ich kein Geschäft finde, in dem es Sonnencreme zu kaufen gibt, versuche ich es in einer Apotheke. Als die Verkäuferin mir den Preis sagt, kann ich nur lachen. Ich mache ihr klar, dass ich nicht die Apotheke kaufen wollte.

Abends gehe ich gerade um die Ecke in ein schlichtes Restaurant. Es ist voll  von Einheimischen. Die Rechnung über ein gegrilltes Hähnchen mit Pommes, einen großen Salatteller, ein Bier und ein Kaffee (incl. einer charmanten Wirtin) beträgt 6,80 €.

07.05.2017
Olhão – Faro

Die GPS-Daten, die ich mir von der offiziellen Seite über den Weg heruntergeladen hatte, scheinen total veraltet zu sein.  Ich kann manchmal noch erkennen, wo der Weg früher einmal verlaufen ist, aber plötzlich sind Zugänge versperrt, es ist  ein Neubaugebiet entstanden, usw.

Das führt dazu, dass ich Umwege über die Schnellstraße machen muss und das macht keinen Spaß. Dazu ist es noch sehr heiß und diese Temperaturen machen mir zu schaffen. 

Ich erreiche Faro, dass Gebiet um den Hafen ist ganz nett, aber auch nicht anders als viele andere Hafenstädte. Die Altstadt soll sehenswert sein, aber ich bin zu müde, um sie mir anzuschauen.

08.05.2017
Faro – Quarteira

Wieder ein sonniger und heißer Tag. Der Weg nach Quarteira ist nicht besonders schön, es geht eigentlich nur über Vororte, Industrieansiedlungen und staubige Straßen.  Quarteira ist eine typische Retortenstadt, allerdings mit einem wunderschönen endlosen Sandstrand. An vielen Plätzen hängen uralte Fotos herum, die zeigen, wie der Ort vor der Touristeninvasion einmal ausgesehen hat.  Ich muss gestehen, er war damals auch nicht schöner. Ich esse gut und preiswert. Als ich mein vorgebuchtes Hotel erreiche, ist dort niemand anzutreffen, aber zumindest gibt es einen schattigen Bereich und der WLAN-Code ist so trivial, dass ich ihn sekundenschnell geknackt habe. 

Ich habe diesmal für kleines Geld ein wunderschönes Appartement gebucht. Als ich es mir ansehe, bin ich traurig, dass ich nicht länger hier bleibe.

09.05.2017
Quarteira – Albufeira

Wir waren vor Jahren schon einmal in Albufeira und ich hatte eine sehr dichte Bebauung in Erinnerung. Aber die Wirklichkeit übertrifft meine Erinnerung bei weitem. Die Hotel- und Appartementklötze schieben sich bis zu 5 km ins Landesinnere und es sind Geisterstädte, in denen fast niemand wohnt und lebt. 

Ich habe ein Hotel mitten in der Altstadt von Albufeira gebucht, die Wahl war gut, alles ist ordentlich, sauber, perfekt, aber man ist mitten in der überschäumenden Partymeile. Das ist nicht meine Welt. Ballermann hoch 5. 

Als ich die Unterkunft erreiche, ist niemand anwesend.  Ich rufe die Kontaktadresse an, der Eigentümer sitzt in Paris und gibt mir von dort die Informationen, was ich tun muss, um in das Haus zu gelangen. Zumindest hat man den Strand (über Rolltreppen und Aufzüge zu erreichen) und das Meer nicht auch noch verschandeln können. Der Strand ist wirklich schön.

Irgendwie macht mich diese Entwicklung nur traurig.  Wie haben die Menschen (wir) es geschafft innerhalb einer Generation wunderschöne Küstengebiete so zu verschandeln. 

Vor meinem Hotelfenster tobt der Bär und ich frage mich, ob ich in dieser Nacht überhaupt Schlaf finden werde.  

Nachtrag: gegen 04:00 Uhr morgens wurde es etwas ruhiger. Was machen die Menschen, die hier leben?

10.05.2017
Albufeira – Armação de Pêra

Ich freue mich, Albufeira verlassen zu können. Im Hotel gibt es kein Frühstück, was normalerweise kein Problem ist, denn es gibt überall Cafés oder Bars, in denen man etwas bekommt. Aber nicht hier im Zentrum, die fangen nicht unter einem englischen XXL-Frühstück an.

Der Weg ist zu 90% hässlich, Straßen, Hochhaussiedlungen. Mittlerweile glaube ich nicht, dass sich das bis zum Cabo de São Vicente ändern wird, hoffe aber, dass der zweite Teil gen Norden besser wird. 

Armação de Pêra ist mir wesentlich sympathischer, der Ort ist kleiner, ruhiger und der Strand ist ausgesprochen schön. Aber nur zum Anschauen, ich habe keine Lust mehr, mich in den Sand zu legen und Wassertemperaturen von <25° finde ich nur für Eisbären geeignet. 

In Armação de Pêra hatte ich ein kleines Appartement  vorgebucht. Um mein Budget zu schonen, nicht mit Blick aufs Meer, sondern gen Hinterhof. Das Appartement ist OK, für eine Nacht kann ich auch mit diesem Ausblick leben, aber wie kann man so etwas kaufen? 

Die  Immobilienhändler versprechen eine sichere Geldanlage und Millionen sind darauf reingefallen. 

Zwischendurch lese ich auch noch immer den Blog von Wilma, die gerade den Küstenweg in Spanien läuft. Manchmal fehlen mir die Begegnungen mit Mitpilgern. So etwas scheint hier unbekannt und wenn ich mal mit Touristen oder Einheimischen ins Gespräch komme, kann keiner verstehen, dass jemand freiwillig mit den Füßen läuft. Es gibt doch Busse, Autos, Eisenbahnen. 

11.05.2017
Armação de Pêra – Portimão

Der gestrige Tag hörte mit Gewitter auf, der heutige beginnt mit kräftigen Regenschauern. Doch nach dem Frühstück schaut wieder die Sonne hervor und es hat sich zum Glück etwas abgekühlt. Die heutige Wanderung verläuft nicht nur auf asphaltierten Wegen, denn ein paar Kilometer vom Meer weg gibt es auch noch Natur, ich genieße es. 

Mein heutiges Ziel ist Portimão.  Von der Stadt selber bekomme ich nicht viel zu sehen, dafür umso mehr von dem Hafengebiet und den angrenzenden Stränden. 

12.05.2017
Portimão – Lagos

Den ganzen Tag spielt das Wetter verrückt, einmal strahlend blauer Himmel, ein paar Minuten später sind dicke schwarze Wolken am Himmel und es schüttet. Mir ist es gelungen, nicht nass zu werden. 

Heute ist Papst Franziskus in Portugal, in Fatima. Das ist weit weg von hier, nördlich von Lissabon. Ich sehe die Übertragung im Fernsehen. Wir waren vor Jahren mal auf diesem riesigen Platz und ich habe sehr gespaltene Erinnerungen. 

Hier, in Lagos, ist der Papstbesuch kein Thema. Wieder traumhaft schöne Strände, hässliche Hotelstädte und die üblichen Shopping- und Fressmeilen. Von der ursprünglichen Stadt ist auch hier kaum etwas zu sehen.

13.05.2017
Lagos – Salema

Ein perfekter Tag. Nicht zu heiß, nicht zu kühl und es gibt auch noch „Natur“ an der Algarve und ein schöner Wanderweg. Ich bin mal wieder im Lot mit mir und der Welt.

Dann mal wieder eine Region mit Supervillen. In einer Bar unterhalte ich mich mit einem Einheimischen. Man habe ihnen sonst was versprochen, wenn sie dem Bau der Villen (keine billiger als 5 Mio Euro) zustimmen.  Nichts ist eingetreten.  Die Eigentümer sind weniger als 2 Wochen im Jahr anwesend.

Salema ist ein kleiner unspektakulärer Küstenort. Ich gehe um 15:00 Uhr in ein Fischrestaurant, das mir empfohlen wurde.  Es ist wirklich gut.  Danach Wäsche waschen, duschen, Mittagsschlaf…  Um 19:00 Uhr werde ich wach. Mein Rhythmus ist total anders als Zuhause. Vor allem schlafe ich unglaublich viel.

14.05.2017
Salema – Sagres

Gegen 9:00 Uhr starte ich, gegen 09:30 finde ich eine Bank, von der ich einen atemberaubenden Blick aufs Meer habe. Wenn ich nicht irgendwo eine Unterkunft vorgebucht hätte, würde ich vielleicht jetzt noch da sitzen. 

Über kleine, fast unbefahrene Straßen erreiche ich Vila do Bispo und mache meine zweite Pause. In diesem Ort werde ich morgen übernachten.  Eigentlich könnte ich schon jetzt nach Norden abdrehen, aber ich habe es mir in den Kopf gesetzt, dass meine Route über Sagres und Cabo do São Vicente verläuft, also laufe ich noch ein bisschen im Kreis. 

Das Wetter ist optimal, Sonnenschein, ein paar Wolken und etwas Wind, damit man nicht merkt, wie man verbrennt.  Die Straße nach Sagres ist wie mit dem Lineal gemacht. Ich sehe die Stadt vor mir liegen, aber nach Karte sind es noch 10 km und sie kommt und kommt nicht näher. 

In Sagres gibt es ein altes, historisches Fort, das ich mir nicht anschaue, ferner ist es ein Eldorado der Windsurfer aus aller Welt. Aber auch das lässt mich kalt, ich suche etwas zum Essen.  Ein leckerer Fisch, ein Wein… Wäsche waschen, duschen, schlafen…

15.05.2017
Sagres – Cabo de São Vicente

– Vila do Bispo

Nach einem Kaffee in einer Bar (mehr war zum Frühstück nicht zu bekommen), geht es zum Cabo do São Vicente. Der Weg dorthin ist ausgesprochen langweilig und es ist heiß. 

Aber Cabo do São Vicente muss sein, ich war zwar schon mal hier, aber  das heißt nichts, es gibt einfach Kultorte, an denen ich nicht vorbei gehen kann. Es ist der südwestlichste Punkt des europäischen Kontinents. Dort angekommen erlebe ich den üblichen Touristenrummel.

Ich muss auf der gleichen Straße wieder ein Stück zurück ehe „mein Weg“ Richtung Norden beginnt. 

Der Weg startet einsam, sandig und naturbelassen. Auf der einen Seite freue ich mich, endlich mal keinen Asphalt zu haben, auf der anderen Seite schlaucht der Weg. Ich bin, wie so oft, zu schnell gestartet, das geht die ersten zwei Stunden gut, dann werden die notwendigen Pausensequenzen immer größer.

Ich erreiche Vila do Bispo. Von dem Eigentümer des vorgebuchten Appartements hatte ich eine Info bekommen: „Nehmen Sie den Schlüssel aus dem Briefkasten, gehen Sie in den zweiten Stock, belegen sie Zimmer 1“.

Außer mir scheint in der gr0ßen Wohnung niemand da zu sein.  Neben dem Haus ein riesiger LIDL-Supermarkt, aber mir ist es nicht möglich „eine“ Flasche Orangensaft und „einen“ Joghurt  zu kaufen. Zum Trost finde ich ein nettes Restaurant, man kann eben nicht alles haben. Jetzt ist es 20:15 Uhr (hiesiger Zeit), ich bin so müde, dass ich mich kaum auf den Beinen halten kann.  Gute Nacht.

16.05.2017
Vila do Bispo – Carrapateira

…und wenn es nur dieser Tag gewesen wäre, allein für ihn hätte es sich gelohnt nach Portugal zu fahren. Die Landschaft nördlich von Vila do Bispo wird immer schöner, leicht hügelig, menschenleer, auf der einen Seite das Meer, auf der anderen Seite ein Blütenmeer.

Carrapateira scheint von Aussteigern und Wanderern zu leben. Die „Aussteiger“ sind alles Surfer. Mit einem von ihnen unterhalte ich mich lange. Vor zwei Jahren, so erzählt er mir, da hat er sie erwischt, die ultimative Welle, die ihn fast in die Unendlichkeit getragen habe. Das sei der Moment, für den er lebe und er hoffe es wenigstens noch einmal wiederholen zu können. Ich kann es nicht ganz nachvollziehen, aber es gibt schlimmere Ideale.

Das Haus, in dem ich untergekommen bin, wird von einem Ökofreak mit verfilzten Haaren geführt. Es kommt nur Gemüse aus dem eigenen (vergammelten) Garten auf den Tisch und Öko-Gemüse ist halt ein wenig teurer. 

Der Strand ist der absolute Traum. Allerdings muss man vorher durch eine recht breite Dünen- (Wüstenlandschaft) laufen. Als ich dort ankomme, muss ich doch einmal ins Wasser und mit den Wellen kämpfen. Ich habe zwar keine Badehose dabei, aber die Unterhose tut’s auch.

17.05.2017
Carrapateira – Arrifana

Wenn man es geschafft hat, ist man glücklich. Aber heute war es doch ganz schön anstrengend. 24 Kilometer hören sich nicht so viel an. Am Anfang läuft es auch alles problemlos. Leicht hügelige Landschaft, sonniges Wetter mit ein paar gnädigen Wölkchen, perfekt. Nach drei Stunden sehe ich ein Schild „Arrifana 10 km“, das ist das, was ich mir ungefähr ausgerechnet hatte.  Aber als nach vier Stunden ein Schild auftaucht „Arrifana 14 km“, merke ich, dass ich einen Abzweig verpasst habe. Zurückzugehen wäre am Vernünftigsten, aber ich hasse das, versuche über einen Querweg mein Ziel zu erreichen. Dabei ist mir nicht klar, dass der Weg zweimal weit hinab zu einer (wunderschönen) Bucht führt und man anschließend wieder auf sehr steilen Pfaden nach oben muss. 

Irgendwann erreiche ich Arrifana. Diesmal bin ich in einem Einzelzimmer in einer Jugendherberge untergebracht. Vom Komfort und von der Sauberkeit kann sich manches Hotel eine Scheibe abschneiden. 

Nach dem Duschen, Wäsche waschen und dem obligaten Schläfchen muss ich aber auch in diesem Ort noch mal runter an den Strand. Hier versammeln sich wohl die Wellenreiten Europas.

Übrigens sind mir heute etliche Wanderer begegnet, die mir komischerweise alle entgegen kommen, d.h. Richtung Süden laufen. Zumindest gibt das immer Anlass zu einem kurzen Gespräch. 

18.05.2017
Arrifana – Aljezur

Die heute geplante Etappe ist kurz (12 km), deshalb könnte ich doch zumindest ein Stück auf dem viel gepriesenen „Fisherman’s Trail“ laufen, ein Weg, direkt an der Küste, den ich wegen meiner Höhenangst bisher gemieden habe.  Der Anfang ist recht einfach, dann sehe ich  weit unten eine Traumbucht, in der ein Paar herumläuft.  Es führt ein schmaler und (für meine Verhältnisse) nicht einfacher Pfad nach unten.  Mehr auf allen Vieren (den Rucksack habe ich oben gelassen) komme ich unten an. Das Paar entpuppt sich als australisches Ehepaar, das sich seit Monaten darauf freut und vorbereitet hat, aus dieser Bucht wieder nach oben zu gelangen, aber nicht über meinen Pfad, sondern senkrecht an einer Steilwand, die wohl für die Kletterer der Welt das Nonplusultra bedeuten muss. Ohne jegliche Sicherung starten sie, ich kann nicht zusehen und habe genug Mühe über meinen Pfad wieder nach oben zu gelangen. Ich habe es noch nicht mal geschafft, mich nach ihnen umzusehen. 

Auf dem normalen Weg habe ich wieder Natur pur.  Allerdings ist es extrem stürmisch, was bei den Surfern meiner Jugendherberge heute morgen die Glückshormone sprudeln ließ. Ich komme mir heute vor wie ein Weichei.

Ein Hund, eine Schlange und ein Wellblechdach:

Es ist mal wieder so weit, ich höre es bellen und so ein Vierbeiner (mit ganz langen Zähnen) kommt auf mich zugerannt. Ich erstarre zur Salzsäure, nehme keinen Blickkontakt auf (angeblich soll das helfen) und hoffe, dass er meinen Angstschweiß nicht riecht. Es hilft; er schnüffelt ein bisschen an mir herum und reiht mich in die Kategorie „nicht beißenswert“ ein.

Kurz darauf eine Begegnung mit einer Schlange, die sich wohl gestört fühlt und mich etwas unfreundlich anfaucht. Wie verhält man sich? Keine Ahnung. Im Geheimen schlage ich ihr einen Deal vor: „Du beißt mich nicht und ich beiß dich nicht“. Sie lässt sich darauf ein und schlängelt sich weg. 

Die dritte Begegnung ist die mit einem Wellblechdach. Der Sturm hat noch zugenommen, das Dach sich von irgendeiner Hütte gelöst und kommt auf mich zugeflogen. Nun kann ich mit fliegenden Wellblechdächern noch weniger umgehen, als mit Hunden  und Schlangen.  Zum Glück weiche ich auf die richtige Seite aus.

Der Name meines heutigen Zielortes „Aljezur“ hört sich ziemlich arabisch ab.  Meine Vermutung bestätigt sich.  Die Überreste einer Burg, die natürlich weit oben auf einem Hügel steht, stammen aus dem 10. Jh.

19.05.2017
Aljezur – Odeceixe

…und wieder ein wunderschöner Tag zum Laufen. Die Temperatur ist ideal, der Himmel blau, der Wind könnte sich ein wenig zurückhalten. Ich laufe durch eine weitgehend unberührte Küstenlandschaft und staune, dass es so etwas in  Europa überhaupt noch gibt. Am frühen Nachmittag erreiche ich Odeceixe, einen kleinen Ort, der sich zwischen zwei Hügeln versteckt. 

An einem Restaurant hängt ein Schild, dass der Koch eine überregionale Meisterschaft im „Bacalhau à Brás“ Kochen gewonnen hat. Da kann ich nicht Nein sagen. Es ist köstlich. Es gibt überhaupt so viele lecker zubereitete Gerichte, allmählich läuft mir schon die Zeit davon, sie alle zu probieren. 

Meiner Unterkunft ist spartanisch, die Wirtsleute jung, unkompliziert und nett, nur weiß ich nicht, ob das, was auf dem Bett liegt, die Gardine oder ein Handtuch sein soll, ich erkläre es zum Handtuch.

Dann muss ich doch noch einmal zum Strand, er ist 4 km entfernt, d.h. hin und zurück sind es 8 km, aber das muss sein und er entpuppt sich als einer der schönsten Strände, die ich bisher kennengelernt habe. 

20.05.2017
Odeceixe – São Teotónio

Eigentlich ist nichts anders als gestern, die Sonne scheint,  die Landschaft ist schön, nur ich bin völlig außer Form, bin müde und schleppe mich mühsam die Berge rauf und runter.

In Sao Teotonio bietet ein Supermarkt (Intermarché) ein preisgünstiges Menü an, ich bestelle es, doch als ich am Tisch sitze und es sehe, wird mir übel, was wirklich selten vorkommt. Es geht unangetastet zurück. Das passiert, morgen ist ein neuer Tag…

Sao Antonio hätte es verdient zur langweiligsten Stadt Portugals gewählt zu werden. Es gibt zwei Restaurants, eins ist heute geschlossen, dass andere existiert nicht mehr. Das ist mein Glück, denn das treibt mich in eine Tapas-Bar, in die ich sonst nicht reingegangen wäre und wo ich am Abend doch noch richtig leckere kleine Schweinereien esse, z.b. Caracois, dass sind kleine hübsche Schnecken, mit Häuschen ca. 1 cm groß, die kann man genüsslich auslutschen.

21.05.2017
São Teotónio – Odemira

Der Wettergott hat ein Einsehen, es ist bewölkt, das mindert die Temperaturen ein wenig. Dazu ist es auch noch recht stürmisch, sodass die Wanderstöcke oft waagerecht stehen. Es ließe sich eigentlich ganz gut laufen, wenn da nicht so viele Berge den Weg verbauen würden. Ich wusste nicht, dass es auch hier im Alentejo so viele „Schwarze Schweine“ gibt. Sie laufen teil weise frei herum, grunzen einen fröhlich an und  ahnen nichts Böses. 

Odemira ist eine Kleinstadt mit 26000 Einwohnern, natürlich auch mit Überresten der Besiedlung der letzten 3000 Jahre und einem Restaurant, bei dem die „Schwarzen  Schweine“ auf der Speisekarte stehen. Ich muss schon eingestehen, sie schmecken unglaublich gut!

22.05.2017
Odemira – São Luís

Der Weg zwischen Odemira und Sāo Luis ist anstrengend, besonders bei Temperaturen um die 30°C. Ich brauche über 2L Wasser bei einer Strecke von  27 km. Ein paar müde Wanderer kommen mir entgegen, ein kurzes Schwätzchen (woher, wohin?), das ist die Konversation für heute. Aber die Landschaft ist schön. 

Sāo Luís ist ein sehr kleines Dorf, das langsam ausstirbt. Viele Häuser stehen zum Verkauf, wesentlich preiswerter als an der Algarve.

Die einzige Übernachtungsmöglichkeit ist „La Casa da Tia Maria (das Haus von Tante Maria)“. Maria kann wohl nicht mehr allein leben und vermietet ihr Haus an Urlauber. Den Schlüssel hole ich mir beim Nachbarn. Als ich in das Haus eintrete, meint man den Geist von Maria noch zu spüren. Sie muss eine rassige Frau gewesen sein. An der Wand hängen alte Schwarz-Weiß-Fotos, Maria als junges Mädchen, Maria als Flamenco-Tänzerin, Maria und ein Mann, Maria als alte und immer noch schöne Frau.

Das Innere des Hauses ist uralt, aber sehr sauber und gepflegt, doch wenn Maria ihren Garten sehen würde, wäre sie sicher sehr traurig, da verwildert alles.

Die Krönung ist das einzige Restaurant im Dorf, leider ist außer mir nur noch ein französisches Paar da.  Ich habe selten so gut gegessen, aber auch bedauert, dieses Erlebnis nicht teilen zu können.

23.05.2017
São Luís
– Cercal do Alentejo

Da Temperaturen von >30°C angesagt sind, starte ich schon relativ früh. Das ist gut so. Es ist bergig mit einer lockeren Bepflanzung von Korkeichen und vielen Eukalyptusbäumen, leider gibt es nur wenig Schatten, aber die Wanderung ist schön. Da ich früh gestartet bin, komme ich auch schon gegen Mittag in Cercal an. Der Ort ist nur langweilig. Ich überlege mit dem Bus zum Meer zu fahren, würde zwar hin, aber nicht mehr zurückkommen. Das ist so eine Situation, bei der das Vorbuchen der Unterkünfte von Nachteil ist, denn sonst würde ich einfach weiter wandern. Meine vorgebuchte Pension wird gerade umgebaut, dadurch gibt es kein WLAN, kein Fernsehen und die angepriesene gemütliche schattige Terrasse im Garten fällt auch weg. Bisher habe ich mit meinen Unterkünften immer riesiges Glück gehabt, da will ich nicht meckern. 

24.05.2017
Cercal do Alentejo – Vale Seco

24 km sind angesagt, das ist leicht zu schaffen, denke ich. Aber ich denke nicht daran, wie einem die Hitze auf Dauer zusetzen kann. 

Die ersten 15 km laufe ich  auch völlig unbeschwert und fröhlich vor mich hin. Einige Wanderer kommen mir entgegen (insgesamt 7, davon 5 jüngere Frauen), das  bedeutet jedesmal ein kurzes Schwätzchen.

Aber dann merke ich, wie die Beine immer schwerer werden und die Verschnaufpausen immer länger. Die Hügel und die Hitze machen sich bemerkbar (abends fällt mir auf, dass ich knapp 4L Wasser getrunken habe und nicht einmal pinkeln musste).

Das Ziel (2 alte Mühlen) schon vor Augen, muss ich mich noch einmal hinsetzen, um meinen Akku für den letzten Kilometer aufzuladen.

Auf diese Unterkunft hatte ich mich schon lange gefreut. Die Mühlen liegen völlig in der Einsamkeit, es werden nur wenige Zimmer vermietet, aber die Lage ist ein Traum, mitten in der paradiesischen Landschaft des Alentejos und Blick auf den Atlantik.

Zum Glück wird wenigstens ein Abendessen angeboten, zwei Gerichte zur Auswahl, Fisch (natürlich Bacalhau) oder Fleisch. Das Menü ist mit 20€ für portugiesische Verhältnisse nicht billig, aber jeden Cent wert.

Beim Essen lerne ich eine junge deutsche Familie kennen, die es in Deutschland nicht mehr ausgehalten hat und nach Portugal aufs Land gezogen ist. Die Eltern wollen dem Konsumterror entfliehen, geben sich als naturverbunden und umweltbewusst, erzählen aber gleichzeitig, dass sie einmal im Monat nach Deutschland fliegen.

Jetzt sitze ich draußen und genieße den Sonnenuntergang.

25.05.2017
Vale Seco – Santiago do Cacém

Wieder ein schöner, aber sehr anstrengender Weg. Beim Frühstück noch eine nette Unterhaltung mit zwei Mädels aus Kiel, die hier Urlaub gemacht haben und jetzt mit dem Bus nach Santiago do Cacém und dann über Lissabon nach Hause fahren.  Ich überlege ernsthaft, mich ihnen bis Santiago anzuschließen, doch dann überwiegt der Ehrgeiz „alles“ zu laufen. Bei den vielen mühsamen Aufstiegen frage ich mich später, warum das sein muss. 

Santiago de Cacém ist nicht mein Fall.  Der Ort wird beherrscht von einer riesigen Burganlage, die ursprünglich noch von den Mauren stammt. Offensichtlich bestand/besteht das ganze menschliche Dasein nur aus Krieg, Angriff und Verteidigung. Und es hat sich nichts geändert. 

26.05.2017
Santiago do Cacém – Lagoa de Santo André

Es ist bewölkt, hurra. Seit langem habe ich mich nicht mehr so gefreut, dass die Sonne mal nicht scheint. Die ersten Kilometer sind unangenehm. Es geht über eine vielbefahrene Landstraße, auf der kein Randstreifen für Fußgänger ist. Nach etwa 6 km entspannt sich die Situation, da kann ich auf kleinere Straßen und Feldwege ausweichen. 

Zudem geht es heute konstant bergab in Richtung Meer. Am Anfang überwiegen die Korkeichen, später durchwandere ich eine typische Dünenlandschaft.

Als ich meinen Zielort (Zielörtchen / ca. 20 Häuser) erreiche, kommt wie bestellt die Sonne heraus. Hinter meiner Unterkunft (Fragateira) liegt ein schier endloser Strand, an dem sich die paar Besucher verlieren. 

Es schließt sich ein Seengebiet an, ein Naturschutzgebiet, eine wirklich sehr eindrucksvolle und auch sehr einsame Ecke in Portugal. Schön, dass es so etwas noch gibt. 

27.05.2017
Lagoa de Santo André – Carvalhal

Das Wetter ist freundlich zu mir, d.h. die Sonne ist leicht verschleiert, sodass sie nicht zu sehr brennt. 

Der Weg ist anfangs sehr schön, aber auch sehr sandig und der Sand ist stellenweise so weich (als ob man durch Dünen läuft), das kostet auf Dauer viel Kraft. Danach geht es auf eine Landstraße, über mehr als 20 km nur geradeaus. 

Unangenehm ist, dass es zwischendurch keine Möglichkeit gibt, sich auszuruhen, keine Bar, kein Restaurant, kein Rastplatz, nichts. 

Nach 30 km erreiche ich mein Ziel Carvalhal. Der Ort scheint nicht besonders interessant zu sein, der Strand ist 3 km entfernt. Dorthin zu laufen habe ich keine Lust mehr. 

Das für morgen vorgebuchte Hotelzimmer habe ich storniert, da es weder im Hotel, noch im Umkreis von 8 km ein Restaurant oder eine Frittenbude oder einen Supermarkt gibt. Da bin ich als Fußgänger doch im Nachteil. Jetzt freue ich mich aufs Abendessen.

28.05.2017
Carvalhal – Troia – Setubal

Nachdem ich mir den Weg gen Norden auf  der Karte genauer angesehen habe, entscheide ich mich ausnahmsweise mit dem Bus zu fahren, denn es wären noch einmal 30 km schnurgerade Landstraße gewesen. So fahre ich bis Troia, mache dort eine wunderschöne Strand-Rundwanderung und setze später mit der Fähre über nach Setubal.

In Setubal waren wir schon einmal (kurz), aber ich habe so gut wie keine Erinnerung mehr.  Es ist eine richtig schöne Stadt, voller Leben, voller Kunst mit viel Flair. Eigentlich könnte ich noch ein bisschen hierbleiben.

29.05.2017
Setubal – Palmela

Das Frühstück in Setubal ist sensationell gut. Ich habe für wenig Geld in einem 4-Sterne Hotel übernachtet. Die Festpreise sagen nichts mehr aus, denn wenn die Auslastung nicht hoch genug ist, werden die freien Zimmer verschleudert, doch wenn die Nachfrage da ist, steigen die Preise ins Astronomische.

Die Strecke ist kurz, beinhaltet aber über 500 Höhenmeter. An einer riesigen Straßenkreuzung, gleichzeitig Zu- und Abfahrt zur Autobahn bekomme ich Probleme.  Es tauchen Schilder auf: „Verboten für Fußgänger“, aber keiner sagt einem, wo man als Fußgänger lang gehen kann. Aber auch diesen Abschnitt passiere ich unbeschadet, aber es kostet viel (Angst-)Schweiß. Fußgänger sind in unserer Welt Auslaufmodelle.

Gegen 12:30 Uhr erreiche ich eine Gaststätte, die bei Google als gemütliche Fernfahrer-Raststätte beschrieben wird.  „Gemütlich“ ist mehr als Hohn. Es gibt etwa 200 Plätze, davon sind (um diese Zeit) 195 belegt. 

Wer nicht protestiert, bekommt automatisch das Standard-Menü vorgesetzt, „Bacalhau cozido“ mit Kichererbsen. Das nehmen auch fast alle Gäste und lutschen genüsslich an den Gräten. Ich kann es nicht fassen, dass zu dem Menü automatisch auch 1/2 L Rotwein gehört und ich sehe keinen Fahrer, der das nicht trinkt. 

Ich komme mit einem rumänischen Fernfahrer ins Gespräch, er erzählt mir, dass es in Europa ca. 15-20 Kultkneipen für Trucker gibt und diese hier gehöre unbedingt dazu. 

Dann erzählt er mir, dass er von den 365 Tagen im Jahr mehr als 300 in seinem LKW verbringt. Das sei nicht immer lustig, aber irgendwie müsse er seine Familie durchbringen. Als ich gegen 13:30 Uhr gehe, steht eine Warteschlange von mindestens 50 Personen vor der Tür. 

Meine völlig abseits gelegene Unterkunft ist entgegen meiner Erwartung sehr schön, allerdings gibt es keinen Supermarkt und keine Gaststätte in der Nähe. Aber in einer winzig kleinen Bar macht man mir abends noch ein Sandwich, dass kostet dann zusammen mit einem Glas Wein 2 €.

Vor meiner Tür steht ein kleiner Jacaranda-Baum. Diese Bäume mit ihren wunderbar blauen Blüten haben mich in den letzten Tagen begleitet und fasziniert. 

30.05.2017
Palmela – Barreiro

Um 6:00 Uhr werde ich wach.  Da es sowieso kein Frühstück gibt, hindert mich nichts daran loszumarschieren.

Die Strecke ist nicht besonders aufregend und flach. Da die Temperaturen am frühen Morgen noch erträglich sind, komme ich gut voran. 

Es blüht überall. 

Barrairo ist eine heruntergekommene Industriestadt, die Hälfte der Läden steht leer und ganze Straßenzüge scheinen unbewohnt zu sein.

Aber die Stadt gibt einen ersten Blick über den Tejo auf Lissabon frei. Die Mündung hat hier eine Breite von >7km.  Als ich die „Ponte de 25 April“ und die Christusstatue von weitem erkenne, bekomme ich feuchte Augen. Da hängen doch jahrzehntelange Erinnerungen dran und außerdem habe ich mein diesjähriges Ziel (fast) erreicht. 

Barrairo hat wirklich nicht viel zu bieten.  Es ist eine Arme-Leute-Gegend, ich werde viel angebettelt (was ich auf meiner bisherigen Tour noch nicht erlebt habe), die Menschen hier scheinen wirklich ums Überleben zu kämpfen.  Armut in der Stadt hat doch eine andere Dimension als Armut auf dem Land.

Ich setze mich in die Fähre und fliehe für zwei Stunden nach Lissabon. Hier das totale Kontrastprogramm.  Der wunderschöne Praça de Comercio, Touristen aus aller Welt, Rummel, Musikgruppen, Gaukler. Ich liebe Lissabon, hasse den Rummel, ich träume von meinen einsamen Stränden des Alentejo.

31.05.2017
Barreiro – Lissabon

Ich genieße die halbstündige Überfahrt mit der Fähre, ich genieße es, in den noch frühen Morgenstunden durch Lissabon zu laufen. Es gibt so viele alte Erinnerungen an Lissabon. Ich finde Plätze wieder, an denen ich mit unserem portugiesischen Freund Adriano (der inzwischen leider verstorben ist) über die Liebe und das Leben und die Zukunft philosophiert habe und so manchen Aguardente zu viel getrunken habe. Ich höre besser auf, ich werde sentimental…

Lissabon ist schön, eine oder die schönste Stadt, die ich kenne. Und immer, wenn es mir irgendwo besonders gut gefällt, stelle ich mir die Frage, ob ich hier auf Dauer wohnen möchte. Nein, das möchte ich sicherlich nicht.  Zu laut, zu heiß, zu viele Touristen.

Am Nachmittag treffe ich mich mit Frau und Tochter des o.g. Adriano. Es ist ein  herzliches Wiedersehen, aber die Jahre sind nicht spurlos an uns vorbei gegangen. Die Tochter, die mit unserer Susanne noch zusammen im (Strand-)Sand gespielt hat ist nun eine selbständige reife Frau,  und wir?

Die Einladung zum gemeinsamen Abendessen schlage ich aus. Das war lieb gemeint, aber den Abschluss meiner Reise muss ich allein verbringen.

Ich fahre zu den Ribeira-Markthallen, wo sich ein gigantischer Gourmet-Fresstempel entwickelt hat. Interessant, überfüllt, schön, aber alleine macht es keinen Spaß, hier am Abend zu essen. 

Den verbringe ich in irgendeinem kleinen Restaurant, wo die Mama kocht und der Papa mir eine Lektion über die herrlichen Brände (nicht Waldbrände) der Region erteilt…

 

01.06.2017
Heimflug

Auf dem Heimflug habe ich Zeit, die letzten vier Wochen Revue passieren zu lassen:

Die Südküste der Algarve hat unzweifelhaft phantastische Strände, die es sich lohnt anzuschauen. Zu Fuß würde ich aber die „Ecovia“ nicht mehr laufen und auch nicht empfehlen, da der Weg zu viel durch bebautes Gebiet führt.

Ganz anders die „Rota Vicentina“ im Südwesten Portugals, wo sich ein Netz von Wanderwegen befindet. Hier gibt es die schönsten Küsten, einsame Strände und das beeindruckende Hinterland des Alentejo. Der „Historische Weg“ der Rota Vicentina, den ich überwiegend gelaufen bin, wurde 2016 zu Recht mit dem europaweiten Qualitätsprädikat „Leading Quality Trails – Best of Europe“ ausgezeichnet. Die Wege waren teilweise anstrengend. Aber auch wenn ich manchmal gemault habe, hinterher bin ich froh und glücklich es gemacht und geschafft zu haben.Die Rota Vicentina endet in Santiago do Cacém. Von dort aus nach Lissabon waren kaum Wanderwege zu erwarten, das war mir vorher bewusst. Aber ich wollte Lissabon zu Fuß erreichen.

Fazit: Das Wegenetz der „Rota Vicentina“ ist unbedingt empfehlenswert und ich würde es gerne ausführlicher erkunden, die anderen Wege muss man nicht unbedingt durchwandern.